Kannst du dir den nächsten Sommerhit selbst schreiben? Wenn nicht, solltest du diesen Text lesen.

Momentaufnahme während einer Konzertreise im Libanon; Quelle: Anke Johannsen

Vor ein paar Tagen komme ich von der Rückbank aus mit einem Taxi-Fahrer ins Gespräch. Ich befinde mich auf dem Weg zu einer Veranstaltung, für die ich die Moderation übernommen habe. Mir fällt die stilsichere Playlist von Songs auf, die aus beeindruckend guten Lautsprechern erklingt. Auf die Frage, wie er seine Musik beziehe, berichtet er mir mit Stolz von jener Möglichkeit, Musikvideos im Internet in mp3s zu konvertieren. Er lobt die tollen deutschen Bands, deren Songs und Texte er offenbar besonders schätzt. Kurz zuvor habe ich erwähnt, dass ich Musikerin bin. Dass er sich seine Musik illegal herunterlädt und damit zu den Gründen beiträgt, warum ich als Musikerin auf Nebentätigkeiten wie das bevorstehende Moderieren angewiesen bin, ist ihm scheinbar nicht bewusst. Und dabei belasse ich es auch. Das Thema begegnet mir ja ständig. Es handelt sich dabei um ein viel weitreichenderes, gesellschaftliches Problem, das sich nicht mal eben schnell von der Rückbank eines Taxis aufzeigen und aus der Welt schaffen lässt.

Die längst überholte Opferrolle des brotlosen Künstlers

Wenige Menschen machen sich eine Vorstellung davon, was es bedeutet, in der heutigen Zeit Künstler zu sein.

Der Grund ist einfach: Die Mehrheit der Künstler prangert ähnlich ungern wie ich Missstände in vermeintlich eigener Sache an. Wer redet schon gerne über schlechte Einkommensverhältnisse und bedient damit ungewollt die längst überholte Opferrolle des brotlosen Künstlers? 
Die Wahrheit ist, dass die meisten der Künstler, die ich heute kenne, fleißiger und effizienter sind als viele Angestellte, die mir beispielsweise in öffentlichen Behörden oder auch in der freien Wirtschaft begegnen. Sie sind stets bestrebt, Lösungen zu finden. Sie sind integer. Sie sind mutig. Viele von ihnen setzen positive Impulse in unserer Gesellschaft und sind dabei ausgestattet mit einem Unternehmer- und Pioniergeist, der selbst in Führungsetagen selten zu finden ist. 
Eine der erfreulichen Entwicklungen der letzten Jahre ist das Crowdfunding. Bei Crowdfunding geht es dem ersten Anschein nach um Geld, beispielsweise für Kreative. Viel mehr noch geht es dabei aber um Wertschätzung. Menschen tun sich zusammen und befähigen einander zu Dingen, die ansonsten nicht möglich sind. Diese Art der Solidarität ist ein gesellschaftlicher Wert. Es ist einerseits ermutigend, zu sehen, dass das Internet derartige Chancen für all jene bereithält, die sich mit ihren Ideen auf den Weg machen. Andererseits ist es aber auch traurig, dass viele Künstler, Erfinder und Gründer darin die einzige Möglichkeit für sich sehen, hierzulande überhaupt weiterzukommen.

Momentaufnahme während einer Konzertreise im Libanon; Quelle: Anke Johannsen

Eine ständige Verfügbarkeit von unendlich viel

Den Chancen des Internets steht eine Flut an Angeboten gegenüber. In Zeiten von Online-Streaming heißt das in meiner Kunst eine ständige Verfügbarkeit von unendlich viel Musik. Man mag ein gutes Gefühl dabei haben, wenn man anstelle der illegalen Downloads, wie sie unser Taxifahrer zur Methode gemacht hat, auf legale Streaming-Dienste zurückgreift. Wer dort ein kostenpflichtiges Abo abschließt, hat womöglich sogar das Gefühl, etwas für die Musik-Branche zu tun. In Wahrheit aber tut er etwas gegen sein schlechtes Gewissen und allenfalls für die Branche, nicht aber für die Musik.

Ich kenne nicht einen Musiker, der sich von den Cent-Beträgen, die er durch Streaming erwirtschaftet, eine Hose kaufen, geschweige denn davon leben kann.

Dass man mit Musik-Verkäufen nicht mehr weit kommt, haben Musiker wie ich längst akzeptiert. Wir haben unser “Geschäftsmodell” angepasst. Eine Zeit lang schien es so, als könne man verlorenen Boden durch eine erhöhte Anzahl an Auftritten wieder gutmachen. Allerdings haben uns da die Comedians, die neuen Rockstars, einen Strich durch die Rechnung gemacht. Gewiss. Ich gönne ihnen ihren Erfolg von Herzen. Allzu oft leisten sie einen wichtigen Beitrag zur kulturellen Bildung in diesem Land. Aber verdrängt haben sie die Live-Musik vielerorts — auch im Fernsehen — trotzdem.

Mangelnde Eigenverantwortung anprangern und damit Ignoranz und Rücksichtslosigkeit vertuschen

Wenn man sich nicht gerade darauf spezialisiert hat, als Mitglied einer Top-50-Band an Hochzeiten seinen Lebensunterhalt zu erwirtschaften (und dabei riskiert, dass die Flamme der Begeisterung für die eigene Kunst erlischt), bleiben noch Sommerfeste, Jubiläumsfeiern, Empfänge und vergleichbare Veranstaltungen, an denen Live-Musik möglichst dezent und gutaussehend im Hintergrund für das Wohlgefühl sorgen möge. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft mir für Veranstaltungen dieser Art ein regelrechter Hungerlohn (wenn überhaupt) geboten wurde mit der zynisch anmutenden Begründung, das Catering sei leider so teuer, dass für die Musik kaum oder kein Budget zur Verfügung stünde. Gerne wird dann in Aussicht gestellt, man würde zwar nicht (viel) verdienen, aber man hätte immerhin eine tolle Gelegenheit, sich vor einem interessanten Publikum zu präsentieren. Was aber bringt eine solche Werbeplattform, wenn man sich dabei unter Wert verkauft? Weil ich mich meiner Zunft (und natürlich mir selbst) verpflichtet fühle, lehne ich solche Anfragen schon aus Prinzip ab. Ich ahne allerdings, wie viele Musiker in einer solchen Situation zähneknirschend einwilligen, weil sie froh sind, neben den Unterrichtsstunden und Workshops, die sie mehr oder weniger erfüllt zu einem Großteil ihrer Zeit abhalten, hinzuzuverdienen. 
“Selbst schuld.”, wird jetzt manch einer erwidern. Wer so argumentiert, gehört aller Wahrscheinlichkeit nach auch zu jenen, die sagen: “Wenn jeder sich selbst hilft, ist allen geholfen.”, und damit mangelnde Eigenverantwortung anprangern, wenn damit in Wahrheit Ignoranz und Rücksichtslosigkeit vertuscht werden. In einer solchen Gesellschaft will ich nicht leben. Und ich gehe jede Wette ein: du auch nicht.

Oder kannst du dir den nächsten Sommerhit selbst schreiben? Möchtest du bei der nächsten Trauerfeier eines geliebten Menschen selbst am Klavier sitzen oder gar singen? Oder hättest du an deiner Hochzeit auf die Musik zum Einlauf verzichtet?
Momentaufnahme während einer Konzertreise im Libanon; Quelle: Anke Johannsen

Vom Land der Wichtigtuer und Einschränker zurück zum Land der Dichter und Denker

Es geht hier um die Frage nach den Werten, auf die wir uns in unserer Gesellschaft in Zeiten der Digitalisierung verständigen. Wir galten einst als Land der Dichter und Denker. Heute sind wir eher das Land der Wichtigtuer und Einschränker. Wir treten unsere eigene Kultur mit Füßen und wundern uns, dass die Angst vor Überfremdung durch andere Kulturen die Oberhand gewinnt. Wir wollen Kunst, nein, wir wollen was von der Kunst, wenn uns auffällt, dass unsere Wirtschaft den Anschluss in Sachen Innovation verliert…und wundern uns, wenn Kreative darauf irritiert reagieren, weil wir es an anderer Stelle versäumen, sie anständig zu fördern bzw. zu honorieren. Wir feiern unsere Musiker, wenn sie uns im Radio singenderweise daran erinnern, dass wir keine Maschinen sind, also “Human”. Aber bis sie im Radio laufen, sind sie uns egal, behandeln wir sie wie Menschen, deren (Dienst-) Leistung wenig bis gar nichts wert ist. Die Haltung, die dabei oft mitschwingt, lautet sinngemäß: “Ihr macht das doch gerne. Da braucht ihr doch nicht auch noch Geld dafür zu verlangen.”
Je nach Kunst sind die Herausforderungen unterschiedlich gewichtet. Die Fotografen beispielsweise haben es noch schwerer als die Musiker, denke ich oft. Ein Foto lässt sich unter Missachtung jeglichen geistigen Eigentums mit nur einem Klick noch viel schneller verbreiten als beispielsweise ein Lied. Das Thema indes ist dasselbe: Unsere “Geiz-ist-Geil-”Mentalität, mit der wir uns nicht mehr die Zeit nehmen, uns mit dem Wert einer Sache auseinanderzusetzen, sondern einfach nur noch darauf aus sind, möglichst viel davon für uns selbst zu beanspruchen, rüttelt schon seit geraumer Zeit an den Grundfesten unserer kulturellen Identität. Wären unsere Gesellschaft und die Kunst miteinander verheiratet, ich würde die aktuelle Situation mit grobem Missbrauch vergleichen und Anzeige wegen häuslicher Gewalt erstatten. Dabei lieben sich die beiden doch eigentlich.

Die Frage ist: Wollen wir all das? Und wenn nein, was gilt es zu tun? Mittlerweile finde ich es unerträglich, dass wir diese Fragen nicht öffentlich stellen und leidenschaftlich miteinander diskutieren. Sie sind so überfällig.

Denn wenn ich hier nach Werten frage, dann geht es mir nicht nur um die Zukunft unserer Gesellschaft im Bereich Kunst und Kultur. In der Erziehung oder Pflege beispielsweise nehme ich eine noch viel größere Diskrepanz wahr zwischen dem Wert der geleisteten Arbeit und der Wertschätzung durch unsere Gesellschaft. Oder was hat der (gute) Journalismus in den letzten Jahren aus vergleichbaren Gründen mangelnder Wertschätzung zu kämpfen gehabt!

Wir müssen innehalten, zuhören und wertschätzen

Wir müssen wegkommen von einer Bevorzugung derer, die am lautesten und dreistesten sind. Wir müssen innehalten. Jenen, die einen wichtigen, prägenden Beitrag in unserer Gesellschaft leisten, zuhören. Und sie endlich wieder wertschätzen.

Wir müssen Werte formulieren, für die wir als Gesellschaft in der heutigen Zeit (ein-) stehen wollen. Und wir müssen Wege miteinander finden, diese Werte in kleine und große Handlungen zu überführen, die mehr Gleichgewicht und Gerechtigkeit gewährleisten. Frieden.

Während ich aus dem Taxi steige und den Fahrer samt Trinkgeld für seine getane Arbeit bezahle, fragt er mich nach meinem Namen. “Anke Johannsen”, antwortete ich zögerlich, wissend, dass er sich im Internet nach Musikvideos von mir umgucken und fündig werden wird. Möglicherweise beschallt und beglückt er jetzt gerade seine Fahrgäste mit einem meiner Songs. Vielleicht erzählt er dabei sogar stolz, dass ich unlängst bei ihm mitgefahren bin. Ich werde es nie erfahren. Und eine Hose werde ich mir davon auch nicht kaufen können. Nicht einmal eine Taxifahrt werde ich davon bezahlen können.

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