Echo oder Ego?

Der Fitnesssport hat keine Zukunft mehr, der neue Trend heißt Resonanzsport. Also: Schluss mit Leistungsdenken und Konkurrenz. Stattdessen mehr Verbundenheit und Gemeinschaft. Die einen finden’s gut. Die anderen verstehen die Welt nicht mehr …

Jul 16 · 4 min read

Text: Alexander Kern

Sport soll wieder Spaß machen! Dieses Motto hat sich der Resonanzsport an die Fahnen geheftet. Der Begriff mag zwar sperrig klingen, seine Inhalte dagegen sind es ganz und gar nicht: Gemeint sind Sportarten, bei denen das Gruppengefühl und Verbundenheit wichtiger sind, als der Erste oder die Beste zu sein. Denn in unserer Gesellschaft gibt es den strukturellen Zwang, permanent das Tempo zu erhöhen, wie Hartmut Rosa feststellte. „Wenn keine Zeit bleibt, sich auf die Welt einzulassen“, so der deutsche Soziologe, „entsteht Entfremdung.“ Seine Forderung: mehr Resonanz. Das Sich-Einlassen weitet er auch auf den Sport aus: „Den eigenen Körper nicht mehr nur optimieren, sondern wieder fühlen.“

Die Trendforscherin Oona Horx-Strathern hat Rosas Theorie aufgegriffen. Resonanzsportarten sind für sie Surfen oder Stand-up-Paddling, die nicht nur fit halten, sondern auch ein Einswerden mit der Natur, anderen Menschen und uns selbst bewirken. „Das zieht Menschen an, die auf der Suche nach einer realen Verbundenheit sind, die sie aus dem digitalen Autismus befreit.“ Das ist Ausweg und auch Kampfansage — einerseits an die Omnipräsenz von Social Media, andererseits an den klasssischen Fitnesssport. Die Unterschiede zwischen Resonanzsport und Hantelschupfen fasst Horx-Strathern wie folgt zusammen: „Verbundenheit versus Effektivität, Gemeinschaft versus Individuum, Wir-Kultur versus Ich-Kultur.“ Das eine sei extrovertiert und humorvoll, das andere introvertiert, ernst und ziele einzig auf Selbstoptimierung ab. Stand-up-Paddling hingegen verbindet für sie Balance, Natur, Achtsamkeit und körperliche Herausforderung. Und Surfen könne sogar eine therapeutische Wirkung erzielen: Die Wohltätigkeitsorganisation „The Wave“ etwa, so argumentiert die Trend-Expertin, nutze diesen Effekt um Kids mehr Selbstvertrauen einzuimpfen. Warum? „Es geht um Wertschätzung, Solidarität und die Bereitschaft, Herausforderungen anzunehmen. Wer mit dem Meer in Kontakt ist, fühlt sich als Teil dieser Welt.“ Und auf diese Welle springt man gerne auf…

Foto: Klaus Vyhnalek

Oona Horx-Strathern
Trendforscherin, Consultant und Autorin, stammt aus London. Als Trendberaterin war sie u. a. für die Deutsche Bank und Philip Morris tätig.


Er ist 22 und einer der erfolgreichsten Fitness-Influencer im deutschsprachigen Raum: 600.000 Menschen erreicht Simon Mathis über YouTube, Instagram & Co. Er flext seinen Bizeps auf Bali, präsentiert sein Sixpack in Marokko, schickt Grüße aus Bangkok. Gibt in seinen Vlogs Tipps zum Abnehmen und fürs Hometraining und verkauft eigene Kochbücher. Der Vorarlberger hat aus sich eine gefragte Marke gemacht, mit der er gutes Geld verdient. In der Kritik am Fitnesssport ortet er einen Irrtum, basierend auf einer missglückten Interpretation: „Das Bodybuilding von früher sorgt bis heute für einen schlechten Ruf. Mit dem Training heute hat das nichts mehr zu tun.“ Als Trainer wie Trainierender setzt er auf positives Gruppengefühl. „Es gibt sicher auch einsame Surfer“, erklärt er lachend. „Ich trainiere mit Freunden, wir motivieren uns, wenn der andere vorankommt. Konkurrenzdenken: null.“ Und die Verbundenheit mit der Natur? „Fitness ist nicht nur Studio“, so Simon. Ob Joggen in der Natur oder Muskelübungen im Park: „Ich empfehle sogar ausdrücklich den monotonen Kreislauf Büro-Fitnesscenter-Zuhause öfter zu durchbrechen.“

Simon kommt eigentlich vom Mannschaftssport. Beim VfB Hohenems kickte er als Rechtsverteidiger. Weil er sich oft verletzte, wechselte er zur Fitness. Den Hang dieses Sports zur Selbstoptimierung stellt der Influencer gar nicht erst in Abrede. Im Gegenteil: Laute das Ziel Muskelaufbau, sei Fitnesstraining nun mal am effektivsten. Was uns zu den perfekten Bodyfotos der #fitspo-Welle auf Instagram führt. Die Vorher-Nachher-Vergleiche setzen viele unter Druck. Mathis rät zum vorsichtigen Umgang mit Social Media: „Im Sport kann es Ansporn sein oder frustrieren. Ein Grund mehr, warum ich Social Media als eigenes Fach an Schulen fordere.“ Sein Sport bedeutet für ihn Potenzialfaltung. „Das Schöne daran ist: Was du tust, bekommst du zurück. Du wirst selbstbewusster — und das ist im Job und auch privat hilfreich.“

Foto: Malcolm Kessler

Simon Mathis

Vom Schulabbrecher zum gefragten Unternehmer: „Der Fitnesssport hat mich gelehrt, Ziele umzusetzen. Und durch die digitale Einbindung habe ich gelernt: Arbeit kann auch Spaß machen!“

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