Mama, erzähl mir was vom Schwulsein

Schwuchtel ist ein tolles Wort. Ich mag seinen Klang. Und seine Bedeutung ist mir egal, auch wenn es damit viele verletzt. Was ich hingegen gar nicht leiden kann, ist das Wort “schwul” in synonymen Gebrauch für die Bedeutung “schlecht”.

Aber was bedeutet schwul überhaupt?

Für mich ist es zu aller erst ein Teil von mir. “Hallo mein Name ist. Ach übrigens, ich bin schwul” war für ein paar Monate die übliche Formel, wenn ich in meinem Bekanntenkreis jemand neues kennenlernte. Ich wusste gar nicht, warum das immer gleich am Anfang rausmusste und nach dem Ende dieser “Phase” war mir das dann immer peinlich.

Heute bin ich darüber hinweg (über die Phase und das Schämen). Heute weiß ich aber auch, dass meine Homosexualität genau das ist. Meine. Und weil sie mir gehört, weil sie zu mir gehört, war und ist es mir wichtig die Menschen genau das wissen zu lassen. Mit siebzehn gab es noch keine andere Möglichkeit, als das einfach herauszuschreien. Heute geht das etwas subtiler, in dem ich beispielsweise schnellst möglich in ein Gespräch einfließen lasse, dass ich einen Freund habe. Ich gebe zu, manchmal – z.B. bei meinem Arbeitgeber – ist, bzw. war mir ein solches “Coming Out” noch unangenehm. Ich kann nicht genau sagen, warum das so ist, aber ich vermute ich habe noch immer Angst vor Ablehnung.

Noch so eine Bedeutung des Wortes “schwul”. Angst. Vielleicht nur subtil. Vielleicht auch nur eingebildet, aber immer irgendwie da: Angst vor Ablehnung. Angst vor Ungleichbehandlung. Angst vor Gewalt.

Mein Schwulsein bedeutet, dass mein Freund immer drei Mal darüber nachdenkt, ob er mich in der Öffentlichkeit küsst oder meine ihm hingestreckte Hand ergreift. Hin und wieder verletzt mich das. Manchmal mache ich ihm deswegen Vorwürfe. Aber eigentlich verstehe ich ihn ja. Aber ich habe mir vorgenommen mein Leben nicht mehr von Angst bestimmen zu lassen. Oder zumindest nicht mehr von dieser Angst.

Schwulsein bedeutet aber auch anders sein. Vielleicht sogar “freier” sein. Wenn ich schon in so etwas fundamentalen wie der Sexualität nicht konform bin, warum sollte ich es dann wo anders sein. Aber ich habe das Gefühl von einem Homosexuellen wird auch gar nicht erwartet “normal” zu sein.

“Hach, ihr Homos seid heute ja wieder herrlich unangepasst”

Nicht falsch verstehen. Dieser Gedankengang ist in vielerlei Hinsicht furchtbar dämlich. Trifft auf mich aber auch oft zu. Ich bin schwul und (deswegen) anders. Selbstverständlich ist die Erwartungshaltung “anders” zu sein nur wieder ein anderes Maß mit dem ich konform gehen soll. Klischees und Stereotypen diesbezüglich gibt es zu Hauf.

Aber noch nicht mal das tue ich. Ich bin eben andersanders.

Schwul steht aber auch dafür zum Kampf bereit zu sein. Zum Kampf gegen Diskriminierung. Zum Kampf gegen hunderttausend Franzosen, die der Meinung sind, gegen die „Ehe für alle“ auf die Straße gehen zu müssen (was natürlich ganz klar ihr Recht ist; gut finden muss ich das trotzdem nicht). Aber auch gegen den öffentlich Dialog über diese Thematik, in dessen Rahmen es mittlerweile ok geworden ist, einfach vor alles das Wort „Homo“ zu setzen, wenn man über Schwule und Lesben redet. Ich will aber keine „Homo-Ehe“, ich will eine Ehe. Ich habe auch keinen „schwulen Sex“, sondern ich habe Sex. Ich bin vielleicht schwul, das macht mich aber nicht zum Homo Homo Sapiens (Sapiens)!

Es ist immer wieder ein Kampf gegen nicht enden wollende Idiotie. Gegen die Vorurteile und Ansichten meiner Mitmenschen und deren Wirken, seien sie sich nun dessen bewusst oder nicht. Seitdem ich offen mit seiner Sexualität umgehe, war ich, wieder und wieder, mit Blödsinn konfrontiert:

Seien es dumme schwulen Witze und klischeebeladene Kommentare von Freunden, die es eigentlich besser wissen müssten; der Türsteher eines Hostels, der mich und mein Date wegschickt, weil wir uns vor dem Hostel – indem ich gewohnt habe – küssten (und damit den „Weg blockieren“); oder all die vielen Gesichter im Fernsehen, die darüber reden, dass ich „nicht normal“ sei, Teil einer „schrillen Minderheit“, schädlich für ein Kind und die Gesellschaft und sowieso eklig.

Auch das heißt schwul. Dieses Gefühlskonvolut, dieser Mix aus Wut, Schmerz, Aggression, Hass gegen mich selbst und gegen andere. Die Reflektion all dieses Geifers, der jenen Menschen die Kinnlade herunterfließt und brennt, als wäre es Säure.

Manchmal fühlt sich Schwulsein an wie die Blitznarbe von Harry Potter. Ja sie zeichnet ihn aus, macht ihm zu etwas besonderem, warnt ihm vor dem Bösen, aber sie belastet ihn auch, zeichnet ihn, ist ein Stigma.

Schwul, das bedeutet auch Zweifel. Denn sicherlich hätte ich auch vieles leichter, wenn ich heterosexuell veranlagt wäre. Aber dann wäre ich nicht der, der ich heute bin. Und auf alles runterreduziert, auf den kleinsten Nenner heruntergeschält, mag ich mich. Und ich mag es schwul zu sein. Ich mag meinen Freund (sehr sogar). Und ich werde es mögen ihn zu (Homo-)heiraten, auch wenn der Staat und die Gesellschaft mir sagen: „Das ist doch gar keine richtige Ehe!“ Für mich ist es das. Und wenn es sein muss, dann kämpfe ich auch dafür, bis nichts mehr von mir oder dieser verkrusteten Gesellschaft übrig ist.

Und irgendwann wird es dann soweit sein, dass schwul auch gleichwertig heißen wird.

Schwul kann eben auch optimistisch bedeuten.