Monster fangen und die Welt verändern? Pokémon Go in der Webgesellschaft. Vier Thesen / Von Gerald Fricke

Gerald Fricke: Ich konsumiere, also bin ich?! Produzieren und Konsumieren in der kooperativen Webgesellschaft; in: Stadtglanz, Heft 02/2016

Die Digitalisierung ist mittlerweile als Schlagwort in der Wissenschaft, in den Unternehmen und in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das Digitale steht dabei als Chiffre für einen großen Umbruch. Unklar bleibt, was sich alles ändert — und warum.

Wir erleben seit den frühen 1970er Jahren eine tiefgreifende Transformation, aber diese Transformation verläuft nicht in erster Linie von analog nach digital, was auch immer damit gemeint ist, sondern ist sinnvollerweise zunächst als eine Große Transformation der Gesellschaft im kapitalistischen Weltsystem zu interpretieren: Als die Große Transformation der Massengesellschaft zu einer „kooperativen Webgesellschaft“, mit bedeutenden Auswirkungen auf unser Leben und Arbeiten. Was bedeutet das für die Unternehmen und uns alle, als das gesellschaftliche Fachpersonal im weitesten Sinne?

Früher, als die Welt noch in Ordnung war, betrug die virtuelle Erweiterung der Realität durch Telefonschnüre ungefähr anderthalb Meter. Die Menschen konnten sich in den Fluren ihrer Wohnungen zwei Schritte weit bewegen und ihren Gedanken freien Lauf lassen. Aber bitte nicht zwischen acht und viertel nach acht Uhr, bei Tante Hertha, denn da lief die Tagesschau. Außerdem störte das Herumlaufen natürlich die Konzentration. Die jungen Leute sollten gefälligst klar und deutlich sprechen, selbstverständlich im Stehen, und nicht ziellos herumschluffen. „Fasse Dich kurz“, lautete der kategorische Imperativ. Das klingt heute lustig, aber bis in die 1980er Jahre wurden die Gefahren extralanger Schnüren für das Drehscheibentelefon aus kulturpessimistischer Sicht in etwa so diskutiert.

Kulturpessimismus ist natürlich nicht klein zu kriegen. Und so erleben wir seit letztem Sommer eine ähnliche und immergrüne Klage darüber, dass die „jungen Leute“ nur noch auf ihre Bildschirme starrten, statt einmal rauszugehen und sich mit Freunden zu treffen — aber nein! Jetzt schwärmen die jungen Leute aus, sie treffen sich mit Freunden in den Parks und auf der Straße, sogar bei Regenwetter — um Pokémon Go zu spielen, auf ihren Smartphones, und Monster zu fangen. Dieses Spiel kombiniert Location-Based-Game-Inhalte und Augmented Reality und hat sich seit Juli 2016 zu einem globalen Phänomen entwickelt und wurde innerhalb weniger Wochen millionenfach heruntergeladen. Eine erste Studie von Patrick Helmholz an der TU Braunschweig hat gezeigt, dass Pokémon Go tatsächlich die physische Aktivität stärkt und soziale Zugehörigkeit fördert. Zugleich steht dieses Spiel für die Probleme des gegenwärtigen Kapitalismus, wie Nils Markwardt im Freitag (29/2016) schreibt.

Damit lässt sich an Pokémon Go exemplarisch der Übergang zu einer kooperativen Webgesellschaft aufzeigen, so die These hier. Nach meiner Theorie ist die Große Transformation der Massengesellschaft zu einer vernetzten (Web)-Gesellschaft unter anderem von einem Strukturwandel der Öffentlichkeit, der Dialektik von Zentrum und Peripherie und einem neuen ökonomischen Produktions- und Konsumptionsmodell geprägt.

1) Der Strukturwandel der Öffentlichkeit befördert Assoziationsräume für kommunikatives Handeln

Wir erleben einen Strukturwandel der Öffentlichkeit — von Massenmedien zu fragmentierten Öffentlichkeiten. Ein Telefongespräch war früher eine mehr oder weniger direkte Kommunikationsform zwischen zwei teilnehmenden Individuen. Telefoniert wurde in der Regel im privaten Raum der eigenen Wohnung. Diese bidirektionale, direkte Kommunikation konnte auch eine Teilöffentlichkeit erreichen, wenn beispielsweise lauthals in den Hörer geplärrt wurde, im hellhörigen Flur. Möglicherweise wurde ein Telefongespräch sogar auch abgehört, mit krimineller Energie oder gar im Auftrag eines besorgten Staatsschutzes. Aber in der Regel war das Telefonieren ein privater Akt.

Heute finden fast alle Gespräche auf Smartphones mobil und unterwegs statt, mehr oder weniger halböffentlich. Die Klage darüber füllt ganze Bibliotheken. Das Verhältnis von öffentlich und privat wandelt sich, und dafür brauchen wir neue gesellschaftliche Konventionen. Was macht man, was darf man, was ziemt sich, was nicht, was ist höflich, was unhöflich. Für die Nutzung von Pokémon Go, interpretiert als kommunikativer Handlungsakt in einer fragmentierten Öffentlichkeit, haben wir noch keine gemeinsamen Konventionen gefunden. Als Handlungen werden nach Jürgen Habermas Tätigkeiten bezeichnet, mit denen ein Zweck verfolgt wird; deshalb erheben sie mindestens implizit den Anspruch, erfolgreich zu sein. Der Zweck heißt „Monster fangen“. Vernunftbegabte Menschen haben sich weltweit implizit darauf geeinigt, die gemeinsame Monsterjagd als sinnvollen Handlungsakt zu sehen. Das Spiel befördert eine kooperative Einstellung der Akteure, die eingebunden ist in ein umfassendes Netz von Regeln, kulturellen Praktiken und Konventionen.

Diese Konventionen entstehen tatsächlich erst durch unseren Gebrauch und unseren Austausch. Wir sehen in der Webgesellschaft allgemein einen Assoziationsraum für Akteure, die durch kommunikatives Handeln im Internet miteinander verbunden sind. Und die durch ihre assoziative Kommunikation selber eine neue Öffentlichkeit formen.

2) Die Dialektik von Zentrum und Peripherie: Das Neue entsteht an den Rändern

Im Weltsystem erleben wir allgemein die Gleichzeitigkeit von Vereinheitlichung und Fragmentierung. Die Welt kommt zusammen, Problemlagen, Produktionsmuster, Konsumnormen vereinheitlichen sich. Das Social Web in seiner derzeitigen Form ist in der Hand eines Oligopols global agierender Konzerne und wir werden mit großer Wahrscheinlichkeit in den nächsten Jahren einen weiteren Konzentrationsprozess erleben — dem Oligopol wohnt die Tendenz zum Monopol inne. Gleichzeitig erleben wir die unglaubliche Vielfalt, die Fragmentierung von Konsum und Produktion, von Einstellungen, Meinungen oder dem individuellen Medienkonsum. Kaum noch zwei Freunde können sich darauf verlassen, dass sie beide am Abend zuvor die gleichen Tweets zur Sportschau gelesen haben.

Diese Dialektik korrespondiert mit der Gleichzeitigkeit von Vereinheitlichung und Zerfall, die Benjamin Barber schon in den 1990er Jahren als „Jihad versus McWorld“ bezeichnet hat. Auf der ganzen Welt wird Pokémon Go gespielt — genauer gesagt: Im Zentrum der kapitalistischen Weltgesellschaft. Mittlerweile auch in den Zentren der Peripherie. Zum Beispiel in Lagos, der ökonomischen Zentrale Nigerias.

Wir erkennen hier die Dialektik von Zentrum und Peripherie in der Weltgesellschaft. Immanuel Wallerstein sieht im „Welt-System“, einem System weltweiter Arbeitsteilung, die einzig mögliche und passende Analyseeinheit für die Untersuchung sozialen und gesellschaftlichen Verhaltens: „A world-system is a social system, one that has boundaries, structures, member groups, rules of legitimation, and coherence. Its life is made up of the conflicting forces which hold it together by tension and tear it apart as each group seeks eternally to remold it to its advantage“ (Immanuel Wallerstein: The Modern World System, New York 1974, S. 229). Ungleiche Entwicklung heißt heute, dass das Neue immer häufiger an den Rändern der Welt entsteht, nicht im Zentrum. Jedes System, jede Region, jeder Flecken auf der Welt ist von diesem Gegensatz geprägt. Das Strukturierungsprinzip der Welt wandelt sich von Entscheidung zu Aushandlung. Die Zentrale kann eine Richtung der Entwicklung vorgeben, aber nur sehr bedingt entscheiden, was daraus wird. Selbst mit militärischer Gewalt lassen sich kaum noch Entwicklungen in der Welt entscheiden. Dezentrale Subsysteme steuern sich selbst, ob in einem Unternehmen oder auf der Landkarte der Welt.

3) Produzieren und Konsumieren im Plattform-Kapitalismus oder gar nicht

Heute bietet das Unternehmen Nintendo uns mit Pokémon Go einen Ausblick darauf, wie wir alle in einigen Jahren im kapitalistischen Zentrum der Welt uns unterhalten und einkaufen werden. Mit den Freunden vernetzt, von unterwegs aus, situationsbezogen. Wir lassen uns in den Gesprächen oder von der Umgebung inspirieren, neue Wünsche und Bedürfnisse werden geweckt. Und dann fangen wir keine Monster ein, sondern zum Beispiel einen besonderen Turnschuh, den wir gerade beim Streifzug durch den Park an den Füßen der Skater sehen. Wir greifen in das virtuelle „Regal“, betrachten unsere Beute von allen Seiten, zeigen sie unseren Freuden, beratschlagen uns — und kaufen ein. Wenn wir nach Hause kommen ist der Schuh womöglich schon da.

4) Mehr Big Gesellschaftstheorie auf die Straße bringen

Mit einer Verbindung der Theorie des kommunikativen Handelns mit postmodernen, reflexiven und kritischen Ansätzen können wir der angesprochenen Dialektik von Vereinheitlichung und Fragmentierung in der Welt eher gerecht werden. Die Geschichte der kooperativen Webgesellschaft lässt sich in vielen kleinen und vielfältigen Episoden und Abschnitten erzählen, aber kaum prognostizieren. Ungeordnet, gleichzeitig, diskontinuierlich, nicht linear, mit Beispielen und assoziativen Verknüpfungen — und gleichermaßen mit Pokémon-Go-Ausflügen im Stadtpark.

Das können wir gut oder schlecht finden, aber wenn wir kulturpessimistisch auf dem Niveau der skizzierten Kritik an der „Jugendkultur“ stehen bleiben, dann übersehen wir diese gesellschaftliche Dynamik und vergeben uns die Möglichkeit das entstehende neue wirtschaftliche Modell in unserem Sinne mit zu gestalten. Erzählen wir am besten Geschichten gelungener Zusammenarbeit in diesem, unseren Internet. Neben der Veränderung der Öffentlichkeit und einem neuen Produktionsmodell ist auch das Szenario möglich, dass in der Peripherie der Weltgesellschaft „virtuelle“ Spiele zu ganz anderen emanzipatorischen Zielen genutzt werden, als zum Monsterfangen oder Turnschuhkaufen: Um Aufstände zu proben, Verteilungsfragen oder die Klimafolgenbewältigung in das Zentrum der Welt zu tragen, beispielsweise. Stellen wir uns darauf ein, auf diese unterschiedlichsten Nutzungen. Meine freundliche Empfehlung an Tante Hertha und, nunja, Onkel Jürgen: Das Spiel herunterladen und einfach mal ausprobieren.

Dr. Gerald Fricke, forscht und lehrt zur Webgesellschaft, hat unter anderem den satirischen Ratgeber „Dienstanweisung Internet“ verfasst und berät zur Digitalen Transformation. www.geraldfricke@tumblr.com