Homöopathie = Placeboeffekt?

Was ist der Placeboeffekt und wie kann man ihn nutzen?

DerApotheker
May 19 · 6 min read
Danke an Sankt Johann für die fantastische Zeichnung.

Version vom 30.10.2019 — Bitte bis ganz nach unten scrollen. Danke. 😘


Alles, was wir einnehmen und dabei eine bestimmte arzneiliche Wirkung erwarten, hat einen Placeboeffekt.

Schön lässt sich das z.B. an der Einnahme von Baldriantabletten beobachten: Baldrian wird eine halbe Stunde vor dem Schlafengehen eingenommen und unterstützt das Einschlafen sowie das Durchschlafen.

Was viele nicht wissen: Die Tabletten müssen jeden Tag eingenommen werden, denn erst nach ca. zwei Wochen zeigt der Baldrian seine Wirkung. In der Apotheke höre ich immer wieder, dass die Patienten die Tabletten nur hin und wieder einnehmen, und zwar dann, wenn sie das Gefühl haben, nicht schlafen zu können. Und siehe da, nach der Einnahme fällt das Einschlafen leichter. Der Grund? Der Placeboeffekt.

Im Wissen, etwas gegen unsere Schlaflosigkeit getan zu haben, beruhigen wir uns, sind bereit für den Schlaf — und er tritt ein. Die Wirkung schreiben wir dann den Baldriantabletten zu, obwohl der Baldrian in diesem Fall nicht dafür verantwortlich ist.

Woher weiß ich, dass die Tablette verantwortlich war und nicht der Placeboeffekt?

Wenn ich bei Kopfschmerzen eine Tablette nehme, erwarte ich, dass sie dadurch schnell verschwinden. Aber Kopfschmerzen vergehen meist auch, wenn ich keine Tablette nehme. Die Frage ist wann.

Nehmen wir an, jemand gibt mir eine Tablette und behauptet, es wäre eine Kopfschmerztablette. Ich nehme sie freudig ein, in der Annahme, dass als Folge meine Kopfschmerzen endlich verschwinden werden.

Was aber, wenn die Tablette gar keine Kopfschmerztablette war?

Auch dann wären die Kopfschmerzen irgendwann verschwunden, weil Kopfschmerzen selbstlimitierend sind oder weil die Erwartung auf die Tablettenwirkung zu einer Linderung geführt hat.

Das Problem ist, dass man im Nachhinein niemals weiß, was gewesen wäre, hätte man eine der anderen Optionen gewählt: Kopfschmerztablette einnehmen oder Placebo? Vielleicht auch einfach keine Tablette schlucken?

Anderes Beispiel: Ich wache auf, bin müde und nehme eine Tablette gegen meine Müdigkeit. Nach einer Weile bin ich nicht mehr müde. Wäre ich ohne Einnahme der Tablette weiterhin müde gewesen?

Manche Menschen sind davon überzeugt, dass sie sich nur deshalb seit ein paar Jahren keine Erkältung mehr eingefangen haben, weil sie bestimmte Nahrungsergänzungsmittel einnehmen, die angeblich ihr Immunsystem stärken. Aber woher wissen wir, ob sie sich ohne Einnahme der Nahrungsergänzungsmittel erkältet hätten? Liegt hier eine Kausalität vor?

Um herauszufinden, ob ein Arzneimittel besser wirkt als ein Placebo, werden Studien gemacht, sogenannte Doppelblindstudien. Hierbei wissen weder die Versuchsleiter noch die Studienteilnehmer darüber Bescheid, zu welcher Gruppe die Teilnehmer gehören. Die eine Gruppe erhält das Placebo, die andere das Arzneimittel mit dem aktiven Wirkstoff. Bei beiden Gruppen tritt der Placeboeffekt auf. Bei der Gruppe jedoch, die das richtige Arzneimittel bekommen hat, erwartet man eine den Placeboeffekt übertreffende Wirkung.

Wird beispielsweise ein Blutdrucksenker gegen ein Placebo getestet, muss das Arzneimittel den Blutdruck stärker senken als das Placebo es tun würde. Schafft es das nicht, hat es folglich keinen Nutzen.

Natürlich kann es auch vorkommen, dass wenn man zwei Placebos gegeneinander testet, das eine Placebo besser wirkt als das andere. Das nennt man Zufall. Die Homöopathen hingegen nennen es Beweis für die Wirksamkeit der Homöopathie.

Es gibt jedoch nicht nur den Placeboeffekt, sondern auch den sogenannten Nocebo-Effekt

Wenn man ein neues Medikament gegen eine Erkrankung einnehmen muss und im Beipackzettel stehen als Nebenwirkung Magen-Darm-Beschwerden vermerkt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ebenjene Beschwerden tatsächlich auftreten, größer, als wenn man nichts davon gewusst hätte. Das nennt man Nocebo-Effekt.

Ein weiteres Beispiel:

Viele Menschen sind lactoseintolerant. Das heißt, ihr Darm bildet nicht genügend vom Enzym Lactase, um durch Ernährung zugeführte Lactose spalten zu können. Das führt zu Durchfällen und Blähungen. Nimmt man Lactose zu sich, können kleine Mengen meist gespalten werden, größere Mengen hingegen nicht.

Das Problem hierbei ist allerdings, dass viele Tabletten als Trägersubstanz Lactose enthalten und die Patienten Angst vor der “bösen Lactose” haben, so dass sie selbst bei kleinen Mengen schon einen verrücktspielenden Darm erwarten. Was er meist genau deshalb auch tut. Lag der Durchfall also an der zugeführten Lactose, dieser winzig kleinen Tablette, oder war der Durchfall psychosomatisch?

Homöopathie

Was beim Gesunden bestimmte Symptome auslöst, soll ebendiese Symptome beim Kranken heilen, beschloss der deutsche Arzt Samuel Hahnemann Ende des 18. Jahrhunderts. Dazu müsse die Substanz allerdings verdünnt werden, denn viele Substanzen sind giftig oder schlichtweg ekelhaft. Beispiel ist hier immer gerne das Excrementum caninum (Hundekot).

In der Homöopathie geht man davon aus, dass je weniger “Wirkstoff” vorhanden sei (umso höher also die Potenz), desto wirksamer das homöopathische Mittelchen. Die Absurdität leuchtet jedem Menschen mit ein bisschen Sinn für Naturwissenschaften sofort ein. Aus diesem Grund wird das Verdünnen gerne verschleiert, indem die Verdünnung schließlich noch sinnlos geschüttelt und der Vorgang Potenzieren genannt wird.

Denn: Dadurch. Wird. Dann. Energie. In. Die. Verdünnung. Geschüttelt.

Logisch? Nein.

Das, was in der Homöopathie als Wirkstoff bezeichnet wird, ist natürlich auch kein Wirkstoff im klassischen Sinne. Man versucht, Ähnliches mit Ähnlichem zu heilen. Eine Substanz, die beim Gesunden in unverdünnter Form eine Reaktion des Körpers hervorruft, soll in verdünnter Form ebenjene Reaktion beim Kranken heilen können.

Nur, um Wirkstoff genannt zu werden, muss der Stoff auch wirken.

Tweet vom 03.06.2018

#Kunde: Herr Apotheker, was ist der Unterschied zwischen D6 und D12?

#DerApotheker: Bei einer D12-Potenz ist noch viel weniger "Wirkstoff" drin, deshalb wirkt das viel stärker!

#Kunde: Das verstehe ich nicht, das macht doch gar keinen Sinn!

#DerApotheker: Ganz genau.

Verschiedene Potenzen

In der Homöopathie unterscheidet man verschiedene Potenzen: Je höher eine Substanz potenziert wurde, desto stärker ist sie. So wird es jedenfalls behauptet.

Die Urtinktur ist ein meist pflanzlicher Auszug, dessen Inhaltsstoffe häufig durch ein Ethanol-Wasser-Gemisch aus der Pflanze gelöst wurden. Sie enthält also “einen Wirkstoff”, der eine arzneiliche Wirkung hervorrufen könnte. Aus der Urtinktur werden dann die verschiedenen Potenzen hergestellt:

D-Potenzen: Verdünnung 1:10

C-Potenzen: 1:100

Q- und LM-Potenzen: 1:50000

D6 bedeutet folglich, dass die Urtinktur sechs mal 1:10 verdünnt wurde und man schließlich eine 1:1.000.000-Verdünnung erhält. Das nutzlose Schütteln mal beiseite gelassen, macht es keinen Unterschied, ob man das ganze sechs mal 1:10 verdünnt, oder ob man 1L aus der Urtinktur entnimmt und 999.999 Liter Lösemittel darauf kippt - die Verdünnung ist dieselbe.

Ich wiederhole:

1 Teil Ursubstanz + 999.999 Teile Lösemittel ergeben eine D6-Potenz.

Wenn wir als weiteres Beispiel eine C12-Potenz wählen, wird hier ein Teil der Urtinktur 12 mal 1:100 verdünnt.

Oder zur Veranschaulichung:

1 Teil Ursubstanz + 999.999.999.999.999.999.999.999 Teile Lösemittel.

1 Liter Ursubstanz verdünnt mit 999.999.999.999.999.999.999.999 Liter Lösemittel.

Die erstellte Lösung wird anschließend auf die Globuli gesprüht, so dass man folglich auch keine gleichmäßige Verteilung des fraglich noch vorhandenen “Wirkstoffes” auf den Zuckerkügelchen hat.

Dass die C12-Potenz stärker wirkt, weil weniger vom Ausgangsstoff drin ist, leuchtet doch sofort ein, oder? Ja, wenn man nicht sehr bewandert auf dem Gebiet der Naturwissenschaften ist.

Ab Potenz C12 und ab Potenz D24 ist statistisch kein einziges Molekül des “Wirkstoffs” mehr in der Verdünnung zu finden. Das heißt, alle weiteren Verdünnungen sind gleichzusetzen mit der vorherigen.

Und nicht nur das: Man kann Hochpotenzen auch beliebig miteinander austauschen, der Placeboeffekt bleibt der gleiche.

Warum glauben die Anwender so vehement an eine angebliche Wirkung der Homöopathie?

Weil der Erfinder der Homöopathie Samuel Hahnemann es sich so ausgedacht hat, weil sie es glauben wollen und weil sie den Placeboeffekt für die Wirkung der Homöopathie halten.

Fazit:

Es gibt bis heute keine Beweise für die Behauptung der Homöopathie-Verfechter, dass die gewählte potenzierte Substanz die Symptome heilen kann.

Genausowenig gibt es Beweise dafür, dass eine Verdünnung/Potenzierung die Wirkung verstärkt.

Im Gegenteil, die Homöopathie wurde immer und immer wieder wissenschaftlich überprüft und immer und immer wieder kam man zum gleichen Ergebnis:

Die Homöopathie hat keine Wirkung, die über den Placeboeffekt hinausgeht.

Folglich ist die Homöopathie nichts anderes als der angewandte, monetarisierte Placeboeffekt. Ob das die Anhänger der Homöopathie wahrhaben wollen oder nicht.


Über Ovations würde ich mich freuen. Danke! 😘 #DerApotheker


DerApotheker

Written by

#DerApotheker — Artikel auf deutsch — Impressum & Friend-Links: https://medium.com/@ApothekerDer/impressum-friend-links-f885bf830d09 oder als Featured Article.

Welcome to a place where words matter. On Medium, smart voices and original ideas take center stage - with no ads in sight. Watch
Follow all the topics you care about, and we’ll deliver the best stories for you to your homepage and inbox. Explore
Get unlimited access to the best stories on Medium — and support writers while you’re at it. Just $5/month. Upgrade