Günstigere Schweizer, innovative Vorarlberger und dünnere New Yorker

Medienlinks Nummer 21

Newsroom des “Wall Street Journal” in New York (Foto: Flickr/Ian Kennedy (CC BY-SA 2.0))

Erneut Veränderungen bei nzz.at

NZZ.at, der krisengebeutelte digitale Österreich-Ableger der Schweizer “Neuen Zürcher Zeitung”, verkündete diese Woche erneut Veränderungen: Das Abo kostet statt bisher 14 Euro künftig nur mehr 9 Euro, die bisher harte Paywall wird aufgeweicht und durch ein Metered Model ersetzt — d.h. es sind ab sofort 5 Artikel pro Monat und User kostenlos lesbar.

Auch das Design der Seite wurde erneut überarbeitet, außerdem sollen die Leser Zugang zur internationalen Berichterstattung des Schweizer Mutterblattes erhalten.

Das mit hohen Erwartungen im Jänner 2015 gestartete Online-Portal schlitterte schnell in die Krise. Nachdem das Portal hinter den Erwartungen zurück geblieben ist, vollzog das Portal zunächst im Herbst 2015 einen optischen Relaunch. 2016 verlagerte NZZ.at dann einen Teil seiner Infrastruktur zurück in die Schweiz. Medienberichten zufolge mussten neun von 25 Mitarbeitern das Portal verlassen. Im September 2016 übernahm dann Lukas Sustala von Michael Fleischhacker die Leitung des Online-Portals. Über die Zahl der Abonnenten hüllt man sich weiter in Schweigen.


Dünneres “Wall Street Journal”

Es sind nicht nur neue Plattformen in Österreich, auch alteingesessene Medien in Übersee haben mit ihrer Finanzierung zu kämpfen. Das “Wall Street Journal”, das im Eigentum von Rupert Murdochs News Corp. steht, hat einen 21-prozentigen Gewinneinbruch im vergangenen Quartal zu verkraften. Als Reaktion wurden Sparmaßnahmen und ein Redesign der Printausgabe angekündigt.

Was mit “Redesign” gemeint war, kann man seit dieser Woche sehen: Die Printausgabe ist deutlich dünner, drei Tage in der Woche gibt es nur mehr zwei statt drei Teilbereiche. Auch im bisher 1500-Journalisten-starken Newsroom wurde gekürzt. Das Ressort “Greater New York”, das ursprünglich der “New York Times” Konkurrenz machen sollte, wurde gleich ganz geschlossen.

Die Marschrichtung bleibt aber trotz der jüngsten Kürzungen gleich: “Digital First” — mit rund 970.000 Digitalabos durchaus erfolgreich.


Jobs und innovative Vorarlberger

Wie bereits vergangene Woche berichtet, expandiert die Futurezone nach Deutschland. Für die neue Redaktion in Berlin, die gemeinsam mit der Funke-Gruppe aufgebaut wird, sucht man nun Redakteure:

Und auch sonst gab es diese Woche positive Nachrichten aus dem Kurier-Medienhaus. Gleich zwei Projekte des “Kurier” konnten bei der zweiten Runde der Digital News Initiative von Google Fördergelder gewinnen.

Die vier Projekte aus Österreich im Überblick:

UserNewsNet
Krone.at, heute.at, der Wiener Stadtsender W24 und die ww medien GmbH (Ltd) wollen einen gemeinsamen “Marketplace” für Nachrichten schaffen. UserNewsNet soll Ereignisse unter anderem aus Textbeschreibungen von usergenerierten Daten (Videos und Fotos), in Echtzeit lokalisieren und bereitsstellen. Geplanter Starttermin ist 2017.

News Radar
Die Telekurier Online Medien GmbH & Co KG, der Digitale Ableger der Tageszeitung “Kurier” will mit dem News Radar ein Tool schaffen, dass Redakteuren helfen soll, die relevantesten und trendenden Themen in Echtzeit herauszufinden. Dafür sollen Inhalte aus verschiedenen Quellen wie Nachrichtenagenturen, Social Media-Plattformen und RSS-Feeds gesammelt, analysiert und nach vordefinierten Kriterien auf einem Dashboard gewichtet werden.

FutureBot
Die Futurezone wiederum, das Tech-Portal des “Kurier”, will mit dem Futurebot einen Bot für personalisierte Nachrichten via Messenger schaffen.

Gamification-Plattform
Die im Digitalbereich immer umtriebiege Russmedia Digital GmbH, will eine Gamification-Plattform schaffen. Was man sich darunter vorstellen kann, erklärt das Vorarlberger Unternehmen so:

“Je mehr sich ein Leser auf VOL.AT bzw. in der dazugehörigen App mit Artikeln, Meldungen, Bildern und anderen Features beschäftigt und interagiert, umso größer fällt die Belohnung aus. Das beginnt mit der Erstellung eines Profils und setzt sich mit dem Lesen, Liken, Teilen und Kommentieren von Artikeln fort.”

Geförderte Projekte aus allen anderen Ländern können auf der Homepage der DNI nachgelesen werden:


Couragierte Linzerschnitte

Zivilcourage im Netz — damit beschäftige sich diese Woche eine Enquete im österreichischen Parlament. Einen der interessantesten Beiträge lieferte dabei Judith Denkmayr, die irgendwas mit Medien macht.*

Die Medienbranche habe sich in den letzten Jahren massiv weiterentwickelt, meint Denkmayr: “Die Digitalisierung treibt die Medienunternehmen quasi vor sich her und letztendlich stehen wir hier aufgrund der Digitalisierung. Das Thema Hasskommentare war eigentlich nur eine logische Konsequenz aus dem ganzen Komplex der Digitalisierung, der in den letzten Jahren die Medienlandschaft verändert hat.”

“Man löscht ein kleines Feuer, aber man hat nicht wirklich einen Blick für den Großbrand.”

Zu lange hätten Medien mit sogenannten “Quickfixes” gearbeitet: “Man löscht ein kleines Feuer, aber man hat nicht wirklich einen Blick für den Großbrand.” Eigentlich müsste man statt über Medienunternehmen über Menschen sprechen.

“Wir haben eine vollkommen neue Situation, wer heute ein Medium ist. Jeder von uns ist theoretisch ein Medium; jeder von uns hat heute die Möglichkeit mit einem einzelnen Video vier Millionen Österreicher zu erreichen, wie wir diese Woche feststellen durften.” Eine Anspielung auf ein auf Facebook veröffentlichtes Video, das zeigt wie eine Gruppe von Jugendlicher ein Mädchen misshandelt und millionenfach angesehen wurde.

“Das heißt also, wenn wir Medienunternehmen in die Verantwortung ziehen oder über Medienunternehmen reden, dann müssen wir theoretisch über alle diese publizierenden Menschen sprechen.” Traditionelle Medienunternehmen wiederum hätten die Verantwortung auf ihren Plattformen Kommentare zu editieren und zu moderieren.

“Diese klassischen Medienunternehmen haben aber in den letzten Jahren das Problem, dass sie durch diese neuen Stakeholder auch zu einer zunehmenden Dramatisierung ihrer Geschichten und Inhalte gezwungen werden. Ob das jetzt verkürzte Botschaften sind, ob sie Infografiken, gifs, kurze Statements abliefern — Infosnippets wo früher lange Geschichten waren — das alles führt zu einer Verknappung, Verkürzung, Dramatisierung, aber auch Dramatisierung der Meinungsabsonderungen — der Kommentare. Das heißt, das ist ein Problem, das sich gegenseitig bedingt.”

“Was wir aber nicht haben, ist eine Diskussionskultur”

Es gäbe also eine Vielzahl an Medien, Menschen die selber publizieren und noch mehr Menschen, die kommentieren. “Was wir aber nicht haben, ist eine Diskussionskultur”, diagnostiziert Denkmayr.

“Das heißt, egal ob von Seiten der Medienunternehmen oder von Seiten der User, der Kommentierenden — es wird wenig diskutiert, es wird wenig auf einen Kompromiss geachtet. Wenn man in irgendeinerweise Diskussionen verfolgt, geht es vor allem darum, die eigenen Meinung zu vertreten. Wir sind sehr meinungsstark, aber sehr diskussionsschwach geworden.”

“Wir sind sehr meinungsstark, aber sehr diskussionsschwach geworden.”

Diese Problem betreffe alle Publizierenden. Es gäbe eine falsche und eine richtige Meinung, ein “Kompromiss wird in solchen Diskussionsforen aber leider sehr wenig gesucht und daher auch noch weniger gefunden.”

An der Schnittstelle wiederum säßen oft Communitymanager, die in vielen Fällen nicht besonders ausgebildet wurden, nicht besonders lange im Unternehmen sind und oft auch weder das ethische noch das rechtliche Wissen hätten: “Das ist derzeit eine große Lücke, die grundsätzlich von Medien aber auch von Unternehmen in der Personal- und Ressourcenzurverfügungstellung herrscht. Das heißt, wir haben an diesen sehr neuralgischen Stellen Menschen sitzen, die nicht immer über die Kompetenz oder die Fähigkeit verfügen, diese Kommentare zu moderieren.”

Die rechtlichen Rahmenbedingungen seien das eine, in der Praxis scheitere es aber oft an der ganz klassischen Infrastruktur: “Nach all den Jahren als Beraterin sehe ich eigentlich einen sehr klaren Weg wie man das ganze lösen kann: Es fehlen die Prozesse und die Verantwortlichkeiten. Das heißt, dass ich heutzutage, als jemand der in dieser Branche arbeite, auf der Suche nach einem klaren Prozess bin wie ich bei einem bestimmten Kommentar vorgehe, scheitere ich zuallererst an ausreichenden Präzedenzfällen, die mir als Nichtjuristen klarmachen: was ist ein Hasskommentar, was ist Verhetzung, was ist wirklich verfolgenswert, wo müssen wir agieren.”

Hinzukommt, dass man oft nicht wisse, an wen man sich wenden soll, sagt Denkmayr: “Vielleicht haben sie dieses Gewaltvideo, über das heute mehrfach gesprochen wurde, auch selber gesehen. Haben sie die Polizei gerufen? Wenn sie es um drei Uhr morgens gesehen haben, wo rufen sie an? […] Wenn wir wollen, dass wir wissen an wen wir uns wenden müssen, muss das klarer und übersichtlicher sein. Das heißt wir brauchen klare Prozesse und klare Verantwortlichkeiten.”

Derzeit sind Löschprozesse — auch von den Plattformen — nicht transparent.”

Es gäbe derzeit keine übergreifende Zusammenarbeit von diversen Organisationen, sagt Denkmayr: “Sehr oft ist dann die Lösung, den schwarzen Peter den jeweiligen Plattformen, die uns so herausfordern, zuzuschieben. Facebook, Google, Twitter und wie sie alle heißen werden kritisiert, weil sie diesen oder jenen Kommentar nicht löschen, weil sie diesen oder jenen Algorithmus erstellt haben wie sie ihn erstellt haben. Diese Unternehmen versuchen — aus relativ nachvollziehbaren Gründen — eine neutrale Position einzunehmen. Das ist für sie natürlich auch eine bequeme Position und natürlich sollte man sie auch mehr in die Pflicht nehmen. Meiner Meinung allerdings nicht, indem man ihnen sagt, was sie zu tun haben, sondern vor allem sollte man Verantwortlichkeit und Transparenz auch von dieser Seite einfordern. Derzeit sind Löschprozesse — auch von den Plattformen — nicht transparent. Derzeit sind aber auch die Prozesse, wenn es darum geht Strafverfolgung loszutreten und anzukurbeln nicht transparent bzw. werden sie zu wenig kommuniziert.”

Denkmayr plädiert für Zusammenarbeit: “Wir brauchen bei Medienunternehmen Prozesse, bei diversen Plattformen Ansprechpartner, die reagieren; wir brauchen wahrscheinlich auch eine zeitliche Ankurbelung — schnellere Prozesse, wenn es um Hasskommentare u.ä geht. […] Letztendlich werden wir das ganze auch nur in den Griff bekommen, wenn es kommuniziert wird, wie diese Abläufe stattfinden und auch da kann man die diversen Plattformen in die Pflicht nehmen. “

Die Enquete in voller Länger kann man sich noch einige Tage in der ORF TVThek ansehen:

*Judith Denkmayr ist Head of Corporate Development at VICE CEE


Happy Birthday

Zum Abschluss ein mediales Geburtstagsständchen: Das Medienmagazin Horizont feierte diese Woche sein 25-jähriges Bestehen mit einer 100-seitigen Jubiläums-Ausgabe.

Alles Gute!


Veröffentlicht am 19.11.2016

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