1Hungry2Fool
Jul 9, 2016 · 3 min read

Systematik des Todes

Wir stehen gemeinsam in der Nähe vom Ufer und warten. Mein Bruder – in Wahrheit Halbbruder – wollte erst nicht kommen. Nicht bei diesem „Wahnsinn“, wie er es nannte, mitmachen. Vor einer Woche ist er dann doch angereist. „Die Angst es irgendwann doch zu bereuen, ist zu groß“, hatte er gesagt und dabei versucht jegliche Emotion aus seiner Stimme zu verbannen.

Obwohl ich nicht rauche, bitte ich ihn um eine Zigarette und schon der erste Atemzug verödet jede freie Nervenbahn meines Rachens, sodass ich husten muss. Mein Bruder lächelt für eine Sekunde.

Mutter hatte ihn verlassen und er hat es ihr nie verziehen. Darum ist auch unsere Bindung nicht besonders eng. Lange Zeit kannte ich ihn nur aus ihren Erzählungen. Der große, starke, schlaue Bruder. Das Phantom mit dem ich mich messen musste. Nur dass es nie darum ging ihn zu übertrumpfen. Vielmehr war es so, als ob Mutter ihn aufgrund seiner Perfektion verlassen hätte, um es noch einmal zu probieren und etwas zu kreieren, das einem Versager näher käme. Er war der große, verheiratete Jurist. Ich war der polygamistische Studienabbrecher. Aber geliebt hatte sie uns beide. Nur vor mir hatte sie weniger Angst.

Ich dachte bisher immer jemanden plötzlich zu verlieren, sei das Schlimmste. Der schlimmste Tag meines Lebens ist genau davon geprägt. Von dem Gefühl mit aller Gewalt ein Stück des eigenen Herzens herausgerissen zu bekommen. Das schwarze Loch des fehlenden Abschiedes. Die Wut. Das Unverständnis. Ein Spektrum von Gefühlen, die alle gleichzeitig auf einen einprasseln und niederreißen. Furchtbar. Und der Schock sitzt so tief, dass man diesen nie wirklich hinter sich lässt. Jetzt weiß ich es besser: Lieber ein Verlust entgegen aller Erwartungen, unvorbereitet, abschiedslos, aber wissend, dass es ein voller Mensch war, der von dir gegangen ist. Nicht nur eine Hülle oder ein Schein der vorherigen Existenz. Ich will nie wieder zuschauen müssen, wie jemand zum Nichts hin konvergiert. Der Gedanke an solch eine Nichtexistenz ist das einzige, was mir wahrhafte Angst bereitet.

Die letzten Wochen waren sehr anstrengend gewesen. Papiere warteten auf Unterschriften. Überweisungsträger auf Ausfüllung. Briefe auf Marken. Wünsche auf Erfüllung. Vieles musste erledigt werden. Es war kräftezehrend, aber auch befreiend, diese Systematik des Todes hinter uns zu bringen. Naja, fast hinter uns.

Viele würden sicher mit Unverständnis auf mein Tun reagieren und nicht verstehen, warum ich mein Handeln mit Liebe rechtfertige. Zuerst dachte ich, das alles wäre in Wahrheit für mich. Für meine Befriedigung. Zu beweisen, dass jemand bereit ist, all das zu tun und dadurch die Hoffnung gebären, dass auch einmal jemand das Gleiche für mich tun würde. Aber mir würde das auch alleine gelingen. Ich bräuchte gar keine Hilfe. Die Angst vor dem Dahinsiechen ist in mir so groß, dass ich mich ohne weiteres in den nächstbesten Tod stürzen würde. Andere sind nicht so. Andere benötigen Hilfe.

Langsam verstreicht die Zeit und ich fange an nervös zu werden. Die Kälte beginnt an mir zu fressen und ich glaube, dies ist nur eine weitere Nacht einer verpassten Chance. Die dritte in Folge. Viele weitere wird es nicht mehr geben, dem bin ich mir sicher. Und was soll dann passieren? Ich sehe mich nicht dazu in der Lage in ein paar Tagen selber aktiv zu handeln. Und meinen Bruder erst recht nicht. Dann peitscht plötzlich der Knall eines Schusses durch die Nacht und ich zucke zusammen. Erschrecke mich, obwohl dies doch genau jener Moment ist, auf den wir beide die ganze Zeit gewartet haben.

Ich nehme einen letzten, tiefen, mich von innen verbrennenden Zug der Zigarette und schmeiße sie hinter mich. „Leb wohl Mutter“, murmele ich und rufe die Polizei. Dabei höre ich meinen Bruder leise weinen.

1Hungry2Fool

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