Phantastik im tschechischen Nachkriegsfilm (Teil 1: 1948–1968)

Karel Zeman (1910–1989) // Photo © Muzeum Karla Zemana

1966 schrieb DER SPIEGEL über das tschechoslowakische Kino: “Das Ziel, so gute Filme zu drehen, ‘daß uns die Polen darum beneiden’ (…), hatten sich die tschechoslowakischen Filmer 1958 gesteckt.” In der Tat bewies die ČSSR in diesen Jahren eine erstaunliche Produktivität und erschuf einen pulsierenden Mikrokosmos aus Komödien, Dramen, historischen Epen und … — außerordentlich originellen Science-Fiction-Streifen. Es ist eine Aufbruchszeit und italienische, deutsche und amerikanische Investoren schwirren um die Filmateliers von Barrandov. Man will an der ideologischen Trennwand des Ostblocks vorbei in tschechische Filme investieren. Der kurze Artikel listet die damals heißen Projekte auf den Pfannen der tschechoslowakischen Filmemacher auf. Ein Drittel davon ist dem Fantastischen gewidmet. Für einen Augenblick scheint es, als ob in diesem kleinen Land im Herzen Europas eine Art „Weta Workshop“ der 60er entstehen soll.

Verglichen mit der lupenreinen SciFi, hatte es das Fantasy-Genre in der ČSSR deutlich schwerer. Diesen Sachverhalt könnte man leicht dem etwas pragmatischen Gemüt zuschreiben, für das die Böhmen bekannt sind. Doch die Hauptursache ist vor allem in dem politischen Klima der Nachkriegszeit zu finden.

Mit der Machtübernahme der Kommunistischen Partei im Februar 1948 begann auch die kulturelle Einflussnahme der Chefideologen auf Kunstschaffende. Für die Kader hatte Kunst in erster Linie ein Spiegelbild der sozialistischen Erfolgsgeschichte zu sein. Das war ein enggefasster Rahmen, in den sich einige Regisseure nur schwer fügen konnten. Noch auf dem 11. Parteitag beklagte die KP, dass die Spielfilme „nicht immer am Puls des sozialistischen Lebens seien“. Ob nun eine ländliche Komödie, oder ein Großstadtdrama — stets sollte die moralische Überlegenheit des Arbeiters über dem verbohrten Bourgeois sichtbar sein.

Über all dem wachte der Große Bruder. Doch die Sowjets waren der Science Fiction gewogen und förderten sie. Für die Russen war futuristische Literatur in erster Linie eine Metapher für soziale Veränderung. Roboter waren analog mit den kapitalistischen Sklaven zu sehen. Utopische Weltraum-Städte konnten die Beständigkeit des Leninismus repräsentieren oder umgekehrt die düsteren Aussichten einer imperialistischen Dystopie. Die tschechoslowakischen Zensoren mussten einsehen, dass es nicht im Sinne der Sowjetunion war, alle Spielfilme nur den Alltag in Fabriken, Landwirtschaftsbetrieben und im Lebensmittelhandel reflektieren zu lassen.

So gab es für die Science Fiction in der ČSSR stets einen gewissen Spielraum. Vorausgesetzt, die Geschichte verherrlichte nicht den Imperialismus. Ein grober Kompass für die Akzeptanz westlicher SciFi-Bücher zeichnete sich ab. Arthur C. Clarke: ja. Isaac Asimov: nein. Robert A. Heinlein: eindeutig nein. Ohnehin sah man es lieber, wenn die Bücher nicht aus dem Westen kamen, sondern an den heimischen Schreibtischen geschrieben wurden.

Science Fiction aus der Sowjetunion. Tschechische Ausgabe einer Erzählung von Arkadij und Boris Strugatzki aus dem Jahr 1963.

Mochte dieses strenge Klima für eine freie Entfaltung des Genres ungeeignet sein, entstanden in dieser Zeit dennoch einige faszinierende und außerordentlich kauzige Science-Fiction-Filme. Wie sehr sie nun im Einzelnen mit der vollen Zustimmung der Partei produziert worden sind, ist eine Frage, die tschechische Kunsthistoriker beschäftigen mag. Die Zensoren werden bei einigen Filmen unter der Last des Skurrilen und Surrealen resigniert haben. In anderen Fällen war es der Erfolg im Ausland (und damit der Zufluss der westlichen Devisen in die eher karge Staatskasse), der den Filmemachern recht gab.

Dagegen waren die oft feudal und imperialistisch anmutenden Fantasy-Geschichten den Zensoren viel mehr ein Dorn im Auge. „Der Hobbit“ wurde in den 60ern in der parteinahen Zeitung „Rudé pravo“ noch als ein Märchen mit „klassischen Motiven des Guten und des Bösen“ gelobt. 1966 fand in Kooperation mit einer amerikanischen Produktionsfirma in Prag sogar die erste Tolkien-Verfilmung aller Zeiten statt: Bilbos Abenteuer wurden mit Hilfe des Illustrators Adolf Born auf Film gebannt — als Zeichentrick. Doch hierbei muss verstanden werden, dass „Fantasy“ als ein konkretes Genre in den 50ern und 60ern keine Bedeutung hatte. „Der Hobbit“ wurde als ein Märchen rezipiert und somit eher in der Tradition von Hans Christian Andersen gesehen.

Gene Deitch produzierte 1966 die erste Verfilmung eines Tolkien-Buchs mit den Zeichnungen von Adolf Born.

Bei „Herr der Ringe“ hörte für die Apparatschiki der Spaß jedoch auf. Die Trilogie wurde (wie die meisten Fantasy-Bücher dieser Zeit) als ein politischer Angriff auf den Sozialismus verstanden und einfach totgeschwiegen. Zu sehr erschien den Zensoren die Welt der Mittelerde als ein Abgesang auf aristokratische oder bourgeoise Zustände, während das im Osten liegende, finstere Reich Mordor stark nach einer Kritik an der Komintern und am Warschauer Pakt schmeckte. Eine Analogie, gegen die sich Tolkien vehement gewehrt hätte.

Ab 1980 kursierte eine private Übersetzung von „Der Herr der Ringe“, an der die Anglistin Stanislava Pošustová zwei Jahre im Geheimen gearbeitet hatte und die sich unter den Dissidenten der „Charta 77“ großer Beliebtheit erfreute. Doch eine offizielle Veröffentlichung der Trilogie gab es erst nach der politischen Wende von 1989.

1948 | Krakatit — oder: die Mahnung an kommende Generationen

Den Startschuss für den tschechischen Science-Fiction-Film gab 1948 Otakar Vávra. Der renommierte Filmemacher, der zu diesem Zeitpunkt bei 25 Filmen Regie geführt hatte, adaptierte hierbei eine Novelle von Karel Čapek, dessen dystopische Arbeiten in den 20ern ein breites Publikum fanden. Der internationalen SciFi-Gemeinde dürfte Čapek vor allem dadurch bekannt sein, dass er der Welt das Wort „Roboter“ geschenkt hatte.

Krakatit“ ist die fieberhafte Geschichte eines Chemikers, der im Labor eine Substanz von ungeheurer Sprengkraft entwickelt. Er nennt das Molekül Krakatit, benannt nach dem indonesischen Vulkan Krakatoa (wo 1883 die vermutlich stärkste Eruption in der modernen Geschichte stattgefunden hatte). Prokop, der begnadete Chemiker, wird zu einem Spielball der Mächte. Denn nur er kennt die Formel für die Massenvernichtungswaffe. Staaten und Unternehmen sind bereit, ihm viel Geld zu geben — noch mehr sind sie gewillt, ihn zu bedrohen.

Karel Höger und Vlasta Fabianová in “Krakatit” (1948) // Photo © Československá filmová společnost

Krakatit“ ist ein Film mit einer klaren Botschaft: Forschung birgt auch Gefahren, die mit der Teilnahme der Mächtigen und Machtgierigen einhergehen. Es überrascht nicht, dass der Film nur drei Jahre nach dem Abwurf von zwei Atombomben über Japan erscheint. Die Aussagen mögen heute etwas schlicht erscheinen und der Komplexität unserer Welt kaum gerecht werden. Doch es ist vor allem Vávras erfahrener Regiestil, der dem Film seine Film-Noir-Handschrift verleiht.

Zweiunddreißig Jahre später, in 1980, drehte Vávra unter dem Titel „Temné slunce“ (Die dunkle Sonne) kurioserweise ein Remake seines eigenen Films. Doch der Versuch, die Story auf den neuesten Stand des späten 20. Jahrhunderts zu heben, fand beim Publikum nur wenig Zuspruch.

Science Fiction als ein Medium der Mahnung ist ein populäres Motiv der frühen Nachkriegsjahre — wie man an dem 20-minütigen Kurzfilm „Kybernetická babička“ (Die kybernetische Großmutter) vom Vater der tschechischen Trickfilm-Animation Jiří Trnka sehen kann. Der 1962 produzierte Kurzfilm beschreibt die Kälte der Maschinen am Beispiel einer Roboter-Oma, welche über ein kleines Mädchen wacht. Ihre Worte sind zwar liebevoll, doch ihre makellose Funktionalität jagt dem Kind Angst ein. Dass Science Fiction auch ein Mittel der Romantik und des Träumens sein kann, ist ein Konzept, das noch seiner Entdeckung harrt.

Karel Höger in “Krakatit” (1948) // Photo © Československá filmová společnost

1955 | Karel Zeman und die Suche nach Trilobiten

Bei der Beschreibung des fantastischen Films innerhalb der ČSSR thront eine Gestalt unmissverständlich über allen anderen: Karel Zeman — Regisseur, Kameraexperte und Animationsgenie.

Mit der Erfahrung aus zwölf Animationsfilmen bricht er 1955 zu einer Reise auf, die international Aufsehen erregen soll. Noch 40 Jahre später äußert Steven Spielberg in einem Interview sein Erstaunen darüber, dass es dem Filmemacher bereits in so frühen Geburtsjahren der „Special Effects“ gelungen war, einen so ausgetüftelten Film zu präsentieren.

Photo © Archiv TV Barrandov

Der Spielfilm trägt den schlichten Titel „Cesta do pravěku“ (Die Reise in die Urzeit). Es ist die Geschichte der vier Jungs Petr, Jirka, Toník und Jenda, die unweit eines Höhleneingangs die Versteinerung eines Trilobiten finden. Durch die Höhle fließt ein Fluss und so brechen die vier Freunde in einem Boot zu einer Entdeckungsreise auf. Schon bald führt der Strom zurück ans Tageslicht, doch die Jungs befinden sich nicht mehr in „unserer Welt“. Der Fluss ist zu einer Metapher für die Erdgeschichte geworden. Die jungen Entdecker geraten zuerst in die Eiszeit, wo sie Mammuts und einem Smilodon (Säbelzahntiger) begegnen. Sie folgen immer weiter dem Wasserlauf und stoßen damit immer tiefer in die Erdgeschichte vor. Sie erleben das Tertiär, wo sie z.B. einen Phorusrhacos (einen über 2 Meter großen Raubvogel) entdecken. Der Höhepunkt des Films stellt sicherlich der Aufenthalt im Mesozoikum und die beeindruckenden Kämpfe mit Dinosauriern dar. Am Ende gelangen die vier Jungs an die Quellen des Flusses und entdecken lebende Trilobiten — sinnbildlich für den Anfang unserer biologischen Geschichte.

Photo © Československý státní film

Karel Zeman, der Mann, der ein wenig wie Yul Brynner aussah, übertrug mit „Die Reise in die Urzeit“ ein damals populäres Buch-Motiv in einen Film. Zu jener Zeit erfreuten sich die populärwissenschaftlichen Bücher des Paläontologen Dr. J. Augusta bei Jugendlichen großer Beliebtheit. Es waren gut lesbare Geschichten, die den Alltag der Urzeittiere festhielten und den jungen Lesern auf unterhaltsame Weise die Evolution erklärten. Das Markenzeichen von Augustas Büchern waren die reichhaltigen Illustrationen von Zdeňek Burian. Diese bewährte Atmosphäre aus Wort und Bild kann als die stärkste Inspiration für den Film gesehen werden. Ebenso wird häufig das 1927 erschienene Buch „V pravěkém světě“ (In der Urzeitwelt) des SciFi-Pioniers Arnošt Caha als eine deutliche Eingebung für den Film zitiert.

Frontispiz von “Aus den Tiefen der Urzeit”. Zeichnung: Zdeněk Burian.
Buchseite aus Josef Augustas “Aus den Tiefen der Urzeit” (1959), Zeichnung: Zdeněk Burian.

Die Spezialeffekte des Films entstanden in einer sehr detaillierten Mischung aus Stop-Motion-Technik, illustrierten Matte Paintings und teilweiser Zeichentrick-Technik. Bei den Filmfestspielen in Venedig erhielt der Film 1955 eine Auszeichnung als bester Kinderfilm des Jahres.

Die Reise in die Urzeit“ ist kein Film, der ein starkes Drehbuch vorweisen kann. Und doch spricht das Werk auf unterschiedlichen Ebenen zum Zuschauer. Ungeachtet der visuell starken Spezialeffekte zeigt die Geschichte auf unkomplizierte Weise das Wesen von Jungen-Freundschaften und der damit einhergehenden Loyalität und Naturverbundenheit. Ein Topos, der sich gerade bei den Tschechen stets großer Beliebtheit erfreute. „Die Reise in die Urzeit“ gehört somit zur kollektiven Erfahrung tschechischer Pfadfinder und Pioniere.

1958 | Zeman legt nach: Die Ästhetik des Verderbens

Das Jahr 1958 markiert die Entstehung eines ungewöhnlichen Filmprojekts. Erneut ist es Karel Zeman, der als Regisseur eine ehrgeizige Vision verfolgt: die ultimative Verfilmung eines Jules-Verne-Romans. Er greift nach der weniger bekannten Erzählung “Face au drapeau” von 1896, die in Deutschland als “Hoch die Flagge des Vaterlands!” veröffentlich wird und heute mehr unter dem Titel “Die Erfindung des Verderbens” bekannt ist.

Vernes Novelle ist eine bildgewaltige Geschichte über einen modernen Piraten, der einen genialen Wissenschaftler aus einem Sanatorium entführt und mit dessen Hilfe von einer karibischen Insel aus ein technokratisches Imperium aufbauen möchte. Ein reizvoller Stoff und ein Kaleidoskop des „Fin de Siècle“, in dem die Vorzüge und die Gefahren der Technologisierung gleichermaßen hervorgehoben werden. Wie sollte man eine augenscheinlich so aufwändige Geschichte inmitten eines kleinen Landes im Herzen Europas drehen?

Tschechische Ausgabe von “Die geheimnisvolle Insel” mit den Motiven von Édouarde Riou und Léon Benett

Zeman und sein Team bewiesen bei der Produktion eine außerordentliche Raffinesse und ebneten sich damit den Weg in die Annalen der Filmgeschichte. Hierzu muss man auch Jules Vernes Rezeption in der ČSSR ansprechen. Vor dem Zweiten Weltkrieg (einen Zeitabschnitt, den man in Tschechien heute als die “Erste Republik” bezeichnet) hatten sich die Romane von Jules Verne einer außerordentlichen Beliebtheit erfreut. Es war der tschechische Dichter und Publizist Jan Neruda, der Jules Verne auf seinen Reisen durch Frankreich entdeckt und dessen Erstling “Fünf Wochen im Ballon” nach Prag gebracht hatte. Das Verlagshaus Vilímek veröffentlichte in den Jahren 1893–1935 insgesamt 51 Bücher von Jules Verne. Es waren liebevoll gestaltete Werke, die entweder die Original-Kupferstiche von Édouarde Riou und Léon Benett verwendet hatten, oder in den späteren Ausgaben mit Illustrationen des aufsteigenden Star-Zeichners Zdeněk Burian ausgeschmückt wurden. Die Wahrnehmung von Jules Verne war somit untrennbar von den Illustrationen in den populären Buchausgaben.

Original Frontispiz aus “Les Enfants du Captain Grant” von Riou (1867)

Hier setzte Karel Zeman an. Die Filmemacher erschufen ein komplexes Set und ergänzten es mit Matte Paintings, die auf den ursprünglichen Kupferstichen basierten. Das Ergebnis erschafft eine stylische Atmosphäre, die das Dampfzeitalter und den Geist der Belle Époque atmet.

Die Erfindung des Verderbens” ist eine stimmungsvolle Blaupause für den heutigen “Steampunk“ und Karel Zeman ist der frühe Ideengeber dieser Bewegung. Es ist aber auch das sprachlich reife Drehbuch, für das Zeman den damals berühmtesten tschechischen Dichter František Hrubín angeheuert hatte, das dem Film ein lyrisches Niveau verleiht.

Die Bücher von Jules Verne sind häufig von Filmemachern aufgegriffen worden und führen dennoch ein eher unglückliches Dasein in der internationalen Kinematographie. Denn sogar jene Verfilmungen, die aus den USA stammen (hier allem voran der 1954 produzierte Disney-Film „20.000 Leagues Under the Sea“) weichen häufig zu weit von der Vorlage ab und geben nur mäßig jenes Gefühl wieder, das Jules Vernes Romanen so eigen ist. Zemans ehrgeiziges Projekt gilt als die inhaltlich gelungenste Verfilmung eines Jules-Verne-Romans. Es ist einer der seltenen Fälle, bei dem minutiös auf die Buchvorlage des französischen Visionärs geachtet wurde.

Photo © Filmové Studio Gottwaldov

Die Treue an die Vorlage wurde belohnt. „Vynález zkázy“ (wie der Film im Original heißt) ging erfolgreich um die ganze Welt. Er erhielt den Preis der Französischen Akademie, wie auch den Großen Preis EXPO 1958.

Zeman verfilmte mit ähnlichem Erfolg noch zwei weitere Jules-Verne-Bücher: “Ukradená vzducholoď” (basierend auf Themen der Romane “Deux ans de vacances” und “L’île mystérieuse”) und “Na kometě” (nach dem Roman “Hector Servadac. Voyages et aventures á travers le monde solaire”, in Deutschland bekannt als “Reise durch die Sonnenwelt”).

Photo © Filmové Studio Gottwaldov

1963 | Ikarie, oder: Der Aufbruch zu den Sternen

Jindřich Polák ist 36 Jahre alt, als er sich aufmacht, die bis dahin aufwändigste Produktion der tschechischen Filmgeschichte umzusetzen. Sein Film „Ikarie XB 1“ soll der einzige filmische Ausflug des Landes in die Welt der harten Science Fiction bleiben. Der junge Filmemacher war Regieassistent bei Vávras „Krakatit“. Nun will er seine eigenen futuristischen Zeichen setzen.

Photo © Filmové Studio Barrandov

Man schreibt das Jahr 2163. Vierzig Wissenschaftler und Kosmonauten brechen zu einer interstellaren Mission auf. Ziel: das Alpha Centauri System. Unterwegs stoßen sie auf ein verlassenes Raumschiff, dessen Crew tot ist. Es handelt sich um eine veraltete Rakete aus dem 20. Jahrhundert, beladen mit nuklearen Waffen. Doch die schwerste Herausforderung bleibt unsichtbar: eine rätselhafte Schlafkrankheit breitet sich aus und stellt die Besatzung vor die Frage, umzukehren, oder die Mission fortzusetzen. Konflikte an Bord bahnen sich an.

Photo © Filmové Studio Barrandov

Der in Schwarzweiß gedrehte Streifen vereint visuelle Ästhetik und nachdenkliche Töne. Der Film blickt auf das 20. Jahrhundert zurück und übt Kritik.

Die Geschichte besticht mit starkem Casting und fesselnden Dialogen zwischen den Besatzungsmitgliedern. Es gibt Action, es gibt Roboter und es gibt eine rätselhafte Nemesis. „Ikarie XB 1“ ist ein visuell reizvoller Film, dessen Spezialeffekte verblüffend gut sind.

Die meditative Stimmung mutet wie ein inoffizieller Ideengeber für „2001: A Space Odyssey“ und „Interstellar“.

1966 | Wenn (feuchte) Träume wahr werden, oder: Wer will Jessie umbringen?

Ein schwarzweißer Film, in dem viel Pyjama getragen wird. Ein kleinbürgerlicher Mann mittleren Alters lebt in einer tristen Ehe. Die Schlafzimmer sind getrennt, nur am Donnerstag, da wird das Bett geteilt. Doch dann verselbstständigen sich die heimlichen Träume des Mannes und Chaos bricht aus.

Der Hauptprotagonist von „Kdo chce zabít Jessii?“ ist Ingenieur Beránek, der sich als Entwickler in einer Baufirma betätigt. Abends arbeitet er lieber an seinen Projekten, um sich nicht mit seiner Ehefrau Růžena unterhalten zu müssen. Die liebe Gattin ist ein recht dominanter Drache und zu allem Überdruss auch noch eine geachtete Erfinderin in einem Forschungsinstitut. Eines Tages entwickelt sie ein Präparat, das Albträume beseitigen kann. Sie experimentiert mit Kühen und kann bei einem Rind erfolgreich die Mückenschwärme aus dessen geplagten Schlaf tilgen.

Olga Schoberová in “Kdo chce zabít Jessii?” // Photo © Filmové studio Barrandov

Der Ehemann Beránek lebt währenddessen in seinen Tagträumen. Er liest fasziniert einen Comic über die blonde und wohlproportionierte Heldin Jessie (eine Art Honey Ryder aus „007 jagt Dr. No“), die auf dem Papier allerlei Abenteuer besteht. So wundert es nicht, dass nachts die lasziven Fantasien und halsbrecherischen Gefahren in seine Träume überschwappen. Die misstrauische Růžena setzt heimlich den „Traumscanner“ bei Beránek ein — und entdeckt Jessie, die Comic-Nixe. Die eifersüchtige Wissenschaftlerin verabreicht ihrem Mann das experimentelle Serum, in der Hoffnung auf diese Weise die „virtuelle“ Konkurrentin aus dem Verkehr zu ziehen.

Als am nächsten Morgen Beránek aufwacht, stellt er schockiert fest, dass sich drei Personen aus seinen Träumen materialisiert haben. Da ist die anmutige Jessy, doch mit ihr erscheinen auch ihre Antagonisten aus dem Comic-Heft: ein waschechter Superheld im Trikotkostüm und ein raubeiniger Gunslinger. Die drei Fantasiegestalten verwüsten in kürzester Zeit die Wohnung der Beráneks und stürzen sich in die Straßen von Prag.

Karel Houska, Dana Medřická, Otto Šimánek in “Kdo chce zabít Jessii?” // Photo © Filmové studio Barrandov

Der Regisseur heißt Václav Vorlíček. Er ist 36 Jahre alt und es ist sein erster großer Film. Für Vorlíček ist es auch der Beginn einer langjährigen Zusammenarbeit mit dem Drehbuchautor Miloš Macourek, mit dem er mehrere Filme und TV-Serien produzieren wird, inklusive des Kultfilms „Jak utopit dr. Mráčka aneb Konec vodníků v Čechách“ (Wie soll man Dr. Mráček ertränken? oder: Das Ende der Wassermänner in Böhmen). 1974 dreht Vorlíček zusammen mit der DEFA die im deutschen Fernsehen ad finitum gezeigte Märchenverfilmung „Tři oříšky pro Popelku“ (Drei Haselnüsse für Aschenbrödel).

In der Rolle des stummen Superhelden hatte Vorlíček den Bodybuilding-Pionier Juraj Višný engagiert. Ein origineller und durchaus progressiver Reiz der 1966 gedrehten Komödie besteht auch im Einsatz von echten Comic-Elementen. So sprechen die zum Leben erweckten Traumgestalten nicht mit ihren Stimmen, sondern generieren über ihren Köpfen Sprechblasen mit dem betreffenden Satz. Die im Film verwendeten Zeichnungen stammten von Kája Saudek, der nach der Zusammenarbeit mit Vorlíček aufgebrochen war, um Tschechiens berühmtester Comic-Künstler zu werden.

Der seichte Spott an amerikanischer Comic- und Superhelden-Kultur mag den Zensoren entscheidenden Anstoß gegeben haben, diesen schrulligen Film zu genehmigen. Doch in jenen Jahren gab es nur wenige Tschechoslowaken, die mit amerikanischen Comics oder mit Superman etwas anfangen konnten. Die Satire richtet sich in Wirklichkeit gegen die Heucheleien der Ehe und stellt das Recht auf heimliche Träume in Frage.

Dana Medřická und Juraj Višný in “Kdo chce zabít Jessii?” // Photo © Filmové studio Barrandov

Kdo chce zabít Jessii?“ (wörtlich „Wer möchte Jessie töten?“) ist der frühe Vorbote einer Wende im tschechischen Science-Fiction-Film und wird in den 70ern und 80ern viele Nachahmer finden. Das Phantastische dient hier als ein Vehikel für Humor. Die zu erwartende stereotype Kritik an den „Gefahren moderner Technik“, wie sie in „Krakatit“ oder in „Die Erfindung des Verderbens“ gepredigt wurde, entpuppt sich bei genauem Hinsehen als eine augenzwinkernde Häme am Spießertum und als eine Persiflage der damals noch wenig besprochenen Midlife-Crisis bei Männern.

Das ernsthafte Pathos der Science Fiction weicht nun dem Skurrilen. Die Fiktion findet von nun an in Mietshäusern statt. Plötzlich ist es nicht die Angst vor der Zukunft, welche die Stimmung zwischen uns und der Leinwand definiert, sondern die Sorge, dass wir zu unflexibel sind, um uns der Veränderung in unserem eigenen Leben zu stellen. Es geht um die Frage, ob wir Kontrolle über unser Schicksal haben.

Wer will Jessie umbringen?“ sollte 1968 in Hollywood ein Remake erfahren. Doch die politischen Umwälzungen in der ČSSR machen den Amerikanern einen Strich durch die Rechnung. Die Aufbruchsstimmung geht mit der Niederschlagung des Prager Frühlings am 20. August 1968 jäh zu Ende. In den darauffolgenden Jahren der politischen Normalisation ist kein Platz mehr für kreative Zukunftsträume. Auch in diesen Jahren entstehen in der ČSSR kurzweilige und originelle Science-Fiction-Filme. Doch es sind zumeist exzentrische Komödien wie „Wer will Jessie umbringen?“. Weniger Vision, mehr Slapstick. Für ein internationales Publikum macht es diese Filme viel weniger zugänglich.

Die Zeit der Filmfestspiele ist für den tschechoslowakischen Fantasy- oder Science-Fiction-Film zu Ende.

Weiterführende Links:
www.muzeumkarlazemana.cz/
Das Karl-Zeman-Museum in Prag. Empfehlenswert!

http://www.csfd.cz/
Die Datenbank für den Tschechoslowakischen Film.

http://www.barrandov.cz/
Webseite der legendären Barrandov Studios

Zusätzliche Quellen:
http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/46407319
http://www.radio.cz/de/rubrik/tagesecho/karel-zeman-museum-in-prag-eroeffnet
http://blog.abchistory.cz/cl278-recenze--hobit-made-in-czechoslovakia.htm
http://blog.abchistory.cz/cl273-j--r--r--tolkien-a-pan-prstenu---cesky-preklad--stanislava-posustova-mensikova.htm
http://kultura.idnes.cz/rok-2010-je-rokem-karla-zemana-tvurce-jehoz-ctil-i-spielberg-pzm-/filmvideo.aspx?c=A100103_194231_filmvideo_tt

Wie liest man die tschechischen Namen im Beitrag?
Otakar Vávra: [Otakar Wáwra / “á”= verlängertes “a”]

Karel Čapek: [Karel Tschapek / “č” = “tsch” wie im deutschen “Tschechien”]

Jiří Trnka: [Ji-rzsch-í Trnka / “ř” = ähnl. wie “rzsch” / í” = verlängertes “i”]

Karel Zeman: [Karel Seman / “z” = stimmhaftes “s” wie im deu. “Rasen”]

Zdeněk Burian: [Sde-ñek Burian / “z” = stimmhaftes “s” wie im deu. “Rasen” / “ně” = ein weiches “n”, ähnlich wie im spanischen “ñ” z.B. bei “cariño”]

Arnošt Caha: [Arnoscht Caha / “š” = “sch” / “c” wie im deutschen “Zirkel”]

František Hrubín: [Fran-tji-schek Hrubín / “ti” = “= ein weiches “t”, ähnlich wie “tj” / š” = “sch” / “í” = verlängertes “i”]

Jindřich Polák: [Jin-drzsch-ich Polák / “ř” = ähnl. wie “rzsch” / “á”= verlängertes “a”]

Václav Vorlíček: [Wá-claw Wor-lí-tschek / “v” = “w” / “á”= verlängertes “a” / “š” = “sch” / “c” wie im deutschen “Zirkel” / í” = verlängertes “i” / “č” = “tsch” wie im deutschen “Tschechien”]

Miloš Macourek: [Milosch Ma-cou-rek / “š” = “sch” / “c” wie im deu. “Zirkel” / “ou” = klingt wie das englische “go” oder “road”]

Kája Saudek: [Ká-ja Sau-dek / “á”= verlängertes “a”]