Liebe Apothekerinnen und Apotheker, wir müssen über die Homöopathie reden.

Es wird Zeit, dass sich etwas ändert.

DerApotheker
Sep 26, 2019 · 7 min read
Bild von mohamed Hassan auf Pixabay

Version vom 26.12.2019 — Bitte bis ganz nach unten scrollen. Danke.


Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wie ihr wisst, ist in Deutschland die Religionsfreiheit im Grundgesetz verankert.

Als Agnostiker ist mir das herzlich egal, wer welche Religion ausübt. Jeder kann glauben, woran er möchte, nur sollte er nicht ständig versuchen, andere davon überzeugen zu wollen.

Homöopathie unterscheidet sich in vielen Punkten nicht von einer Religion. Ihre Anhänger glauben an sie, obwohl sie längst widerlegt ist. Und davon lassen sie sich nicht abbringen.

Will ich ihnen den Glauben nehmen, indem ich sie über die Homöopathie aufkläre, werden einige von ihnen sogar aggressiv und zweifeln an meiner Kompetenz. Das habe ich oft genug in der Apotheke erlebt.

Aber nicht nur mir ergeht es so: Als “Gute Pillen — Schlechte Pillen” in der Juli/August-Ausgabe seriös über die Homöopathie berichtete, sahen die Homöopathieanhänger unter den Abonnenten rot und kündigten so gleich ihr Abo.

Ich verstehe also sehr gut, dass viele von uns keine Lust darauf haben, sich immer und immer wieder auf hitzige Diskussionen mit den gläubigen Globulisten einzulassen. Aber wir dürfen dessen nicht müde werden. Wir sind die Fachleute. Wir klären auf.

Laut einer Aposcope-Umfrage sollen jedoch auch 67% der Apotheker und 87% der PTA die Homöopathie für eine sinnvolle Ergänzung zur Medizin halten.

Ehrlich gesagt überrascht mich diese Zahl bei den PTA leider nicht. Aber bei den Apothekern deckt sich diese Zahl so gar nicht mit meiner Erfahrung und ich kann und will sie nicht glauben. Dennoch ist jeder von uns, der an die Homöopathie glaubt, einer zuviel.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir haben das Fachwissen. Wir wissen, dass die Homöopathie nicht über den Placeboeffekt hinaus wirkt. Wir wissen, was ein Placeboeffekt ist. Wir wissen, dass nicht einzelne Erfahrungen zählen, sondern randomisierte, placebokontrollierte Studien.

Trotzdem glauben einige von uns daran! Warum?

Ehrlich gesagt: Ich verstehe das nicht!

Kommt ihr euch dann nicht komisch vor, wenn ihr im HV steht und Behauptungen aufstellt, die so absurd sind, dass selbst Laien diese für Blödsinn halten? Wenn ihr versucht, herauszufinden, was wogegen eingesetzt wird, obwohl alles den gleichen Placeboeffekt hat? Fühlt ihr euch nicht wie Betrüger, wenn ihr homöopathische Mittelchen verkauft, von denen ihr wisst, dass sie keine nachgewiesene Wirkung haben?

Wenn ein Kunde zu uns Fachleuten in die Apotheke kommt und etwas gegen seine Krankheit haben möchte, dann möchte er definitiv kein Placebo empfohlen bekommen. Das muss euch doch klar sein.

Mal ehrlich? Ihr glaubt vielleicht, dass es hilft, weil der Placeboeffekt euch mal geholfen hat. Oder es einfach mit der Zeit von alleine besser wurde. Aber ihr wisst ganz genau, dass eure Empfehlung wissenschaftlich betrachtet keinen Sinn macht. Dafür habt ihr studiert.

Ich weiß, dass ich mich wiederhole. Aber ich kann eure Beweggründe einfach nicht nachvollziehen.

Ich will auch nicht glauben, dass ihr homöopathische Mittelchen nur wegen des Geldes verkauft oder nur, weil es der Kunde eben so möchte. Denn es gibt so gut wie immer eine Alternative, mit der man genauso Umsatz machen kann.

Und um mich selbst zu zitieren: Gut, manchmal gibt es keine (Alternative). Weil die Homöopathie sehr kreativ ist und sogar Globuli gegen Liebeskummer anbietet. Sie muss eine Wirksamkeit ja nicht nachweisen.

Glaubt mir, ich habe schon genug Kolleginnen und Kollegen erlebt, die von der Homöopathie felsenfest überzeugt sind. Ich musste mir schon unzählige verschwurbelte Beratungsgespräche anhören. Sei es von meiner PJ-Apothekerin oder meiner Ultra-Schwurbel-Kollegin (USK).

Bei letzterer erlebe ich das immer wieder. Sie glaubt nicht nur an die Homöopathie, sie vergöttert sie. Ihr Ziel scheint es zu sein, jeden davon überzeugen zu wollen.

Das was sie macht, ist hochgradig unprofessionell und das wirft ein schlechtes Bild auf unsere Apotheke. Wahrscheinlich meiden uns manche Kunden sogar, weil sie ihretwegen der Meinung sind, dass wir eine Homöopathie-Apotheke wären. Folglich denken sie auch, dass ich genauso verschwurbelt bin wie sie. Sie schadet also nicht nur ihrem Ruf, sondern auch meinem. Das ärgert mich.

Wenn eine Apothekerin oder ein Apotheker an Hokuspokus glauben will, dann habe ich zwar kein Verständnis dafür, aber sie können das meinetwegen zu Hause in ihren eigenen vier Wänden machen. Betet zu Hahnemann, baut einen Schrein, mir egal. Aber in der Apotheke sind Empfehlungen für Produkte der Pseudomedizin fehl am Platz. Was keine nachgewiesene Wirkung hat, sollte aus der Apotheke fliegen. Aber vor allem sollte die Krankenkasse nicht dafür bezahlen — auch, wenn Jens Spahn anderer Meinung ist.

Wir sollten nur noch das empfehlen, was eine eindeutig nachgewiesene Wirkung besitzt. Alles andere ist eine Täuschung des Kunden. Bewusst oder Unbewusst.

Menschen, die nicht unseren Beruf erlernt haben, sehen in uns nicht die Fachleute, als die wir angesehen werden wollen, sondern sie halten uns für Verkäufer. Wollen wir das? Nein, wir hassen das sogar. Denn wir haben verdammt nochmal studiert. Aber sind wir daran unschuldig, dass man dieses Bild von uns hat?

Schaut euch die Apotheken doch mal an. In fast jeder Apotheke wird für Homöopathie geworben. Sei es im Schaufenster oder in der Sichtwahl. Warum ist das so?

Das Wissen, dass die Homöopathie eine Pseudomedizin ist, ist mittlerweile bei vielen Laien angekommen. Sollte das Wissen dann nicht auch langsam bei euch homöopathieaffinen Fachleuten ankommen?

Wir sollten den Kunden sagen “Das ist homöopathisch, das hat keine nachgewiesene Wirkung!” Wir sollten das ihnen sagen, nicht sie uns. Das ist unsere Aufgabe. Genausowenig sollten wir uns schlecht fühlen, gläubigen Kunden zu sagen, dass ihr gewünschtes Mittel keine Wirkung hat, die über den Placeboeffekt hinausgeht.

Ich lese es bei Twitter immer wieder: Die meisten stören sich daran, dass wir so tun, als wäre Homöopathie richtige Medizin. Sie halten das entweder für eine bewusste Täuschung aus Profitgier oder für mangelndes Fachwissen des jeweiligen Kollegen.

Dass PTA mehr zu Homöopathie neigen als wir, ist ein offenes Geheimnis. Siehe oben. Aber wir können ihnen das auch nicht unbedingt vorwerfen, denn ihnen wird die Homöopathie von Anfang an als richtige Medizin verkauft. Also verkaufen auch sie die Homöopathie als richtige Medizin. Und wir tun nichts dagegen.

Schaut euch doch mal die PTA-Magazine an, die regelmäßig der Postbote vorbei bringt, da wird nicht zwischen Medizin und Pseudomedizin differenziert. Da ist die Homöopathie die sanfte Alternative, die sie aber nicht ist.

Aber wenn die PTA aktiv homöopathische Mittelchen empfehlen, dann schaden sie damit nicht nur ihrem Ruf, sondern genauso auch unserem. Denn die meisten Kunden machen da keine Unterschiede, sie sprechen von “der Apothekerin” oder “dem Apotheker”, die oder der ihnen Homöopathie verkauft hat, auch wenn es vielleicht ein(e) PTA war.

Denkt mal drüber nach.

Manche von euch kennen bestimmt Iris Hundertmark, sie hat die Homöopathie komplett aus ihrer Apotheke verbannt. Das heißt, sie und ihr Team empfehlen grundsätzlich keine Homöopathie und die Sichtwahl ist frei davon.

Wenn ihr mich fragt, sollte sie für jeden von uns ein Vorbild sein!

Natürlich muss auch sie auf Nachfrage homöopathische Mittelchen abgeben, weil die Homöopathie aufgrund des Binnenkonsens apothekenpflichtig ist. Aber Frau Hundertmark setzt damit ein Zeichen, indem sie keine Homöopathie in ihrer Apotheke vorrätig hat. Wir alle sollten ihrem Beispiel folgen. Wir brauchen mehr Apotheken ohne Homöopathie.

#ApothekeOhneHomöopathie

Ich bin wirklich gerne Apotheker. Aber es ärgert mich auch, dass wir nicht den Ruf haben, der uns aufgrund unseres Wissens eigentlich zustehen sollte. Daran gebe ich den Schwurbelkolleginnen und -kollegen eine große Mitschuld. Ihr habt es in der Hand, das zu ändern.

Deshalb lasst uns bitte alle “hundertmarken” und die komplette Pseudomedizin mitsamt der ganzen Werbung, die einige von euch dafür machen, aus der Apotheke werfen. Dann bestellen wir das Zeug eben auf Nachfrage, wenn es unbedingt sein muss und unsere Beratung keine Wirkung gezeigt hat.

Ich kenne eure Argumente, dass ihr nur das auf Lager habt, was häufig nachgefragt wird und bis auf vereinzelte Mittelchen nichts Homöopathisches in der Sichtwahl steht. Das ist wirklich ein guter Anfang. Aber es ist leider nicht genug. Denn damit wird impliziert, dass etwas, das den Naturgesetzen widerspricht, trotzdem seinen Platz in der Apotheke hat. Wollen wir das wirklich?

Was wäre, wenn Heilsteine im Trend wären. Würdet ihr die dann auch an Lager haben? Oder macht ihr hier einen Unterschied? Wenn ja, warum? Wo ist der Unterschied?

Wir sollten da wirklich alle zusammen halten und jeden, der Homöopathie, Schüßler Salze, Bach-Blüten und weitere Pseudomedizin möchte, aufklären und zu einer wirksamen Alternative raten. Das ist das Mindeste.

Außerdem sollten Apotheken-Inhaberinnen und -Inhaber darauf achten, dass ihre Angestellten nicht pro Homöopathie beraten, denn das wirft ein schlechtes Licht auf die Apotheke und auf jede Kollegin und jeden Kollegen.

Lasst uns in Zukunft alles besser machen. Lasst uns unseren guten Ruf wiederherstellen.

Ihr könnt mir gerne eure Meinung dazu mitteilen. Entweder hier in den Kommentaren, bei Twitter oder per E-Mail: ApothekerDer@gmail.com.

Bitte teilt diesen Artikel mit allen Kolleginnen und Kollegen, die ihr kennt.

Danke!

In Liebe, #DerApotheker


Über Ovations würde ich mich freuen. Danke! 😘 #DerApotheker



DerApotheker

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