Innovativ — wer, wie, wofür?

Neue Arbeits- und Lernkulturen für eine zukunftsfähige Politikgestaltung


Neue Arbeits- und Lernkulturen zwischen Staat und Bürgern sowie die Verbindung von sozialen und technologischen Innovationen sind notwendige Grundlagen für einen „Innovativen Staat“. Weil es für diesen Weg keine Vorlagen gibt, müssen wir unsere Kompetenzen erweitern. Dafür sind Lernprozesse notwendig, die sich an realen Situationen und Problemen orientieren und konkrete Ergebnisse entstehen lassen. In diesem Artikel benennen wir Möglichkeiten, wie das kreative Potenzial von Menschen, die zur Lösung von Problemen beitragen möchten, weiter entwickelt und genutzt werden kann.

Zeit der (Er)Neuerung

Bisher wurden Regierungen als Verwalter öffentlicher Anliegen gesehen und politische oder gesetzliche Rahmenwerke vornehmlich als Strategien zur Deckung dieser Bedarfe verstanden (Bason, 2014). Diese simple Aufgabenteilung, die Bürgern und Regierungsmitarbeitern eine klar definierte Rolle zukommen lässt, wird durch die zunehmende Komplexität der gesellschaftlichen Probleme herausgefordert. Globale Trends stellen nationale Entscheidungsarchitekturen und deren Umsetzungsstrukturen auf den Prüfstand, während gleichzeitig die Ansprüche an die Mitarbeiter in öffentlichen Institutionen hinsichtlich Transparenz, Partizipation und Kommunikation wachsen.

Die Notwendigkeit innovativer Antworten auf Fragestellungen, deren Umfang stellenweise nicht abzusehen ist, offenbart sich auf vielen Ebenen. In Deutschland konzentrieren sich Innovationsansätze hauptsächlich auf Technologien (BUND, 2014). Dabei ist nachgewiesen, dass technologische Innovationen nur dann zu einer positiven Transformation unserer Gesellschaft beitragen, wenn sie in Verbindung mit sozialen Innovationen ihre Wirkung entfalten können und eine kulturelle Einbettung erfahren (Buchanan, 2001). Um soziale Innovationen zu fördern, sind ein besseres Verständnis der bisherigen Wirkungslogiken und deren Gestaltungsmöglichkeiten notwendig.

Beteiligung und Zusammenarbeit

Die neue „Beteiligungsgesellschaft“ stellt andere Anforderungen an einen öffentlichen Sektor, der staatliche Angelegenheiten bisher hauptsächlich im top-down Modus in Beratung mit Experten geregelt hat. Wenn sich Bürger und Staat gemeinschaftlich verantwortlich für die Lösung von gesellschaftlichen Problemen zeigen, müssen relevante Formen der Zusammenarbeit ermöglicht werden. Das erfordert ein Umdenken innerhalb der Behörden genauso wie unter Bürgern. Zudem muss die Methoden-Palette erweitert werden, damit individuelle Erfahrungen und menschliche Interaktionen frühzeitig Berücksichtigung finden können.

Weltweit entstehen deswegen Innovationsräume, die innerhalb von oder nah an Regierungen mittels explorierender Verfahren offene Fragestellungen kooperativ behandeln und die das Verständnis von Innovationen im öffentlichen Sektor als soziale Prozesse verbindet.

Gestaltungsoptionen öffentlicher Organisationen — Wer mit wem für wen?

Die aktuellen Innovationsräume auf (inter)nationaler, regionaler und städtischer Ebene experimentieren gezielt mit kreativen und partizipativen Methoden. Auffällig ist dabei der kontinuierliche Fokus auf “human-centered design” — der Gestaltung für und mit Menschen. Auch dieser Ansatz fördert technologische Innovationen, entwickelt diese jedoch unter Mitarbeit von Repräsentanten der unterschiedlichen Bedürfnisse. Die daraus resultierenden Ergebnisse, erhöhen die digitale Literacy der Beteiligten, verringern Abhängigkeiten und fördern die Teilhabe.

In der Grafik sind verschiedene Gestaltungsoptionen von Organisationen im öffentlichen Sektor dargestellt. Der Fokus liegt auf der Entwicklung und Umsetzung von Produkten und Dienstleistungen wie digitale Services, Hilfe für Geflüchtete, Pflegedienste, aber auch Gesetze, Verfassungen oder das Agenda-Setting von Innovationsstrategien. Die bunt markierten Felder bezeichnen Herangehensweisen, die von „iTeams” systematisch im öffentlichen Sektor getestet und evaluiert werden. Beispiele von innovativen Ansätzen in der Politikgestaltung basierend auf Design Thinking, agiler Prozessgestaltung, Nutzerreisen, Feedforward Stories, ethnografischer Forschung, digitalen Mikro-Narrativen oder Art of Hosting haben wir 2015 erstmals in Deutschland (politicsfortomorrow.de) präsentiert.

Methoden für die Aneignung von Kompetenzen

Die aktuellen Anforderungen an den öffentlichen Sektor bedürfen neuer „Gestaltungskompetenzen“, ein Begriff der ursprünglich mit Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) in Verbindung gebracht wird. Diese neuen Kompetenzen bestehen nicht nur aus der Addition von Wissen, Fertigkeiten und Talente, sondern bedürfen auch einer motivierten, gewollten und sozialen Bereitschaft zu lernen und verschiedene Wissensformen wie implizites und explizites Wissen oder persönliches und organisationales Wissen zu kombinieren, um Probleme zu lösen (Weinert, 2001).

Innerhalb der letzten zwei Jahre haben sich mehrere Arbeitsgruppen gebildet, die sich der Erforschung und Entwicklung von Innovationskompetenzen im öffentlichen Sektor widmen. Bisher sind übergeordnete Bildungsbereiche wie Verständnis, Ideenfindung, Einbindung und Skalierung sowie Netzwerke und Talente definiert. Innerhalb dieser Felder lassen sich neben politischem Bewusstsein, Rechenschaft und Mediation interessanterweise auch Eigenschaften wie Neugier, Kreativität, Empathie, Reflexivität oder Enthusiasmus finden (NESTA, 2016).

Lernen als Schlüssel für ein neues Gestalten

Zunehmend stellt sich heraus, dass Innovationskompetenzen nicht angelesen oder beraten werden können, sondern als Prozesse veränderter Bewusstseinsbildung von Individuen nur über erfahrungs-basierte Lernprozesse (Kopfmüller, 2004) und das Zusammenspiel von Wissen, Fähigkeiten und Einstellung zu verwirklichen sind.

Dies ist in den bisherigen Aus- und Weiterbildungsstrukturen nur schwer zu erreichen. Oft sind die Lehrinhalte sowie die Kultur der Vermittlung mit dem tradierten Verständnis von Staat und Bürger sowie Lehrer und Schüler verbunden und von Expertise, Hierarchie und linearen Prozessen dominiert. Jedoch sind gerade angehende Führungskräfte in diesen Zeiten gefordert, sich einen Leadership anzueignen, der den besseren Umgang mit den stetigen Veränderungen ermöglicht.

Entwicklung von Lernräumen fördern und neue Lernkulturen einführen

Speziell im Bereich der Erwachsenenbildung sind Herangehensweisen, die „Learning to know, to do, to be and to live together“ (Macdonald, 2012) fokussieren von großer Bedeutung. Um die Arbeitskräfte des öffentlichen Sektors auf die aktuellen und kommenden Herausforderungen vorzubereiten, bedarf es einer Kompetenzaneignung, die von input-orientierten Bildungsansätzen zu output-orientierten Lernprozessen tendiert. Hierfür sind flexible Lernräume und Arbeits- und Lernkulturen notwendig, die persönliche Potenzialentfaltung, offene organisationale Entwicklungen, kollektive Wissensgenerierung wertschätzen und sich erkundenden, iterativen Möglichkeiten öffnen.

Durch Lernansätze, die Gestaltungskompetenzen und soziale Innovationen befördern, können bestehende Paradigmen hinterfragt und ein innovativer Modus für die Entwicklung zukunftsfähiger politischer Systeme getestet werden. Die bisherigen Interventionen, vor allem im internationalen Raum sind dokumentiert, evaluiert und messbar, jedoch ist davon nur wenig im deutschen Politiksystem oder Verwaltungsausbildung zu finden. Eine Einbettung von neuen Arbeits- und Lernkulturen im öffentlichen Sektor scheint sinnvoller denn je, um die Politik- und Verwaltungsarbeit im 21. Jahrhundert innovativ und demokratisch zu gestalten sowie auch das soziale Potenzial für ein nachhaltige Transformation unserer Gesellschaft effektiver nutzen.

Artikel von Sabine Junginger und Caroline Paulick-Thiel für das Jahrbuch „Innovativer Staat“ 2016, Berlin, Deutschland