Auszug aus meinem aktuell entstehenden Buch “Alltags-Fliegen: Geflogen wird nach vorn!”

Kapitel 1:

Von der alten Bedrückung zur neuen Beziehung

oder: Von der Strandung zur Landung


Oktober 2011. Mein Leben befindet sich im Ausnahmezustand.

Im Juni ist meine über alles geliebte Großtante mit 91 Jahren verstorben. Stolzes Alter hin oder her — ihre plötzliche Erkrankung mündete in einem Abschied, mit dem zu diesem Zeitpunkt einfach nicht zu rechnen war. Dass Tante Anneliese meinen 30. Geburtstag noch eben so miterlebt hat und wir dabei ein letztes Mal Erdbeerkuchen miteinander genießen konnten, ist kaum ein Trost gemessen an dem Verlustschmerz, den ich immer noch empfinde.

Und das inmitten der Produktionsphase des Debütalbums, das meine Band und ich in den vergangenen Monaten unter großer Kraftanstrengung zu Wege gebracht haben. Die unmittelbar bevorstehende Veröffentlichung wird nicht minder fordernd ausfallen.

In einen Autounfall war ich unlängst auch noch verwickelt. Bezeichnenderweise habe ich dabei einen Nackenschlag abbekommen, der mir noch immer zu schaffen macht.

Aber auch der Umzug in mein neues Zuhause steckt mir noch in den Knochen. Ist ja auch erst ein paar Tage her. Ich bleibe vorerst in Duisburg. Ob diese Stadt, die mir noch bis vor Kurzem als Durchgangsstation diente, um in Tante Annelieses Nähe zu sein, wohl auch irgendwann zu meiner Heimat werden kann?

Und dann ist da noch meine Partnerschaft. Schon seit Monaten ahne ich, dass meine Fernbeziehung mit Frankfurt nicht mehr lange halten und mir Halt geben können wird. Überhaupt fühle ich mich in der letzten Zeit wie ein Fremdkörper in der Nähe geliebter Menschen, die noch bis vor Kurzem einen wesentlichen Teil meines Lebens ausgemacht haben.

Ein ausgelassenes Meer an Freiheit vor Augen. Ein noch-nicht-zugelassenes Meer an Tränen in mir. Ich stehe hier in Holland am Strand und stelle fest, dass ich mich wie Treibholz auf hoher See fühle. Oder doch eher wie gestrandet?

Es ist ein milder, geradezu spätsommerlich anmutender Herbst, der sich mir heute präsentiert. Augenscheinlich unerwartet, wenn man nach den leeren Stränden geht. Weit und breit kein Mensch. Der Tag geht zur Neige. So auch mein Urlaub — der erste seit Jahren. Wie ich wohl in mein neues zu Hause, mein neues Leben zurückkehren werde? Erholt? In freudiger Erwartung all dessen, was da kommen wird? Ich rede mir ein, dass es so ist. Und vielleicht stimmt das ja sogar auch ein kleines bisschen. Mein Grundgefühl ist allerdings ein ganz anderes.

Meinen Blick auf das beruhigende Pulsieren der Wellen gerichtet, fühle ich mich plötzlich an eine Momentaufnahme aus meiner Jugend erinnert. Damals, auf Ameland. Da bin ich einfach losgerannt. Dem Wasser entgegen. Meine nassen Klamotten waren mir seinerzeit egal. Ich war jung. Ich war frei.

Mittlerweile erwachsen, stehe ich nach all den Jahren vor ähnlicher Kulisse und schüttle den Kopf — ratlos und rastlos. Frage mich, wann ich das letzte Mal spontan, vielleicht sogar unvernünftig gewesen bin. Wann ich das letzte Mal etwas getan habe, das nicht auf meiner Fleiß-Liste steht, auf die es nur jene Punkte schaffen, die ich mir selbst gegenüber als “klug” oder “effizient” rechtfertigen kann.

Manchmal habe ich das Gefühl, mein ganzes Leben ist zu einer solchen Liste entartet.

Du hast nichtmal ein Handtuch dabei. Um diese Jahreszeit herum könntest du dich erkälten. Und überhaupt, aus dem Alter bist du doch raus.

Ich ziehe mich aus und renne los. Weil ich es kann. Weil ich es will.

Das eiskalte Wasser auf meiner Haut holt mich ganz ins Jetzt. Macht mich hellwach. Erinnert mich für diesen Moment an meine Lebensfreude von einst.

Zugleich fühlt es sich an wie das ganzkörperliche Echo eines verzweifelten Rufs tief in mir, befreit zu werden von dieser Last. Diesem bedrückenden, ja schier erdrückenden Pflichtgefühl, das über die Jahre mein Leben vereinnahmt hat. Das den Schmerz der Vergangenheit ebenso verdrängt wie die Freude der Gegenwart und Zukunft. Und mich in einer Art Auto-Pilot-Modus als immerwährende und in sich gefangene Reaktion vor sich hertreibt.

Irgendwo zwischen erwachsener Unvernunft und kindlicher Neugier habe ich soeben die Hüllen fallen gelassen und mich auf den Weg gemacht.

Jener Tag an der Nordsee wird zu einem sinnbildlichen Wendepunkt, zu dem Vorboten einer Entschlossenheit, alles in meiner Macht stehende zu tun, um meine Sehnsucht nach einem zufriedenen und freien Leben zu stillen.

Zurück in Duisburg, erlaube ich mir in den folgenden Monaten, ja schlussendlich sogar Jahren, so ziemlich alles in Frage zu stellen, was bisher als gesetzt galt. Möglichst vielseitig und ehrlich widme ich mich dabei den Bereichen Familie, Partnerschaft, Gesundheit, Spiritualität und Beruf.

Wo stehe ich in meinem Leben? Wo will ich hin? Und wie komme ich dorthin?

Ich studiere Artikel, Magazine und Bücher (am liebsten in meiner Eisdiele in der Duisburger Innenstadt mit herrlichem Blick auf die goldene Leiter und das Stadttheater…Ende des Werbeblocks), schaue mir Vorträge und Filme an, besuche Konferenzen und suche den offenen Dialog mit anderen Menschen, wann immer sich mir die Gelegenheit dazu bietet. Parallel dazu entdecke ich auf Zuraten eines guten Freundes Sport als regelmäßigen Ausgleich, um Dampf abzulassen, Dinge zu verarbeiten, den Kopf wieder freizubekommen und neue Sichtweisen einzunehmen.

Je mehr ich mich mit anderen Menschen über die großen Themen des Lebens austausche, umso klarer wird mir, dass jeder von uns anders ist. Und anders lernt. Und anders ans Ziel kommt. Und sogar ein anderes Ziel hat.

Ich bin die Formel, du bist die Formel für ein erfülltes Leben.

Was für mich funktioniert, muss für dich noch lange nicht stimmig sein. Selbst was für mich gestern noch funktioniert hat, ist allzu oft heute schon nicht mehr stimmig für mich. Vor dem Hintergrund dieser Dynamik scheint es mir zunehmend vermessen, um nicht zu sagen unklug, mit statischen Antworten aufwarten zu wollen.

Dazu gesellt sich der Eindruck, dass viele Autoren und Verlage ihre Ratgeber beinahe so verkaufen wie pharmazeutische Unternehmen ihre Medikamente. Vielleicht ein drastischer, aber für mich doch naheliegender Vergleich, der mir in den Sinn kommt, als ich mich eines Tages in der “Selbst-Optimierungs-Abteilung” eines großen Buchladens umsehe. Um ein Haar bekomme ich in diesem Moment den Eindruck, dass du und ich nicht ok und auf die Rezepte Anderer angewiesen sind. Auf vermeintliche Defizite reduziert, fühlt man sich naturgemäß klein und hilfsbedürftig. Wo aber Bedürftigkeit ist, da ist Abhängigkeit. Und wo Abhängigkeit ist, da ist keine Freiheit, kein Raum für Weiterentwicklung.

Und so beschließe ich noch im Buchladen: Niemand hat das Recht, dir oder mir zu unterstellen, dass wir nicht ok sind. Auch wir selbst nicht!

Wir mögen unsere Themen haben. Aber wer hat die nicht?

Wer daraus ein Geschäftsmodell strickt — dient der wirklich seinen Mitmenschen oder bedient der nicht in Wahrheit vor allem sich selbst? Eine Frage, die mir immer wieder in den Sinn kommen wird.

Auch das Thema “Coaching” streife ich in dieser Zeit. Mit Erstaunen und Bedauern beobachte ich: Meine punktuellen Erfahrungen mit Trainern und dergleichen verunsichern mich mehr als dass sie mich stärken oder inspirieren.

Das mit dem Vermitteln neuer Sicht- und Handlungsweisen ist offenbar so eine Sache. Ähnlich wie ein neues, schickes Auto von wenig Nutzen ist, so lange man nicht über einen Führerschein verfügt, ist für mich auch das Wissen und Können der Anderen von wenig Bedeutung, sei es auch noch so fundiert, solange ich meinen Führerschein — und zwar den für die Führung meines Lebens — noch nicht im Herzen trage.

Abgesehen davon fahre ich vielleicht auch lieber Fahrrad? Oder will fliegen?

Dieser Art sind meine Gedankengänge, während ich das Wort “Problematisieren” gegen das Wort “Thematisieren” eintausche und es mir erlaube, Menschen einer genaueren Prüfung zu unterziehen, ehe ich mich ihnen anvertraue und von ihnen beeinflussen lasse.

Immer behutsamer bette ich die Unternehmungen meiner Zeit des Aufbruchs ein in die Entwicklung einer Beziehung zu meinen Fähigkeiten. Meinem Potenzial. Ich ahne, dass ich viel mehr weiß und kann als ich es bisher für möglich gehalten habe. Jedoch nicht durch Drücken von außen, sondern durch Ziehen von innen wird die Tür aufgehen.

Aus meiner Be-drück-ung am Meer wird meine Be-zieh-ung zu dem “Mehr” in meinem Leben.

…und zu einer neuen Beziehung zu den Beziehungen in meinem Leben: In den Monaten nach dem Bad im Meer kommt es zu dem Ende meiner Partnerschaft. Wie gehabt mit Ansage. Leider ändert das nichts an den äußerst schmerzhaften Umständen, die zu dieser Trennung führen und mir in der Folgezeit immer wieder den sprichwörtlichen Boden unter den Füßen wegziehen.

Trennungsmonate sind, was sie sind. Wieso aber halte ich derart fest an einer Sache, von der ich doch schon längst geahnt habe, dass sie ausgedient hat, und warum erscheint es mir über so viele Monate schier unmöglich, darüber hinwegzukommen, geschweige denn zuversichtlich in die Zukunft zu blicken?

Eine Antwort auf diese Fragen finde ich zunächst nicht. Um nicht vollends ins Bodenlose zu fallen, behelfe ich mir mit spontanen Überlebensstrategien. Und so beginne ich, zum ersten Mal in meinem Leben wahrhaftig für mich selbst zu sorgen.

In meiner Not setze ich meine Kreativität dort ein, wo sie sich schon bald als noch viel dienlicher erweist als am Klavier:

Fernab von Interpretationen und Cover-Versionen beginne ich, mit zarter, doch beständiger Feder mein Leben ähnlich intuitiv zu komponieren, wie ich es schon seit früher Kindheit mit meinen Liedern tue.

Dass ich von nun an jedes Zimmer meiner Wohnung mit einer frischen Rosen versehe, ist ein kleines von unzähligen Beispielen dafür, dass ich lerne, mein Jetzt und mein Hier so zu gestalten, wie es mir entspricht und guttut. Dazu gehört auch, bisweilen auszuhalten, wenn ich gerade nicht weiß, was mir fehlt bzw. gut tun könnte.

Über die Jahre ist mir viel zum Thema “Selbstliebe” begegnet. Allerdings finde ich schon allein dieses Wort befremdlich mädchenhaft und habe es bis dato eher halbherzig als “Körperpflege” für mich übersetzt. Damit drücke ich mich unbewusst und erfolgreich um die Frage, wie ich tatsächlich zu mir selbst stehe — und zwar in allen Belangen meines Lebens. Wenn Andere dazu auffordern, sich selbst anzunehmen und zu lieben, klingt das irgendwie so einfach. So einfach, dass es mich frustriert. Denn ich bin mir sicher: Steckten sie in meiner Haut, sie würden das mit der Selbstachtung auch nicht hinbekommen und lieber sein lassen.

Was also vorerst bleibt, ist das beklemmende Gefühl, das sich beim Herannahen des nächsten Wochenendes in meiner Magengegend breitmacht. Während sich Andere darauf freuen, endlich zur Ruhe zu kommen oder Zeit für die Familie zu finden, nagt an mir die Frage, wie ich bloß zwei weitere Tage allein mit meinem Schmerz, allein mit mir herumkriegen werde.

Eine wegweisende Erkenntnis füllt an einem dieser Wochenenden das ach so vertraute und doch unliebsame Vakuum in mir. Und zwar macht sie sich in Form eines spontanen Plopp-Moments bemerkbar und lautet in etwa so:

Was ich noch nicht verstanden habe und was die Trennung nach all den Monaten immer noch so schmerzhaft erscheinen lässt, ist nicht etwa die Trennung von meinem Partner. Sondern die Trennung von etwas in mir.

Ich stehe an der Schwelle zu völlig neuem Territorium in mir. Demnach handelt es sich bei meinen Trennungsschmerzen in Wahrheit um Wachstumsschmerzen, die auf den Umstand zurückzuführen sind, dass es neue Stiefel anzuziehen und den nächsten Schritt zu machen gilt.

Es kommt zu einem denkwürdigen Moment in meiner Wohnung. Ich trete vor den Spiegel in meinem Flur. Und setze dabei den Fuß in eine neue Zeit. Wie Neil Armstrong am 21. Juli 1969 die US-Flagge in den Boden von nichts Geringerem als dem Mond rammte, ramme ich an diesem Tag ebenso liebevoll wie entschlossen meine Flagge in den heiligen Boden der Selbstachtung.
 Unbändige Abenteuerlust, heldenhaftes Durchhaltevermögen und (in meinem Falle gefühlte) Lichtgeschwindigkeit haben uns über diese unfassbar weite Strecke getragen.

Armstrong landete einst auf einem anderen Planeten und schrieb damit Geschichte im All. Ich lande heute bei mir selbst und schreibe damit meine Geschichte im Alltag um.

Ja, genau so bedeutsam fühlt sich dieser eine Tag in meinem Leben an und schafft es damit in mein Geschichtsbuch, ohne dass ich mir dafür das genaue Datum notiere — denn wie bedeutsam dieser Tag wirklich ist, wird mir erst in den folgenden Jahren bewusst werden.

Ehre, wem Ehre gebührt. Selbstverständlich setze auch ich zur Feier des Moments einen Funk ab. Dabei blick ich mir in meine tränenüberströmten Augen und flüstere so etwas wie:

Du und ich. Wir müssen reden. Im Ernst. Wir kennen uns jetzt schon so lange. Aber so wirklich klar kommen wir nicht miteinander. Im Gegenteil.
Ich habe keine Ahnung, warum ich dich seit jeher so verachte. Aber ich weiß, dass es so nicht weitergehen kann. Ich wünsche mir aus tiefstem Herzen, dass wir Freunde werden.
Ich verspreche dir hier und heute: Ich werde dich in Zukunft besser behandeln. Jedenfalls werde ich es jeden Tag auf’s Neue versuchen. Ehrenwort. Du kannst dich ab beute auf mich verlassen. Und wirst somit nie wieder verlassen sein.

Über viele Jahre bin ich die starke und liebevolle Person an der Seite meiner Mitmenschen gewesen. Was, wenn es mir von nun an gelingt, diese Weggefährtin auch für mich selbst zu sein? Wenn ich mit derselben Großzügigkeit, Verlässlichkeit und Güte in die Beziehung zu mir selbst investiere wie ich es durch die vielen Extrameilen der Liebe in meinen anderen Beziehungen bereits tue?

Es wird alles verändern, ahne ich. Weil es mich frei machen wird. Von der Anerkennung und Hilfe Anderer, beispielsweise. Und ich werde endlich, endlich aufhören, da draußen nach etwas zu suchen, das ich in mir selbst finden muss. In mir finden kann. Und nun auch in mir finden will.

Es beginnt die Entdeckung, dass jede Beziehung in meinem Leben eine Reflexion der Beziehung zu mir selbst ist. Dass jede meiner Beziehungen (die Beziehung zu meinem Beruf eingeschlossen) gewinnt, wenn ich in mir ein stabiles Fundament an Selbstachtung und Unabhängigkeit lege und pflege.

Gewiss. Erst die Liebe, die ich mit anderen Menschen teile, wird meinem Leben einen tieferen Sinn geben. Geteilte, multiplizierte Liebe macht das Leben lebenswert.

Anstatt einen Anderen zu brauchen, will ich aber zukünftig meine eigenen inneren Kräfte mobilisieren. Ich will die Zuwendung eines geliebten Menschen aus einem Gefühl innerer Freiheit wahr- und annehmen, und zwar ungeachtet dessen, ob er gerade zur Verfügung steht oder nicht. Sprich, ich will lernen, bedingungslos (ohne Erwartungen) anzunehmen und eben auch von mir zu geben.

So weit, so gut. Aber was heißt das jetzt ganz konkret für mein Leben und den nächsten Teil meiner Reise?

Wie mache ich von hieraus weiter?

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