Leerstandsmanagement: Digitale Lösungen für Schaufenster

Leerstehende Ladenlokale in den Innenstädten ist vielen ein Dorn im Auge. Den Vermietern von Immobilien, die mit leerstehenden Ladenlokalen keine Mieteinnahmen erzielen können.

Den Werbegemeinschaften, deren filialisierter Einzelhandel in unmittelbarer Nachbarschaft von leerstehenden Geschäften Umsatzeinbußen fürchten müssen.

Und dem Stadtmarketing, die durch einen zunehmenden Ladenleerstand in den zentralen Gebieten einer Stadt eine Verödung von Innenstädten befürchtet.

Es gibt aber digitale Lösungsansätze, welches sich als ein Zwischennutzungskonzept im Leerstandsmanagement sowie für den Einsatz im stationären Handel eignet.

The Take away

In diesem Artikel stelle ich ein digitales Zwischennutzungskonzept für das Leerstandsmanagement vor, mit dem man…

  • gebietsbezogenes Leerstandsmanagement mit digitalen Lösungsansätzen attraktiver und moderner gestalten kann.
  • den stationären Einzelhandel mit den Vorteilen des Onlinehandels kombiniert.
  • die Verkaufsförderung durch Schaufenster erhöht.
  • dem Kunden auch nach Ende der Öffnungszeiten Zusatzinformationen bietet.
  • Video: Lukas Höh von “FLUUR — Büro für interaktive Gestaltung” erklärt das Konzept von NOWA

Onlinehandel wächst weiter

Zunehmender Ladenleerstand ist unter anderem ein Symptom des zunehmenden Onlinehandels in Deutschland.

Laut einer Studie des Handelsverband Deutschland wird der B2C-E-Commerce Umsatz in Deutschland die 40 Milliarden überschreiten und prognostiziert für das Jahr 2015 einen Umsatz von 43,6 Milliarden Euro.

B2C-E-Commerce-Umsatz in Deutschland 1999 bis 2014 und Prognose für 2015 (in Milliarden). Quelle: Statista, Handelsverband Deutschland 2015

Damit hat der Onlinehandel 2014 rund 9 % Anteil am Gesamtumsatz im deutschen Einzelhandel und bringt den stationären Handel an manchen Orten weiter in Bedrängnis.

Allerdings reagieren verschiedene Akteure wie Werbegemeinschaften, Wirtschaftsförderungen und Stadtmarketing auf diese Situation. Dadurch haben sich verschiedene Lösungsansätze gebildet, die sich teilweise bereits bewährt haben (Multichannel) oder gerade getestet und ausgewertet werden (Online City Wuppertal).

Update: Eine aktuelle Untersuchung des IFH Köln gemeinsam mit den Kooperationspartnern bcsd, HDE, Galeria Kaufhof, zwölf IHKs und vielen weiteren lokalen Partnern nimmt deutsche Innenstädte deshalb genau unter die Lupe und hat über 33.000 Innenstadtbesucher zu der Attraktivität ihrer Stadtzentren befragt. Das Ergebnis: Innenstadtbesucher erteilen deutschen Stadtzentren die Schulnote drei plus. — Quelle: IFH Köln

Digitalisierung der Schaufenster

Ein mögliches Zwischennutzungskonzept für leerstehende Ladenlokale ist die digitale Nutzung von Schaufenstern. Dabei wird das Schaufenster mit einer Folie beklebt, mit der ein Passant unterschiedlich interagieren kann.

Eine Variante ist es, dass das Schaufenster mit einer Folie überklebt wird, welche individuell gestaltet und um einen oder mehreren QR-Codes ergänzt wird.

Der Passant kann diesen QR-Code abfotografieren und dadurch mehr Hintergrund-Informationen zu dem Produkt erhalten, die Verfügbarkeit im stationären Handel prüfen oder es gleich im Onlineshop bestellen. Das Kölner Unternehmen “SchaufensterMEDIA” hat sich zum Beispiel auf diese Form der Verkaufsförderung spezialisiert.

NOWA: Verschmelzung von stationärem und digitalem Handel

Einen Schritt weiter geht ein neues Projekt des Kölner Kollektivs “Klangfiguren”. Die drei Studenten haben einen Prototypen mit dem Namen “NOWA” entwickelt, bei dem man auf die Inhalte im Schaufenster mithilfe seines Smartphones einwirken kann.

Möglich wird dies durch eine Technik, welche die drei Studenten Lukas Höh, Till Beutling und Daniel Dormann entwickelt haben.

Im Mittelpunkt steht eine Folie, die mit Aussparungen in das Schaufenster geklebt werden. Die Rückseite der Folie wird von einem Beamer angestrahlt. Auf der Folie werden dadurch unterschiedliche Inhalte sichtbar, zum Beispiel Produkte des Einzelhändlers.

Diese wurden vorher mit einer 360-Grad-Kamera aufgenommen, digitalisiert und mithilfe einer Software an den Beamer übermittelt.

Der Passant kann mithilfe einer mobilen Steuerungsseite im Internet, welche er wahlweise durch einen QR-Code oder eine URL erreichen kann, die Inhalte im Schaufenster steuern. Als Werkzeug dient ihm dabei sein Smartphone.

Video: Lukas Höh erklärt, wie der NOWA Prototyp funktioniert

Leerstandsmanagement: Digitale Lösungen für Schaufenster. / Quelle: Babak-zand.de

Messen von Interaktionen mit dem Schaufenster

Diese Technik ist für den stationären Einzelhandel wie auch für das Leerstandsmanagement geeignet.

Der filialisierte Einzelhandel kann dadurch ohne zusätzliche Personalkosten seinen Kunden eine erweiterte Verkaufsförderungsfläche anbieten und diese mit vorher abgespeicherten Hintergrund-Informationen über das Produkt informieren. Das ist eine Möglichkeit, Kunden über die Öffnungszeiten hinweg bei der Kaufentscheidung zu beraten.

Viel wichtiger erscheint mir persönlich aber folgender Punkt: Man kann laut Aussage der Entwickler das Verhalten der Passanten und deren Interaktion mit dem Schaufenster messen.

Das Messen dieser Information ist für den stationären Handel ungeheuer wertvoll, ist es doch im Online-Handel schon lange ein bewährtes Mittel, seine Angebote auf das Verhalten der Nutzer abzustimmen.

Dadurch können Einzelhändler und Werbegemeinschaften messen, mit welchen Produkten man wieviele Interaktionen bei den Passanten auslöst, welche Inhalte die Leute am Schaufenster halten und welche sich weniger für die Auslage eignen.

Podcast: Leerstandsmanagement für die Innenstädte

Mit NOWA können aber auch Leerstände wieder attraktiver gestaltet werden. Laut Lukas Höh ist es technisch nicht schwierig, die für NOWA benötigte Software durch mehrere Anbieter und für mehrere Schaufenster bespielen zu lassen.

Das würde für Werbegemeinschaften, aber auch für Institutionen im Stadtmarketing und in der Wirtschaftsförderung attraktiv sein.

  • Werbegemeinschaften könnten leerstehende Ladenlokale als zusätzliche Verkaufsförderungsflächen nutzen und Informationen oder Produkte der Werbegemeinschaft darauf projizieren. Die Vermieter dieser Ladenlokale hätten ein zusätzliches Einkommen durch eine eventuelle Beteiligung an den Umsätzen oder mithilfe einer Pauschale.
  • Die Wirtschaftsförderung hat damit ein wirkungsvolles Instrument für ihr Leerstandsmanagement und könnte die teilweisen ernstlichen Leerstandssituationen in einigen Gebieten durch übergreifende Maßnahmen etwas entschärfen.
  • Helfen könnte dabei auch das Stadtmarketing. Neben der Verkaufsförderung könnten die Schaufenster von leer stehende Objekte auch als Projektionsfläche für Kunst- und Kulturausstellungen genutzt werden.

Zusammenfassung

Digitale Lösungen für das Leerstandsmanagement: Passanten können per Smartphone auf digitale Inhalte im Schaufenster einwirken. | Quelle: FLUUR — Büro für interaktive Gestaltung

Die Digitalisierung ist nicht nur eine disruptive Störung, die bestehende Konzepte im Stadtmarketing und in der Wirtschaftsförderung stört. Es bietet auch Lösungen an.

Dass es eine Verödung der Innenstädte durch zunehmenden Ladenleerstand gibt, ist vielen klar. Das Mietpreisniveau, der Nachteil der laufenden Kosten gegenüber des Onlinehandels und der zunehmenden Affinität der Kunden, online einzukaufen, wird es auch in Zukunft einigen stationären Einzelhändlern schwer machen.

Aber durch den Einsatz von moderner Technik kann die Attraktivität von zentralen Bereichen einer Stadt wieder aufgewertet werden.

Durch die Verschmelzung von Vorteilen aus dem digitalen und stationären Handel kann man viel zielgruppengerechter seine Auslage in den Schaufenstern gestalten.

Und durch den gemeinsamen Einsatz von Kräften, sei es durch Werbegemeinschaften oder Institutionen im Stadtmarketing bzw. Wirtschaftsförderung, lässt sich ein strukturelles und nachhaltiges Leerstandsmanagement bewerkstelligen.

Was sagen Sie dazu? Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Leerstandsmanagement Ihrer Stadt gemacht? Welche andere digitalen Lösungsansätzen kennen Sie? Oder haben Sie bereits Erfahrungen gemacht mit dem Einsatz von digitaler Technik in Schaufenstern?
Diskutieren Sie mit und schreiben Sie mir Ihre Meinung ins Kommentarfeld oder unter info[at]babak-zand.de.