Wenn du so grinst, weißt du, dass es richtig ist.

Die Gestaltung eines Workshops führt mich vor wenigen Tagen nach Wien. In das “Kunst Haus Wien”, um genau zu sein. Von dessen Dachterrasse kann ich in der Ferne den “Wiener Prater” bestaunen. Bin ich auch sonst kein großer Fan von Vergnügungsparks — Riesenräder haben es mir angetan. Wann immer ich eine Stadt bereise und dort ein Riesenrad entdecke, steige ich ein. Berlin, London, Beirut und meine geliebte Heimatstadt Duisburg (dort gibt es eines in der Weihnachtszeit) gehörten in der Vergangenheit dazu, um nur ein paar zu nennen.

Es scheint also eine bereits beantwortete Frage der Ehre, Wien in eben diese Liste aufzunehmen.

Erfahren wie ich bin, weiß ich, dass sich Riesenradfahrten in den Abendstunden als besonders eindrucksvoll erweisen können. Von dort aus den Sonnenuntergang zu genießen kann es locker aufnehmen mit jenen atemberaubenden Urlaubsmomenten am Meer, wenn der feuerrote Ball vor imposanter Farbkulisse eintaucht in den unendlichen Horizont der Wellen.

Wenige Stunden vor meiner abendlichen Abreise nähere ich mich meinem geplanten Vergnügen. Es soll das buchstäbliche “Highlight” und ein würdiger, feierlicher Schlusspunkt einer erfolgreichen Reise werden. Auf meinem Weg dorthin sticht mir ein Kettenkarussell ins Auge.

“Ist das wirklich so hoch oder wirkt das aus der Ferne einfach nur so?”, wundere ich mich.

117 Meter beträgt dessen Höhe, um genau zu sein. Und es ist nicht irgendein Karussell. Es handelt sich dabei um den sog. “Praterturm”, der über einen eigenen Wikipedia-Artikel verfügt und bis vor wenigen Jahren als das höchste Kettenkarussell der Welt gehandelt wurde.

Diese Fakten werde ich allerdings erst später und entsprechend ungläubig im Internet nachlesen. Denn just in diesem Moment überkommt mich ein breites Grinsen. Was für eine aufregende Vorstellung, in dieser wunderschönen Abendstimmung schon bald selbst zu jenen Menschen zu zählen, die schwerelos durch die hohen Wiener Lüfte schwingen!

Aber Moment: Auf dem Plan steht doch das Riesenrad.

“Schlag’ dir die Idee mit dem Kettenkarussell lieber sofort wieder aus dem Kopf. Das war nicht der Plan. Und überhaupt: So ganz alleine wirst du dich das wohl kaum trauen.”

Der Kopf hat also die Regie übernommen und leitet mich getreu meinem Plan zum Riesenrad. Der wunderschöne Ausblick aus der Gondel gibt mir Gelegenheit zu ein paar tiefen Momenten des Genusses und der Zufriedenheit. Ein paar Aufnahmen mit meiner Kamera sind auch drin. Dabei fällt mein Blick wieder auf den Turm. Und wieder grinse ich. Und schüttle den Kopf.

“Nimm dir das einfach für’s nächste Mal vor.”

Der Kopf gibt sich redlich Mühe. Und argumentiert dabei fast unmerklich als Anwalt meiner Angst. Fast. Denn mein Herz antwortet wacker:

“ Stell’ deinen Mut doch einfach auf die Probe. Ob es das wert ist, wirst du nur herausfinden, indem du hingehst und es ausprobierst. Wer weiß, ob und wann sich eine solche Gelegenheit nochmal bietet. Also: Mach’s JETZT.”

Bähm! Gut gekontert, liebes Herz! Wenige Minuten später bestaune ich den “Praterturm” aus nächster Nähe. Yep, ganz schön hoch. Aber die Menschen da oben schreien nicht. Und traumatisiert wirken sie auch nicht, als sie nach der Landung wieder aus ihren Sitzen steigen. Nicht mal über den Fahrpreis von 5 Euro kann man meckern. Kurzum: Das Grinsen hat gewonnen.

“Lieber Kopf, du wartest einfach kurz hier unten und passt auf meinen Rucksack auf. Ich geh’ mal eben fliegen. Bis gleich.”

Mit meinem Fahrchip in der Hand denke ich lieber nicht darüber nach, was mir unmittelbar bevorsteht oder gar passieren könnte. Stattdessen schaue ich mich um und stelle fest, dass ich mehrheitlich von jungen Menschen umgeben bin. Scheinbar angstlos und mit umso mehr Selbstverständlichkeit blicken sie ihrer Fahrt, ihrem Flug entgegen. Das steckt an und beruhigt. Und führt mich zu der Einsicht, dass wir Erwachsenen im Umgang mit unserer Angst offenbar von den Jüngeren lernen können.

Als wir wenige Momente später an Höhe gewinnen und unseren Flug beginnen, erlebe ich ihn — meinen Moment der Angst. Ist das hoch! Ich habe nichts unter meinen Füßen. Und keinerlei Kontrolle. Und werde durch die Luft geschwungen. Das einzige, was ich jetzt tun kann, ist

LOSLASSEN.

Eine wundersame und ebenso wundervolle innere Stille erfüllt mich nun. Nicht der Boden unter mir oder der Himmel über mir sind jetzt wichtig. Einzig der lichtvolle Horizont zählt, dem ich Runde für Runde entgegenfliegen darf. So sehr mich meine Angst in Stress versetzen könnte, so viel Ruhe, ja sogar Geborgenheit bietet mir eben diese Weite.

Freiheit.
Freiheit von der Schwerkraft.
Freiheit von meiner Angst.

Ich lasse die Ketten los und mich durchpusten. Breite meine Arme aus und erlebe einen “Alles ist möglich”-Moment, der sich gewaschen hat. Er wird mich noch Tage tragen. Maßgeblich daran beteiligt: die Freude über meine eigene Courage. Letztere finde ich bestätigt, als wir wieder den Boden erreichen. Beeindruckte Passanten stehen da und bewundern uns Mutigen, die gerade nach dem Höhenflug landen. Zurecht. Dabei ist diese Gelegenheit ja auch ihnen vergönnt.

Beschwingt und beseelt trete ich meine Heimreise an. Und grinse dabei. Immer wieder.

Von eben diesem Grinsen habe ich mich heute leiten lassen. Ich bin diesem unverhohlenen, herrlich kindlich anmutenden Impuls gefolgt. Einfach, weil ich es konnte. Und weil mehr dafür, als dagegen sprach. Ich habe mich dabei selbst überrascht. Beeindruckt. Bestärkt. Und jetzt etwas getan, für das es vielleicht kein Später geben wird, das mir aber ganz bestimmt noch lange bleiben wird.

So möchte ich leben. Und fliegen.

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