Wie man aus Lesern Abonnenten macht, NBC expandiert nach Europa und der Kaisermühlen-Blues-Youtube-Account

Medienlinks Nummer 28

Das am schlechtesten gehütete Branchengeheimnis

Wilson Rivera (CC BY 2.0)

Artikel über die Zukunft der “New York Times” sind mittlerweile ein eigenes Genre im Medienjournalismus. Ein herausragendes Beispiel dafür ist der neue Artikel von “Wired”, der auch einen Blick darauf wirft, welche Rolle die verschiedenen Mitglieder der Eigentümerfamilie Sulzberger im Transformationsprozess der Times einnehmen. Dieser ist beeindruckend: Kamen im Jahr 2000 noch 70% der Einnahmen des Unternehmens aus Printwerbung, 23 Prozent aus Print-Abos und nur 1 Prozent aus Online-Werbung, so kommen fünfzehn Jahre später nur mehr 28 Prozent der Einnahmen aus Printwerbung. Je 12 Prozent der Einnahmen stammten 2015 aus Digital-Abos und Digital-Werbung.

Wie schon vergangene Woche berichtet, plant die “Grey Lady”, wie die Zeitung auch genannt wird, Veränderungen in der Struktur des Newsrooms um sich der veränderten digitalen Medienlandschaft besser anzupassen. (siehe Medienlinks Nummer 27)

Was der “Wired”-Artikel verschweigt ist das schlecht gehütete Geheimnis der “New York Times” in Bezug auf den Transformationsprozess. Zwar blieb der Mitarbeiterstand in der Höhe von rund 1300 in den vergangenen Jahren fast gleich, zeitgleich gab es jedoch immer wieder Kündigungswellen und Buy-Out-Pakete. Anders formuliert: Elementarer Bestandteil des Transformationsprozesses bei der “New York Times” hin zu einem digitalen Medienunternehmen ist der de-facto-Austausch eines Gutteils der Belegschaft:

Buyout 2008: “New York Times Plans to Cut 100 Newsroom Jobs”
Buyout 2009:
New York Times Moves to Trim 100 in Newsroom”
Buyout 2011:
More NYT Buyouts”
Buyout 2012:
New York Times Seeks Buyouts From 30 in Newsroom”
Buyout 2014:
Who is taking NYT buyouts?”
Buyout 2015:
New York Times offers buyouts in restructuring of video unit”

Der lesenswerte “Wired”-Artikel in voller Länge:


NBC expandiert nach Europa

Die Euronews-Zentrale in Lyon. Foto: Harvey Barrison (CC BY-SA 2.0)

Der US-Sender NBC expandiert und steigt mit 25 Prozent bei Euronews ein. Der Sender soll künftig Euronews NBC heißen und mit CNN konkurrieren, berichtet die “New York Times”. Die rund 400 Mitarbeiter des Senders haben einen Einstieg der US-Amerikaner befürchtet und Ende 2016 dagegen protestiert (siehe dazu Medienlinks Nummer 24) — ohne Erfolg. NBC soll rund 30 Millionen US-Dollar für den Anteil am Sender zahlen, berichtet New Yorker Tageszeitung.

Mit dem Engagement in Europa geht auch eine Personalrochade einher: Noah Oppenheim, bisheriger Chef des Morgenprogramms und Sender-Cashcow “Today”, wird Präsident von NBC News, der Nachrichtenabteilung des Senders. Die bisherige NBC-News-Chefin Deborah Turness wird dafür Präsidentin von NBC News International zu dem nunmehr auch Euronews gehört.


Was es braucht, um Leser zu Abonnenten zu machen: Neun Wochen

Wie schafft man es, aus gelegentlichen Lesern digitale Abonnenten zu machen? Diese Frage, die Medienunternehmen auf der ganzen Welt umtreibt, scheint das Wirtschaftsmagazin “Economist” für sich beantwortet zu haben. Generell herrscht in der Branche die Angst vor, dass wenn man zu viele der Inhalte gratis zur Verfügung stellt, wenig neue Abonnenten gewinnen kann. Michael Brunt, Chief Marketing Officer des “Economist” nimmt im Gespräch mit Digiday.com einen anderen Standpunkt ein: “Wir sind großzügig; wir arbeiten hart daran, Inhalte auf vielen Plattformen zu verbreiten und Geschmack zu verleihen.”

Dafür hat man bei dem Wirtschaftsmagazin ein zehnköpfiges Social-Media-Team aufgebaut, das gezielt versucht neue Leser zu erreichen und zu Abonnenten zu machen. Social-Media-Einträge die gut funktionieren werden mit gekaufter Reichweite weiter verbreitet: Usern, die sich für vom Magazin verbreitete Inhalte einmal interessiert haben, werden dadurch gezielt andere Inhalte des Wirtschaftsmagazin zum Lesen angeboten. Erst danach wird ihnen Werbung für ein Abonnement ausgespielt. Im Schnitt dauert es neun Wochen, um soeinen Leser zu einen Abonnenten machen, rechnet man vor.

Einen genaueren Einblick liefert der Artikel auf Digiday:


Kaisermühlen-Blues auf Youtube

Der österreichische Rundfunk (ORF) veröffentlichte Anfang der Woche seine Pläne für einen YouTube-Kanal. Geplant sind demnach Nachrichtenclips, die schon derzeit auf anderen Plattformen wie Facebook und Twitter verbreitet werden; Sendungen, deren Ausstrahlung länger als sieben Tage zurückliegt und Archivmaterial.

Damit will ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz seine Pläne umsetzen, die er bereits vergangenes Jahr angekündigt hat. Man wolle “einem jüngeren, digitalen und teilweise weniger nachrichten-affinen Publikum die nötigen Basisinformationen für den Diskurs zu gesellschaftlich relevanten Themen” bereitstellen.

Playlists sollen dem Konzept zufolge als “Themenkörbe” dienen. (zum Beispiel ein Schwerpunkt “Flüchtlinge in Österreich” mit TV-Beiträgen aus unterschiedlichen ORF-Sendungen). Darüber hinaus könnte es eigene Playlists für Dokumentationen, Shows und Comedy geben. TV-Klassiker wie die Erfolgsserie “Kaisermühlen-Blues” sollen in der Playlist “Mottenkiste” veröffentlicht werden. Aber auch Inhalte nur für Youtube sollen laut dem ORF-Konzept erstellt werden. Aktuelle Serien, TV-Nachrichtensendung (außer ZiB100) und Sport werden auf dem Youtube-Kanal jedoch nicht zu finden sein.

Bevor das alles umgesetzt werden kann, muss zunächst eine Auftragsvorprüfung durchgeführt werden; erst danach kann die Medienbehörde KommAustria eine Genehmigung erteilen.

Link: Das Konzept zum Nachlesen als pdf.


Nische als Chance

Ben Thompson liefert Woche für Woche Analysen und Einblick in die Medien- und Tech-Industrie. Und verdient dadurch seinen Lebensunterhalt (und vermutlich noch einiges mehr). Das Internet ermächtige Nischenprodukte in eindrucksvoller Weise, erklärte Thompson auf der Recode Media-Konferenz. Weil man digital nicht auf ein geographisches Gebiet eingeschränkt sei, kann man die gesamte Welt erreichen und so Nischen skalierbar machen. “Ich habe Abonnenten aus 30 verschiedenen Ländern”, führt er seinen eigenen Blog als Beispiel an.

Wenn man eine Nische besetzen und dominieren kann, würde das Businessmodell dafür mitentstehen, sagt Thompson. Wichtig sei auf Abos und nicht auf Werbung zu setzen. Bei Werbung “wirst du hinter Facebook und der New York Times wie jeder andere gereiht. Da ist man chancenlos durchzubrechen.”


Auslandsbüros des “Wall Street Journal”: Reduziert, gekürzt, geschlossen

Neon Tommy (CC BY-SA 2.0)

Nicht rund läuft es derzeit beim “Wall Street Journal”. Schon im vergangenen Jahr hatte das Blatt Gewinneinbrüche zu verkraften. In der Folge wurde die Printausgabe deutlich dünner, das Ressort “Greater New York”, das ursprünglich der “New York Times” Konkurrenz machen sollte, wurde eingestellt (siehe dazu Medienlinks Nummer 21).

Nun berichtet “The Atlantic”, dass die Finanzzeitung zahlreiche Auslandsbüros heimlich, still und leise geschlossen oder stark reduziert hat. Demnach mussten je zwei Reporter die Korrespondentenbüros in Moskau und Warschau verlassen, die Präsenz in Budapest und Madrid wurde ebenso geschlossen wie das Büro in der saudischen Hauptstadt Riyadh. In Indien mussten zwei Reporter das Blatt verlassen, eine Person wurde im Büro in Berlin gekündigt und für Skandinavien ist nach mehreren Kündigungen nur mehr eine Person zuständig.

Die vollständige Artikel über die internen Vorgänge im “Wall Street Journal” auf “The Atlantic”:


Seitenblicke.at wird eingestellt

Ebenfalls nicht so gut lief es offenbar bei seitenblicke.at, dem Society-Online-Portal aus dem Hause Red Bull. Bereits vergangenen Oktober wurde das Print-Magazin aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt, nun soll Ende März auch das Online-Portal, das eigentlich unabhängig von der Print-Ausgabe weitergeführt werden sollte, eingestellt werden. Die Zugriffszahlen waren zuletzt nicht berauschend und stagnierten. Erreichte das Portal im Februar 2016 (29 Tage) noch 297.910 Unique Clients (UC) und 691.259 Visits so hatte seitenblicke.at im Jänner 2017 (31 Tage) nur mehr 217.556 UCs und 626.461 Visits. (Ein direkter Vergleich der Zahlen von Jänner 2016 mit Jänner 2017 ist nicht möglich, da im Februar 2016 von der ÖWA eine Messänderung durchgeführt wurde — mehr dazu in den Medienlinks Nummer 27)

Die gleichnamige ORF-Sendung bleibt davon völlig unberührt, der Markenname wurde gegen eine jährliche Gebühr von 55.000 Euro vergeben, wie die Tageszeitung “Die Presse” berichtet:


Ein Newsletter als Testballon

Esther Vargas (CC BY-SA 2.0)

Am Montag startete die “Washington Post” den neuen Newsletter “WorldView”, der mit Geschichten aus dem gleichnamigen Ressort bestückt wird. Was daran besonders ist, angesichts der Tatsache, dass die Washington Post bereits 70 verschiedene Newsletter im Angebot hat, erklärt Newsonomics.com: Der Newsletter ist offenbar ein Testballon der Zeitung, um mehr internationale Leser zu gewinnen.


Tweet der Woche


Veröffentlicht am 18.2.2017

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