Der Wahnsinn von Himmel und Hölle

Von vielen Christen nicht geliebt: Franz Buggle zeigt, warum man als Christ mit dem Finger nicht auf den Islam zeigen sollte

Die öffentlichen Debatte um den Islam beleidigt die meisten Menschen in ihrem Intellekt. Sie wird von Populisten genutzt, um jenseits einer ernsthaften Debatte um religiöse Inhalte die Ängste der Menschen vor einem „abstrakten Islam“ zu schüren. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, religiöse Schriften zu betrachten. Die anspruchsloseste Variante ist zweifelsohne jene, die kulturelle, zeitliche und situative Kontexte unberücksichtigt lässt und im Sinne einer „Steinbruchexegese“ Verse aus den Zusammenhängen reißt, in denen sie entstanden sind. Die besonders absurde Form dieser Anspruchslosigkeit ist, dies bei anderen Religionen zu tun und die eigene Religion in eine „Butter-Honig-Mantel“ zu hüllen.

Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge? — Mt 7,3

Wir erleben diese Herangehensweise nicht selten bei christlichen Islamkritikern. Sie ignorieren alles, was Franz Buggle zurecht „denn sie wissen nicht, was sie glauben“ titelte, während sie im Islam das Böse schlechthin zu erkennen glauben. Ob sich im Heiligen Buch des Christen-tums Kriegsbefehle wie im 5. Buch Moses finden, Aufforderungen zur Sklaverei oder Tötung von Homosexuellen, interessiert den christlichen Religionskritiker nicht, während er doch gleichzeitig jeden Sonntag bekennt: “Die Bibel ist das Wort des lebendigen Gottes.”

Es interessiert auch nicht, ob Jesus durch das Scheidungsverbot Tausende unglücklicher Ehen zu verantworten hat oder ob Menschen, die nicht glauben (können oder wollen), durch ihn und diejenigen, die in seiner Nachfolge stehen, direkt „verdammt werden“ (Vgl. Mk, 16,16). Denn so werde der „Menschensohn […] seine Engel aussehenden […] und alle zusammenholen, die […] Gottes Gesetz übertreten haben, und […] sie in den Ofen werfen.“ (Mt 13,42) So sind diese Visionen für den christlichen Islamkritiker selbstverständlich kein Problem, und auch, wenn die Sehnsucht des Gläubigen entflammt und er sich an Gott wendet, „ach Gott, wolltest du doch die Ungläubigen töten!“ (Psalm 139, 19) sieht der christliche Islamkritiker darin selbstverständlich etwas qualitativ anderes, als wenn im Qur’an dazu aufgefordert wird, „die“ Ungläubigen zu töten (Vgl. Sure 2, 191). Im Eigenen, da lese man selbstverständlich kritisch-historisch oder kontextual-situativ.

Problematik des stereotypen Weltbildes

Dabei liegt das Grundproblem beider Religionen in ihrem zweiwertigen Weltbild, das überhaupt nicht zulassen kann, dass ein Mensch, der gegen die Gebote Gottes verstößt, in den Himmel gelangt. Denn das würde bedeuten, dass auch die Sünde den Menschen zu Gott hinführen könne, womit das gesamte religiöse System zusammenbrechen würde, das demjenigen, der die Befehle und Gebote befolgt, doch einen Platz im Himmel verheißt.

Selbst wenn die Kirche mittlerweile in Vertrauen auf eine göttlichen Barmherzigkeit die Idee aufgegeben hat, dass niemand außer durch Jesus zum Vater komme (Vgl. Joh 14,6), was im Grunde einem spirituellen Selbstmord gleicht, verbleibt das Christentum innerhalb dieser aristotelischen Logik. So wäre ein Monotheismus, der auf einem „eifersüchtigen Gott“ basiere, zwangsläufig ein exkludierender, der immer mit Ausgrenzung und Abgrenzung einhergeht, stellte der Ägyptologe Jan Assmann fest.

Man muss festhalten, die Problematik der “religiösen Kriegsführung” gegen die Ungläubigen ist sowohl dem Islam als auch dem Christentum innewohnend. Im Christentum äußert sich die Freund-Feind-Denkweise heutzutage in einem Kulturkampf gegen alles, was den vermeintlich christlich geprägten Kulturkreis gefährde. Die modernen Kreuzzüge des Christentums können heute zweifelsohne Kulturimperialismus genannt werden und gehen mit einem eurozentrischen Weltbild einher (was besonders absurd ist, weil Jesus aus dem Morgenland kam), der Kampf islamischer Gruppen wird unter dem Begriff (kleiner) „Dschihad“ subsumiert. Kurzum geht es beiden Religionen darum, das eigene als richtig empfundene Wertesystem kurz-, mittel- oder langfristig durchzusetzen und beide Religionen nehmen sich in diesem Ansinnen wenig. Hierzu kurz einen Rückgriff auf das Politische:

Der streitbare Islamkritiker Hamed Abdel-Samad hat mit seinem Buch “Der islamische Faschismus” eine Kontroverse ausgelöst. Ich teile die Kritik, dass er in seiner Rezeption nicht nur sehr fundamentalistisch vorgeht, sondern auch, dass es wissenschaftlich nicht korrekt ist, politische Begriffe rückwirkend auf ganze Weltreligionen anzuwenden, die sich in vielen Aspekten völlig vom Faschismus unterscheiden und sich historisch auch anders verhalten haben. Dennoch sei an eine interessante Gemeinsamkeit erinnert: Der esoterische und mit dem Faschismus sympathisierende Autor Julius Evola, der als einer der führenden Ideengeber der Neuen Rechten gilt, hat ausgerechnet die Begriffe Heiliger Krieg in genau dieser Weise verwendet. So sagte er, der große Heilige Krieg sei der Kampf gegen das eigene Ego, der kleine Heilige Krieg der physische Kampf. Er setzt die Verbindung dahingehend, dass ein physischer Kampf gleichzeitig der Kampf gegen die eigenen Schwächen, Furcht, Angst und dergleichen wäre. Wir sehen, dass ausgerechnet aus einer imperialistischen Sicht “Dschihad” und “Heiliger Krieg” durchaus sehr ähnlich sind.

Kampf um Deutungshoheiten

Es macht also wenig Sinn, wenn sich das Christentum in der Öffentlichkeit gegenüber dem Islam als Deutungshoheit aufspielt, da es dann genau das tut, was es dem Islam vorwirft. Wie aber mit beiden Religionen umgehen ? Das Liber Al sagt uns, „alle Worte sind heilig und alle Propheten wahr“ (I:56). Damit ist eindeutig, dass jede Religion in sich wahr ist und ihr zugesprochen werden muss, dass die Gemeinschaft der Gläubigen für sich gültige Interpretationen und Deutungsmuster ihrer Heiligen Schrift entwickeln muss. „Ausgenommen nur, daß sie ein wenig verstehen“, steht dem nicht entgegen. Denn die Unvollkommenheit des Wissens der jeweiligen Religion liegt darin begründet, dass sie ihren kleinen Ausschnitt der Realität für die Realität selbst hält. Dabei existieren innerhalb der Realität Unmengen an zweiwertigen Systemen, die alle für sich wahr sind (Vgl. Sütterlin, “Dimensionen des Denkens”, 2009). Wenn also die Religion die eigene Wahrheit absolut setzt, klammert sie mindestens 9999 Wahrheiten innerhalb der Realität selbst aus. Da jeder Mensch sich heutzutage seine eigene Wahrheit bastelt, steht die Religion mit ihrer eigenen Wahrheit neben den Wahrheiten aller anderen Menschen.

Es stellt sich also die Frage, mit welchem Anspruch Vertreter religiöser Systeme heute den Anspruch erheben, ein Wertesystem, das sie innerhalb ihrer eigenen Wahrheit erschaffen haben, könnte für irgendeinen anderen Menschen verbindlich, zielführend oder wegweisend sein. Sind die Ziele dieser Religionen doch nicht sehr anspruchsvoll. Sie wollen uns einen Weg zeigen, der uns in ihren Himmel führt. Aber niemand, der etwas anderes für wahr hält, hat einen Grund dazu, den religiösen Himmel anzustreben, denn er existiert nicht. Da die Kirche mittlerweile davon ausgeht, dass alle Menschen in den Himmel kommen, frohlockt des Abendmahl mit Tischnachbarn wie Stalin, Hitler und bin Laden. Recht haben theologische Denker, dass wir deshalb keine Hölle mehr bräuchten. Denn so ein Himmel wäre die wahre Hölle. Wenn mir ein christliches Religionsystem einen Weg dahin zeigt, wo die genannten Personen an einem Tisch sitzen, führt sich die ganze Vorstellung von „Rechtleitung“, um einen islamischen Begriff zu gebrauchen, dann nicht selbst ad absurdum? Was ist das für ein Koordinatensystem, das mich in den Himmel der größten Massenmörder der Geschichte führt?

Resumee

Dann doch lieber den Himmel eines Spaghettimonsters mit Biervulkan und Stripperinnenfabrik. Vielleicht mit weißen Weintrauben und einem deftigen Abendmahl, aber wenigstens ohne Massenmörder, einen eifersüchtigen Gott oder dem Mörder des eigenen Sohnes, der sich in einer unglaublichen Schizophrenie einbildete, das Opfer seiner selbst zu sein.

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