Abenteuer Reiseplanung

Die perfekte Wanderung, der Weg dahin und die Klimakrise

@Aus_der_UBahn
Jan 24 · 6 min read
2016 war ich schon einmal am Lysefjord. Damals fiel mir das felsige Hochplateau im Norden auf und ich dachte: Da will ich mal hin.

Ich habe eine Leidenschaft: ich wandere sehr gerne lange Strecken. Am Stück und – nicht nur aus Verlegenheit, sondern insgeheim auch gewollt – allein. Leider ist das in unseren Breiten nur im Sommer möglich, so dass ich den ganzen Winter über planen und träumen kann. Die Wanderroute ist die eine Sache, die man sich gut überlegen muss; die Anreise ist die andere. Wer nicht fliegen möchte, für den wird dieser Part ein Abenteuer an sich. Von Hamburg mit dem Nachtzug in die südliche Schweiz, da ergeben sich schnell 16 oder 18 Stunden auf Achse. Ein wenig, so habe ich das Gefühl, gewinnt das Reisen dadurch an Würde zurück. Es wird zur „Grand Tour“. Aber nicht von Tag zu Tag improvisiert, wie damals in der Entstehungszeit des Tourismus, sondern von zuhause aus gut vorbereitet. Bei mir nur teilweise aus einem Sicherheitsbedürfnis heraus. Eher schon, weil es einfach solchen Spaß macht, über die Reise nachzudenken und Sachen rauszufinden.

Hinauf ins Fjell

Lange habe ich über die diesjährige Wanderoute nachgedacht. Nach der GTA in den Westalpen 2018 und der „Haute Route“ in der Gletscherwelt des Wallis 2019 möchte ich nun in die Weite Norwegens. Ich will Horizont um mich haben. Ich will nicht immer nur steile Pässe erklimmen, sondern vorankommen: gehen, gehen und sonst nichts. Meine Route habe ich mir mit Hilfe der tollen topographischen Karte von Ut.no längst in einem Outdoorportal digital zusammengeklickt. Übrigens weiß ich inzwischen sogar schon bis auf ein paar 100 m genau, durch welche Gesteine ich dort wandern werde: Uralter Granit und Gneis vom Baltischen Schild des Erdaltertums, überformt vom Kaledonischen Gebirge, glattgeschliffen von den eiszeitlichen Gletschern. Auch für die norwegische Geologie gibt’s eine sehr gute Karte.

Meine Wanderung soll vom Lysefjord im Südwesten Norwegens, nicht weit von Stavanger, aufs Fjell hinauf und dann immer nach Norden durch Ryfylkeheiane und die Hardangervidda führen, bis ich am Schluss am Aurlandsfjord wieder hinabkomme. Knapp 20 Wandertage, in denen ich zweimal eine Straße überquere, ansonsten gibt es nur im Tagesabstand proviantierte Wanderhütten. Da kann ich Lebensmittel nachkaufen, schlafen werde ich im Zelt. Es gibt nicht einmal einen Fernwanderweg, der dort durchführt, wie etwa den Kungsleden in Lappland – vermutlich ist es also noch einsamer dort, bis auf die Hardangervidda. Aber selbst die dürfte man kaum als überlaufen bezeichnen können. ;-)

Anreisevarianten

Wenn die Route steht, beginnt die Planung der Anreise. Südnorwegen ist generell leichter zu erreichen als Nordschweden. Sollte man meinen, ist ja näher. Wobei: Ein großer Teil der Faszination des Wanderns im Sarek, oben ganz kurz vorm Nordkap, geht für mich auch von der sehr einfachen Anreiseverbindung aus: Morgens ab Hamburg über Kopenhagen nach Stockholm, dort abends in den Nachtzug, die ganze Ostseeküste hinauf und am Schluss noch wieder bei Tag im Intercity Richtung Narvik — die nördlichste Zugstrecke Europas. Dann kann man nachmittags noch loswandern und ein Stündchen weit draußen in der Wildnis das Zelt aufstellen und das Dasein genießen.

Um dagegen ohne Flugzeug ans innere Ende des Lysefjords zu kommen, der ja viel näher ist, hat man unendlich viel mehr Möglichkeiten, die aber zum Teil ebenfalls sehr lange dauern. Man muss nicht nur herausfinden, welche die schnellste und günstigste Verbindung ist, sondern auch die schönste und die ökologischste. Und welche ganz konkret am Reisetag auch wirklich verfügbar ist. Falls man nämlich über Nacht nach Norwegen reist, sollte man darauf achten, nicht am Sonntag früh irgendwo anzukommen und umsteigen zu wollen. Da schläft der Norweger nämlich anscheinend gerne aus und die Busse und Züge bleiben im Depot.

Man könnte also ganz per Zug von Hamburg über Kopenhagen, Göteborg und Oslo fahren, dann südlich durch Norwegen queren und irgendwie mit dem Bus hinauf ins obere Setesdal, um am Ende zwei Tage noch durchs Gebirge bis zum Fjord zu wandern. Oder man kürzt mit der Fähre ab. Kiel — Oslo ist schon lange mein Traum, doch Color Line hat ein völlig unverschämtes Preismodell. Für Einzelpassagiere ohne Auto ist es fast genauso teuer wie das Standardpaket für vier Personen mit Auto, irgendwas über 300 Euro — pro Strecke! Die wollen mich definitiv nicht an Bord haben. Aber es gibt ja noch andere Linien, und da bleibt das einfache Ticket im zweistelligen Bereich.

Mit dem Schiff in die Berge

Und jetzt das Tolle: Ich habe entdeckt, dass man von der Nordspitze Dänemarks (Hirtshals, 8 Stunden Zugfahrt ab HH) mit dem Schiff bis Stavanger fahren kann. Dort muss man nur mit dem ÖPNV zu einem anderen Kai kommen und kann dann mit der Fjordfähre am berühmten Preikestolen und am Kjerag vorbei bis ins hinterste Ende des Fjords fahren. Dort in Lysebotn gibt es eine bewirtschaftete Hütte des Wandervereins DNT, wo ich mir den Universalschlüssel für die Selbstbedienungs-Hütten besorgen kann, und 100 Meter weiter geht’s dann hinauf in die granitene Einsamkeit!

Für die Rückfahrt könnte ich ab Finse (nördliche Hardangervidda) mit dem Zug direkt von der Hochfläche nach Oslo fahren (wenn die Abfahrtszeiten passen) oder aber ab dem Ufer des Aurlandsfjords mit dem Nachtbus nach Oslo, dann bliebe mir ein ganzer Tag für den Rückweg mit Fähre und Zug nach Hamburg, wo ich abends ankäme. Oder, noch besser, ab dem Aurlandsfjord mit dem Bus die kurze Strecke nach Bergen, und sogar von da fährt dann eine Fähre den ganzen Weg bis nach Hirtshals. Über Nacht, so dass man keine Reisezeit verliert.

Darf man heute noch schifffahren?

Hmm, fast die ganze Strecke nur auf großen Fähren? Wie scheiße ist das denn bitte fürs Klima? Dass Kreuzfahrten extrem schädlich sind, ist ja bekannt. Wenn man allerdings zu den Fährschiffen recherchiert, stößt man schnell an Grenzen, denn für Auto, Zug und Flugzeug gibt es viele CO2-Rechner, aber nicht für Fährschiffe. Schließlich habe ich eine Studie gefunden, die mich sehr freut: Was das CO2 angeht, sind große Fähren extrem sparsam, da sie mit relativ wenig Treibstoff solche riesigen Massen transportieren, das nennt man dann “Tonnenkilometer”; da sind sie noch effizienter als der Zug. Anderes Thema leider: Die Stickoxid- und Feinstaub-Emissionen. Da sind Kreuzfahrtschiffe schlimme Dreckschleudern, aber, wiederum, die Fähren auf Nord- und Ostsee wohl nicht ganz so schlimm, da hier strengere Umweltrichtlinien greifen. Diese Schiffe fahren nicht mit dem extrem dreckigen Schweröl, sondern mit Diesel, teilweise sogar schon mit Flüssiggas oder Elektro-Hybridantrieb (sehr selten). Insgesamt kann ich das so mit meinem Gewissen vereinbaren. Juhu, Schifffahren!

Es ist erstaunlich, wie viel Dreck man einspart, wenn man aufs Fliegen verzichtet. Eine Netzbekanntschaft von mir hat sich jetzt ein 15 Jahre alten SUV zum Campen gekauft. Er rechnet mit 12.000km Fahrleistung pro Jahr, was einen CO2-Ausstoß von 34kg bedeutet. Nicht mein Ding, aber naja. Andererseits spart er sich damit den Familienurlaub auf Malle – der Flug für die ganze Familie hätte nach seiner Aussage zwei Tonnen CO2 produziert!

Der Weg ist auch schon Ziel

Am Ende komme ich dann nach momentaner Planung auf 28 Stunden für die Anreise und 34 Stunden für die Rückfahrt, allerdings kann ich nachts während der Reise schlafen. Ja, ich weiß, ich bin privilegiert, dass ich mir 3 Wochen Urlaub am Stück für eine solche Reise nehmen kann. Aber ehrlich gesagt fände ich je einen Tag Hin- und Rückfahrt auch bei einer einwöchigen Reise nicht schlimm. Das ist dann eben kein einfacher “Trip”. Das ist anstrengend und schön, bringt Strapazen genauso wie tolle Erlebnisse. Kennt Ihr das Geräusch der rollenden Räder des Nachtzugs auf den Schienen, wenn man wachliegt und nicht schlafen kann, weil’s im Abteil zu heiß ist? Das ist ganz einfach ein Teil der Reise, den man genauso genießen sollte wie den Aufenthalt am Ziel. Ich persönlich finde das ganz großartig. Diese unbändige Freude darauf, endlich am Ziel anzukommen! Kein Moment meiner Wanderungen ist mir noch klarer in Erinnerung als die Ankunft am letzten Bahnhof. Jetzt: Aussteigen. Jetzt: Endlich da! Jetzt geht es wirklich los. Alles ist offen.

@Aus_der_UBahn

Written by

Täglich 1,5 Stunden im ÖPNV - Berichte aus dem Leben im Waggon

Welcome to a place where words matter. On Medium, smart voices and original ideas take center stage - with no ads in sight. Watch
Follow all the topics you care about, and we’ll deliver the best stories for you to your homepage and inbox. Explore
Get unlimited access to the best stories on Medium — and support writers while you’re at it. Just $5/month. Upgrade