Auszug aus meinem aktuell entstehenden Buch “Alltags-Fliegen: Geflogen wird nach vorn!”

Kapitel 2:

Lernen = leben


Ich bin gerade fünf und liebe meine Kindheit in dörflicher Idylle. Gemeinsam mit meinen Geschwistern und den Nachbarskindern erlebe ich auf täglicher Basis große und noch größere Abenteuer. Mal auf dem Hosenboden den matschigen Hang heruntergleitend, der sich bei regnerischem Wetter zwischen den Bäumen neben unserem Haus auftut (gut möglich, dass wir dabei auch mit Wassereimern nachhelfen), mal Phantasie-Suppen aus Grashalmen, Kleeblättern und Gänseblümchen kochend — die große Welt liegt uns zu unseren kleinen Füßen. Wir finden sie. Und erfinden in ihr zugleich die unsrige.

Eine Schlüsselrolle spielt dabei mein Fahrrad. An dessen Hinterrad hat mein Vater Stützräder angebracht, die zu dieser Zeit Kleinkindern wie mir das Fahrradfahren-Lernen erleichtern. In den Folgejahren werden sich Kleinkinderräder durchsetzen, auf denen sich das Gleichgewicht — halb darauf sitzend, halb dabei tippelnd — erlaufen lassen wird. Ich gehöre der Stützräder-Generation an. Dass das entsprechende Rattern auf dem Asphalt immer häufiger ausbleibt, deutet allerdings darauf hin, dass ich in beachtlichem Tempo unterwegs und somit nicht mehr auf die Unterstützung von links und rechts angewiesen bin. Und so fällt schon bald der Entschluss, meine vertrauten Helfer aus Plastik abzumontieren.

Es folgt eine Reife(n)prüfung, an die ich mich noch Jahre später lebhaft erinnern können werde.

Ich schiebe mein kleines Fahrrad über den Hof durch’s vertraut quietschende Gartentor hinaus auf unsere Straße, die zwar regelmäßig von Autos befahren wird, jedoch als weitestgehend sicher gilt dank überschaubarer Lage und umsichtiger Erwachsener am Steuer. Wahrscheinlich befinde ich mich in der Gemeinschaft anderer Familienangehöriger. Für mich gibt es in diesem Moment allerdings nur mein Fahrrad und mich…und diese, meine Freiheit, die ich verspüre, kaum dass ich mich vorsichtig, da um die ausbleibende Unterstützung wissend, auf meinen Sattel begebe. Leicht abschüssig wie die Straße ausfällt, muss ich in diesem zarten Anfang einfach nur loslassen. Mich rollen lassen.

Ich kann es wirklich. Ich kann fliegen. Ja, genau danach fühlt es sich gerade an. Und jetzt, da ich weiß, wie es geht, kommt es mir so vor, als hätte ich es schon immer gewusst. Als hätte ich nie etwas Anderes getan. Zweifelsohne einer der glücklichsten Momente meiner jungen Jahre.

Frei und mutig wie ein Cowboy reite ich fortan durch die Prärie meiner Kindheit, allzeit bereit für das jeweils nächste Abenteuer, den nächsten wilden Ritt.

Mögen auch die tröstenden Tierpflaster, die in jener Zeit in rauen Mengen zum Einsatz kommen, Jahre später längst der Vergangenheit angehören und mögen auch Lernerfahrungen dieser Art ganz im Gegensatz zu den Narben auf meinen Knien zwischenzeitlich als verloren gelten — die Wahrhaftigkeit dieser Erfahrung wird für mich ein Inbegriff für das Lernen im Leben werden. Besser noch: für das Leben im Lernen.

Lernen = leben. Leben = lernen.

So einfach ist die Gleichung, die ich nun, mit Anfang 30, aufstelle, nachdem mich mein Spiegelbild auf die Reise geschickt hat. “Ich lerne mich besser kennen.” — dieser Satz beginnt mit “Ich lerne”. In der Hoffnung, dabei auch mir selbst näherzukommen, widme ich mich dem Lernen.

Ich beobachte: “Lernen” ist nicht gleich “Lernen”.

Und so hinterfrage ich jenes Lernen, das Wissen im Kopf ansammelt, ordnet und verwaltet. Irgendwie verleitet dieses im Kopf “gebunkerte” Wissen gleich einem intellektuellen Bollwerk gerne zu Prahlerei, Unnahbarkeit oder sogar Unerreichbarkeit. So jedenfalls mein Eindruck, wenn ich (ein-) gebildeten Menschen — vor allem denen in Talkshows, bisweilen aber auch mir selbst — zuhöre.

Viel sinnvoller und attraktiver erscheint mir da eine Art Herzens- oder Wesensbildung. Damit meine ich Erfahrungen, die mein Herz bzw. mein ganzes Sein erfassen und mir dazu verhelfen, über mich selbst hinauszuwachsen. Die mich in Kontakt bringen mit dem unbekannten Größeren, das die Welt ganz offenbar in mir und um mich herum bereithält, sobald ich mich aufmache. Mich aufmache im Sinne von mich öffne und eben auch im Sinne von mich auf den Weg mache. Meine Erfahrungen müssen ja nicht immer ganz so einschneidend ausfallen wie seinerzeit mit Fünf auf dem Rad — obwohl ich nichts dagegen hätte.

In jedem Fall malt meine heranreifende Vorstellung von echter Entwicklung ein Bild des Loslassens. Ein Loslassen, das dem Moment auf dem Fahrrad erstaunlich ähnlich ist. Dieses Loslassen wird meinen Horizont wahrhaftig erweitern und mein Leben wie einen aufsteigenden Heißluftballon stetig um eine neue Perspektive, ein neues Gefühl bereichern.

Seit ich denken kann, gibt mein Kopf den Ton an — stets bestrebt, Kontrolle und Fassung zu wahren. Ich fürchte, ich gehöre jener Sorte von Menschen an, die sogar ihre Gefühle denken würden, wenn das ginge. Zumindest ertappe ich mich so manches Mal bei dem Versuch.

Dabei ist das Leben doch eher wie ein Spielfeld:

Kopf und Gefühl spielen in einer Mannschaft — wobei ich die Mannschaft bin. Ein lustiger Gedanke.

Der Kopf spielt in jedem Fall die Rolle des Verteidigers. Das Gefühl indes spielt in der Offensive (wie bezeichnend, dass dieses Wort mit “offen” beginnt!). Dort schießt es die Tore und sorgt für Jubel. Der Kopf gehört zwar zur Mannschaft und ist auch wichtig — aber mit ihm allein gelange ich nicht zu Toren.

Den Toren der Weisheit.

Zukünftig soll meinem Kopf eine untergeordnetere, eine passivere Rolle als bisher zuteil werden. Allein diese Erkenntnis ist Ausdruck eines ersten Loslassens und setzt ein erleichtertes Gefühl in mir frei.

Zwischen den Schläfen nehme ich im Moment noch so eine Art Alarm- und Abwehr-Stimmung wahr. Also frage ich den Kopf lieber erst gar nicht nach seiner Meinung. Anstatt dessen bitte ich ihn höflich um die Kapitänsbinde und nehme ihn verständnisvoll an die Hand. Er soll sich ja nicht abgehängt vorkommen.

Meine ehrliche Bestandsaufnahme geht weiter: Ich vermisse an mir die aufrichtige Fähigkeit, mich auf fremde Themen einzulassen oder mich für sie zu begeistern, und überhaupt wäre ich gerne neugieriger, Dingen aus innerem Antrieb auf den Grund zu gehen. Zudem nehme ich an mir ein eher oberflächliches bzw. “Nutzen-orientiertes” Interesse anderen Menschen gegenüber wahr. Sie wirklich kennen zu lernen — dazu bin ich oft zu sehr mit mir selbst und meinen Zielen beschäftigt. Mit der Suche nach mir selbst und meinen Zielen, um genau zu sein.

Die „Filterblase“, die sich daraus ergibt und die sich zuletzt so angefühlt hat, als ob ich mich im Kreis bzw. vor allem um mich selbst und den Mangel in mir drehe, ist wohl einer der Gründe für meine Unzufriedenheit und Unausgeglichenheit.

Diese seltsame Verschlossenheit und innere Trägheit — entsprechen die wirklich meinem Wesen?

Hm.

Ich spule in meinen Gedanken und Gefühlen zurück in meine Kindheit, die sich zunehmend als Schlüssel zu Erkenntnisräumen und sogar als Kompass für meinen jetzigen Lebensweg erweist. Nicht nur die Erinnerung an mein Fahrrad-Erlebnis, sondern unzählige weitere Momentaufnahmen lassen schlussendlich keinen Raum für Zweifel:

Ich war mal neu- und wissbegierig.

Wie, wo und wann ist mir denn meine Freude am aktiven Lernen abhanden gekommen?

Vorsichtig schlendere ich meine innere Zeitschiene entlang. Es wird spannend, und ein bisschen mulmig ist mir dabei auch.

Könnte ich meine Neugier — mein Lernen — ausgerechnet in der Schule verlernt haben?

In der Grundschule falle ich mit einfallsreichen Aufsätzen und meiner Fertigkeit im Umgang mit Sprache auf. Das schlägt sich nicht nur in sehr guten Noten nieder, sondern bisweilen auch darin, dass Deutschlehrer meine Texte vor der ganzen Klasse loben, ja sogar vorlesen. Für mich jedes Mal wieder ein weihnachtlicher Moment.

Auch meine musikalische Veranlagung wird in dieser Zeit entdeckt und vorbildlich gefördert.

Doch dann beginnen sich die Dinge für mich zu drehen: Schon zum Ende der gymnasialen Unterstufe, vor allem aber in der Mittelstufe laufe ich mit eben dieser Veranlagung schier gegen Wände. Meine virtuosen und eigenständigen (und meinetwegen auch eigenwilligen) Interpretationen von Gedichten beispielsweise entsprechen nicht den Vorstellungen meiner Deutschlehrerin, die es bevorzugt, dass ihre Schüler das wiedergeben, was sie ihnen zuvor vermittelt hat. Bei mir, dem Halt und Grenzen suchenden Teenager von mittlerweile getrennt lebenden Eltern, stellt sich schon bald das Gefühl ein, dass alle jene Interessen und Talente, die meinem Herz entspringen und es beflügeln, mir nun zum Nachteil gereichen. Nicht einmal im Musikunterricht fühle ich mich noch aufgehoben. Weder Schul-, noch Musiknoten kann ich etwas abgewinnen. Mir fehlt schlichtweg der emotionale Bezug und die Einsicht, dass mich ausgerechnet diese Form der Bildung auf mein späteres Leben vorbereiten soll.

In der Konsequenz wende ich mich ganz meiner Kreativität zu. Dort wird das Lernen zur Nebensache, zur Selbstverständlichkeit. Hier will ich lernen. Und hier fühlt sich das Lernen nicht einmal danach an.

Meine Aktivitäten in gleich mehreren Bands innerhalb und außerhalb der Schule und meine Hauptrolle als Wendla Bergmann in Frank Wedekinds “Frühlingserwachen”, das die Theater-AG unter der Leitung eines jungen, rebellischen Lehrers am Ende meines 10. Schuljahres auf die Bühne bringt, sind Fluch und Segen zugleich: Einerseits dienen sie mir als Rückzugsort, an dem ich ich sein kann, an dem ich ausdrücken darf, was ich in mir trage. Andererseits nehmen sie so viel meiner Zeit und Energie in Anspruch, dass meine schulischen Leistungen auf der Strecke bleiben. Ich lerne eben lieber die Akkordfolgen für die nächste Bandprobe oder die Texte für meine Hauptrolle auswendig als die Französisch-Vokabeln für die bevorstehende Klassenarbeit.

Die nicht-Versetzung von der 10. in die 11. Klasse kommt mit Ansage. Bitter ist sie trotzdem. Und zwar so richtig bitter. Ich fühle mich missverstanden und zu unrecht bestraft.

Am Ende eben dieses schweren Schuljahres beschert uns die Inszenierung von „Frühlingserwachen“ Abend für Abend stehende Ovationen. Ich erlebe diesen Zuspruch aber nicht als Genugtuung. Ich erlebe unseren, meinen Erfolg als Erlösung, als eine überfällige Ermutigung, nicht aufzugeben — vor allem mich selbst nicht.

Zynisch mutet allenfalls dieser eine Moment an, in dem ich eben die Deutschlehrerin im begeisterten Publikum entdeckte, die maßgeblich zu meiner schulischen Krise beigetragen hat. Als Erwachsene werde ich später einsehen, dass sie es einfach nicht besser wusste, ja, dass sie sogar die besten Absichten hatte, wenn sie Schüler wie mich dazu anhielt, Vorgegebenes zu reproduzieren anstatt eigene Gedanken zu formulieren. Wir können ja alle bisweilen nicht aus unserer Haut. Und wir alle tun Dinge auf eine bestimmte Weise, bis uns das Leben — ein bisschen Glück und unser aufrichtiges Zutun vorausgesetzt — eines Besseren belehrt.

In meiner verbleibenden Schulzeit jedenfalls lerne ich umso mehr jene Lehrer zu schätzen, die mir nach meiner nicht-Versetzung eine zweite Chance geben, indem sie durch meine Wand des Trotzes und der Verletzung hindurchsehen, die ich in meiner Unbeholfenheit immer wieder vor mir hochziehe. Sie sind es auch, die das Potenzial in mir erkennen oder zumindest erahnen. Vielleicht können sie dieses Potenzial nicht fördern, weil ihnen in dem Rahmen, den die Schule stellt, die Hände gebunden sind. Aber immerhin sorgen sie dafür, dass ich mich wieder wie ein Mensch fühle, dessen Fähigkeiten etwas gelten. Ihnen sei Dank, dass ich aus dem „gebrochen“ ein „aufgebrochen“ mache.

Mit Lernfreude haben die beiden letzten Jahre, die meine Mitschüler und mich auf die Abitur-Prüfungen vorbereiten, kaum bis gar nichts zu tun. Im Grunde genommen nicht einmal mit Lernen, denn erschreckend wenig von all dem, was wir zu dieser Zeit lernen, “bleibt hängen”, wie man es nennt.

Immer dann, wenn ich mich mit Inhalten herumquäle, deren Warum sich mir für mein späteres Leben einfach nicht erschließen will, halte ich mir vor Augen, dass sie mich immerhin lehren, diszipliniert zu arbeiten und mich „durchzubeißen“.

Die einzige positive Ausnahme stellt der Religionsunterricht dar, der in unserer Stufe vom selben Lehrer geleitet wird wie die Theater-AG, in der ich zuvor mitgewirkt habe. Ich fordere mit meinen Standpunkten den Lehrplan heraus, aber im Unterschied zu den anderen Fächern ist das bei diesem Lehrer ebenso erlaubt wie willkommen und wird als Grundlage verstanden für spannende, bereichernde Dialoge, die nicht den Anspruch erheben, in allgemeingültigen Antworten zu münden, sondern sich in erster Linie erfreuen an den offenen Fragen und der Vielfalt der Sichtweisen. Die geteilte Faszination am nicht-Wissen ist unser Konsens, der eine ganz bestimmte, intrinsisch motivierte Form des Lernens überhaupt erst möglich macht.

So kommt es, dass ich mich aus Überzeugung und eben nicht aus Verlegenheit entscheide, meine mündliche Prüfung in Religionslehre abzulegen. Ich kann mich wirklich begeistern für die Themen, die das Fach Religion für die beiden Jahre Oberstufe vorsieht. Entsprechend gewissenhaft bereite ich mich vor, und als der große Tag kommt, trete ich meinen Prüfern sogar mit Freude entgegen. Deren Fragen zielen nicht nur auf erlerntes Wissen ab, sondern geben auch Raum für meine durchaus kontroverse Einordnung der Dinge.

Nach all dem Theater während meiner Schulzeit — in meinem Falle ja durchaus buchstäblich zu verstehen — ist es kein geringerer als der Schulleiter selbst, der mir schließlich vor der Tür des Prüfungsraums mitteilt, dass ich soeben mit voller Punktzahl bestanden habe. 15 von 15 Punkten. Ich habe nicht einen, sondern gleich 15 Schlusspunkte hinter meine Schulzeit gesetzt.

Bei dieser Rekonstruktion meines schulischen Werdegangs habe ich es also auf der einen Seite mit einem versöhnlichen Ende zu tun. Auf der anderen Seite verbinde ich seit damals mit jeder Form des Lernens — vor allem mit dem Wort selbst — ein unangenehmes Gefühl, eines, das sofort auf Abwehr geht und sich trotzig abwenden will.

Doch es siegt in diesen Tagen die tiefe Sehnsucht nach der Neugier und Lernfreude von einst in mir.

“Wie kann und möchte ich heute lernen? Und was?”, frage ich mich eines Morgens zwischen Meditation, Duschen und Zähneputzen.

“Kann ich die Uhr zurückdrehen und den Reset-Knopf drücken?”

Immerhin: Es gibt sie — die Bereiche, in denen ich immer noch dazulerne.

Bei meinen Auslandsaufenthalten habe ich mir Englischkenntnisse angeeignet, für die mich selbst Muttersprachler bisweilen ungläubig bewundern. Dieses Lernen ist „en passant“ erfolgt, weil meine Reisen es einfach mit sich brachten, und es geht immer weiter, wenn ich beispielsweise mit meinen amerikanischen Freunden telefoniere.

Ähnlich erlebe ich es seit jeher in der Musik. Auch das Lernen am Klavier empfinde ich zu keinem Zeitpunkt als Anstrengung oder Last, denn das Tun, das Schöpferische und das Beflügelnde stehen schon immer im Vordergrund und überstrahlen alles Andere.

In meiner Selbstständigkeit habe ich mir unterdessen ein beachtliches Portfolio an Computer-Fertigkeiten zugelegt — vom Web-Design über diverse Musik- und Video-Software bis hin zur Bearbeitung von Fotos und Grafiken. Auch das hat sich über die Jahre — zumeist autodidaktisch — aus der jeweiligen Situation heraus ergeben, indem es für meine Tätigkeiten als freischaffende Musikerin erforderlich wurde.

Die Auswertung meines Lernens ergibt nunmehr:

Ich scheine besonders gut zu lernen, wenn mich eine Sache

a) interessiert bzw. begeistert,

b) sie einen wichtigen Zweck erfüllt und/oder ich sie

c) durch Ausprobieren und Experimentieren erfahre — wenn ich sie mir zu eigen mache.

Wenn und a), b) und c) gleichzeitig in Erscheinung treten, ist das eine besonders ertragreiche Mischung.

Ich stelle auch fest: Wenn es um nachhaltiges und ganzheitliches Lernen geht, geschieht das bei mir vor allem über das Gefühl. Da ist es wieder, das Gefühl. Mich begeistern. Ärgern. Lachen. Trauern. Lieben.

Ich fühle, wenn ich Erfahrungen mache. Und ja genau, in “Erfahrung” steckt ebenso das Wort “fahren” wie in “Fahrradfahren” eben auch. Ich lerne also, indem ich aktiv bin. Indem ich erfahre.

Ich erkenne allerdings auch an, dass das Leben nicht nur aus Themen besteht, die mich spontan anknipsen, sondern auch oder sogar mehrheitlich aus solchen, für die ich eben erst im zweiten, dritten oder vielleicht sogar zehnten Anlauf empfänglich bin. Doch gerade letztere — das meine ich zu beobachten — bergen besonders viel Potenzial in sich, mich weiterzubringen, weil sie mich nicht mit einer Variation dessen, was ich schon kenne, versorgen, sondern eine echte, unbekannte Größe darstellen, die mich bei allem Unwohlsein, das sie auch in mir auslösen mögen, zu einer echten Belebung und somit Bereicherung führen.

Voraussetzung dafür ist aber wie gehabt, dass ich mich darauf einlasse und etwas tue, erfahre.

Ok, nochmal. Mich können genau die Themen besonders weit bringen, für die ich mir zunächst ein gewisses Interesse erarbeiten muss.

Kann ich denn lernen, mich diesen Dingen freiwillig und mit Freude zu widmen — meinetwegen so wie Kinder, so wie auch ich damals? In meiner Wahrnehmung begegnen Kinder der Welt zunächst einmal mit Unvoreingenommenheit, sprich Offenheit. Und sie entwickeln sich in einem rasanten Tempo.

Ich führe einen Selbstversuch an mir durch, der es sich zur Aufgabe macht, Neugier und Lernfreude freizulegen. Mir schwebt eine Art „Lernmuskel“ vor, den ich ganz neu aufbaue und trainiere. Letztlich wird es hier um nichts Geringeres als eine innere Umkonditionierung gehen, aber soweit denke ich zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht. Ich bin einfach entschlossen, etwas zu tun (…tun — ein so kleines Wort und doch eines der wichtigsten überhaupt!).

Die Rede ist von meinem Lernbuch, in dem ich fortan allabendlich notiere, was ich tagsüber gelernt habe. Ich unterteilte dieses Lernbuch zunächst in drei Rubriken:

  1. Persönliches
  2. Berufliches
  3. Allgemeinwissen

Der Effekt, den dieses Dokumentieren schon bald auf mein Lebens- und Selbstwertgefühl hat, ist erstaunlich: Zum einen gehe ich empfänglicher und interessierter durch den Tag — immerhin gilt es spätestens am Abend eine Bildungslücke zu schließen. Zum anderen gehe ich zumeist mit einem deutlich zufriedeneren Gefühl ins Bett, sobald ich mir vor Augen und Buch darüber führe, was ich tagsüber gelernt und ausprobiert habe. Ich nähere mich der Sache spielerisch, aber eben auch mit der Beständigkeit einer Tagesroutine. Daraus ergeben sich beispielsweise Rückfragen in Gesprächen, wenn ich es mit einem mir unbekannten Fremdwort zu tun bekomme, oder auch Internet-Recherchen, wenn ich Straßenschilder passiere, deren Namensgeber mir zwar irgendwie geläufig, aber nicht wirklich vertraut sind.

Je länger ich mich mit all diesen fremden, beliebig in meinem Leben aufpoppenden Themen befasse, desto natürlicher wird das Interesse, das ich für sie entwickle. Will ich bestimmte Dinge anfangs noch für mein Lernbuch wissen, um sie abends diszipliniert protokollieren zu können, finde ich es schon bald reizvoll, diese neuen Fährten aufzunehmen, denn sie bringen mich auf andere, eben neue Gedanken und Ideen. Sie hauchen meinem Alltag mehr Leben ein. Ich finde zunehmend Gefallen daran, nicht die Kluge sein zu wollen, sondern die Fragende, die Interessierte sein zu können. Weil ich mich in letzter Konsequenz nicht nur für Themen, sondern auch und vor allem für Menschen öffne, nehmen Gespräche immer öfter eine Wendung hin zu wesentlichen Inhalten. Ich entdeckte dabei, dass sich das Leben meines Gegenübers als besonders, spannend und lehrreich erweist, sobald ich bereit bin, zu fragen und zuzuhören.

Es geschieht etwas sehr Schönes: Ich lerne auf diese Weise immer mehr und besser auch mich selbst kennen. Und je besser ich mich selbst kennenlerne, desto besser gelingt es mir, mich auf andere Menschen einzustellen und einzulassen. Eine faszinierende Wechselwirkung. Mit einem vergleichsweise kleinen Dreh gelange ich vom Einsamfühlen zur Einfühlsamen.

Schon nach wenigen Monaten beginnt deutlich spürbar der ersehnte Lernmuskelaufbau. Meine Bereitschaft zur inneren Beweglichkeit wächst zu einer neuen Haltung heran, mit der ich dem Leben, meinen Mitmenschen und mir selbst viel offener und gelassener begegnen kann als es noch der Fall war, bevor ich den Lern-Dialog mit mir selbst und dem Leben aufgenommen habe.

Mein Lernbuch bekommt einen festen Platz in meiner Lebensführung — Experimente mit weiteren Rubriken und Herangehensweisen inbegriffen. Längst nicht alles, was ich mir zwecks Füllung meiner Bildungslücken notiere, bleibt für immer im Gedächtnis. Das ist auch gar nicht der Anspruch. Mir geht es um diese offene und neugierige Haltung. Ein erfreuliches Erfolgserlebnis ist es aber schon, wenn mir Themen, Fremdwörter oder Namen begegnen, die ich aufgrund meines Lernbuchs zumindest ein bisschen besser einzuordnen weiß.

Noch eine weitere Begebenheit fasziniert mich: Gelerntes wird zu einem Teil meines Wahrnehmungsvermögens und fällt mir auf einmal immer wieder auf, ganz so, als würde es erst existieren, seitdem ich es kenne.

Nochmal: Ich nehme Dinge erst wirklich wahr, wenn ich angefangen habe, mich zumindest ein bisschen mit ihnen zu beschäftigen. Das lasse ich für eine Weile auf mich wirken, und ich gelange zu der Vermutung:

Wenn es mir auch bei den großen Themen des Lebens, beispielsweise in meinen Beziehungen oder in meinem Beruf, gelingt, Öffnungen in meiner Wahrnehmung zuzulassen oder sogar aktiv zu suchen — dann werden diese zunächst noch ganz kleinen Öffnungen ebenso zu weiten Öffnungen werden. Genau diese Öffnungen werden dann mich öffnen — für neue Perspektiven, für wahrhaftige Erkenntnisse, für

immer mehr Liebe.

Genau diese Erfahrung werde ich schließlich machen.

Das Lernen — und ich spreche hier immer noch von einer ganzheitlichen Entwicklung — zieht sich von nun an wie ein roter Faden durch mein Leben und schillert dabei in den unterschiedlichsten Farben. Ähnlich wie die Beziehung zu mir selbst erkenne ich auch das Lernen als Richtschnur an, auf der ich von nun an Erkenntnisperlen wie diese aneinanderreihe:

  1. Zu den wichtigsten Lernschleifen in meinem Leben gehört, mich selbst und meine Grenzen — mein Maß — kennen und achten zu lernen mitsamt meiner Stärken und Schwächen.
  2. Gemeinsames Lernen ist für mich die schönste Form des Lernens. Beziehungen und Freundschaften sind Lernpartnerschaften, wie es ein Freund von mir einmal nannte. Auch in meinem Beruf möchte ich den Raum immer wieder weiten für Erkenntnis und Veränderung.
  3. Aus einem gefühlten Durcheinander kann mit ein wenig Abstand, Achtung und Gelassenheit ein Durch-einander-lernen werden.
  4. Kreativität und Lernen gehen Hand in Hand. Je ausgefallener eine ausgedachte Eselsbrücke, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich später erinnern werde.
  5. Ich lerne, ohne mich dabei für die Unwissenheit der Vergangenheit zu verurteilen. Warum zurückgucken und mich unnötig klein machen, wenn ich doch gerade dabei bin, groß zu werden?
  6. Lernen und Eitelkeit machen bei mir kein gutes Team. Also lieber beim Betreten des Klassenzimmers die Eitelkeit an der Tür abgeben.
  7. Lebenslanges Lernen beinhaltet für mich, offen und in Bewegung zu bleiben ohne daraus eine innere Unruhe werden zu lassen.
  8. Wenn ich lerne, werde ich bewusster und mache aus diesem zunehmend bewussten Sein ein immer höheres Bewusstsein.
  9. Was kann ich, was können wir alles lernen? Es ist vermutlich sehr viel mehr als du und ich bislang für möglich hielten.
  10. Das Leben ist ein Geschenk. Wenn wir uns beherzt seinen Lernschleifen widmen, packen wir es aus und an.
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