“Dekontextualisiert Euch!”

Was nach dem Varoufakis-Finger jetzt zu tun ist / Von Gerald Fricke

Achtung: Dieser Turnschuh wurde völlig aus dem Zusammenhang gerissen

Im Alter von zehn Jahren habe ich die „Titanic“, das „endgültige Satiremagazin“ Deutschlands entdeckt, in der Öffentlichen Bücherei. Einfach so. Und war zunächst vollkommen verwirrt über die Schlagzeile „Frauen können keine Quadrate zeichnen“ (galt das etwa auch für Mutti oder meine Grundschullehrerin?) und konnte mit diesem Heft überhaupt nichts anfangen. Weil ich aber schon immer ein pfiffiges Kerlchen war, wurde ich dennoch nach fünf Minuten Bedenkzeit Stammleser. Ich möchte also behaupten, dass sich mir vom Weltgeist das unendlich wertvolle Geschenk darbot, bereits als Grundschüler die Welt in „echt“ und in seiner gleichzeitigen satirischen Bearbeitung zu erschliessen. Also über „Drei Ecken, ein Elfer“, Enid Blytons „Fünf Freunde“ (und Timmi, den Hund) und, eben, von nun an, über Helmut-Schmidt-Witze, Jupp Derwall, den Papst („Der Papst kommt schon wieder!”), das erledigte Kabarett der siebziger Jahre, Hans Mentz’ Humorkritik, die Briefe an die Leser und den NATO-Doppelbeschluss.

Ulkigerweise dachte ich lange Jahre, dass es allen Menschen so geht, wie mir. Das alle anderen auch bei jedem Ereignis sofort an dessen lustvolle Negation und satirische Grundbehandlung denken. Das Hans Mentz tatsächlich Theodor Wiesengrund Adorno war, nur mit Kuli-Bart. Später merkte ich: Dem ist nicht so. Die meisten Menschen wollen die Dinge so nehmen, wie sie eben „sind“. Vielleicht liegt es also an mir. Dass ich einfach nicht nachvollziehen kann, dass es arme Seelen gibt, die nicht in der Lage sind, uneigentliches Sprechen, Ironie oder Sarkasmus sinnsicher zu erkennen und anzuwenden.

Weiter im Text. Die langen Kohl-Jahre wollten kein Ende nehmen und 1997 fing ich an, satirische Wörterbücher zu schreiben. Mit „Petting statt Pershing“ (Reclam-Leipzig, 1998, mit Frank Schäfer) legten wir eine blitzsaubere Parodie auf das Achtziger-Revival hin, dass tatsächlich keine fünf Jahre später überhaupt erst „in echt“ losgehen sollte, im Privatfernsehen. Wir waren jung und brauchten das Auskenner- und Abrallergefühl!

Kaum zu glauben, aber ich wurde milder. Ich verzieh es sogar manchmal den Leuten, wenn sie über schlechte oder falsche Witze lachten oder partout nicht meinen popkulturellen Assoziationsraum teilen wollten. Und dann kam irgendwann das Internet. Und sogar das Zweite Internet. Und bei all meiner Grundgüte und lustigen Busfahrerhaftigkeit (alle da abholen, wo sie „stehen“) wurde mir doch gewahr, dass es dem neuen Pumuckl-Internet, das wir uns angewöhnt hatten „Social Web“ oder „Facebook“ zu nennen, doch turbo-genau daran gebrach: An Menschen, Medien und sonstigen „Akteuren“, die Rollenprosa, Dekontextualisierungs- und Satire-Erkennkompetenz tatsächlich nicht als prioritäre Schlüsselqualifikation im 21. Jahrhundert betrachteten.

Und das ist schlecht. Und ich werde begründen, warum.

Nehmen wir den „Finger“ des griechischen Finanzministers als Beispiel. In der ARD-Sendung „Günter Jauch“ vom 15.03.2015 hat die Jauch-Redaktion in einem sog. Einspieler das Mittelfingerzeigen Varoufakis’ auf einem Kongress von 2013 aus dem Zusammenhang gerissen. Die Jauch-Leute haben insinuiert, dass Varoufakis „Deutschland“ — also „uns“ — als unmittelbare Reaktion auf „unsere Hilfe“ den Finger zeigt. Die Mehrheit der Zuschauer wird das genau so verstanden haben. In dem Vortrag ging es an der Stelle um Argentinien und seine Pesos und Sojabohnen-Vorräte und dass Griechenland schon 2010 pleite war und allen den Finger hätte zeigen können, wenn es auch Pesos und Sojabohnen für den chinesischen Markt gehabt hätte, hatten und haben sie aber nicht. Und so weiter. (Hier der Link zu dem Vortrag). Diese mörderkomplexe Aussage wäre für die Zuschauer aber sicherlich zu mörderkomplex gewesen, wird sich, wohlwollend interpretiert, die Redaktion gedacht haben. Eine Redaktion, die zu diesem Thema auch den peinlichen Bild-Lautsprecher Ernst Elitz einlädt (!).

Vollkommen unabhängig von der Frage, ob es von Varoufakis besonders klug ist, zu behaupten, er hätte niemals in seinem Leben irgend einen Mittelfinger erhoben, in welchem Zusammenhang und gegen wen auch immer, und unabhängig von dem ganzen folgenden Medien-Theater (inklusive der Böhmermann-Satire), sehe ich diese Dekontextualisierung der Jauch-Redaktion durchaus als einen Akt der Fälschung. Die Jauch-Redaktion hat, wie bei fast jedem anderen Einspieler auch, eine Geste aus dem historischen Zusammenhang gerissen, inhaltlich verkehrt — bewusst dekontextualisiert — und damit Varoufakis bösartig falsch oder zumindest nicht-wahrhaftig zitiert. Das kann man durchaus als „doctered“ (Varoufakis) bezeichnen und als Fälschung empfinden. Eine Fälschung hängt eben nicht von Bildbearbeitungs-Software ab, sondern von der bösen Absicht.

Nehmen wir ein anderes Beispiel: Bundestagspräsident Jenninger wollte mit seiner sagenhaft verunglückten sog. Skandal-Rede zum Jahrestag der Reichsprogromnacht 1984 die Weltsicht der Täter zitieren, war aber offensichtlich mit den Stilmitteln der indirekten Rede überfordert (s. unseren Eintrag dazu in „Petting statt Pershing“). Daraus könnte eine Fernseh-Redaktion ganz hervorragend den Einspieler basteln „Jenninger verhöhnt die Opfer“. Die Sätze für sich genommen wären alle „echt“, tatsächlich so gefallen, aber das ganze Stück eben doch — eine Fälschung.

Was folgt nun aus dem Gesagten im Übergang zu einer Gesellschaft, die sich über sich selber vornehmlich im Web informiert — und was ist unser heutiger Prüfungsstoff?

Im Web werden die kommunikativen Einheiten immer kleinteiliger und kürzer, die Inhalte atomisieren sich. Zugleich entstehen immer neue Vernetzungen und Verknüpfungen, alles wird größer. Wir können uns im Assoziationsraum „Social Web“ von einer Mikro-Einheit zur nächsten weiter klicken und in jeder Sekunde völlig neue Zusammenhänge herstellen. Wir können von einem Teil auf das Ganze schließen, müssen uns das Ganze aber auch selber erschließen, im besten Fall zusammen mit unseren Leuten im Web. Das ist auch gut so: Aus der einen großen Erzählung über Politik, Wirtschaft, Europa oder Sport werden unendlich viele kleine Geschichten, diskontinuierlich, ungeordnet, nicht-linear. Das kann Menschen oder Systeme stören, die die Welt gerne vollständig geordnet sehen.

In einer Webgesellschaft verschärfen sich also die Anforderungen an Einordnungskompetenz, nicht nur von Fernseh-Redaktionen. Gleichzeitig bekommen wir aber auch ganz neue Möglichkeiten an die Hand, den Assoziationsraum „Internet“ mit unseren eigenen Inhalten, Ausdrucksformen und Remixen zu gestalten. Oder auch mit Quatsch. Dieses „die eigenen Inhalte hochladen“ wird von Raushaltern und Karteilleichen im Internet nicht als vornehmste Web-Kulturtechnik erkannt, sondern besonders gerne als „Selbstinszenierung“ verurteilt. Dem habe ich zufälligerweise gerade den Satz „Schlimm, wie sich die Leute mit dem Satz ‚Schlimm, wie sich die Leute auf Facebook selbst inszenieren’ selbst inszenieren“ entgegen getwittert.

In mehreren Rollen sprechen, Ambiguität und Ambivalenz als ästhetisches und intellektuelles Prinzip goutieren, das kennen und mögen einige Menschen offensichtlich nicht so, as I already mentioned. Und deswegen droht von diesen Menschen tatsächlich auch die meiste Gefahr — die Gefahr des unbewussten Fehlzitierens oder gar bösartigen Dekontextualisierens. Besonders ärgerlich wird es, wenn Menschen, die im Schnitt zwei eigenständige Inhalte pro Jahr ins Internet kriegen, irgendwelche Sachen im Internet aus dem Zusammenhang reißen. Andererseits liegt genau darin auch eine mögliche Erklärung für diese hier beklagte Inkompetenz: Unsichtbare Leute, bei denen nichts aus dem Zusammenhang gerissen werden kann, weil eben überhaupt keine Zusammenhänge erkennbar sind, neigen eher dazu, zum Beispiel einen in Rollenprosa geschriebenen Tweet oder ein Finger-Zitat misszuverstehen — und möglicherweise bösartig zu isolieren und zu skandalisieren. Soweit meine Arbeitshypothese.

Und was machen wir jetzt? Die Antwort heißt nicht Rückzug, sondern weitermachen, mit noch mehr Inhalten, in noch vielfältigeren Ausdrucksformen und Stilmitteln. Inszeniert Euch, Freunde! Dekontextualisiert Euch! Zeigt Eure Finger, meinethalben auch das! Bevor eine Redaktion aus niederen Beweggründen unsere Einsichten und Ansichten verfälscht oder manipulativ dekontextualisiert, dekontextualisieren wir uns lieber gleich selber. Bieten wir der Welt und allen Folgern und Freunden so viele atomisierte Inhaltspartikelchen an wie nur möglich und lassen wir uns nicht kirre machen von „Inszenierungs“-Anwürfen. Ermöglichen wir damit ein freundliches Remixen und immunisieren wir uns jeden Tag a little bit gegen falsches Dekontextualisieren im Internet.