Was man über Die PARTEI vor der Bundestagswahl wissen sollte

T. Haddock
Aug 22, 2017 · 8 min read

Ende 2016 gaben der Kabarettist Serdar Somuncu und „Die PARTEI“-Vorsitzender/MdEP Martin Sonneborn bekannt, dass Somuncu als Spitzenkandidat für die Bundestagswahl 2017 aufgestellt wird. Der selbsternannte „Hassias“ ist gefragt, er betreibt eine Radiosendung beim RBB, ist ein gern gesehener Gast in den üblichen Talkrunden und moderiert selbst eine Talkshow auf NTV. Doch nun, kurz vor der Wahl, stellt sich die Frage, ob der „Kançler“-Kandidat eine gute Entscheidung war.

Abgesehen davon, dass die Satire-Partei keine reale Chance hat in den Bundestag zu ziehen, scheint für gewöhnlich eher die mediale Aufmerksamkeit das Ziel zu sein. Doch daran hapert es bisher und dafür gibt es diverse Gründe.


Die Anhängerschaft

Eines der Probleme sind die Mitglieder selbst: waren sie zu Beginn eine Truppe von freakigen Geeks, die geeint für den Mauerbau warben, wandelte es sich nach und nach zum größeren Phänomen und zog auch die obskursten Leute an. Doch seit dem wachsenden Erfolg der AfD fokussierten sich die Aktionen glücklicherweise eher spezifisch gegen die konkurrierende „Scherzpartei“. Ein Blick in die wohl größte Facebook Fan-Gruppe der PARTEI (über 10.000 Mitglieder) offenbart am ehesten die damit einhergegangenen Konsequenzen. Man sieht öfter Beiträge mit verschwörungstheoretischen Bezügen, plumpen Antiamerikanismus und selbstgemachten Plakaten, die, der Qualität nach zu urteilen, wohl von 80-jährigen Computer-Neulingen mit MS-Paint erstellt wurden, aber hauptsächlich dominiert eine meist diffuse Kritik an der AfD. Von der eigentlichen Parteispitze findet man dort fast keine Beiträge oder gar Kommentare zu Diskussionen.

Die Satire hat sehr häufig das Problem Menschen anzuziehen, die sie für gewöhnlich politisch nicht bei sich haben möchte. Mokiert man etwa berechtigterweise satirisch den Islam oder dessen Propheten, muss man auf Applaus aus der rechtsextremen Ecke nicht lange warten. Ähnlich verhält es sich mit Sonneborns verkürzter, personifizierender und in Teilen schlicht einseitiger Kritik an Banken, Konzernen und Konsorten, welche die selbsternannten „Kapitalismuskritiker“ und Verschwörungstheoretiker von links und rechts auf den Schirm rufen. Vielmehr gilt dies noch, wenn die Satire sich der Form der politischen Partei aneignet, denn hier vermischt sich die eigentliche Distanz zwischen Künstler und Rezipienten.


Der Föderalismus

Umso wichtiger scheint eine zentralistische Struktur, damit u.a. eben diese Menschen nicht ihre Phantasien in die Gruppe projizieren oder gar mitgestalten, sondern die Gründer des satirischen Projekts die Richtung langfristig vorgeben können und leichter einschreiten können, falls etwas in eine nicht-intendierte Richtung sich entwickeln sollte. Außerdem würde es zum Wesen eines Einparteiensystems, den der Name der Partei suggeriert, wunderbar passen. Da würde die totalitäre Ordnung eines Titanic-„Zentralkomitees“ die Rolle perfekt abrunden.

Doch der Bundeswahlleiter setzt — verständlicherweise — ausdrücklich einen föderalen, demokratischen Aufbau voraus, um an der Wahl überhaupt teilnehmen zu können, womit für die Aktion die Büchse der Pandora geöffnet wurde. In Folge dessen arbeiten die Landesverbände, Kreisverbände und Hochschullisten als eigenständige Akteure. Gebündelte Aktionen sind so schwerer umzusetzen, die jedoch für die mediale Aufmerksamkeit durchaus praktisch sein können. So obliegt die Arbeit bei den erwähnten Akteuren und diese gelangen meist nur in die Lokalzeitungen, trotz manch pfiffiger Idee. Doch nicht jede Aktion ist — euphemistisch ausgedrückt — ein Brüller.


Juso-Gate“

Ein Plakat der „Die LISTE Mainz“, in der das antisemitische Bild „Der ewige Jude“ an den damaligen SPD-Chef Sigmar Gabriel adaptiert wurde und so daraus „Der ewige Juso“ umgedichtet wurde und zusätzlich der Slogan „AStA-Schande verhindern — Die Liste wählen“ darunter hinzugefügt wurde. Der lahme und vor allem flache Witz löste einen kleineren Shitstorm aus, so dass, bei dem als „Juso-Gate“ mehr oder minder bekanntgewordenen Streit, sogar der Bundesvorstand, in Form von Leo Fischer, sich genötigt sah, einen Kommentar zu verfassen — natürlich in gewohnt pointierter Form:

„Auf keinen Fall wollten wir mit diesem Plakat irgendetwas verharmlosen oder auch nur aussagen! Die Proteste nehmen wir sehr ernst. Daher geben wir das Plakat in die interne Qualitätskontrolle und erarbeiten einen Verhaltenskodex für den künftigen Umgang mit Jusos.“ (Hier die ganze Stellungnahme der Partei)


Leo Fischer vs. Martin Sonneborn

Ein anderes Problem sind die gänzlich unterschiedlichen Ansätze von Humor und Satire innerhalb der Titanic, besonders bei den beiden Titanic Ex-Chefredakteuren Leo Fischer und Martin Sonneborn. Folgt Fischer in seinen Grundzügen eher der Frankfurter Schule, so teilt Sonneborn eher die Ansichten der deutschen Friedensbewegung und vertritt einen plumpen Antikapitalismus. Die Konfliktlinie zeigte sich bisher am deutlichsten hinsichtlich Israel:

Während der Reise Sigmar Gabriels nach Israel im April (bei der nebenbei Gabriels antiisraelischer Doppelstandard unübersehbar wurde, Stichwort: NGO-Treffen) hätten die Reaktionen bzw. Positionen der beiden Humoristen nicht weiter auseinanderliegen können. So schrieb Sonneborn: „Lustig zum ersten Mal sind meine Sympathien fast überwiegend auf Sigm. Gabriels Seite… Ich würde Netanjahu mit ein paar Planierraupen besuchen, ihm das Wasser abstellen und ihn ein bisschen anderweitig demütigen.“ Fischer konterte schlagfertig: „Hey Martin, interessantes Statement! Machst Du auch bald Musik?“, und verlinkte das Lied „Ihr macht mir Mut (in dieser Zeit)“ von Dieter Hallervorden. Zusätzlich teilte er den Post von Sonneborn auf seiner Seite und versah ihn mit der Anmerkung: „Ottonormalhumor“. Fischers Kommentar zur Reise Gabriels lakonisch: „Bald schreibt er Gedichte.“, in Anspielung an Günther Grass.

(passend von Nico Wehnemann)

Die PARTEI-Promis

Auch die prominenten Unterstützer spiegeln in Teilen die gegensätzlichen Strömungen wieder. Auf der einen Seite findet sich etwa die Gruppe K.I.Z., die mit Sprüchen, wie „Viva Palestina! […] Antifascista, Anticapitalista! Che Guevara T-shirt, um den Hals ein Palischal — der Kampf um Befreiung bleibt international! (hier), an ihrer eindeutig eliminatorisch-antiisraelischen Position keinen Zweifel lassen. Denn der verklärte „Kampf um Befreiung“ in Palästina bedeutet nichts anderes als die Affirmation des Terrorismus gegen Israelis. Auf der anderen Seite findet sich die Antilopen-Gang, deren Mitglied Koljah verfasste beispielsweise folgende Zeilen:

Die meisten Judenhasser sind Islamversteher Und bald fusioniert die Linkspartei mit Al-Qaida — Das ist Deutschland — Adolf Hitler und Hagen Rether, einer davon lebt noch — wo bleibt der Attentäter? Alle hassen Israel, das ist politisch korrekt — Alle hassen Amerika, doch lieben Obama und es gab nur Friedensdemos, wenn Krieg angebracht war.“

Größer könnte die Differenz wohl kaum sein.


Der Putsch

Da stellt sich durchaus die Frage: Wird es zur Spaltung kommen?

Bereits 2015 gab Fischer — in Anlehnung an den damaligen Lucke-Petry Disput in der AfD — erste Anzeichen, wenn auch in rein satirischer Form. Das Projekt „Chance5000“ sollte zwar nicht wirklich zur Stürzung des GröVaZ (=Größter Vorsitzender aller Zeiten) führen, hatte jedoch auf unterhaltsame Weise einen kleinen wahren Kern zu Tage gebracht. Es ist aber dennoch nicht damit zu rechnen, dass es bald in der Partei zum Eklat kommt, dafür ist zum einen die Fischer-Fraktion viel zu klein und inaktiv, zum anderen wäre es für die Kleinstpartei — offen ausgetragen — womöglich der Gnadenstoß und der Streit hätte das Potenzial bis in die Redaktion der Titanic nachzuwirken, was von beiden Seiten sicherlich nicht gewünscht wird, zumal wohl auch ein persönlicher Draht dem entgegensteht und gewisser Pluralismus doch verloren ginge. Doch damit hat Fischer auch Kritik geerntet, dass er sich nicht genügend von Antisemitismus abgrenze, war sogar auch schon zu lesen.

Ein Gutes hatte der Putschversuch jedoch für die Partei: „gute Presse im Sommerloch“, wie es auf deren Seite hieß, nachdem der Versuch offiziell für beendet erklärt wurde.


Mediale Flaute?

Der letzte große Coup Sonneborns — für die Bundesversammlung seinen eigenen Vater als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten zu nominieren — ist bereits ein halbes Jahr her und bis auf lokale Nachrichten, wie etwa die des „Göttinger Tageblatt“ („Die Partei“ will Göttingen umbenennen), berichten aktuell kaum Medien über die Partei. Daran hat auch Serdar Somuncu eine mögliche Teilschuld, schließlich ist er das Gesicht für den Wahlkampf als Spitzenkandidat. Doch Somuncu ist, was die sozialen Medien angeht, ein Sonderling. Sein Twitter-Profil ist zum einen geschützt, d.h. seine Nachrichten sind nur für bestätigte Follower sichtbar, zum anderen löscht er seine Beiträge nach einiger Zeit aus Prinzip (Kurzlebigkeit). Dabei ist das Internet eine wichtige Grundlage für den Wahlkampf einer derartigen Partei. Seine Facebook-Seite ist zwar seit einer Woche etwas im Wahlkampfmodus, doch von einem Coup à la Sonneborn ist noch keine Spur zu sehen. Diese Woche sei jedoch eine offizielle Vorstellung in Berlin geplant, man darf also gespannt sein, wie es sich von dort an entwickelt.

(Foto: Christian Jäger/Die PARTEI)

Die Interviews, die er aktuell gibt, sind bisher kein Humor-Gold. Im Gegenteil: er wird ernst und bleibt er selbst. Was bei Sonneborn als undenkbar gilt, der stoisch seine Rolle einhält und dabei relativ pointensicher die Vorlagen umwandelt, wechselt Somuncu zwischen ernsten Aussagen und bemüht scherzhaften. Ein Beispiel aus dem Tagesspiegel:

Tagesspiegel: Wie würden Sie mit der Türkei umgehen?

Somuncu: Ich würde mich vor allem von der Abhängigkeit lösen. Es kann nicht sein, dass man aus Angst davor, dass mehr Flüchtlinge ins Land kommen, einen Pakt eingeht und absolut dumme Kompromisse mit der Türkei schließt. Deutschland liefert sich aus. Generell hat Merkel in der Flüchtlingskrise viel falsch gemacht. Ich wäre anders vorgegangen.

Dann jedoch ein wenig später:

Tagesspiegel: Wie geht es für Sie nach der Wahl weiter?

Somuncu: Ich freue mich, wenn ich nach der Wahl an Popularität und Reichtum gewinne. Sollte ich den Einzug in den Bundestag nicht schaffen, bin ich über alle Berge und kokse.

Natürlich hat die PARTEI keine professionelle Werbekampagne, wie größere Parteien, jedoch scheint eine konkrete Strategie, um in die Medien zu kommen, zu fehlen. Dabei beginnt nun die sogenannte „heiße Phase“ des Wahlkampfs. Man scheint sich bisher lediglich mit den Interview-Anfragen zufrieden zu geben, anstatt selbst für Schlagzeilen zu sorgen.


TL;DR

  • viele Spinner dabei, sowohl Fans, als auch aktive Mitglieder
  • ist zum Teil strukturell begründet, dass sich dies auch in der Partei widerspiegelt
  • manche Aktionen sind ziemlich misslungen
  • gibt innerhalb des Vorstands/Titanic stark unterschiedliche Auffassungen von Humor
  • auch bei den prominenten Unterstützern lässt sich das ausmachen
  • zur Abspaltung wird aus vielen Gründen dennoch wahrscheinlich nicht kommen
  • Somuncu scheint noch nicht im Wahlkampfmodus angekommen zu sein, aber noch ist Zeit
)
    T. Haddock

    Written by

    Irgendwas. Dings.

    Welcome to a place where words matter. On Medium, smart voices and original ideas take center stage - with no ads in sight. Watch
    Follow all the topics you care about, and we’ll deliver the best stories for you to your homepage and inbox. Explore
    Get unlimited access to the best stories on Medium — and support writers while you’re at it. Just $5/month. Upgrade