Impflichter

Geboostert. Am Montag vor dem Duisburger Hbf. Ohne Termin. Das junge Paar vor mir unsicher: Erstimpfung. Konnte ihnen ein paar Fragen beantworten. Mutmachende Blicke zuwerfen. Ihnen noch eben alles Gute wünschen, als ich 20 Minuten später mit allem durch war. Da war ihnen schon die Erleichterung ins Gesicht geschrieben.

Das Thema Corona/Impfung betrifft jeden:n von uns auf persönlicher Ebene.

So oder so.

Hier ein paar meiner Gedanken, die ich deswegen kundtue, weil es mich bestürzt, mitzuerleben, was die aktuelle Entwicklung für die Menschen in unserem Land bedeutet, sei es in den Krankenhäusern, in den Schulen, in der Kulturlandschaft, im Einzelhandel oder wo auch immer ich das in meiner Lebenswirklichkeit erfahre.

Ganz konkret.

Weil ich Menschen kenne, deren Impf-Skepsis ich immer weniger nachvollziehen kann, die ich aber trotzdem nicht einfach abschreiben oder pauschal verurteilen möchte.

Weil ich es schmerzhaft finde, dass die jetzige Entwicklung wohl vermeidbar gewesen wäre, und ich nach all den Monaten immer noch und immer wieder tun möchte, was ich tun kann–auch wenn ich dabei in Momenten wie diesen den resignierenden Gedanken beiseiteschieben muss, dass ein Text wie dieser ja ohnehin keinen Unterschied machen wird.

Im Kern reden wir immer noch über eine Abwägung zwischen dem Risiko einer Corona-Erkrankung und dem Risiko möglicher Impf-Nebenwirkungen. Ich bin für mich schon im Frühjahr zu dem Schluss gekommen, dass das Impfen das kleinere Übel ist. Und ein gesellschaftlicher Akt noch dazu.

Neben der aktuellen Entwicklung, die ich so nicht mehr für möglich gehalten habe, beklemmt mich in diesen Tagen vor allem das Misstrauen, das ich vielerorts wahrnehme.

Dabei ist unser Unterscheidungsvermögen gefragter denn je. Bauchgefühl und Angst in bestimmten Situationen auseinanderhalten zu können und mitzubekommen, wann wir uns aus guten Gründen schützen und wann wir uns vergaloppieren — leichter gesagt als getan.

Und so sind wir in dieser Pandemie auch auf Menschen angewiesen, die sich besser auskennen als wir. Wem vertrauen?

Ein paar der Fragen, die mir bei der Unterscheidung helfen, wem ich meine Aufmerksamkeit schenke und wem nicht, sind diese — und sie sind keineswegs Pillepalle, wenn ich sie mit der Hand auf dem Herzen beantworte; wenn es gar um Menschen aus dem eigenen Umfeld geht:

Wirkt dieser Mensch auf mich besonnen?

Ist dieser Mensch in der Lage, seine eigene Sicht zu hinterfragen und sich ggf. zu korrigieren?

Hat sich dieser Mensch über eine längere Zeit konstruktiv hervorgetan durch solide, unabhängige Arbeit?

Verfolgt dieser Mensch meiner eigenen Einschätzung nach Ziele, die einem größeren Bild dienen oder verfolgt er womöglich Ziele bzw. legt er Verhaltensweisen an den Tag, die vor allem ihm selbst dienen (Stichwörter Trotz, Eitelkeit, Manipulation, Macht, etc.)?

Verfolgt dieser Mensch wirtschaftliche Ziele, die ich fragwürdig finden könnte?

Geht von diesem Menschen etwas Spaltendes aus oder gelingt es diesem Menschen, durch sachlich vorgetragene Argumente zum eigenen Nachdenken anzuregen?

Mache ich es mir einfach, indem ich die Meinung und Haltung dieses Menschen übernehme?

Bei meiner persönlichen Orientierung und Einschätzung, und zwar nicht nur im Umgang mit Corona, sondern überhaupt im Umgang mit Risiken, greife ich mittlerweile gerne auf die Veröffentlichungen von Gerd Gigerenzer zurück. Unter anderem habe ich sein Buch „Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“ gelesen. Auch sehr aufschlussreich finde ich seine „Unstatistik“, die er gemeinsam mit dem RWI Essen monatlich herausgibt (erhältlich als kostenloser Newsletter). Es geht Gigerenzer, so wie ich seine Veröffentlichungen begreife, darum, dass wir lernen, Risiken eigenverantwortlich abzuschätzen und Verantwortung zu übernehmen, indem wir Daten zu deuten verstehen; indem wir sie auch mal hinterfragen, und zwar mit bewährten Methoden.
Beispiel: Regenwahrscheinlich von 30 %. Wisst Ihr, was das genau bedeutet? 30 % von was? Gigerenzer bietet für dieses und viele weitere Beispiele bestechend nachvollziehbare, verständliche Aufklärung.
Da uns im Zusammenhang mit den Impfstoffen und überhaupt in der Medizin — also wenn es um unser persönliches Wohl geht — sehr oft Zahlen und Prozent-Angaben begegnen, finde ich es tatsächlich ratsam, dass wir uns alle mehr mit unserer Zahlen-, also Risiko-Kompetenz befassen.

Ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht — wir leben in einer immer komplexeren Welt, die uns mehr abverlangt als wir bisweilen glauben, leisten zu können. Dass wir uns eigentständig und besonnen (will heißen: ausgewogen) mit ihren Risiken und Zusammenhängen auseinandersetzen, gehört zu unseren Hausaufgaben.

Das erfordert Zeit. Und eigenen Grips. Wann, wenn nicht jetzt, sind wir bereit dazu?

Wir sind eben nicht nur die, die sich an anderen Menschen orientieren oder einer vermeintlichen Spaltung zusehen. Wir sind auch die, die einen Schritt nach vorne machen und selbst Orientierung geben können — als

in einer Zeit, in der das Thema Impfpflicht die Runde macht.

Zu Letzterer sagt ein Teil in mir pragmatisch: Wir werden wohl nicht weiterkommen ohne.

Ein anderer Teil in mir fragt ungläubig kopfschüttelnd: Was würde das mit uns als Gemeinschaft zum jetzigen Zeitpunkt machen?

Ich weiß es nicht.

Was ich weiß, ist: Wir werden nicht alle erreichen können. Es gibt Menschen, die wollen nicht erreicht werden.

Ich glaube aber, dass es tatsächlich immer noch Menschen gibt, die wir auf persönlicher Ebene erreichen und mitnehmen können. Womit wir wieder bei den Hausaufgaben sind. Und den Impflichtern.

Klar ist für mich auch:

Es darf jetzt nicht darum gehen, dass irgendjemand Gesicht wahrt.

Es muss darum gehen, dass Menschenleben gerettet werden.

#Kreativität als #Haltung und Ausdruck innerer #Freiheit. Unterschätztes, geliebtes #Duisburg #Poesiepop #Album: » Wir Zugvögel « www.anke-johannsen.de

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