Warum wir nicht mehr brauchbare Gründungen haben.


Was sich seit 2002 geändert hat.

Ich bin 2002 von Hamburg nach Wien gekommen. In Hamburg hatte ich mit Startups zu tun, davor in Düsseldorf habe ich für eine kleine Firma gearbeitet, und davor selbst gegründet.

Im Jahr 2002 kam ich nach Wien um für eine neu gegründete Tochter eines asiatischen Konzerns zu arbeiten, und hatte viel mit österreichischen Startups zu tun, die uns beliefert haben. Das waren damals kleine Firmen, die Freude an ihrer Arbeit hatten, Freude an dem was sie inhaltlich gemacht haben, und Freude daran selbst bestimmen zu können, wie ihre Arbeit organisiert ist. Genau die Gründe aus denen ich in Düsseldorf selbst gegründet hatte, und die mich später nach Hamburg gezogen haben.

Eine Startup-Typologie für das Jahr 2015.

Heute sehe ich oft einen von vier Startup-Typen:

  • Das Lebenslauf-Startup. Man gründet ein Startup, oder arbeitet bei einem Startup, um sich in den Lebenslauf und seine persönliche Lebensgeschichte schreiben zu können: Hat ein Startup gegründet. Alles andere ist egal. Man will nichts aus der Erfahrung lernen, in einer sehr kleinen Firma zu arbeiten, wo man Einblick in Zusammenhänge bekommt, die man in großen Unternehmen nicht mitbekommt. Man will weder eine Firma noch ein gutes Produkt erschaffen. Es geht darum einfach das Gefühl genießen Gründer zu sein, oder bei der nächsten Party erzählen können, dass man für ein Startup arbeitet.
  • Das Pitch-Startup. Gewinnt diverse Pitch-Wettbewerbe, Förderungen, und Aufmerksamkeit in den Medien. Hat eine perfekte Präsentation, professionell gestaltete Werbematerialen, kennt alle “Wie man als Startup erfolgreich wird”-Blogposts auswendig. Aber im Verhältnis zur Dauer, die das Startup besteht, gibt es ein nur sehr unausgereiftes Produkt. Dafür fehlt einfach die Zeit. Die Firma, und auch das Produkt, werden immer nur so weit entwickelt, wie es unbedingt notwendig ist um am nächsten Wettbewerb teilnehmen zu können, um die nächste Förderung zu bekommen, um die nächste Finanzierung zu erhalten. Bei diesem Startup-Typus geht es nicht darum eine Firma mit einem Produkt oder einer Dienstleistung zu erschaffen, sondern um den Adrenalin-Kick aus dem Drumherum.
  • Das Bastler-Startup. Der Gegenpol zum Pitch-Startup. Das Bastler-Startup hat ein Produkt oder eine Dienstleistung, und da wurde auch schon viel Zeit hinein investiert. Es wird immer weiter an dem Produkt herum geschraubt, aber ohne daraus eine Firma zu machen. Eine Firma müsste sich mit Kunden, Vertrieb, Finanzen und dem Einstellen von Mitarbeitern kümmern, alles Dinge die nach wenig Spaß klingen. Das Produkt ist nur bei wenigen potentiellen Kunden bekannt, und die lieben daran den unfertigen Charakter und die Leute die es bauen. Die Vorstellung, daraus könnte eine Firma werden, ist für diese Gründer eher unheimlich als anziehend.
  • Das Selbstausbeuter-Startup. Hat alles was den anderen Typen fehlt. Das Selbstausbeuter-Startup arbeitet wie eine Firma, hat ein halbwegs ausgereiftes Produkt, hat Kunden. Es findet sogar Leute die mitarbeiten wollen, mit Betonung auf arbeiten. Aber es gibt kein funktionierendes Geschäftsmodell. Die Suche nach einem Geschäftsmodell, nach zahlenden Kunden, nach Einnahmen mit denen sich nicht nur ein Mittagessen, sondern der eigene Lebensunterhalt (und der der Mitarbeiter, sobald es welche gibt) finanzieren lässt, gilt als Mangel an Motivation, Einsatzbereitschaft und überhaupt: als Verrat an der Idee.

Dazu hat sich in den letzten Jahren eine Landschaft aus Förderungen, Mentoren, Veranstaltungen, und Medien herausgebildet, die genau diese vier Startup-Typen heranziehen und unterstützen. Und diese Landschaft gräbt indirekt den Startups, wie es sie noch vor 10 Jahren gab, das Wasser ab.

Design Thinking, Intentional User Experience, Open Innovation — die Methoden sind längst da. Jetzt heisst es sie für die Digitale Transformation, die Entwicklung neuer Accelerator Programme, und Corporate Entrepreneurship anwenden.

Diesen Artikel habe ich in Wien geschrieben, mit viel Liebe und einer guten Tasse Wiener Kaffee. Um das Gespräch fortzusetzen, oder zu besprechen, wie ich Start-ups und Corporate Entrepreneurs coache, kontaktiere mich per LinkedIn. Aber bevor du auf diesen Link klickst, melde dich bitte auf Medium an und “empfehle” und teile diesen Artikel. Danke! Ich schulde dir einen Kaffee wenn wir uns das nächste Mal treffen.