Die Paradoxie des Vertrauens in Medien, Legislative, Wissenschaft
Konrad Lischka
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Die ständige Polarisierung der Ansichten scheint sich als die führende Plage unserer Ära herauszuschälen. Könnte es nun sein, dass das zentrale Problem hierbei in einer grundsätzlichen Entfremdung gegenüber allen Strukturen ist, die man früher eben als Teil des Gemeinwesens empfunden hatte? Hätte man vor 40 Jahren beim Missmut über den Inhalt einer bestimmten Zeitung nicht darauf gepocht, dass hierbei Korrekturen vorgenommen werden — während man heute nur “abwinkt” und sagt “sind eh alles Lügner”? Das Wir-Gefühl des Gemeinwesens scheint durch soziale Medien ersetzt worden zu sein, die sich allerdings nicht gerade als sozial erweisen. Falsifikation ist eben ein Prozess, der auch eine gewisse Anteilnahme voraussetzt. Die ist heute oft nicht da. Man predigt lieber mittels Facebook & Co. aus großer Distanz. Oft wendet man zur Untersuchung bestimmter Sachverhalte noch weniger Zeit auf, als benötigt wird, um einen toxischen zehnzeiligen Kommentar unter einem Posting herauszuwürgen. Der moderene Internet-Mensch trägt nun seine Gefühlslage nach außen und Informationen, die ihn von der Außenwelt erreichen, werden in Sekundenschnelle mit der emotionalen Befindlichkeit abgeglichen und dann mit “Daumen hoch” oder “Daumen runter” abgewickelt. Somit stellen wir uns zunehmend in einen unauflöslichen Widerspruch: Die Welt wird immer komplexer und der öffentliche Umgang damit wird immer schlichter und infantiler.

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