Ein Anfang mit Irrtum — über Hintergrundrecherchen zu Fantasyromanen

Ales Pickar
May 3, 2015 · 6 min read

Mein (bis jetzt) fünfteiliger Erstling “In den Spiegeln” schildert eine Geschichte, die mehr der allgemeinen Phantastik zuzuordnen ist, als der “Fantasy” oder der “Science Fiction” (obwohl Elemente aus beiden Genres reichlich vorhanden sind). Beim fünften Teil findet der überwiegende Teil der Handlung in Rom und im Vatikan statt — wie könnte es auch anders sein: Rätseln und Geheimnissen auf der Spur. Eine nicht geringe Herausforderung, denn ab einem gewissen Punkt musste ich ungefähr sieben Seiten aus anderen Büchern lesen, um eine Seite zu schreiben. Die Quellen-Bücher (wie z.B. das großartige Buch “Die Geheimnisse Roms” von Corrado Augias) begannen sich zu stapeln und mich stumm zu ermahnen, dass die bloße Tatsache, dass ich weder ein Kunsthistoriker, noch mit einer Kunsthistorikerin verheiratet bin, zu einem lediglich ungenügenden Ergebnis führen kann.

Die Ehefrau-Anspielung richtet sich natürlich an Dan Brown, den ich nicht selten für einige abstruse Handlungsideen belächelt habe, doch dem ich nun auch mit einem gewissen Respekt begegne. Keine einfache Aufgabe, es in einer Abenteuergeschichte mit einer Weltstadt aufzunehmen und ihr auch noch gerecht zu werden. Ich denke, am Ende habe ich die sprichwörtliche Kurve gekriegt. Nicht selten im Geiste von “weniger ist mehr”.

Doch bereits im Finale des fünften Teils “Imaginäre Freunde” überlegte ich mir, mich in meinem nächsten Projekt mit reiner Fantasy zu befassen. Ich wollte etwas schreiben, bei dem ich nicht alle fünf Zeilen Fakten in Sachbüchern nachschlagen muss. Etwas, wo ich einfach nur loslege und die Geschichte übernehmen lasse. Da Fantasy-Welten eigene Gesetze haben, würde ich gar nichts recherchieren müssen. Was sich in der Handlung ergibt, das gilt. Meine Welt, meine Regeln. Denn schließlich, was ist Fantasy? Was sind die Zutaten? Heroen, die Schwerter tragen. Sie reiten Pferde. Fern des Horizonts bahnt sich eine große Bedrohung an. Sie haben Fantasienamen, die ein wenig lateinisch und ein wenig nordisch klingen. Unmögliche Barrieren werden durch Magier überwunden. Für das Übermenschliche sind Drachen zuständig. Los gehts!

Doch halt. Die letzten Zeilen sind einfach falsch. So entstehen sie also — die glorreichen Irrtümer. Jene Fehlannahmen, die uns auf unserer Reise weiterbringen.

Die Idee, dass Fantasy wenig Recherche braucht, ist zu einem geringen bruchstückhaften Teil richtig. Doch nur dann, wenn deine Geschichte mehr einem Märchen gleicht und gar nicht versucht, eine wirklichkeitsnahe Tonart anzustimmen. Doch nur dann…

Zwei Jahre später kann ich sagen, dass Fantasy eine Monstrosität im Bezug auf Recherchen ist. Die Bücherstapel sind noch größer als damals. Ganze Wände sind mit Fact-Sheets beklebt.

Denn natürlich werde ich keine märchenhafte Welt beschreiben. Meine Fantasy-Welt muss so exakt und so vielschichtig sein, ihre Protagonisten so existentialistisch, dass die Leser immer mehr und gänzlich freiwillig der Annahme verfallen, dass es irgendwo (oder irgendwann) meine Welt wirklich gibt.

Und das ist der Unterschied zu “In den Spiegeln”. In einem (wie auch immer fantastischen) Thriller gilt es zu prüfen, ob bestimmte Dinge so sind, wie sie sind — um keine albernen Irrtümer zu präsentieren. Wenn ein Autor seinen Protagonist nach Jakarta führt und ihn dann via Zeitmaschine 70 Jahre in die Vergangenheit “fahren” lässt, sollte er wissen, dass die Stadt bis 1942 “Batavia” hieß.

Doch eine detaillierte Fantasy ist von anderer Art. Hier gilt es alles zu erfinden, erschaffen — oder zumindest gut zu stehlen. Und keine Angst vor diesem bedrohlichen “S-Wort”. Wer denkt, dass dieses außerordentliche Wandbild namens “Herr der Ringe” einfach dem Kopf eines genialen Autors entsprang, sollte sich die Zusammenhänge zwischen Professor Tolkiens Fachgebiet und dem bekannten Ergebnis ansehen. “Mittelerde” ist ohne walisische, germanische und alt-finnische Sprache und Mythologie undenkbar und eine Menge Details sind direkt übernommen, ohne sich allzu viel Mühe zu machen, sie zu verstecken. Denn wer kennt schon wirklich die Geschichte von Hengest und Hnaef? Die meisten haben vielleicht etwas von Beowulf gehört.

Die Erschaffung einer Welt stellt den Autor unentwegt vor ein Dilemma. Er kann entweder “gerade mal so viel” erfinden, um den Weg zu beschreiben, den zu beschreiten es gilt. Eine Welt sozusagen, die vollständig aussieht, doch wenn der Leser unerlaubterweise eine beliebige Tür öffnen könnte, würde sein Blick Theaterkulissen und Pappmaché begegnen. Oder er wählt den zweiten Weg und vertieft sich in die endlos anmutende Aufgabe einer üppigen Welterschaffung.

Beide Vorgehensweisen haben Vor- und Nachteile. Der erste Weg erlaubt mehr Handlung zu schreiben — und das ist schließlich das wichtigste. Doch dieser Weg führt auch dazu, dass sich Dinge im Nachhinein rächen und mit sehr viel Mehrarbeit verbunden sind. Denn wenn das gesamte Mosaikbild nicht durchdacht wurde, besteht unentwegt die Gefahr von mangelnder Logik. Die andere Methode wirkt dem entgegen, doch kostet sie viel Zeit und führt zu dem Eindruck, als würde die Autorin oder der Autor wertvolle Zeit mit abwegigem Unsinn verschwenden und zu wenig schreiben.

Am Ende gilt die Frage, wie wirklichkeitsnah und wie unverfälscht sich die fantastische Welt anfühlen soll. Setzt man am Vorabend einer dunklen Bedrohung alles aufs Spiel, so sollte der Leser dieselbe Verlustangst empfinden, wie die Protagonisten. Hierbei geht es nicht darum, das Manuskript mit überbordenden Details zu versenken und zu einer Qual zu machen. Es muss nur für alles gesorgt sein. Für alles.

Es sind einfache Fragen. Wo sind wir? Was hören wir um uns herum? Wie riecht diese Welt? Woraus besteht das Essen? Welche Kleidung tragen die Menschen? Wie weit kann mich ein Pferd tragen? Und hinter all dem sollte die kleine, doch feine Antwort auf die Frage “und warum?” hinterlegt sein.

Hier geht es nicht darum, Fantasy des “Fantastischen” zu berauben und sie zu einer Art meta-historischem Roman umzugestalten. Obwohl … einiges spricht dafür und man sollte sich fragen, warum es “Das Lied von Eis und Feuer” ist, das sämtliche Preise einheimst und nicht irgendeine Geschichte über Vampire oder Magier. Ich weiß, ich weiß. Da gibt es noch so eine Fernsehserie mit endlos viel Sex dazu …

Natürlich ist es ein Wesenszug von Fantasy, Bauwerke zu präsentieren, die so fantastisch sind, dass es unmöglich erscheint, sie überhaupt zu bauen. Und solche Ausflüge stehen Fantasy jederzeit zu. Doch auch das Sagenhafte unterliegt einer eigenen Logik und diese muss definiert werden. Die Antworten auf die dabei entstehenden inhaltlichen Probleme liegen alle in unserer eigenen Geschichte und Mythologie.

Denn man braucht nur “Eis und Feuer” zu nehmen und man erkennt die massiven Türme aus Literatur, die George R.R. Martin gelesen, aufgesogen und analysiert hat. Von Steven Runciman, über Niccolò Machiavelli, von der Beda Venerabilis, bis zu Robert Ranke Graves. Wer ernsthaft annimmt, dass Martin nicht einige hundert Bücher verschlingen musste und lediglich aus sich heraus sehr langsam schreibt, muss gänzlich wahnsinnig sein. Sanfter lässt es sich nicht ausdrücken.

Auch das Noch-nie-dagewesene ist zumeist nur ein Remix.

(Ursprünglich auf www.kalion.de gepostet)

Welcome to a place where words matter. On Medium, smart voices and original ideas take center stage - with no ads in sight. Watch
Follow all the topics you care about, and we’ll deliver the best stories for you to your homepage and inbox. Explore
Get unlimited access to the best stories on Medium — and support writers while you’re at it. Just $5/month. Upgrade