Selbstoptimierung

Über fehlerhafte menschliche Maschinen

Von einer mathematischen Sichtweise gesehen, ist die Optimierung eine stetige Verbesserung hin zu einem gewünschten Wert, eine Konvergenz, bei der es keine Rückschläge gibt. Maschinen nutzen komplizierte Algorithmen, um sich immer weiter zu diesem Optimum vorzukämpfen. Jede Iteration ein bisschen besser.

Im realen Leben betrachten wir immer mehr unseren eigenen Körper oder unseren Charakter als optimierungsbedürftig. Unzufriedenheit herrscht nicht nur in Ländern, in denen Krieg, Armut oder Hunger wüten, in vielen besser gestellten Ländern herrscht ein Krieg gegen die eigenen Fehler. Wir schauen in den Spiegel, definieren Problemzonen, verbeißen uns in Trainingspläne und Karrieren nur um dem gesellschaftlichen Ideal näherzukommen. Doch wer kann es einem verübeln? Serienstars sind meist nicht nur verdammt liebenswürdig sondern auch heiß. Schon Kinderspielzeugfiguren wie G.I. Joe erfuhren einen dramatischen Wandel in den letzten Jahrzehnten, von einer schmächtigen, schlanken Figur hin zum muskelbepackten Actionstar.

Selbstoptimierung kann gut sein, sogar gesünder machen. Sport hilft unseren Körper fit zu halten, aus Ehrgeiz gute Noten zu schreiben, können zufriedenstellende Karrieren erwachsen. Wie so oft im Leben muss aber ein Maß eingehalten werden. Selbstoptimierung darf nicht krank machen, Selbstoptimierung darf nicht zu Selbsthass führen. Minderwertigkeitskomplexe, die so permanent im eigenen Kopf stecken bleiben, dass sich Depressionen entwickeln, sind die Schattenseiten des Selbstoptimierungswahns.

Da dies ein persönlicher Blog ist und dies mein erster Eintrag, möchte ich mich kurz vorstellen. Zumindest wer ich bin. Ich bin 25, männlich und phasenweise optimierungsgeil, wenn man das so schreiben kann. Gerade in jungen Jahren existiert diese Stimme im Hinterkopf: “Jetzt hast du noch Potenzial, du bist im besten Alter, dich aufzuwerten.” Wenn man dann dem gewünschten Ideal nicht steil genug entgegenstrebt im Fitnessstudio, im Romantischen oder Beruflichen, wenn man sogar Rückschläge erfährt, wie es nunmal so ist im Leben, folgt die Leere. Auch die Unfähigkeit sich über Erfolge zu freuen, ist eine Konsequenz. “Du hast einen Masterabschuss? Na toll, der bringt dir nur leider nichts, wenn du nicht noch einen Doktor draufsetzt, also ruh dich bloß nicht auf deinen Lorbeeren aus und sei ein guter Schwabe und schaffe emsig weiter!” Wo ist die imaginäre Grenze, bei der wir endlich zufrieden und glücklich sind? Ich habe das Gefühl, ich habe schon lange jede Art von Zufriedenheit zu Grabe getragen. Leistung zählt, Sexappeal und immer schön fucking charming sein.

Klar, dass die eigenen Fehler so viel schwerer auf einen selbst wirken. Das nervöse Stottern muss unfassbar nervig für das Gegenüber sein, der Sixpack ist immer noch nicht sichtbar trotz dauerhafter Sportfolter im Gym. Und das Lächeln wirkt im Spiegel so leer und abschreckend. Kein Wunder, dass das letzte Date per WhatsApp schnell noch mitgeteilt hat, dass sie eine andere Person sucht.

Es ist leichter gesagt als getan, wenn man alte Weisheiten aus der Mottenkiste kramt. Liebe dich selbst, heißt es da. Oder auch sei du selbst. Die menschliche Psyche ist komplex. Es gibt keinen einfachen binären Kippschalter, der schnell umgelegt werden kann von Selbsthass zu Selbstliebe. In vielen Fällen ist der Sumpf, in dem man steckt auch so tief, dass man mehr als nur einen Ast, sondern eine menschliche Hand braucht, um sich rauszuziehen. Es muss ein gradueller Prozess sein, die Selbstoptimierung zu mäßigen. Es darf nicht nur ein egozentrischer Prozess sein, sondern ein Prozess, der bilateral sein muss. Der Druck, den wir aufeinander ausüben, muss nachlassen, nötige Komplimente und naiv ausgedrückt liebe Worte müssen gesellschaftsfähiger werden. Wenn der Druck nicht weicht, platzt das Ventil und psychologische Praxen nehmen immer mehr Wohnraum ein, der ja so knapp ist in unseren Städten — das kann ja nun wirklich niemand wollen.

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