Eine Summe von Entscheidungen: unser Leben

An diesem verregneten und frühherbstlichen Tag mache ich mich auf den Weg zu einer Bekannten. Es ist nicht irgendein Besuch. Es ist der Besuch bei einer Todkranken auf der Palliativstation. In den letzten Tagen bin ich in regelmäßigen Abständen zu ihr gefahren. Allzu plötzlich gab es da vor zwei Wochen diesen Befund. Ahnen oder gar planen kann man so etwas gewiss nicht. Aber annehmen. Das lebt mir meine Bekannte auf eine Weise vor, die mich zutiefst beeindruckt, ja in gewisser Weise sogar erleichtert. Wenn man nichts mehr zu verlieren hat, freut man sich auf das, was man gewinnen wird. So jedenfalls wirkt das bei meiner Bekannten. Das empfinde ich als schön und sogar angenehm ansteckend, wenn ich an ihrem Bett sitze.

Auf dem Weg zum Krankenhaus lege ich einen Zwischenstopp im Blumenladen ein und lasse einen Strauß binden. Eine schlichte, aber schöne Zusammenstellung, an der ich selbst Freude hätte, wenn ich sie mir auf den Küchentisch stellen würde.

Ich steige in den Zug und stimme mich ein. Komme, wie es mir so oft ergeht, wenn ich unterwegs bin, auf Ideen, die ich mir lieber gleich notiere. Dabei vergesse ich die Zeit und stelle im nächsten Moment fest, dass ich aussteigen muss. Irritiert und erschrocken schnappe ich meinen Rucksack…und vergesse Blumenstrauß und Regenschirm in der Ablage über mir. Der Zug zieht bereits von dannen, als mir das auffällt. Gut möglich, dass mir dabei ein Schimpfwort entweicht.

Den Fußweg zum Krankenhaus verbringe ich mit einem inneren Zwiegespräch. Ich will mich nicht über meine Unachtsamkeit ärgern. In diesen Tagen will ich mich über gar nichts ärgern. Vieles davon scheint so unwichtig. Und mehr als sein Bestes geben kann man in einer solchen Ausnahmesituation ja auch nicht. Und doch bin ich zerknirscht, ja traurig, mit leeren Händen das Zimmer meiner Bekannten betreten zu müssen. Einen weiteren Strauß zu besorgen geben Zeit und Weg einfach nicht her.

Mein Blick fällt auf einen Obdachlosen zu meiner Linken, der am Straßenrand engagiert seine Tüten und Taschen zu sortieren scheint. Auf einer dieser Taschen lese ich:

“Your life is the sum of all your choices.”

Ein kurioser Anblick. Eine Aussage, die gleich einer Überschrift über all den Kapiteln des Lebens geschrieben steht, mit denen ich es gerade zu tun habe.

“Was ist deine Wahl in diesem Moment?”

…frage ich mich. Und entscheide mich für das Loslassen. Das Vertrauen ins Leben. Der Strauß wird sein Zuhause bei jemandem finden, der noch mehr Freude daran haben wird als meine Bekannte. Zugegeben, diese Vorstellung fällt mir schwer, aber ich tue es. Ich male mir aus, wie ein Mitarbeiter der Bahn zu später Stunde am Ende einer langen Schicht den Müll im Zug einsammelt und dabei den Blumenstrauß entdeckt. Er wird ihn seiner Frau schenken, die schon so lange keine Blumen mehr von ihm bekommen hat. Und trockenen Fußes ist er dank mir auch noch nach Hause gekommen. Ein wenig Trost ist das schon, dieses Kopfkino. Und unterhaltsam noch dazu.

Im Krankenhaus angekommen, stelle ich mich meiner Bekannten als “Der Schlumpf des Tages” vor und berichte von meinem Missgeschick. Meiner Beschreibung des Straußes folgen Zweifel, ober er meiner Bekannten überhaupt gefallen hätte. Diese eine Blumenart sei nämlich gar nicht so ihr Ding, gibt sie zu Bedenken. Ob sie das nur sagt, damit ich mich besser fühle? Wir sind uns einig: Es ist, wie es ist. Und lässt sich nicht mehr ändern. Und ist deswegen auch nicht wichtig.

Wir wenden uns anderen Themen zu. Es wird gelacht. Es wird geschwiegen. Es wird über Dinge gesprochen, über die man sich nur unterhält, wenn einer bald für immer geht.

Als ich aufbreche, verabschiede ich mich von meiner Bekannten in dem Bewusstsein, dass es der letzte Abschied sein könnte. Das glaube ich zwar nicht, so präsent und fröhlich, wie sie gerade vor mir liegt. Aber wissen kann ich es nicht. Zur Aufheiterung erwähne ich, dass ich bei meiner Rückfahrt mit ein bisschen Glück denselben Zug wie auf dem Hinweg erwischen und Strauß und Regenschirm wiederfinden werde. Wir lachen.

Eine halbe Stunde und einen türkischen Imbiss später rollt mein Zug auf Gleis 2 ein. Vom Bahnsteig aus fällt mir eine als defekt ausgewiesene Zugtür auf. Hatte der Zug auf der Hinfahrt nicht auch eine defekte Tür? Der aufmerksame Leser ahnt es längst: Der Zug wird sich wenige Momente später als eben jener Zug erweisen. Für die Dramaturgie: Wir reden hier von einer hochfrequentierten Strecke mit wer weiß wie vielen Zügen, die hier im Viertelstundentakt durchkommen.

Ich finde also an selber Stelle Strauß und Regenschirm vor als hätte ich sie eben erst dort abgelegt. Natürlich: Ich freue mich riesig. Und erstaunt bin ich auch. Unter diese Freude, dieses Erstaunen mischt sich ein weiteres, ein leiseres, ein selteneres Gefühl. Ein Gefühl von nicht-Zufall. Ein Gefühl von

“Hier. Ein Geschenk nur für dich.”

In der Tat. Das Leben höchstpersönlich hat mir soeben einen wunderschönen Strauß Blumen überreicht. So interpretiert es auch meine Bekannte spontan, als ich sie noch aus dem Zug anrufe.

Geteilte, unbändige Freude als Resultat eines vermeintlichen Verlustes. Verrückt.

Wie leben wir? Wir halten zumeist fest an dem, was uns wichtig ist. Sind dabei bisweilen unachtsam. Wenn wir es loslassen müssen, lassen wir es los. Aber eben erst dann und beileibe oft mit schwerem Herzen. Oder gar Verbitterung.

Entscheiden wir uns doch lieber früher als später, loszulassen! Entscheiden wir uns doch lieber früher als später, darauf zu vertrauen, dass das, was wichtig ist, nicht verlorengehen kann. Entscheiden wir uns doch lieber früher als später, anzunehmen, was uns zugedacht ist, wenn es uns findet. Sei der Weg dabei noch so kurios!

Wenn es (wieder)kommt, ist es schöner als je zuvor.

Ja, ich denke, das Leben ist so. Es ist eine Summe von Entscheidungen wie diesen. Und ich gehe noch einen Schritt weiter:

Die Liebe ist so. Sie ist eine Summe von Entscheidungen wie diesen.

Entscheidungen des Loslassens. Entscheidungen des Vertrauens. Entscheidungen des Annehmens, wenn das Leben und die Liebe uns mit einem Strauß (an Erfahrung) beschenken.

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