Herr der Lüfte

Marco Waltenspiel mag die Berge. Vor allem deshalb, weil er von ihnen mit seinem Wingsuit ins Tal springen kann. Er ist also ein klarer Fall — für ein Interview.

110% Magazin
Sep 2, 2018 · 6 min read

Text: Johannes Stühlinger

Foto: Mark Glassner/ Styling: Sammy Zayed, Tatendrang

Sich frei wie ein Vogel fühlen und damit Geld verdienen: So kann man Marco Waltenspiels Beruf getrost beschreiben. Schließlich springt der 34-jährige Salzburger mit seinem Wingsuit von Bergen, Felsen und aus Flugzeugen. Wir haben ihn kurz am Boden gehalten — und ausgefragt.

Es heißt, der Skydiver Marco Waltenspiel hat ausgerechnet vor dem Autofahren Angst. Ernsthaft?
MARCO WALTENSPIEL:
Ich hab’ nicht wirklich Angst vor dem Autofahren, eher vor den anderen Autofahrern. Was aber schon stimmt: Wenn ich an einen Ort komme, an einen Spot, von dem ich gerne runterspringen möchte, dann kann mich das durchaus aufhalten. Dann muss ich nämlich stehenbleiben und mich kurz an die Kante stellen. Selbst wenn ich gar keinen Schirm dabei hab’.

Das Rauflaufen auf den Berg dauert weit länger als der Sprung danach. Ist es bloß Mittel zum Zweck?
Auf den Berg hinaufzugehen ist genauso wichtig und relevant, weil es das Runterspringen erst möglich macht. Und somit bedeutet das nicht Mühe, sondern pure Natur und viele schöne Platzerln.

Natur ist also generell ein wesentlicher Aspekt in deinem Leben?
Weil mein Vater auch schon Fallschirm gesprungen ist, waren wir immer schon viel draußen. Meine Kindheit spielte sich zwischen Bergen und Flugplatz ab. Ich bin also einfach familiär vorbelastet und kann nur sagen: Ich freu’ mich schon, wenn ich nach unserem Gespräch wieder raus aus der Stadt und zu Hause im Grünen bin …

… um mit dem Wingsuit Richtung Tal zu gleiten. Wie aber bitte lernt man das Fliegen mit einem Wingsuit eigentlich?
Bei mir war das ein langer Prozess, dem viele, viele tausende Fallschirmsprünge vorausgegangen sind. Schließlich braucht es zum „Wingsuit basen“, wie wir sagen, schon einiges. Ein sehr gutes Gefühl in der Luft etwa ist essenziell. Und da tastet man sich eben Schritt für Schritt heran. Los geht’s mit einer Tracking-Suit, einem Anzug, der sich aufbläst und so das Gleiten verbessert. Dann kommt der kleine Wingsuit, und diese wird dann immer größer und größer. Je mehr Fläche sie bietet, umso anfälliger ist sie auf deine Körperhaltung oder den Wind. Wenn man diesen Prozess einmal mit Sprüngen aus dem Flieger hinter sich hat, geht’s für Sprünge vom Berg wieder von vorn los. Zuerst von der Brücke, dann von einem Felsen — also wieder von klein auf groß, auch was die Suit betrifft.

Foto: Mark Glassner/ Styling: Sammy Zayed, Tatendrang

Wie steuerst du deinen Wingsuit eigentlich?
Es sind viele kleine Bewegungen, die man macht. Sehr feine Bewegungen mit den Händen oder den Füßen, die einem am Ende die nötige Balance verleihen. Auf jeden Fall aber schaut das viel einfacher aus, als es in Wahrheit ist!

Du aber kannst wie ein Vogel fliegen. War das dein Motiv, als du dich fürs Wingsuiten entschieden hast?
Ja, lässig, gell (lacht). Nein, bei mir war das anders: Ich hab’ Aufnahmen von Jean-Luc Albert gesehen. Der Franzose ist als erster mit dem Wingsuit an einem Berg entlang geflogen. Das hat mich sehr beeindruckt, und es ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Doch bis zu meinem ersten Flug waren noch 2.000 Fallschirmsprünge dazwischen. Zeit, in der ich mir sehr genau überlegt hab’, was das wirklich mit mir macht. Irgendwann war es dann aber eine logische Schlussfolgerung in meinem Tun. Und: die Idee der Unabhängigkeit, die mir bis heute gefällt.

Empfindest du diese beim Fallschirmspringen etwa nicht?
Beim Fallschirmspringen brauchst du einfach gewisse Dinge, um es tun zu können. Einen Flieger zum Beispiel. Einen Piloten, einen Flugplatz — viel Geld. Das benötigst du beim Basespringen alles nicht. Da hab’ ich alles, was ich brauche, bei mir, hab’ meine Ruhe, kann alles selbst denken und bin somit einfach — freier.

Heißt das, du bist da dann wirklich alleine unterwegs?
Immer wieder, ja. Als ich noch im Thalgau gelebt hab’, bin ich oft allein auf die Drachenwand gegangen, um zu springen. Das kann dort bei Sonnenuntergang übrigens seeehr kitschig sein! Aber ich bin auf jeden Fall nie mit vielen Leuten unterwegs. Dann hab’ ich ja wieder keine Ruhe (lacht). Die will ich aber, und deshalb hab’ ich ja auch meinen Bus.

Sorry, welcher Bus?
Das ist ein umgebauter Transporter, ein Opel Vivaro, den ein Freund von mir ausgebaut hat. Ihm gehört die Firma Qubiq, die sich auf Moduleinbauten in Autos spezialisiert hat. Dusche, Bett, alles dabei. Damit bin ich einfach gern unterwegs. Mit einem Freund eine Woche einfach springen gehen? Mit dem Bus perfekt. Aber ich hab’ sogar schon ganze zwei Jahre nur in meinem Bus gewohnt. Das hatte sich einfach so ergeben und war anders, aber richtig fein.

Foto: Mark Glassner/ Styling: Sammy Zayed, Tatendrang

Dein Beruf ist offensichtlich kein klassischer Job. Würdest du ihn als Lebenskonzept beschreiben?
Ja, natürlich! Es hängt alles miteinander zusammen. Das Herumfahren mit dem Bus, das ganze Rundherum bis zum Sprung selbst. Dass man Sprünge und Spots sucht. Sie danach checkt, ob es hier überhaupt klappt, ob der Flug auch wirklich schön werden kann. Einfach der Prozess, bis man dann eben an der Kante steht. Der Sprung an sich ist aus meiner Sicht die Kirsche auf der Torte. Aber die Torte allein ist schon verdammt gut.

Und wie kann man sich den Geschmack dieser ganz besonderen Süßspeise vorstellen?
Wenn du oben am Berg ankommst, ist das ein eigener Gefühlscocktail. Du nimmst alles bewusst und intensiv wahr. Das muss man auch, die Bedingungen sind ja wichtig, und man muss im Kopf genau da sein, wo man gerade ist. Während des Fluges bin ich dann einfach total fokussiert. Da geht es nur um die eine Sache: ums Fliegen. Und, dass man alle Fakten, die diesen Flug betreffen, im Kopf hat. Das ist dann echter Fokus. Da denkt man sonst nichts, ist nur im Moment.

Suchst du in diesen Momenten dann aber auch das Spektakuläre? Durch enge Klüften fliegen wie manche Kollegen zum Beispiel?
Mir geht es darum, dass ich einen schönen Flug gehabt hab’. Dass ich Spaß daran hatte. Ich vergleiche das immer gern mit dem Freeriden: Als Snowboarder sucht man dabei immer die sogenannte First Line. Man will der Erste sein, der diesen einen Hang befährt. Beim Springen ist das nichts anderes — aber ich hab’ einfach immer die First Line! Das ist das Geile. Ob ich mit dem Snowboard an einem Baum vorbeirausche oder zehn Meter neben einem Felsen mit dem Wingsuit, spielt da keine Rolle, das Gefühl ist sehr ähnlich. Wichtig ist: Es muss alles smooth ablaufen.

Foto: Mark Glassner/ Styling: Sammy Zayed, Tatendrang

MARCO WALTENSPIEL

Biografie
Marco Waltenspiel wurde am 16. Juli 1984 in Oberndorf in Salzburg geboren. Mit 15 sprang er das erste Mal mit dem Fallschirm ab. Seit 2008 gern auch mit dem Wingsuit.

Beruf
Der Salzburger ist einer der wenigen, die ihren Beruf einfach in der Luft ausüben. Mit seinen drei Kollegen des Red Bull Skydive Teams beschäftigt er sich ausschließlich mit dem Springen aus Flugzeugen oder von Bergen — mit dem Fallschirm oder dem Wingsuit.

Leidenschaft
Tattoos! Längst ist sein halber Körper ein Gesamtkunstwerk.

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