Talkshow-Dampfmaschinen (Humorkritik)

Sehr geehrte Anne-Will-Redaktion, ich habe nach dem gestrigen Abend (30.10.2016) eine Frage: Muss man unbedingt Manfred Spitzer einladen, in eine Talkshow, zur Zukunft der Arbeit? Im 19. Jahrhundert hätte Spitzer gegen die Dampfmaschine “argumentiert” (aka: polemisiert), dass sie dazu führte, eingesetzt in der Eisenbahn, die Menschen zu verblöden, wenn sie aus dem Fenster schauten, die Menschen krank zu machen, durch die Beschleunigung, und dass die Eisenbahnfahrt uns allen unserer Seele beraubte.

Diese Diskussion hätte man sicherlich mehrere Jahrzehnte und mehrere Sonntage lang während der Industrialisierung führen können. Und in der Zwischenzeit hätte sich der Kapitalismus aus der Gesellschaft gelöst, seine eigenen Grundlagen zerstört und wir hätten pfeilgrad die Diskussion darüber verpasst, wie die “Große Transformation” (Karl Polanyi) denn nun gelingen kann, mit der der Kapitalismus auf dem Weg in den Imperialismus und Ersten Weltkrieg aufgehalten und wieder eingebettet werden könnte, in die Gesellschaft. Wäre ja schade gewesen, antiaufklärerisch und doof.

Etwas Aufklärung in die Runde brachte der Gast Sascha Lobo mit seinem Verweis auf das ungeliebte K-Wort: Kapitalismus. Als Exkurs darf ich mich an dieser Stelle selbst zitieren, denn wird sind ja zum Glück im Internet, hier.

“Wer aber über Gesellschaft nicht reden will, sollte auch zur Digitalisierung schweigen”, frei nach Max Horkheimer. Dr. Gerald Fricke, TU Braunschweig, Fahrradvorlesung vom 6.5.2016 (12 sec).

Zurück zur gestrigen Talkshow Anne Will. Manfred Spitzer sagt, “die Wissenschaft” beweise die digitale Demenz. Was für eine autoritäre und irrsinnige Methode, die eigenen Thesen zu verabsolutieren und als quasi offiziellen und endgültig bewiesenen Forschungsstand auszugeben. “Die Wissenschaft”, die Spitzer nicht kennen will, und nicht zitiert, sagt zum Beispiel, dass Spitzers Thesen zur Internetnutzung zuvörderst “populärwissenschaftliche Mythen” wiederspiegeln.

Wenn Sascha Lobo spricht, erkennbar um Nicht-Polemik bemüht, wird ihm von Manfred Spitzer aggressiv über den Mund gefahren: “Sie haben keine Ahnung”, “ (…) auch wenn Sie rote Haarew haben” (!). Wer solche “Diskutanten” einlädt, kann auch gleich Krawallbürsten und Auskenner wie Kommissar Oettinger, Prof. Baring, Mario Barth oder Didi Hallervorden (“Eine Flasche Internet”) einladen, nur mal so, als Vorschlag. Aber bloß nicht den Diskussionsstand zum “Ende der Arbeitsgesellschaft” (André Gorz) von, sagen wir, 1984.

Nun fragst Du mich sicherlich, liebe Anne-Will-Redaktion, wie denn nun stattdessen mit Populisten in Talkshows zu wichtigen gesellschaftlichen Themen umzugehen sei. Zum Beispiel so: Nicht mehr einladen. Nicht zulassen, dass andere Gäste angepöbelt werden, zur Not den Pöbler des Raumes verweisen. Und vor allem, immer spontan die Bauchbinde “Werbung” einblenden, wenn Werbung für die eigenen Bücher gemacht werden, das wäre doch mal ein netter Gag, oder?

Aber die Leute wollen das ja hören und lesen, “zugespitze” (!) Thesen und so, wirst Du jetzt sagen, sehr geehrte Anne-Will-Redaktion. Und mit diesem Argument, soviel Polemik erlaube ich mir jetzt mal, aus intellektueller Notwehr, kannst Du dann das nächste Mal ja wieder einen alten AfD-Mann mit Jägerkrawatte einladen, um seiner allgemeinen und antiaufklärerischen “System”-Verachtung eine Bühne zu bereiten.