Der Mann mit dem Messer

St. Croix, U.S. Virgin Islands

Seltsamerweise kommt der Gedanke wieder, als das Flugzeug langsam tiefer geht und aus dem Fenster heraus die Inseln sichtbar werden, die wie hell leuchtende Orientierungspunkte im Meer erscheinen, das seinerseits die ganze Palette zwischen türkis und ultramarin zur Schau stellt. Bei diesem Postkartenblick also schleicht sich wieder die Überlegung in den Kopf: Meer, Sonne, Palmen, Sandstrand — das hatten wir doch auch in Florida schon gehabt, wo wir vor knapp drei Stunden losgeflogen waren. Was also würde uns diese karibische Insel bieten können, was wir nicht auch rund um Miami hätten finden können?


„STX“, hatte ich der Dame vom Reisebüro am Telefon gesagt. Ich hatte jegliches Missverständnis ausschließen wollen und mir den Flughafencode vorher herausgesucht. STX, das steht in der Luftfahrtsprache für St. Croix, eine der drei Hauptinseln, die zusammen die American Virgin Islands ergeben. Ich fand, dass das Kürzel auch besser klang als der Name des Ortes, wo sich der Flughafen befindet. „Frederiksted“, das klingt doch allgemein eher nach Legoland und roten Holzhäusern in Dänemark als nach Palmen und tropischem Ambiente in der Karibik.

Wer sich vorab informieren will, findet in den Reiseführern eben hauptsächlich jenes Meer, die Sonne, die Palmen und die Strände. Destillerien kann man besichtigen oder alte Zuckerrohrplantagen, es gibt einen botanischen Garten und eine Handvoll historischer Gebäude. Aber muss man das mitnehmen, bei einem kurzen Abstecher in die Karibik? Eher nicht, beschließe ich, weil eben nichts davon nicht auch in Florida zu sehen wäre. Und das Tauchen, das hier toll sein soll, hätte von uns als blutigen Anfängern die Teilnahme an einer vorbereitenden Kurzschulung erfordert und obwohl wir uns diese Option offenhielten, war uns selbst eigentlich schon ziemlich klar, dass wir das wohl nur pro forma taten. Man reist also mit der Aussicht auf Nichtstun statt Abwechslung und natürlich mit jener aufmerksamen, witternden Vorsicht, die man als europäischer Reisender immer dabei hat, wenn man in einen Winkel der Welt fliegt, wo die Menschen nicht viel anderes haben als das, was der Tourismus abwirft. Stand nicht in einer der Quellen, dass die Mordrate auf den Virgin Islands zu den höchsten der Welt gehört, dass Drogen und Gangs ein großes Problem sind, dass es Raubüberfälle gibt und die Polizei nicht viel tut?

Vielleicht lehnen wir deshalb eine Spur zu schnell das Angebot der drei Jungs ab, die sich am Gepäckband anbieten, unsere Taschen mit einem brüchigen Handwagen zum Taxistand zu befördern. Und vielleicht werfen wir uns deshalb diesen „das war ja zu erwarten“ — Blick zu, als der Taxifahrer losfährt und nicht bemerkt, dass die Hecktür vom Kleinbus noch offen steht. Ein wenig reumütig denke ich an unseren komfortablen Mietwagen, der auf einem Flughafenparkplatz in Miami auf uns wartet und bei dem ich selbst kontrollieren kann, ob das Auto und ich in verkehrstauglichem Zustand sind. Unser Fahrer steigt aus, schließt grummelnd die Hecktür, fährt wieder an — und gegen die Schranke an der Ausfahrt, zum Glück ohne bleibende Schäden. Er war wohl nicht der erste. Noch so ein Blick wandert zwischen uns hin und her.

Der Balkon unseres Hotelzimmers hat Meerblick, was bedeutet, dass man unweigerlich nach draußen gehen will, sobald man am frühen Morgen die Augen öffnet. Es ist sieben Uhr, vielleicht auch halb acht, die Temperatur muss irgendwo rund um die 25 Grad liegen und die Sonne schafft ein leichtes, leises Licht. Postkartenmotive hat man hier überall, aber was man nicht mit den Augen greifen kann, sondern nur mit der Seele, das ist diese Ruhe, die man förmlich in sich aufsteigen fühlen kann, wenn man sich darauf einlässt. St. Croix kann einen schnell für sich einnehmen, ohne jegliche Anstrengung. Das macht die Insel einfach mit dem, was sie immer gemacht hat, ohne irgendetwas darstellen zu wollen. Und mit seinen Einwohnern, einer bunten Mischung aus weißen nordamerikanischen Aussteigertypen und Menschen mit afro-karibischer Abstammung.


„Alles gut bei meinen deutschen Freunden?“ fragt eine Stimme von unten. Lewis ist dabei, ein paar abgebrochene Palmenfragmente vom ansonsten tadellos weißen Strand zusammenzutragen. Lewis ist hier so etwas, was man in altehrwürdigen Hotels im Alpenraum als „Faktotum“ bezeichnen würde, allerdings in einer irgendwie abgerissen anmutenden Erscheinungsform. Die langen Haare sind zum Pferdeschwanz gebunden, was noch halbwegs manierlich aussieht, aber die schlechten Zähne, die etwas zu laute Stimme und das ehemals weiße T-Shirt mit dem kleinen Riss weisen ihn als Inselbewohner aus, der alle ersten visuellen Eindrücke in Sekundenschnelle mit einem riesigen, warmherzigen Lächeln egalisieren kann. Menschen wie er gestatten es, ja fordern es sogar, dass man die Metamorphose vom Reiseführerleser zum Erlebenden durchläuft.

Eine erste Begegnung dieser Art hatten wir am Ankunftstag erlebt. Als das zufällig vorbeikommende Zimmermädchen hörte, dass wir gerne einen Laden aufsuchen würden, um ein paar Snacks zu besorgen, hatte sie uns in ihrem privaten Auto mitgenommen und hatte uns nach einer Slalomfahrt zwischen Schlaglöchern und über kaum befestigte Wege zum Tankstellenshop gebracht und uns mit ein paar vagen Handbewegungen den Weg durch die Wohnsiedlung zurück zum Hotel in die Luft gemalt. Auf diesem Weg befinden wir uns, als wir an einer Straßenecke vier junge Männer sehen, offenbar ohne Beschäftigung. Für einen Moment überlege ich, die Straßenseite zu wechseln, doch dann entscheide ich mich dagegen. Man soll souverän wirken in solchen Situationen, hatte ich mal gelesen. Nicht flüchten.

Dieser Weisheit folgend sehe ich die Männer direkt an und bemerke dabei, dass ich einen von denen eben schon gesehen hatte, im Laden. Genau der macht einen Schritt auf mich zu und deutet auf meinen Arm, an dem die Sonne bereits ihre rötlichen Spuren hinterlassen hat.

„Sunburn“, sagt er, Sonnenbrand.

Ich nicke. Er lächelt. Die anderen drei starren jetzt auch auf meinen Arm.

Plötzlich zückt der erste ein Messer aus seinem Hosenbund. Ich kann gar nicht so schnell irgendetwas denken, wie er an mir vorbei auf die andere Straßenseite geht, dort von einer wild wachsenden Aloepflanze einen Teil abschneidet, diesen sorgsam in eine gefundene Chipstüte einwickelt und ihn mir mit dem Hinweis darauf überreicht, wie ich die Säfte der Pflanze gegen die Rötung auf meiner Haut nutzen kann. Die drei anderen nicken. Und ich bedanke mich besonders überschwänglich, weil sich in meinen Dank auch eine ganze Menge Erleichterung mischt.

Die US Virgin Islands liegen zwischen Puerto Rico und Anguilla in den Kleinen Antillen und sind ein Teil jener Kette, die man romantisch-fernwehlockend als „Inseln über dem Winde“ bezeichnet. Gut 100.000 Menschen leben hier insgesamt, etwa die Hälfte davon auf St. Croix. Fast drei Viertel der Einwohner sind afrikanisch-karibischer Abstammung, deren Vorfahren oft als Sklaven von den dänischen Herrschern hergebracht worden waren. Die Dänen organisierten die Inseln durch ihre Westindien-Kompanie bis zum Jahr 1917, dann sahen sie kein wirtschaftliches Potenzial mehr in ihrem Besitz und verkauften ihn für 25 Millionen Dollar an die Amerikaner, die wiederum froh waren, die Inseln unter ihre Kontrolle zu bringen, bevor die Deutschen dort U-Boote stationieren konnten.

Jungferninseln, das kennt man ja eigentlich. Und sei es nur als eine dieser Mini-Nationen, die bei den Eröffnungsfeiern von Olympischen Spielen mit einer Flagge und zwei, drei Sportlern einziehen. Das aber sind die British Virgin Islands, ein Konglomerat aus Inseln und Inselchen, das von London aus verwaltet wird und als Segelparadies bekannt ist. Von den nebenan liegenden amerikanischen Jungferninseln dagegen hört man in Europa eher selten etwas, was auch daran liegt, dass sich die örtlichen Tourismusbehörden auf Urlauber aus den USA konzentrieren, die unkompliziert und ohne Reisepass einreisen können. Das tun sie auch gerne und oft, aber eben eher seltener auf St. Croix und viel häufiger als Kreuzfahrttouristen auf St. Thomas, der Insel, wo sich auch die Hauptstadt des Inselreichs, Charlotte Amalie, befindet. Aber das hatten wir eben nicht gesucht; keine T-Shirts mit „Virgin Islands“- Aufdruck, drei Stück zwanzig Dollar. Sondern Charakter.

Oder Charaktere. So wie das junge Mädchen mit unbestimmbarer Jobbeschreibung, das vor unserem Hotel mittels eines abgebrochenen Palmwedels versucht, die Hühner des Nachbarn aus den Beeten des Hotels zu vertreiben, was das Federvieh veranlasst, sich fröhlich gackernd ein paar Meter weiter hinten wieder niederzulassen und sich bis zum nächsten Erscheinen des Palmwedels langsam wieder dem Beet anzunähern. Spricht man das Mädchen auf die taktische Gewandtheit der Hühner an, dann lacht sie kurz auf und in ihrem Lachen liegt dann dieses entspannte Achselzucken, was man hier auf St. Croix suchen kann und finden wird: So sind sie eben, die Hühner. Alles easy. Island Life. Die Entspannung, das Fehlen von Terminen und Programmpunkten, dieses tiefere Atmen, das sich automatisch einzustellen scheint, das ist — wie wir allerdings erst später einsehen werden — ein Teil der Begründung, warum sich der Flug von Miami nach STX eben doch lohnt.

Der Rest der Begründung aber liegt in den Momenten, die man hier erlebt und dazu kann man getrost auch die Begegnungen mit den eigenen Gedankenwelten zählen. Nur einen Tag nachdem ich die Vorzüge der Aloe kennenlernen durfte, bin ich mit der Familie unterwegs in Christiansted. Wer auf St. Croix so etwas wie einen Ortskern sucht, der landet in dieser kleinen Stadt und damit dort, wo die dänischen Spuren am deutlichsten sichtbar sind. Christiansted ist neben Frederiksted der zweite nennenswerte Ort der Insel. Hier bilden das alte Zollhaus, ein altes Lagergebäude und einige andere Strukturen aus dem 18. und 19. Jahrhundert einen kleinen historischen Distrikt, um den herum sich das entfaltet hat, was man wohl als „Haupteinkaufsstraße“ bezeichnen kann.

Um in diese Gegend zu kommen, lassen wir uns auf eine neuerliche Taxifahrt ein. Auf St. Croix sind fast alle denkbaren Strecken in einer festen Preisliste zusammengefasst. „Die kennen ihre Pappenheimer“, schießt es mir unwillkürlich durch den Kopf, als ich davon erfahre. Wir rumpeln über mehr schlecht als recht funktionierende Straßen, wobei der Fahrer gütigerweise vor den schlimmsten Schlaglöchern wenigstens ein wenig abbremst. Ab und zu ziehen kleinere Ansammlungen von Gebäuden an uns vorbei, einstöckige Supermärkte in Leichtbauweise, ein paar Wohnbehausungen aus Holz, eine Schule, eine Autowerkstatt mit ein paar ausgeschlachteten Karosserien dahinter. Unser Fahrer summt eine Melodie, die ein bisschen an Kirchenmusik erinnert, jedenfalls solange, bis sein Handy klingelt.

Wenn die Einheimischen Englisch sprechen, vor allem untereinander, dann hat das mit den Fremdsprachenkenntnissen, die man in Europa in der Schule erlernt, nicht mehr viel gemein. Eine eigene Sprachmelodie, aus dem kreolischen entliehene Vokabeln und eine eigenwillige Grammatik sorgen dafür, dass man als Ausländer allenfalls ein paar Worte pro Satz versteht. Trotzdem ist es für uns unmissverständlich, dass sich unser Fahrer gerade furchtbar über seinen Gesprächspartner aufregt. Das Handy am Ohr, steuert er jetzt einhändig bei unverminderter Geschwindigkeit und er schreit. Tatsächlich findet er ab und zu noch die Gelegenheit, die eigentlich fürs Lenkrad vorgesehene Hand zur Faust zu ballen und wild in der Luft zu schütteln. Szenerie und Gegenverkehr rasen an uns vorbei. Plötzlich, nach bestimmt vier oder fünf Minuten wütender Wortschwalle, reißt der Fahrer das Lenkrad herum und manövriert den Kleinbus mit so viel Schwung in eine kleine Ausbuchtung am Straßenrand, dass der Schotter nur so spritzt.

Er springt heraus, brüllt noch etwas letztes ins Telefon, umrundet den Kleinbus und öffnet die Beifahrertür, wo ich sitze.

„Come, come!“, sagt er mir, was zwar nicht mehr so laut klingt wie eben am Handy, aber nicht weniger bestimmt. Ich folge. „Come!“

Er führt mich vorbei an einem Gebüsch und breitet dann die Arme aus, bevor er mir einen davon um die Schultern legt. „Look!“

Vor uns, unter uns breitet sich Christiansted aus und es ist ein wunderbarer Ausblick. Nicht spektakulär, aber in der Komposition sehr berührend. Obwohl nur knapp 3000 Menschen in der Stadt leben, scheint sie sich ziemlich auszubreiten, was aber daran liegt, dass kaum ein Gebäude mehr als ein Stockwerk hat. Vor dem Ort liegen ein kleiner Hafen, die Segel der Boote ebenso weiß wie die Dächer der meisten Häuser der Stadt und eine kleine Insel mit reichlich Grün und einem elegant anmutenden Gebäude. Und dann kann das Auge über das Meer gleiten, kann Tiefen und Untiefen erkennen, sogar Steine unter Wasser, bis zu dem Punkt, an dem das Blau des Meeres in das Blau des Himmels verschwimmt.

„Das wollte ich Euch zeigen“, erklärt unser Taxifahrer. „Das ist der schönste Blick über Christiansted.“

In diesen Worten schwingt viel Stolz mit, Stolz auf dieses paradiesische Panorama, aber auch auf das bescheidene Häuschen, auf das er mit ausgestrecktem Finger zeigt, sein Zuhause. Dann kehren wir zurück zum Kleinbus und fahren in die Stadt und als ich beim Aussteigen das Geld für drei Fahrgäste mal Streckenpreis heraussuche, lehnt er ein paar Scheine ab und zeigt lachend auf meine sechsjährige Tochter — die sei doch so klein, für die könne er doch nicht den vollen Preis berechnen.


Wir stehen vor dem fein restaurierten Government House in der King Street, ehemaliger Sitz der dänischen Gouverneure. Das Gebäude scheint nicht so recht in das karibische Flair seiner Umgebung zu passen, es ist zu groß und zu gelb. Gegenüber, im alten Lagerhaus der dänischen Westindienkompagnie, wo man früher auch die aus Afrika eingeschifften Sklaven registrierte, kann man heute in einem kleinen Geschäft Kekse aus Europa, Bier aus den USA und Früchte aus dem Hinterland kaufen. Letztere erweisen sich als perfekte Erfrischung an einem Tag, an dem sich wieder einmal keine einzige Wolke der Sonne in den Weg stellt und an dem die Luft vor feuchter Hitze schwirrt. Wer jetzt auf den Straßen unterwegs ist, drückt sich meist an den Häuserwänden entlang.

Hinter dem historischen Gebäude entdecken wir ihn dann, den Laden mit den T-Shirts im Dreierpack. Aber bloß einen und die Besitzerin des Ladens mit Taucherbedarf von nebenan hat sich einen Stuhl in den Schatten vor der Tür gestellt und liest in einem Buch. Eine Uhr gibt es hier nirgends, ebenso wenig wie eine Information darüber, wie die Öffnungszeiten des Ladens sein könnten. Island Time. Der Weg entlang der Mauer des kleinen Hafens, der sich hinter der Gasse mit den Shops erstreckt, führt zu einer Bar, die auf einem Holzschild ihre „Suppe des Tages“ anpreist: Rum mit Cola.

Überhaupt der Rum. Seit rund 300 Jahren wird das karibische Getränk in der Cruzan Rum Destillerie bei Frederiksted hergestellt und der Cruzan ist so eine Art Inselikone, viel beliebter als Captain Morgan, der hier auch produziert wird, das aber nur, weil die Regierung den Produzenten mit Steuervorteilen von Puerto Rico herüberlockte. Rum, das ist auf St. Croix so etwas wie das Anschwappen der Wellen am Strand, immer präsent, aber man muss nicht drüber reden. Schon am Flughafen, während man auf das Gepäck wartet, bekommt man die erste Gelegenheit zum Probieren und auch auf unserem Hotelzimmer wartet schon eine kleine Flasche, Gruß des Hauses. Nach einigen Tagen auf der Insel habe ich keine Vorstellung mehr davon, wie Cola eigentlich ohne Rum drin schmeckt.

Unser Hotel hat einen Tennisplatz, bietet Fitnessstunden unter freiem Himmel und es liegen ein paar Gesellschaftsspiele herum. Wann immer ich sie sehe, stelle ich mir die Frage, ob in diesem Ambiente wirklich jemand auf die Idee kommen könnte, Mensch-ärgere-Dich-nicht oder Monopoly zu spielen. Das Wasser übt stattdessen eine magische Anziehungskraft auf alle aus, die sich hier aufhalten, schon allein deshalb, weil man sich hier unter einer Palme in den Sand legen kann, die sich so Richtung Meer beugt, als posiere sie für eine Fototapete. Das Meer ist badewannenwarm, mit flachem, aber steinigem Einstieg. Vielleicht sind diese Felsen unter Wasser der Grund dafür, warum sich einige der wenigen Hotelgäste tatsächlich dem karibisch-warmen Meer entziehen können und den Pool vorziehen. Rund um den Pool herum stehen Schatten spendend hohe Bäume, in deren Ästen die Leguane ruhen, von unten kaum sichtbar. Wenn sie aber auf dem Boden sind, kann man die Tiere mit ein paar Hibiskusblüten locken und dann kommen sie tatsächlich mit ihrem schaukelnden Gang angelaufen, ganz so, wie man zu Hause den Rauhaardackel mit einem Würstchen anziehen kann.

Ich sitze auf einer Liege am Strand und blinzele in die Sonne, meine Tochter kritzelt ein paar Meter vor mir mit einem Stock ihren Namen in den Sand und amüsiert sich, wenn die Wellen ihre Arbeit zunichte machen. Ein Pärchen erscheint, Einheimische. Er trägt Stoffhose, Sandalen, ein fast durchsichtiges weißes Oberhemd und eine Brille wie aus den 70er Jahren, sie trägt ein schwarzes Kleid. Ihr Gesicht hat helle Flecken und Pockennarben, ihr Blick fällt fast immer zu Boden. Der Mann nickt mir sehr freundlich, ein wenig schüchtern zu und dann setzen sie sich in einigen Metern Abstand von uns an den Stamm einer Palme. Ich hatte gelesen, dass die Strände von St. Croix jedem immer offen stehen müssen, es gibt keine Privatstrände, aber die Tourismusbehörde bittet die Einheimischen darum, die Gäste der Hotels nicht zu stören. Wenn man es drastischer ausdrücken will, kann man das Verb auch mit „belästigen“ übersetzen. Das ist insofern eine angenehme Regelung, als dass man nicht von Uhren- und Sonnenbrillenverkäufern angesprochen wird, aber es durchzuckt mich regelrecht, als die beiden sich dort im Sand niederlassen und mir unweigerlich diese Worte einfallen. Ich stelle mir vor, dass diese Menschen mich als einen Eindringling wahrnehmen, der sich in ihrer Heimat breitmacht, aber die Einheimischen nicht um sich herum sehen will und ich würde gerne etwas dagegen tun, dass die beiden diesen Eindruck von uns haben, aber wie soll man so etwas bloß anstellen? Und wäre das nicht sogar noch herabwürdigender als das, was ich gerade fremdempfinde? Dass die beiden dann beinahe vollständig bekleidet ins Meer gehen und anschließend die Kleidung am Körper in der Sonne trocknen lassen, dass sie als mitgebrachte Verpflegung eine Handvoll Froot Loops in einem Gefrierbeutel dabei haben und dass sie sich von mir nach einiger Zeit mit einem netten „Have a nice day!“ verabschieden, macht die Gefühlslage für mich nicht einfacher. Zurückblickend allerdings macht vielleicht gerade dies die American Virgin Islands als Reiseziel aus: die Möglichkeit, karibische Postkartenidyllen zu erleben und dabei aber nicht den Kontakt zu dem zu verlieren, was außerhalb der komfortablen Hotelanlagen liegt.


Das Hotelrestaurant liegt direkt neben dem Pool und dort, abends unter freiem Himmel, wenn das Glas Cola-Rum neben dem Teller mit dem fangfrischen Hummer steht und man den Blick von der Terrasse über das Meer schweifen lässt, werden die Erlebnisse des Tages zu Erinnerungen und Reiseanekdoten. Dann überlegt man, ob es wohl tatsächlich so sein könnte, dass die Karibik einen Menschen verändert. Vor allem aber stellt man fest, dass man die Frage, ob sich dieser Abstecher tatsächlich lohnen würde, gar nicht stellen kann. Es geht hier nicht um Sehenswürdigkeiten, um „Things to do“, um gute Restaurants und Entertainment. Jedes Luftholen auf den Virgin Islands atmet Erleben und Atmosphäre ein und Gelassenheit obendrein, Island Time, morgen ist auch noch ein Tag. Gelassenheit auch, was eigene Einstellungen und Erwartungen angeht, Bilder im Kopf. Denn am Ende hatte der Zeitungsartikel Recht — das, was mir beim Gedanken an St. Croix als erstes in den Sinn kommt, ist der Mann mit dem Messer.