Kritische Würdigung des Islam in Deutschland

Häufig bekomme ich Diskussionen um den Islam in Deutschland mit. Sie wirken auf mich unbefriedigend, weil sie immer darauf hinauslaufen, dass der Islam mit diesem oder jenen nichts zu tun hätte. Für die einen hat der Islam nichts mit Frieden zu tun, für die anderen nichts mit den Gräueltaten, die im Namen des Islam verrichtet werden. Beides ist zu kurz gedacht. Die Muslime, besonders in Europa, stehen vor der großen Schwierigkeit, den Islam durch die Moderne schleifen lassen zu müssen und ein eigenständiges Profil zu entwickeln, das den Islam problemlos im heutigen Europa integrieren kann. Das wäre z.b. durch eine neue, eigene Rechtsschule möglich, da die bestehenden Rechtsschulen nicht in unserem Kulturkreis verortet sind und daher immer auch Entscheidungen getroffen haben, die in einem religiösen Staat denkbar, aber in einem säkularen Staat abwegig oder manchmal auch gefährlich und mit unserem Grundgesetz nicht kompatibel erscheinen (wie z.B. Todesstrafe bei Glaubensabfall). Das Christentum hat diesen Prozess in vielen Jahrhunderten durchlaufen, das allerdings auch nicht problemlos, wenn ich an den “Antimodernisteneid” denke. Es ist für Muslime schwieriger, hier einen kompatiblen Weg zu finden, was ich im folgenden kurz beleuchten möchte.

Der Unterschied zwischen Qur’an und Bibel

Das Christentum kennt innerhalb der eigenen religiösen Schrift eine Zweiteilung: das AT und das NT. Zwar erfolgte die inhaltliche Sortierung vom AT und NT nach einem bestimmten, nicht chronologischen Sinn, dennoch ist die Abfolge vom AT hin zum NT chronologisch. Für das Christentum ist eindeutig klar, dass das AT aus dem Blickwinkel des NT zu lesen ist und mit Jesus Christus eine neue Betrachtung auf das AT vorgenommen wurde. Verkürzt könnte man sagen, es ist für das Christentum einfach, sich von rabiaten Strafen im AT zu distanzieren, weil ihm eindeutig klar ist, dass diese durch das NT aufgehoben werden. Im Islam ist das etwas schwieriger, denn der Qur’an ist nicht chronologisch sortiert. Auch hier gibt es, wie im AT, brutale und unbarmherzige Verse, und, wie im NT, Verse der Barmherzigkeit und Spiritualität. Aber sie sind miteinander vermischt und nicht klar getrennt. Der Christ weiß, wenn er die mosaischen Gesetze liest, dass er sie aus Sicht von Jesus Christus, aus Sicht der Schilderungen im NT, lesen muss. Beim Qur’an ist es deshalb schwieriger, denn im Qur’an gelten barmherzige wie unbarmherzige Verse: natürlich im Kontext der Situationen, aus denen dann Verhaltensweisen und Regeln abgeleitet werden. Aber wer schreibt dem Muslim vor, unter welchen Bedingungen er eine Situation als übertragbar empfinden darf und wann nicht? Das scheint mir das Hauptproblem der islamischen Welt zu sein: dass die Situationen, die es heute gibt, so gedeutet werden, dass auf sie auch die brutalen Verse übertragen werden können. Dazu kommt, dass selbst eine chronologische Sortierung der Suren im Qur’an nicht hilfreich ist. In der Bibel kann allein aus der chronologischen Abfolge geschlossen, dass das NT das aktuell gültige ist, das AT hingegen das Vergangene. Im Qur’an würden bei einer chronologischen Sortierung der Suren die kriegerischen, kämpferischen Passagen nach den friedlichen mekkanischen Suren kommen. Ohne weitere Deutungshilfen würde sich dem Gläubigen der Eindruck aufdrängen, dass die friedlichen Aspekte der Religion zugunsten der kämpferischen überwunden wurden. Das wäre ein logischer Schluss, da wir späteres Handeln immer als gültiges Handeln wahrnehmen, da sonst keine Veränderung vorgenommen worden wäre.

Islamische Zeitrechnung beginnt erst mit dem politischen Islam

Friedliche Muslime werden sich auf die mekkanischen Suren beziehen, wenn es um die Charakterisierung ihrer Religion geht. Sie meinen, die spätere Politisierung des Islam treffe nicht seinen Charakter. Die Sufi-Orden, die sich auf die mekkanische Phase berufen, argumentieren, dass sie die Orthodoxen wären, schließlich sei alles andere später gekommen. Recht gibt ihnen, dass der Begriff Scharia bereits in der mekkanischen Phase benannt wurde, von seinem Ursprung her also spirituell ist und nicht primär eine Ansammlung von Texten. Im wesentlichen bedeutet Scharia für den Islam das gleiche wie Thora für das Judentum: Das göttliche Gesetz. Oder “die Rückkehr zur eigentlichen Quelle”. Dem steht folgende Problematik gegenüber: wenn der Kern des Islam die friedliche, spirituelle, mekkanische Phase ist, warum beginnt die islamische Zeitrechnung dann erst mit der Hidschra? Bei der Hidschra handelt es sich um die Auswanderung Mohammad’s von Mekka nach Medina. Korrekterweise muss gesagt werden, dass die islamische Zeitrechnung erst mit dem Aufkommen des politischen Islam beginnt und die mekkanisch-religiöse Phase als vorislamisch betrachtet werden muss.

Rechtleitung: Wer missversteht den Qur’an?

Wer darf sich als rechtgeleitet empfinden und wer nicht? Im Qur’an wird darauf hingewiesen, dass es eindeutige und mehrdeutige Verse gibt. Wer den mehrdeutigen folgt, tut das, weil er zur Abirrung neige, so sagt es der Qur‘an. Aber wer entscheidet, welche Verse ein- und welche mehrdeutig sind? Anzunehmen, es wäre eindeutig, welche Verse mehrdeutig sind und welche nicht, und welches Verhalten gewünscht ist und welches nicht, ist eine bloße Vermutung und kann dem Qur’an nur bedingt entnommen werden. Sind die friedlichen Muslime die Abgeirrten, oder sind die Terroristen die Abgeirrten? Wir würden wohl die Terroristen so betiteln. Aber die Terroristen sehen das anders, weil der Qur’an ihnen die Deutungsfreiheit hierzu gibt. Hierüber gibt es keinen innerislamischen Konsens, denn so heißt es im Qur’an, dass nur Allah die Wahrheit kenne.

Mittlerweile habe ich 10 verschiedene Qur’an Übersetzungen gelesen. Genauer müsste ich sagen: Ich habe 10 verschiedene „Korane“ gelesen. Jeder Übersetzer scheint den Qur’an offensichtlich gemäß „seinen eigenen Gelüsten“ (diese Formulierung findet sich häufig im Islam) zu übersetzen. Teilweise kommen dadurch inhaltliche Fehler zustande, theologische Missverständnisse und Irrtümer. Westliche Übersetzer haben nämlich ein grundsätzliches Problem: sie übersetzen den Qur’an von ihrem westlichen Deutungshorizont aus. Da passiert es dann schon einmal, dass irgendwo eine Dreifaltigkeit eingeschoben wird, die sich in anderen Ausgaben des Qur’an und im Original gar nicht finden lässt. Aber Hunderte deutscher Muslime folgen dieser „Rechtleitung“. Vor allem muss man sich die Tatsache, dass jeder Übersetzer seinen eigenen Quran interpretiert, ins Gedächtnis rufen, wenn den Christen von muslimischer Seite wieder einmal vorgeworfen wird, sie hätten die Bibel verfälscht. Mal ganz davon zu schweigen, dass sich ein solcher Vorwurf nicht generell im Qur’an finden lässt, also vermutlich auch nicht mehr als eine folgenschwere Ausdeutung ist.

Die Ungläubigen

Der Begriff der Ungläubigen ist eine der größeren Schwierigkeiten. Denn der Begriff selbst stellt oft einen anderen Kontext her, was das größte Problem ist: natürlich kann eine historische Kriegssituation beschrieben werden, aber in dem Moment, in dem ich in einem Vers nicht zu stehen habe „Kämpft, bis die Angreifer nicht mehr angreifen“, sondern „Kämpft, bis die Ungläubigen das Gebet verrichten“, verschiebt sich trotz der historischen Entstehungssituation der Kontext von Angreifer auf Ungläubige. Dazu kommt, dass zwar die Einsicht, dass der Begriff Kafir mit Ungläubige schlecht übersetzt ist, schön ist, diese Einsicht aber überhaupt nichts bringt, da in fast allen Qur’an Übersetzungen der Begriff Kafir mit Ungläubige übersetzt wird. Es ist also das von der islamischen Community akzeptierte Wort für Kafir. In der Rezeption ist eine Dichotomie Gläubige/Ungläubige ungemein problematisch, wenn diese mit Kampfhandlungen und Aufforderungen in Beziehung gesetzt wird.

Welche Verse sind die situativ zu verstehenden?

Der Hinweis, dass manche Verse situativ zu verstehen sind, andere als grundsätzliche Anweisungen, wird häufig angeführt. Aber welche sind situativ gültig und welche nicht? Denn alle Verse im Qur’an haben eine Entstehungssituation, trotzdem sollen manche allgemeingültig, andere nur im historischen Kontext gültig sein. Die meisten Muslime führen an, dass die friedlichen Verse allgemeingültig sind, die Kriegerischen stünden hingegen in einem Kontext. Aber welchen Hinweis gibt es im Qur’an, dass nicht die friedlichen Verse in einem historischen Kontext stehen, und die kriegerischen die allgemeingültigen Anweisungen sind?

Nicht arabische Muslime als Expertenkommission des Islam?

Die durchaus naive Annahme, in Westeuropa hätten die Menschen den Qur’an besser verstanden als die Menschen in den arabischen Ländern. Man sollte nicht so einfältig sein und glauben, diverse Terrororganisationen oder islamische Staaten würden keine Islamgelehrten haben, die sich besser mit dem Qur’an als die meisten Muslime auskennen. Deswegen auch die unsinnige Behauptung, dieses und jenes hätte nichts mit dem Islam zu tun. Nein, natürlich nicht ? Wenn in der Arabischen Welt aus Hadithen und Qur’an islamische Geistliche Todesurteile oder Steinigungen ableiten, dann sollten die hier lebenden Muslime einsehen, dass sich diese Dinge möglicherweise doch aus dem Qur’an herleiten lassen. Oder wird geglaubt, die arabischen Länder hätten eine falsche Übersetzung des Qur’an?

Verständnis des Qur’an

Der Islam wird nicht drum herum kommen, den Qur’an in der gleichen Weise zu deuten wie das Christentum die Bibel. Als Gotteswort in Menschenwort. Der Qur’an und die Ahadith stehen in ihrer Gesamtheit so deutlich im Kontext der arabischen Kultur und Zeit und beinhalten so viele Fehler in ihren Aussagen über die Glaubensinhalte des Christentums, die auf Mohammad’s Unwissen zurückzuführen sind, dass es abwegig ist anzunehmen, der Qur’an wäre das direkte Wort Gottes, das in dieser Form als ewige Entität neben Allah im Himmel existiert. Es ist notwendig, dass Muslime diesen Schritt machen und eingestehen, dass der Qur’an in dieser Form Teil der arabischen Kultur ist und nicht Teil der metaphysischen Welten.

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