21g Stories: politaire — Das eigene Haus in der Wildnis

Ein autarkes Haus inmitten der südfinnischen Wildnis. Kein Strom und kein Handy. Einfach ein Ort des Rückzugs, der Ruhe und Entspannung, ohne großen Eingriff in die Natur auszuüben. Das waren die Bedingungen für das selbstentworfene Sommerhaus der beiden Berliner Studenten Timm Bergmann und Jonas Becker. Nach nunmehr zwei Sommern blicken die 27-jährigen zurück auf geschafftes und freuen sich auf die letzten bevorstehenden Herausforderungen im dritten Baujahr.

Das schnelle Kulturgut

Kennengelernt haben sie sich im zweiten Semester ihres Studiums an der Uni Kassel. Timm studierte Architektur und Jonas Stadtplanung im Bachelor. Mittlerweile sind sie Masterstudenten, wieder zurück in Berlin und haben aus politaire — so der Name ihres Gemeinschaftsprojektes — so einiges an Erfahrung gewonnen. Der außergewöhnliche Name leitet sich ab vom französischen Solitaire, was in der Architektur ein autarkes, freistehendes Gebäude beschreibt. politaire (griechisch: „polis“ = Stadt / urban, englisch „multiplicity“ = „poly“) funktioniert als Kollektiv von Architekten, Planern, Künstlern und Freunden aus anderen Disziplinen. „Die Idee sollte durchaus partiell auf einen städtischen Kontext übertragbar sein“, erzählt uns Timm, als wir ihn treffen. „Der große Reiz lag vor allem auch darin, die theoretischen Kenntnisse des Studiums in tatsächliche praktische Ergebnisse umzusetzen. “Normalerweise brauchen durchschnittliche Bauprojekte 5–10 Jahre“, ergänzt er weiter, „unser Wunsch war es aber, etwas schnell realisierbares zu schaffen, etwas, das theoretisch jeder nachbauen kann.“

Timm & Jonas mit Freunden und einem Mitarbeiter des finnischen Fernsehens.

Das Sommerhaus ist seit den 70er Jahren ein weit verbreitetes finnisches Kulturgut. Nicht gleichzusetzen mit dem typischen Ferienhaus, in dem es womöglich an nichts mangelt, ist ein klassisches Sommerhaus auf das Nötigste beschränkt. Meist vorzufinden in den Tiefen der wunderschönen finnischen Natur, die nach dem Prinzip des „Jedermannsrechts“ allen gehört und genutzt werden kann. Das schafft Verantwortungsbewusstsein und eine starke Bindung zwischen Mensch und Natur. Die Nutzung des Hauses beschränkt sich allerdings tatsächlich auch primär auf die Sommermonate zwischen April und Oktober, was die Planungs- und Baukosten im Rahmen hält. Das Budget ihres komplett selbst finanzierten Hauses betrug demnach gerade mal 10.000€ für Material und Baukosten. Dazu kamen natürlich noch Verpflegungs- und Reisekosten, auch für die ganzen Freunde, die sich aufopferungsvoll der Vision der beiden hingaben. Mit ca. 1,20€ Verpflegungsbudget pro Person, pro Tag war das nicht gerade ein Urlaub. Doch darum geht es ja auch irgendwie. Nicht einfach in den nächsten Supermarkt zu gehen und sich mit allem einzudecken, was man denkt, zu brauchen, sondern mit Bedacht sich selbst zu verpflegen und trotzdem mit Respekt und Umsicht in einer fragilen Umgebung zu existieren. Dazu gehört dann halt auch, Pilze und Beeren zu sammeln oder zu angeln. Dinge, die die beiden Großstädter zwar ohnehin schon gerne in ihrer Freizeit getan haben, welche allerdings im Sommerhaus inmitten der finnischen Wälder, noch mal einen ganz anderen Stellenwert bekommen. Der verantwortungsvolle Umgang mit der Natur bedeutete allerdings auch weitestgehend den Verzicht auf elektrischen Strom. Und das nicht nur während der Bauphase, in der der nötige Strom von einem Generator erzeugt wurde, sondern auch schon bei der Planung. Das Haus ist so ausgerichtet, dass möglichst viel und lange Tageslicht einfallen kann.

Pilze & Beeren werden in der Sauna gereinigt und getrocknet
A: Hauptgebäude, B: Komposttoilette, C: Holzlager

Von Generation zu Generation

Die Wahl des Standortes fiel den Beiden nicht sonderlich schwer. Die südfinnische Natur der Gemeinde Lavia war bereits das Zuhause für Timms Großeltern und seine Mutter wuchs in deren Landhaus, gerade mal drei Kilometer entfernt, auf. Das Grundstück, auf dem Timm und Jonas ihr Haus planten, war bereits seit zwei Generationen in Familienbesitz. Die Scheune des großelterlichen Hauses war für die Beiden eine wahre Schatztruhe. „Meine Großeltern haben niemals irgendetwas weggeschmissen“, erzählt Timm. So konnten sie fast 20 Kubikmeter Sperrmüll recyclen. Darunter kistenweise alte Nägel und Holzplatten. Daraus haben sie dann erstmal einen 180m langen Steg gebaut, der auf kleinen Birkenstämmen steht. Dieser war nötig, da ihr Haus 50m entfernt vom Kypäräjärvi See, am Rande eines Sumpfgebietes stehen sollte. Das Gelände ist nicht mit dem Auto befahrbar, das heißt, sämtliche Ressourcen mussten zu Fuß über den Steg transportiert werden. „Es gibt eine Landstraße die auf einen Waldweg führt und mit einem kleinen Wendekreis endet, von dort geht es dann zu Fuß auf dem Steg zum Haus. Ein richtiger Entschleunigungsprozess bis man schließlich am Haus angekommen ist“, beschreibt er. Während der Bauzeit diente das Sommerhaus von Timms Eltern als Unterkunft und die Scheune der Großeltern als Werkstatt. Räumliche Distanz zur Baustelle sei wichtig gewesen, auch wenn es nur für ein paar Stunden gewesen sei, erklärte uns Timm weiter: „Wir haben wirklich von morgens früh bis abends spät am Haus gearbeitet.“

Die Rahmen müssen zu Fuß über den Steg transportiert werden.

„Wenn Akademiker praktisch arbeiten…“

Nach Abstimmungen mit der örtlichen Baubehörde fand die erste Bauphase von Mai bis Oktober 2014 statt und gleich zu Anfang sahen die Bauherren sich mit einem fundamentalen Problem konfrontiert: Wie zieht man eigentlich in der Natur einen rechten Winkel? Die Lösung: Der Satz des Pythagoras! Das Erste, was sie nach dem Steg in Angriff nahmen, war — wie sollte es auch anders sein — die Toilette. Das stille Örtchen wurde so konzipiert, dass es seinem Namen tatsächlich alle Ehre macht. Ein drei Meter hoher Zweisitzer mit extra großem Fenster zum Rausschauen. Festes wird im Fall nach unten durch ein Sieb von flüssigem getrennt. Die Regenrinne des Hauses mündet in ein Sammelbecken zum Händewaschen und verdünnt riechende Körperflüssigkeiten zu weniger riechenden Flüssigkeiten in einem speziell dafür vorgesehenen Kanister.

Von außen ist das Waschbecken der Toilette gut zu sehen.

Das Fundament des Haupthauses basiert auf der Holzrahmenbauweise. Zur zusätzlichen Stabilisierung wurden 33 verzinkte und mit Beton gefüllte Eisenrohre bei einem Bauunternehmer vor Ort bestellt und im Boden versenkt. Die Blechverkleidung des Hauses wurde ebenfalls in Zusammenarbeit mit dem Bauunternehmer angefertigt. Im ersten Jahr gab es ein konkretes Ziel: Das Haus musste bis zur Abreise wetterbeständig sein. Und das war ein harter Knochen. „Wir schliefen so gut wie gar nicht mehr und Zeit zum Essen gab es auch kaum noch.“ Eine Woche vor der Abreise kam dann endlich das Blechdach und die Fassade war zu knapp 70% fertiggestellt.

Die zweite Bauphase folgte dann Ende Juni bis Ende September 2015. Jetzt war der Innenausbau dran sowie die Türen. Letztere seien allerdings ein Thema für sich gewesen. Die Ambition, alles selber zu machen, findet anscheinend auch mal ihre Grenzen. „Nie wieder! Die Türen allein haben uns eine Woche Arbeit gekostet. Die exakte Anpassung und das hohe Gewicht der einzelnen Türelemente haben uns den letzten Nerv geraubt.“

Endlich! Die fertig eingebauten Türen.

Dieses Jahr stehen dann die Regale, Terrasse, Öfen und Schornsteine sowie der Bau der Sauna an. Fertig werden muss das Haus dieses Jahr ohnehin, denn nach drei Jahren folgt für Bauprojekte dieser Art die finale Bauabnahme. Ein Highlight wird noch das geplante Gewächshaus darstellen, welches die Jungs mit Fenstern bauen möchten, die sie auch vom Hof des Landhauses recyclen werden. Auch ein kleiner Werkraum für allerlei handwerklicher Arbeiten ist bereits in Planung.

Die Zukunft

Unterm Strich war es laut Timms Aussage unheimlich lehr- und aufschlussreich, die Theorie unmittelbar in Praxis umzusetzen. Wirklich von Anfang bis Ende nachvollziehen zu können, wo Ressourcen herkommen und wo das Geld wiederum hinfließt, sei ein wichtiger Aspekt gewesen. Für alle angehenden Selbermacher hat Timm allerdings auch noch einen Rat: „Die Kommunikation untereinander ist unheimlich wichtig und das bereits bei der Planung. Wenn man so etwas zusammen macht, muss man sich immer wieder gegenseitig motivieren und trotz der ganzen Freiheit disziplinieren. Speziell wenn man mit Freunden zusammen arbeitet, darf man nicht vergessen, dass man ein gemeinsames Ziel hat.“

In Zukunft können Timm und Jonas sich vorstellen, ihr Projekt auch anderweitig zu adaptieren, z.B. für Provisorien in Flüchtlingsunterkünften oder als Rahmenbauplan für individuelle Bauprojekte. Mehr zum Projekt findet ihr unter www.politaire.de und bei Facebook: https://www.facebook.com/politaire.de

Text: Alessandro Rovere

Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von Timm Bergmann und Jonas Becker.

www.21-gramm.de