Corona-Krise — Das Verhalten auf dem Rettungsweg

COVID-19 Superspreader-Veranstaltungen in 28 Ländern: Kritische Muster und lehrreiche Erkenntnisse

Geschrieben von Jonathan Kay

Mit freundlicher Genehmigung des Autors aus dem Englischen übersetzt von Andreas Bangemann

1899 bewies ein deutscher Bakteriologe namens Carl Flügge, dass Mikroben durch große Tröpfchen, die mit hoher Geschwindigkeit aus Mund und Nase austreten, ballistisch übertragen werden können. Seine Methode zum Nachweis der Existenz dieser nach ihm benannten “Flügge-Tröpfchen” bestand im sorgfältigen Zählen der auf Kulturplatten wachsenden Mikrobenkolonien von ausgestoßenen Sekreten infizierter Versuchspersonen. Das dürfte keine angenehme Arbeit gewesen sein. Aber seine Entdeckungen retteten unzählige Leben. Und mehr als 12 Jahrzehnte später identifizierte man diese großen Atemtröpfchen als ein Übertragungsweg für COVID-19.

Flügges Doktoranden setzten seine Arbeit bis ins 20. Jahrhundert fort, indem sie mit verschiedenen Probanden experimentierten, die auf unterschiedliche Weise Schleimhaut-Speicheldrüsentröpfchen ausstießen. Schließlich stellten sie fest, wie ein Bericht in den “Proceedings of the Royal Society of Medicine” aus dem Jahr 1964 aussagt, dass die Menge der ausgestoßenen Flügge-Tröpfchen je nach Art der Atmung stark variiert: “Sehr wenige, wenn überhaupt welche, … Tröpfchen werden bei ruhiger Atmung erzeugt, sondern [stattdessen werden sie] bei Tätigkeiten wie Sprechen, Husten, Blasen und Niesen ausgestoßen”. Ein einziger starker Husten, so weiß man heute, kann bis zu einem viertel Teelöffel Flüssigkeit in Form von Flügge-Tröpfchen ausstoßen. Und je höher die Austrittsgeschwindigkeit des Hustens ist, desto grösser sind die Kügelchen, die ausgeworfen werden können.

Weilte Carl Flügge heute noch unter uns, dann wäre er vermutlich überrascht, wie wenig seine Wissenschaft in den letzten Generationen nutzbringend weiterentwickelt wurde. Wie Lydia Bourouiba vom “MIT Fluid Dynamics of Disease Transmission Laboratory” kürzlich in “JAMA Insights” feststellte, basiert das Grundgerüst, das zur Darstellung der Übertragung von Atemwegserkrankungen wie COVID-19 von Mensch zu Mensch verwendet wird, noch immer auf der Tuberkulose-Ära. Nach dem binären Modell, das in den 1930er Jahren aufgestellt wurde, werden Tröpfchen typischerweise klassifiziert als (1) große Kügelchen der Flüggeschen Variante, die sich wie ein Tennisball durch die Luft bewegen, bis sie durch die Schwerkraft auf die Erde fallen; oder (2) kleinere Partikel mit einem Durchmesser von weniger als fünf bis zehn Mikrometern (etwa ein Zehntel der Breite eines menschlichen Haares), die als feine Aerosole träge durch die Luft treiben.

In einem faszinierenden Papier, das am 26. März veröffentlicht wurde, Turbulent Gasclouds and Respiratory Pathogen Emissions: Potential Implications for Reducing Transmission of COVID-19, zeigt Bourouiba, dass die Analyse des menschlichen Niesens ungewöhnlich schwierig ist, selbst unter Einbeziehung der Standards der Strömungsdynamik (deren Mathematik ich einst in meiner früheren Funktion als Ingenieur und Computerprogrammierer modelliert habe). Das liegt daran, dass die von uns ausgestoßenen Schleimhauttröpfchen in eine warme, Feuchtigkeit einhüllende Gaswolke eingekapselt sind — Bourouiba nennt es einen “Puff” -, die die Tröpfchen vor Verdunstung schützt und es selbst kleinen Kügelchen ermöglicht, viel weiter zu reisen, als man es sonst vermuten würde. Die binäre Unterscheidung zwischen großen und kleinen Tröpfchen bleibt grundlegend: Letztendlich fallen die großen Partikel, während die kleineren nicht fallen. Wie Bourouiba aber nachweist erlaubt die sie umhüllende Gashülle kleineren Partikeln während der ersten Sekundenbruchteile, in denen ein Niesen (oder Husten oder Schreien) ausgestoßen wird, ballistisch gesehen, so zu wirken als seien sie grösser.

Die Wissenschaft hier ist verblüffend komplex, denn um das Verhalten des Windstoß’ (“Puff”) zu modellieren, müssen Bourouiba und ihr Team nicht nur die Dynamik des Puffs auf seinem Weg und bei seiner Auflösung modellieren, sondern auch die biophysikalischen und thermodynamischen Prozesse, die sich innerhalb der Gaswolke entfalten. Das Gesamtergebnis ist jedoch, dass sich ein solcher Windstoß “und seine Fracht pathogener Tröpfchen aller Größen” sieben bis acht Meter weit fortbewegen kann — etwa viermal so lang wie die zwei Meter große Pufferzone sozialer Distanz, die einzuhalten wir alle seit Mitte März gelernt haben.

Bourouibas Forschung offenbart den blinden Fleck in unserem Wissen über COVID-19. Zum einen kennen die Wissenschaftler die Struktur des Virus Molekül für Molekül genau, da sein vollständiges Genom bereits vor Monaten sequenziert wurde. Zum anderen wird die wissenschaftliche und Laienliteratur mit epidemiologischen Berichten aus nahezu jedem Winkel der Erde überflutet. Aber die detaillierte Mechanik der tatsächlichen Krankheitsübertragung spielt sich nicht auf der mikroskopisch kleinen Skala von Nukleinsäuren oder auf der gigantisch weiträumigen Ebene gesamter Nationen ab. Sie findet auf der alltäglichen, von Angesicht zu Angesicht messbaren Entfernung von Zentimetern und Metern statt, wie Flügge vor 121 Jahren zeigte.

Im Hinblick auf diese entscheidende Reichweite ist unser Wissen am dürftigsten. Obwohl seit den ersten bekannten Fällen von COVID-19 beim Menschen bereits vier Monate vergangen sind, verharren die Verantwortlichen im öffentlichen Gesundheitswesen weiterhin bei einer Strategie, der es an einem ersichtlichen Verständnis fehlt, ob einmalige ballistische Tröpfchenladungen oder Wolken feiner Aerosole das größte Risiko darstellen — oder wie diese beiden Arten im Vergleich zu indirekten Infektionen durch kontaminierte Oberflächen (bekannt als “Fomiten”) einzuschätzen sind.

Die Erlangung eines solchen Verständnisses ist absolut entscheidend für die Aufgabe, die sich abzeichnenden Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit und der Arbeitsplatzsicherheit maßzuschneidern, da der Prozess der Handlungsoptimierung vollständig davon abhängt, welcher Mechanismus (wenn es einen einzelnen gibt) vorherrschend ist:

  1. Wenn sich herausstellt, dass große Tröpfchen die überwiegende Art der Übertragung sind, so ergibt sich daraus, dass der verstärkte Einsatz von Masken und die soziale Distanzierung von entscheidender Bedeutung sind. Die Bedrohung basierte demzufolge auf dem ballistischen Tröpfchenflug in Verbindung mit Niesen, Husten und angestrengter Atmung. Wir müssten dann aufgefordert werden, leise zu sprechen, “Husten, Anblasen und Niesen” oder jegliche Art aufgeregter Atemtätigkeit in der Öffentlichkeit zu vermeiden, sowie den Mund beim Sprechen nach unten zu neigen.
  2. Stellt man dagegen fest, dass in der Luft verweilende Wolken aus winzigen Aerosoltröpfchen vorherrschender Übertragungsweg sind, dann verlieren die Konzentrierung auf die Niesballistik und die präzise geometrische Abgrenzung der sozialen Distanzierungsetikette etwas an Bedeutung — denn Partikel, die unbestimmbar in der Raumluft schweben, können sich durch die normalen Prozesse natürlichen Konvektion und Gasdiffusion über große Entfernungen bewegen. In diesem Fall müssten wir der Nutzung von Außenräumen (in denen Aerosole schneller abtransportiert werden) Vorrang einräumen und die Belüftung von Innenräumen verbessern.
  3. Wenn sich herausstellt, dass kontaminierte Oberflächen ein dominierender Übertragungsweg sind, dann müssten wir die derzeitige Praxis weiter ausweiten und sorgfältiges Händewaschen nach Kontakt mit gekauften Artikeln und anderen Außenflächen sowie das Abwischen gelieferter Gegenstände mit Bleichlösung oder anderen Desinfektionsmitteln verstärkt fortsetzen.

Leider waren die verfügbaren internationalen Daten für die hier vorliegende Untersuchung nicht besonders hilfreich. Jede Nation meldet ihre Daten auf eine andere Art und Weise. Und meines Wissens hat noch niemand eine umfassende internationale Datenbank über große COVID-19-Infektionshäufungen — oder “Superausbreitungsereignisse” (Superspreading Events — SSEs), wie sie in der wissenschaftlichen Literatur mitunter genannt werden — erstellt, die eine systematische Untersuchung von Verhaltensformen erleichtern würde, welche die Krankheit rapide verbreiten. Wie es der SSE-Experte Richard Stein in einem wegweisenden Artikel aus dem Jahr 2011 darlegte, kann man davon ausgehen, dass etwa “20% der Individuen innerhalb einer vorgegebenen Bevölkerung mindestens 80% zum Übertragungspotenzial” typischer Krankheitserreger beitragen.

In Ermangelung einer umfassenden Datenbank von COVID-19 Superausbreitungsereignissen baute ich meine eigene Datenbank auf und katalogisierte 58 SSEs in 28 verschiedenen Ländern (plus Schiffe auf See). Da weder eine formale wissenschaftliche Definition von SSE noch ein von der Weltgesundheitsorganisation festgelegtes Verfahren zu deren Katalogisierung vorhanden ist, verbrachte ich mehrere Wochen damit, die wissenschaftliche und die allgemeine Presse nach allen Informationen zu durchsuchen, die ich finden konnte, wobei ich Suchbegriffe wie “Superspreader”, “Cluster”, “Hot Spot” oder nicht-englische Varianten wie das italienische “Superpropagadore” verwendete. Ich habe auch zahlreiche Anfragen zu persönlichen und beruflichen Kontakten über E-Mail und soziale Medien gestellt und versucht, Beispiele ausfindig zu machen, über die in den Massenmedien oder wissenschaftlichen Zeitschriften nicht berichtet worden war. Dieser Prozess wird sich fortsetzen, und ich bin dankbar für Leser, die mir Informationen schicken, die ich vielleicht übersehen habe. (jon@quillette.com). (Update vom 27. April: Neue Informationen über Fälle, die ich hinzugefügt habe, finden Sie in diesem Thread).

Ich bin kein Epidemiologe, geschweige denn ein Virologe. Und die Daten, mit denen ich arbeite, sind ohnehin unzureichend, da alle möglichen offenkundigen Auswahlverzerrungen im Spiel sind, einschließlich der redaktionellen Voreingenommenheit von Journalisten, auf die ich mich für lokale Berichte verlassen musste. In einigen Ländern, wie z.B. Südkorea, ist die COVID-19-Kontaktverfolgung sehr sorgfältig. An anderen Orten ist sie praktisch nicht existent. Einige relativ kleine SSEs — wie der Chicagoer Cluster um den von den US-Gesundheitsbehörden (US Centers for Desease Control — CDC) als A1.1 bezeichneten Superspreader — werden von Dutzenden verschiedener Quellen dokumentiert. Doch viele weitaus größere SSEs, die Hunderte oder sogar Tausende von Menschen infiziert haben, sind in der Literatur nur sehr vage beschrieben.

In einigen Fällen fand ich es schwierig, auch nur die grundlegendsten Informationen zu erhalten, wie z.B. die Anzahl der Personen, von denen angenommen wird, dass sie durch einen SSE infiziert oder getötet wurden. Das ist ein Grund, warum ich bei den einzelnen Indizes keine klare Trennung vorgenommen habe, sondern mich stattdessen darauf stützte, ob glaubwürdige lokale Quellen die Ansammlung als epidemiologisch bemerkenswert beschrieben.

Es gibt zweifellos Hunderte oder sogar Tausende von SSEs, die einfach nie gemeldet wurden und auch nie gemeldet werden. Daher ist es unmöglich zu bestimmen, welcher Gesamtanteil der weltweiten COVID-19-Fälle auf SSEs zurückzuführen ist. Um ein Beispiel zu nennen: War das Fußballspiel vom 11. März in Liverpool gegen Atletico Madrid ein SSE, wie viele glauben? Möglicherweise. Aber niemand weiß es, denn die Untersuchung von COVID-19-SSE-Fällen wird durch dieselben schlampigen Methoden der Kontaktverfolgung und unzureichenden Testressourcen erschwert, welche auch die Maßnahmen des öffentlichen Gesundheitswesens zur Bekämpfung der Krankheit im Allgemeinen behindern.

Eine weitere Frustration in der Forschung liegt in der Tatsache, dass selbst Länder, die qualifizierte Methoden zur Kontaktverfolgung anwenden — wie Australien und Neuseeland — wichtige Informationen aus Datenschutzgründen nicht veröffentlichen. (Es gibt zum Beispiel einen “Hospitality Worker” in Victoria, dessen Fall besonders interessant erscheint. Ich habe jedoch keine detaillierten Informationen über die Veranstaltungen und Orte finden können, an denen er andere infiziert hat). In anderen Fällen habe ich private Korrespondenz erhalten, deren Aussagen ich in meiner Datenbank unberücksichtigt ließ, weil dazugehörende Informationen durch öffentliche Quellen nicht bestätigt werden konnten, so z.B. über Purim-Feste in Israel und eine schwedische Party, bei der offenbar eine Pfeife herumgereicht wurde.

Ich habe mich auch dafür entschieden, Beispiele aus einigen Ländern auszuschließen, die Informationen über SSEs blockiert oder verfälscht haben. Es ist zum Beispiel allgemein bekannt, dass große offiziell sanktionierte religiöse Versammlungen in der iranischen Stadt Qom im Februar zu massiven Ausbrüchen geführt haben. Es gibt jedoch keine ausreichend verlässlichen Daten oder eine öffentliche Berichterstattung über das Ausmaß dieser Fälle. Dasselbe gilt für die Ausbrüche, die Berichten zufolge unter der politischen Führung in Afghanistan ausgebrochen sind. In China gibt es viele interessante Beispiele (darunter eines aus einem Restaurant in der Provinz Guangdong, auf das ich später noch näher eingehen werde). Aber Chinas Politik der selektiven Offenlegung und in einigen Fällen der gänzlichen Unehrlichkeit hat mich gegenüber vielen berichteten Details skeptisch gemacht.

Schließlich habe ich mich dafür entschieden, SSEs auszuschließen, die sich auf Krankenhäuser und Altersheime beziehen, obwohl diese in vielen Ländern (einschließlich Kanada, wo ich wohne) eine Hauptbrutstätte für COVID-19 bilden. Der Grund dafür ist, dass der Zweck meiner vorliegenden Arbeit darin besteht, Informationen über die relativen Auswirkungen von drei verbreiteten Arten der Übertragung von COVID-19 zu gewinnen — große Tröpfchen, die ballistisch übertragen werden, in der Luft verharrende Konzentrationen winziger Tröpfchen und kontaminierte Oberflächen. In Krankenhäusern und Altenheimen sind fast zwangsläufig alle drei Wirkungsweisen im Spiel, da an diesen Orten in der Regel gemeinsam genutzte Räume voller gemeinsam berührter Oberflächen und ein enger zwischenmenschlicher Kontakt zwischen Bewohnern und Personal zusammenkommen. Dadurch blähen solche SSE lediglich die Datenbank auf, ohne bei der Isolierung von Variablen hilfreich zu sein. Dasselbe Prinzip gilt für die Übertragung von COVID-19 innerhalb von Haushalten (und möglicherweise Gefängnissen), weshalb ich auch häusliche Gemeinschaftsgruppen ausgeschlossen habe.

Nur 38 meiner 58 erfassten SSEs waren so dokumentiert, dass ich ihr Datum genau bestimmen konnte. (Und selbst in diesen Fällen musste ich wegen der vagen Art der Berichterstattung manchmal fundierte Schätzungen vornehmen). Bei mehrtägigen SSEs, wie z.B. religiösen Festen, wählte ich einen Tag aus, der in der Mitte des Ereignisses lag. Leider können einige der größten SSE, wie z.B. in nordamerikanischen Fleischverarbeitungsbetrieben, überhaupt nicht sinnvoll eingegrenzt werden, da sich die Infektionen über mehrere Wochen (oder sogar Monate) erstreckten und die Arbeitgeber keine detaillierten Daten mit Datumsangaben veröffentlicht haben.

Von den 38 SSEs, für die Daten brauchbar ermittelt werden konnten, fanden etwa 75 Prozent (29/38) in der 26-Tage-Spanne zwischen dem 25. Februar und dem 21. März statt, was ungefähr dem Zeitraum entspricht, in dem Tausende von infizierten COVID-19-Personen bereits um die Welt reisten, aber noch bevor in vielen der betroffenen Länder eine einheitliche Politik der sozialen Distanzierung und der Absage von Veranstaltungen umgesetzt worden war. (Ein erwähnenswerter früher Auslöser ist Steve Walsh, der Ende Januar und Anfang Februar COVID-19 von einem Unternehmenstreffen in Singapur über ein französisches Skigebiet in seine Heimat Großbritannien verbreitete). Zweifellos kam es im Januar und Februar zu einer großen Zahl von SSEs, ohne dass darüber berichtet wurde, weil Verantwortliche des öffentlichen Gesundheitswesens und Journalisten die Art und das Ausmaß der kommenden Pandemie nicht erkannten. Aber es ist erfreulich, dass es ab April bisher fast keine öffentlich gemeldeten SSEs mehr gab.

Ich war beeindruckt, wie wenige der SSE’s unter Bedingungen entstanden sind, die stereotyp mit Unterschichten-Milieus in Verbindung stehen (obwohl ein Ausbruch im März in einem katarischen Wanderarbeiterlager im Industriegebiet nördlich von Doha ein solches Beispiel darstellt). Viele der frühen SSEs waren tatsächlich Hochzeiten, Geburtstagsfeiern und andere Ereignisse, die in den lokalen Medien als glamourös oder von Prominenten besucht beschrieben wurden. Als Beispiele seien eine Verlobungsparty am 7. März in einer “Villa” in Rio de Janeiro erwähnt, zu der die “High Society” aus der ganzen Welt einflog, und eine gleichartige Geburtstagsfeier in Westport, CT (US-Bundesstaat Connecticut).

Es ist theoretisch möglich, dass sozioökonomisch privilegierten Personen tatsächlich ein Immunreaktionsmechanismus fehlt, der Personen schützt, die regelmäßig einem breiteren Spektrum infektiöser Krankheitserreger ausgesetzt waren. Ein kürzlich veröffentlichter Bericht über COVID-19-Kontrolltests in einer Obdachlosenunterkunft in Boston führte zu der erstaunlichen Erkenntnis, dass 36 Prozent von 408 Personen positiv auf COVID-19 getestet wurden. Doch die überwiegende Mehrheit davon war asymptomatisch, und selbst die wenigen, die Symptome aufwiesen, wichen statistisch nicht von den 64 Prozent der getesteten Personen ab, die COVID-19-negativ waren.

In Ermangelung weiterer Daten ist die offensichtlichere Erklärung jedoch, dass die frühen SSEs mit den interkontinentalen Reisepraktiken der Gäste zusammenhängen. Im Fall der Veranstaltung in Connecticut berichtet die New York Times, dass “ein Besucher aus Johannesburg — ein 43-jähriger Geschäftsmann — auf seinem Rückflug krank wurde”. Und an der Rio-Party nahmen Gäste teil, die kürzlich aus oder über New York, Belgien und Italien angereist waren. Und im Falle Islands kommt ein journalistischer Bericht vom 12. März zu dem Schluss, dass die Krankheit “von Isländern der Oberschicht ins Land kam, die es sich leisten konnten, im Februar einen Skiurlaub in den Italienischen und Österreichischen Alpen zu verbringen”. Fast 80% der Infizierten waren isländische Skitouristen oder standen mit ihnen in Verbindung. Darüber hinaus ist die Wahrscheinlichkeit, dass Ausbrüche von COVID-19 aus armen Gegenden gemeldet werden einfach geringer, weil die Opfer weniger Zugang zu Tests, hochwertiger medizinischer Versorgung oder Medienkontakten haben.

In der Tat hat der wahrlich bemerkenswerte Trend, der aus meiner Datensammlung hervorging, weniger mit den an diesen SSEs beteiligten Personengruppen zu tun als viel eher mit der außerordentlich räumlichen Enge, innerhalb derer sich die ursächlichen Aktivitäten abspielten. Und ich glaube diesbezüglich kann uns eine genaue Untersuchung der SSE helfen, selbst wenn sie auf einem so lückenhaften und uneinheitlichen Datenmaterial basiert, wie ich es als Laie zusammengestellt habe:

  • Von den 54 SSEs auf meiner Liste, bei denen die zugrundeliegenden Aktivitäten ermittelt werden konnten, waren neun mit Gottesdiensten oder Missionsarbeit verbunden. Dazu gehören Massenveranstaltungen wie das einwöchige christliche Gebetstreffen “Offene Tür” im Februar in Mulhouse, Frankreich, das mit erstaunlichen 2.500 Fällen in Verbindung gebracht wurde, und eine riesige islamische Tablighi-Jamaat-Veranstaltung in Lahore, an der eine Viertelmillion Menschen teilnahmen. Aber es umfasst auch viel kleinere religiöse Aktivitäten, wie z.B. Bekehrungen in ländlichen Punjabi-Dörfern und ein religiöses Treffen in einem Haus in Calgary.
  • Neunzehn der SSEs — etwa ein Drittel von allen — feierten Feste oder nahmen an Massenveranstaltungen unterschiedlicher Art teil, bei denen Alkohol im Spiel war, einschließlich (wie bei den oben zitierten Beispielen) Hochzeiten, Verlobungen und Geburtstage.
  • Bei fünf der SSEs handelte es sich um Beerdigungen.
  • Sechs der SSEs betrafen persönliche geschäftliche Kontakte. Dazu gehören Großveranstaltungen wie das berühmt-berüchtigte Führungstreffen von Biogen in Boston im Februar sowie Einzelgespräche — von dem nicht identifizierten “reisenden Geschäftsmann”, der COVID-19 in Maine verbreitete, bis zu Hisham Hamdan, einem mächtigen Beamten des Staatsfonds, der die Krankheit in Malaysia verbreitete.

Insgesamt entfielen 38 der 54 SSEs, das entspricht rund 70%, auf eine oder mehrere der vier genannten Aktivitäten. Tatsächlich überschneiden sich die Kategorien manchmal, wie z.B. beim Patienten A1.1 in Chicago, der innerhalb weniger Tage sowohl an einer Party als auch an einer Beerdigung teilnahm; oder bei dem Mann aus New Rochelle, New York, der die SSE-Dreiergruppe Bar-Mizwa-Party, Synagogengottesdienste und örtliche Beerdigung umfasste, während er gleichzeitig seiner täglichen Arbeit als Anwalt in New York City nachging.

Aber selbst diese Zahl von 70 Prozent in Bezug auf die vier Aktivitäten in COVID-19 SSEs könnte zu niedrig ausgefallen sein, denn meine Datenbank enthält auch fünf SSEs, an denen zwei Kriegsschiffe und drei Kreuzfahrtschiffe beteiligt waren — die USS Roosevelt, Charles de Gaulle, Diamond Princess, Grand Princess und Ruby Princess — auf denen bei mindestens drei (und wahrscheinlich bei allen fünfen) Partys an Bord gefeiert wurden.

Diese Partys, Beerdigungen, religiösen Treffen und geschäftlichen Zusammenkünfte scheinen alle die gleiche Art von Verhalten aufzuweisen: ausgedehnte, nahe beieinander geführte Gespräche von Angesicht zu Angesicht — typischerweise in überfüllten, sozial belebten Räumlichkeiten. Dazu gehören auch die vielen Menschen, die ein Barkeeper ansteckte, während er sie in einem lauten Après-Ski-Lokal in Österreich bediente, sowie Partygäste in Brasilien, die “sich gegenseitig mit zwei Küssen auf die Wange [ein lokaler Brauch], Umarmungen und Händeschütteln” begrüßten. Die besagten Beerdigungen werden im Allgemeinen als sehr intime und dicht gedrängte Trauerszenen unter engen Freunden und Verwandten beschrieben. Im Fall des SSE-Begräbnisses in Albany, US-Bundesstaat Georgia, das die örtliche Bevölkerung erschütterte, “wischten sich die Menschen die Tränen weg, umarmten sich, schnäuzten sich die Nase und sangen Hymnen. Es wurde auch gelacht, erinnerte man sich. Es war eine große Versammlung, bei der mehr als 200 Trauergäste die Aussegnungskapelle überfüllten, so dass Menschen noch draußen stehen mussten.”

Bis auf wenige Ausnahmen fanden fast alle SSE in Innenräumen statt, wo die Menschen in geselligen Situationen dazu neigen, enger zusammenzurücken, und wo die Belüftung schlechter ist. (Bemerkenswert ist z.B., dass der berüchtigte Ausbruch in einem österreichischen Skigebiet mit einem Barkeeper und nicht etwa mit einem Liftbetreiber in Verbindung steht). Wenn man es genau nimmt, so entspricht dies auch den aus China berichteten Verhaltensmustern. Verallgemeinerungen werden diesbezüglich jedoch durch die Tatsache erschwert, dass einige der hier beschriebenen religiösen Feste eine Mischung aus Innen- und Außenveranstaltungen waren. (Außerdem ist auch die SSE am 19. Februar im San-Siro-Stadion in Mailand nicht eindeutig, da dieses Stadion zwar ein Dach über dem Sitzbereich, aber nicht über dem Spielfeld hat — und Tausende von Fans verbrachten viele Stunden in Bars in und um Mailand.)

Die Medienberichte über diese SSEs sind voll von derartigen Darstellungen. Bei einer Karnevalsveranstaltung am 15. Februar in Gangelt, einem kleinen Stadtteil von Heinsberg in Deutschland, “flossen Bier und Wein in Strömen. 350 Erwachsene in Kostümen schunkelten ihre Arme verschränkend auf langen Holzbänken und wiegten sich im Rhythmus der Musik einer Live-Band. Während der Programmpausen mischten sich die Gäste von anderen Tischen unter Freunde und Verwandte und man begrüßte sich in rheinischer Tradition mit einem Bützchen oder einem Küsschen auf die Wange.” Seitdem sind mehr als 40 Deutsche aus dem Kreis Heinsberg gestorben. Es wurde “Deutschlands Wuhan” genannt.

Bei den religiösen SSEs sind Sikhs, Christen, Juden und Muslime in der Datenbank vertreten. Das Virus unterscheidet nicht nach Glaubensbekenntnissen, aber es scheint Jagd auf körperlich innige Gemeinschaften zu machen, die eine gewisse Kombination aus Massenbeteiligung, Volksbekehrung und spontanen, emotional aufgeladenen Ausdrucksformen der Frömmigkeit aufweisen. Im Falle des Islam ist es bemerkenswert, dass ein und dieselbe Bewegung, “Tablighi Jamaat”, für massive Ausbrüche bei völlig unterschiedlichen Veranstaltungen in Lahore (siehe oben), Delhi und Kuala Lampur verantwortlich ist. In Mulhouse standen in der Woche christliche “Chorauftritte, gemeinsames Gebet, Gesang, Predigten, Workshops und Glaubenszeugnisse von Menschen auf dem Programm, die angaben, Gott habe ihre Krankheiten geheilt… Viele Leute kamen Tag für Tag und verbrachten Stunden dort”. Und im Punjab starben Dutzende von Sikhs aufgrund der Wanderpredigten eines einzigen (inzwischen verstorbenen) berühmtberüchtigten Siebzigjährigen namens Baldev Singh (dessen tödliche Reisen einen Punjab-Hit von Sidhu Moose Wala inspirierten, der gleich unten verlinkt ist).

Von den 54 SSEs, bei denen die zugrunde liegenden Aktivitäten ermittelt werden konnten, waren nur 11 weder religiöser Art noch eine Party, eine Beerdigung, eine Kreuzfahrt oder ein intensives Berufsumfeld mit Direktkontakten. Aber selbst bei dieser Minderheit an Fällen lassen sich fast identische zwischenmenschliche Verhaltensweisen erkennen. An dreien der SSEs — in Japan, Skagit County, WA (US-Bundesstaat Washington) und Singapur — waren Konzertbesucher und Gesangsgruppen beteiligt, die über Stunden hinweg miteinander Lieder sangen. (Das Skagit-Beispiel ist besonders interessant, weil die Organisatoren sich des COVID-19-Risikos im Voraus bewusst waren und Vorsichtsmaßnahme ergriffen, indem sie die Teilnehmer um einige Meter voneinander trennten. Hätten sie nur miteinander geplaudert, anstatt zu singen, wäre vielleicht niemand krank geworden).

Eine weitere SSE bestand aus einer Gruppe kanadischer Ärzte, die einen Tag lang Curling in ihrer Freizeit spielten. Bei dieser Sportart hyperventilieren die Teilnehmenden frenetisch, mit Besen über das Eis wischend, während ihre Gesichter nur wenige Zentimeter voneinander entfernt sind. Man wechselt dabei auch die Partner — ideale Voraussetzungen für die Flüggesche Infektion. Tatsächlich scheinen Partnerwechsel ein gemeinsames Merkmal bei vielen der mutmaßlichen SSEs zu sein, wozu z.B. auch Square-Dance-Partys zählten.

Vier der SSE waren Ausbrüche in fleischverarbeitenden Betrieben, in denen dichtgedrängt mit dem Ausweiden der Tiere befasste Arbeiter unter dem ohrenbetäubenden Kreischen von Industriemaschinen miteinander kommunizieren müssen. Mir fehlt das Fachwissen, um zu bestimmen, wie sich in gekühlten Betrieben von Fleischverarbeitungsanlagen die Dynamik der Tröpfchenübertragung auswirkt — gleichwohl ich auch ermitteln konnte, dass mindestens vier der SSE auf meiner Liste in europäischen Skigebieten auftraten. Hohe Lärmpegel scheinen jedoch ein weiteres gemeinsames Merkmal von SSE zu sein, da man in derartigen Umgebungen gezwungen ist, aus nächster Nähe miteinander zu sprechen. (In Altersheimen können ähnliche Umstände eine Rolle spielen. Dies sind zwar in der Regel ruhige Orte, aber reduzierte Sprechlautstärke und die verminderten Gehörleistungen älterer Bewohner führen zu Gesprächssituationen mit deutlich geringerer Distanz, als das normalerweise sozial üblich ist).

Bei drei der SSEs schließlich handelte es sich um Massenveranstaltungen im Sport, bei denen die Fans häufig Speichel in alle Richtungen regnen lassen, wenn sie gemeinsam feiern oder sich in Folge einer erfolgreichen Aktion in den Armen liegen. (Wenn Sie bei dem unten verlinkten Video zur Minute 8:30 vorspulen, sehen Sie, was ich meine. Es zeigt die euphorische Reaktion der Fans der Heimmannschaft während des berüchtigten Fußballspiels zwischen Atalanta Bergamo und Valencia am 19. Februar). Mittlerweile weiß man, dass die Gefahr bereits vor dem eigentlichen Spiel lauert: Eines der gefährlichsten Dinge, die man bei einer Sportveranstaltung in der COVID-19-Ära tun kann, ist das gemeinsame Singen von Hymnen.

Wann finden COVID-19 SSE statt? Basierend auf der Liste, die ich zusammengestellt habe, lautet die kurze Antwort: Wo immer und wann immer sich die Menschen einander ins Gesicht sehen und dabei lachen, schreien, jubeln, schluchzen, singen, grüßen und beten. Man muss kein deutscher Bakteriologe aus dem 19. Jahrhundert oder MIT-Experte für Schleimhaut- und Speichelballistik sein, um zu verstehen, was uns dies über die wahrscheinlichste Übertragungsform sagt.

Es ist sinnvoll, sich einmal all die unzähligen Formen gewöhnlicher menschlicher Aktivitäten vor Augen zu führen, die nicht unter den hier aufgelisteten SSEs vertreten sind: Filme im Kino anschauen, in einem Zug oder Bus sitzen, Theater-, Opern- oder Sinfoniebesuche (letztere Aktivitäten mögen wie vereinzelte Beispiele erscheinen, aber sie sind wichtig, wenn man eine Bestandsaufnahme all der wohlhabenden Infizierten macht, die im März krank wurden, und bedenkt, dass New York City ein wichtiger COVID-19-Hotspot ist). Es handelt sich um Aktivitäten, bei denen die Menschen oft von Fremden in dicht gefüllten Räumen umgeben sind — wie bei all den oben beschriebenen SSEs -, aber, und das ist entscheidend, bei denen von den Anwesenden auch erwartet wird, dass sie still sitzen und in gedämpftem Ton reden.

Die immense Zahl an Großraum-Büroarbeitsplätzen der global verknüpften Wirtschaftswelt scheint keinen nennenswerten Anteil zu COVID-19 SSE beizutragen — trotz der häufig vorzufindenden mangelnden Qualität der Belüftung. In diese Kategorie gehören Callcenter (von denen viele noch in Betrieb sind), Orte, an denen Millionen von Menschen auf der ganzen Welt buchstäblich ihren Lebensunterhalt mit Gesprächen verdienen. (Nachtrag: Es gibt mindestens zwei Beispiele für Call-Center-basierte Infektionshäufung, die mir von den Lesern nach Erscheinen der Originalversion dieses Artikels aufgezeigt wurden — eines in Südkorea, das sich mit der massiven Anhäufung der Shincheonji-Kirche Jesu überschneidet, und das andere in Jamaika).

In Neuseeland konzentrierte sich eine SSE auf Schülerinnen einer Mädchenschule. Angesichts der ungestümen und sozial innigen Art, in der Kinder lachen, streiten und tratschen, bin ich überrascht, dass nicht mehr Schulen auf meiner Liste stehen. Darüber hinaus hatte ich Schwierigkeiten, SSEs zu finden, die ihren Ursprung in den Unterrichtsräumen der Universitäten hatten, von denen man erwarten würde, dass sie enorme Infektionsherde wären, wenn COVID-19 leicht über die Verbreitung kleiner Tröpfchen in der Luft übertragen werden könnte.

In den Vereinigten Staaten sind die beiden universitären Beispiele, die von den Medien die meiste Aufmerksamkeit erhielten, die Liberty University in Lynchburg, US-Bundesstaat Virginia, und die University of Texas. In keinem der beiden Fälle gab es jedoch einen offensichtlichen Zusammenhang mit der Unterrichtsarbeit. An der Liberty-Universität, an der mehrere Mitarbeiter erkrankten, war der eine Student, von dem bekannt ist, dass er infiziert war, in fraglicher Zeit nicht einmal in den Kursen eingeschrieben. Und der Ausbruch an der Universität von Texas, bei dem mehr als 40 Studenten infiziert wurden, geht in Wirklichkeit auf eine Reise nach Mexiko in den Frühjahrsferien zurück. Ich kann mir zwar vorstellen, dass es möglich wäre, diese Studenten hätten sich eine Woche in einem Schulungsraum mit einem Stapel Bücher verkrochen. Aber mein Instinkt sagt mir etwas anderes.

Bemerkenswert ist auch, dass Flugzeuge offenbar keine Brutstätten für bekannte SSEs sind, obwohl uns die Fluggesellschaften wie Sardinen in der Büchse befördern und die Bürokratie der Branche die Ermittlung von Kontaktpersonen leicht machen würde. Man machte mich auf eine Vietnamesin aufmerksam, die anscheinend auf einem Flug eine Infektion verbreitet hat. Und in Neuseeland gibt es einen Fall, der sich um einen infizierten, aber symptomlosen Flugbegleiter dreht. Die vielen bekannten Infektionen, die auf ihn zurückzuführen sind, standen in Verbindung mit einer Hochzeitsfeier und nicht mit einem Flug. Dieser Flugbegleiter führte in Wirklichkeit ein unbeabsichtigtes Experiment durch, bei dem die Passagiere an Bord seines Flugzeugs die Rolle der Kontrollgruppe spielten. Die Ergebnisse liefern einen Mikrokosmos der Charakteristika von SSEs insgesamt.

Ich habe die Grenzen meines Ansatzes bereits ausführlich dargestellt. Ich möchte noch einmal betonen, dass ich kein Epidemiologe, Virologe oder Experte für Infektionskrankheiten bin (obwohl ich glaube, dass ich mich zu einem relativ sachkundigen Leser der neuesten wissenschaftlichen Literatur auf diesen Gebieten gemacht habe). Aber selbst ein Laie kann erkennen, dass die berüchtigtsten, verheerendsten und am weitesten verbreiteten Fälle von Masseninfektionen mit COVID-19 ein ziemlich klares Muster aufweisen — allesamt rückführbar auf Formen menschlichen Verhaltens, welche die direkte ballistische Übertragung einer “Flüggeschen Ladung” mit großen Tröpfchen von Gesicht A nach Gesicht B begünstigten. Wären auch außerhalb von Spitälern, Alten- und Pflegeheimen Fomite (Schmierinfektionen, der Übers.) ein Hauptansteckungsweg für COVID-19, dann würde man erwarten, dass Restaurantköche, Fahrkartenverkäufer im Massentransport und Paketzusteller Ausgangspunkte größerer Verbreitung wären. Doch das sind sie nicht. Wären Konzentrationen kleiner Tröpfchen in der Luft in schlecht belüfteten Räumen ein häufiger Übertragungsweg von COVID-19 (wie es z.B. bei Masern der Fall ist), würde man erwarten, dass ganze Bürogebäude zu Masseninfektionshotspots werden. Das scheint nicht eingetreten zu sein.

Ein kritischer Faktor bei all dem ist, dass wir immer noch nicht wissen, wie hoch die minimale Infektionsdosis (MID) für COVID-19 ist — die Anzahl an Viruspartikeln, die erforderlich ist, “um die Pathogenesekaskade in Gang zu setzen, die eine klinische Erkrankung verursacht” — selbst wenn wir eine Vorstellung davon haben, welche Regionen unserer Atemwege das Virus als Eintrittspforte nutzen kann. Die Kenntnis der MID für COVID-19 wäre von unschätzbarem Wert, denn es könnte sich durchaus herausstellen, dass sie deutlich höher ist als die Virendosis kleiner Tröpfchen, ganz zu schweigen von der noch geringeren Virenmenge, die typischerweise durch flüchtigen Kontakt mit einer infizierten Oberfläche übertragen wird. Dies würde bedeuten, dass viele unserer aktuellen Maßnahmen und Vorschriften zur Vermeidung von COVID-19, so gutgemeint sie auch sein mögen, vor Übertragungswegen schützen würden, die nicht wirklich signifikant zur Gesamtpandemie beitragen.

In einigen Fällen können Vorschriften im Bereich der öffentlichen Gesundheit, die vor nicht vorhandenen Bedrohungen schützen, das Problem sogar noch verschlimmern. Man denke zum Beispiel an die Verbreitung von COVID-19 unter den Gästen in einem Restaurant in Guangzhou am 24. Januar, eine Begebenheit, die ich nicht in meine Datenbank aufgenommen habe, die aber Gegenstand eines faszinierenden Artikels in “Emerging Infectious Diseases” geworden ist, der demnächst erscheinen wird.

Wie die Autoren anmerken, war das Restaurant an diesem 24. Januar klimatisiert. Mit Hilfe von Videomaterial konnte man die genaue Position jedes einzelnen Gastes im Restaurant grafisch kartieren und dann ihren späteren Infektionsstatus sowohl in Bezug auf einzelne infizierte Personen, von denen bekannt ist, dass sie zu diesem Zeitpunkt anwesend waren, als auch hinsichtlich der aus- und eingehenden Luftströme der Klimaanlage darstellen. Wäre der primäre Übertragungsweg von COVID-19 durch kleine, sub-flüggische luftgetragene Partikel entstanden, dann hätte die von der Klimaanlage zwangsläufige durchgeführte Umwälzung die Luft im Raum möglicherweise ungefährlicher gemacht (insbesondere da “Abstrichproben aus der Klimaanlage [selbst] alle [COVID-19]-Nukleotid-negativ waren”). Doch die Forscher fanden stattdessen Beweise für das Gegenteil: “Der Schlüsselfaktor für die Infektion war die Richtung des Luftstroms”, wobei stromabwärts gelegene Personen am stärksten gefährdet waren — ein Ergebnis, das mit der These übereinstimmt, dass COVID-19 in erster Linie durch die ballistische Übertragung großer Atmungströpfchen übertragen wird.

Selbstverständlich wurde keines der von mir vorgestellten und beschriebenen Kausalitätsmuster definitiv nachgewiesen — sie entstanden lediglich aus der journalistischen Analyse von ein paar Dutzend SSEs durch mich als Laien. Aber wenn die Hauptübertragungswege von COVID-19 auf diese Weise eingegrenzt werden können, wäre dies ein enormer Segen für die politischen Entscheidungsträger, die jetzt beginnen, über einen Neustart unserer Volkswirtschaften nachzudenken. Der Kampf gegen diese Krankheit wird immer schwierig bleiben. Aber es wird noch schwieriger werden, wenn es uns nicht gelingt, ein tiefgehendes Verständnis dafür zu entwickeln, wie genau sie uns angreift.

Jonathan Kay is Canadian Editor of Quillette. Er twitter als @jonkay. Der Original-Artikel in englischer Sprache erschien auf quilette.com

Andreas Bangemann ist Redakteur der Zeitschrift HUMANE WIRTSCHAFT. Er twittert als @AndrBangemann

Bildhinweis: Skizze, welche die Anordnung der Restauranttische und den Luftstrom der Klimaanlage in einem Restaurant in Guangzhou zeigt, wie sie im Artikel vorkommt “COVID-19 Outbreak Associated with Air Conditioning in Restaurant, Guangzhou, China, 2020,” by Jianyun Lu, Jieni Gu, Kuibiao Li, Conghui Xu, Wenzhe Su, Zhisheng Lai, Deqian Zhou, Chao Yu, Bin Xu, and Zhicong Yang.

@HumaneWirtschaft editor