Literaturübersetzung: Zwischen manischer Genauigkeit und unbändiger Spielfreude

Ohne sie wären Bestseller wie Harry Potter oder Die Geschichte der Bienen vielen Lesern verschlossen geblieben. Sie öffnen Türen in andere Welten, machen fremdsprachige Literatur zugänglich und doch bleiben sie meist im Schatten der Autoren — die Rede ist von Literaturübersetzern. Im Interview verrät die Literaturübersetzerin Patricia Klobusiczky, was sie an diesem Beruf so fasziniert und welche Schwierigkeiten Übersetzerinnen und Übersetzer immer wieder meistern müssen.


Julia Biermann: Warum sind Sie Literaturübersetzerin geworden?

Patricia Klobusiczky © Frankfurter Buchmesse / Bernd Hartung

Patricia Klobusiczky: Der Beruf wurde mir förmlich in die Wiege gelegt, meine Mutter ist Französin, mein Vater Ungar, ich bin in Deutschland geboren und ein Teil unserer Familie lebt in England und den USA. Praktisch alle sind in Bücher vernarrt und lesen mehrsprachig, also wusste ich schon mit 15, 17 Jahren, was ich werden wollte, habe mich nach dem Abi in Düsseldorf für den Diplomstudiengang Literaturübersetzen eingeschrieben und 1993 während eines Praktikums bei Rowohlt meinen ersten Übersetzungsauftrag bekommen. Siv Bublitz, damals Lektorin bei rororo, hat mir Paula Jacques’ Roman Die leichtsinnigen Engel (Rowohlt, 1994) anvertraut, und daraus hat sich dann alles andere ergeben — wer weiß, was sonst aus mir geworden wäre.

“Eine gute Übersetzung verlangt nach lebendiger Sprache.”

Was ist das Besondere an diesem Beruf und was macht eine gute Literaturübersetzerin bzw. einen guten Literaturübersetzer aus?

Obwohl ich schon immer eine begeisterte Leserin war, habe ich festgestellt, dass man einen Text erst wirklich kennenlernt, wenn man ihn übersetzt. Dieser Beruf lehrt einen Sehen, Hören, überhaupt alle Arten der Wahrnehmung, und er zeigt, was Sprache alles kann, in der Ausgangs- wie in der Zielsprache. Die vielen genialen Literaturübersetzerinnen und -übersetzer im deutschsprachigen Raum sind alle sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, aber ich glaube, die meisten verbindet eine Mischung aus Akribie und Treue gegenüber dem Original und anarchischem Freiheitsdrang. Man muss ja die Möglichkeiten des Deutschen tagtäglich ausreizen und ausloten und gegebenenfalls erweitern. Ideal ist also die Verknüpfung von manischer Genauigkeit mit unbändiger Spielfreude.

Aktuelle Übersetzungen von Patricia Klobusiczky

Häufig bleiben die Übersetzer eher unbemerkt — auch bei Bestsellern — obwohl wir die Gedanken und Geschichten der Autorinnen und Autoren durch ihre Worte erfahren. Wie können die Übersetzerinnen und Übersetzer aus dem Schatten heraustreten, so dass ihre Bedeutung für den Buchmarkt stärker wahrgenommen wird?

Da besteht noch sehr viel Aufklärungsbedarf in der Öffentlichkeit — es fängt in den Verlagen an und setzt sich dann bei den Rezensenten, Veranstaltern und Buchhändlern fort. Jedes übersetzte Werk hat zwei Autoren, den Autor des Originals und den Übersetzer, wir sind als Urheber gleichgestellt. Wer also Übersetzungen verlegt, verkauft, bespricht oder präsentiert, ohne uns in den Vorschauen und Programmheften, in den bibliografischen Angaben und auf den Websites zu nennen, verstößt gegen unser Urheberrecht. Das Schlimme aber ist, dass unser Werk durch Nichtnennung von uns getrennt wird. Übersetzerinnen und Übersetzer erleben in vielen Fällen bis heute, dass man sie nicht mit dem in Verbindung bringt, was sie in monatelanger Knochenarbeit geschaffen, ja erschaffen haben, obwohl es inzwischen unstrittig ist, dass es sich um eine schöpferische Leistung handelt und Übersetzer Künstler sind. Zum Glück zeigt sich bereits bei etlichen Akteuren im Literaturbetrieb ein Bewusstseinswandel. So kenne ich allein in Berlin viele Veranstalter, Kritikerinnen und Buchhändler, die unsere Leistung nicht nur zu schätzen wissen, sondern uns auch gern bei der Vermittlung unserer Titel einbinden, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass niemand tiefere und lebendigere Einblicke in das Werk geben kann als diejenigen, die es übersetzt haben. Dieser Umgang mit Übersetzerinnen und Übersetzern sollte Schule machen, nicht zuletzt, weil er im Interesse aller ist, also auch der Originalautoren, Verlage und Leser.

“Ich belausche hemmungslos die anderen Fahrgäste, wenn ich mit U- und S-Bahn unterwegs bin.”

Sie übersetzen aus dem Französischen und dem Englischen. Auf welche Eigenheiten und Schwierigkeiten müssen Sie sich je nach Sprache einstellen?

Das Deutsche ist präziser als das Französische, es verlangt nach eindeutigen Bezügen, und das wird immer dann zum Problem, wenn im Original mit dem schwebenden Charakter der Sprache gespielt wird. Eine andere typische Herausforderung ist die Polysemie französischer Wörter. Manchmal müsste man im Deutschen für ein Adjektiv oder Nomen zehn verwenden, um alle Nuancen wiederzugeben. Das tun wir natürlich nicht, sondern versuchen es beispielsweise mit den sehr aussagekräftigen Verben des Deutschen auszugleichen. Beim Englischen ist es häufig die Knappheit, die Schnelligkeit, die uns Kopfzerbrechen bereitet, das Rhythmische, das sich dort mit den vielen Einsilblern und Partizipien erzeugen lässt. Direkte Übersetzungen gibt es ohnehin nie. Selbst ein so alltägliches Wort wie “Brot” löst in jeder Sprache andere Assoziationen aus, wie die meisterliche Übersetzerin Esther Kinsky in ihrem Essay Fremdsprechen (Matthes & Seitz Berlin, 2013) anschaulich ausführt. Die Probleme, die Sie ansprechen, müssen jedes Mal neu gelöst werden — und die Lösungswege hängen immer vom Kontext ab. Ich lese und höre Deutsch, so viel es nur geht, um gerüstet zu sein. Lese eigenwillige Originale, kühne Übersetzungen, höre Radio und deutsche Musik mit deutschen Texten — vom Schubertlied bis zum Gangsta-Rap — gehe ins Theater und belausche hemmungslos die anderen Fahrgäste, wenn ich mit U- und S-Bahn unterwegs bin. Je reicher mein Wortschatz ist, in allen Registern, je mehr syntaktische Variationsmöglichkeiten ich mir vor Augen geführt habe, desto eher werde ich Lösungen finden, die kreativ und plausibel zugleich sind. Eine gute Übersetzung verlangt nämlich nach lebendiger Sprache.

Welches Buch hat Ihnen beim Übersetzen am meisten Spaß gemacht?

Ich habe ein Faible für Bücher mit sehr abwechslungsreicher Sprache. Es macht mir Spaß, verschiedene Stimmen zu gestalten und aus dem Vollen zu schöpfen, da habe ich in letzter Zeit viel Glück gehabt, mit Romanen wie Als der Teufel aus dem Badezimmer kam von Sophie Divry (Ullstein, 2017), die reinste Sprachspielwiese, oder Petina Gappahs Erzählband Die Schuldigen von Rotten Row (Arche, 2017), der in Simbabwe spielt und ein Spiegel der dortigen Gesellschaft ist, mit einer Fülle an Tonlagen und Perspektiven. Aber ich übersetze auch gern Prosa, die nah an der Lyrik ist, wie Ruth Zylbermans Vermisstenstelle (Secession Verlag für Literatur, 2017), also sehr verdichtet und musikalisch.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Goldschmidt-Programms 2018 © Caroline Roussel

Seit 2016 leiten Sie die Übersetzerwerkstatt des Goldschmidt-Programms der Frankfurter Buchmesse für junge Literaturübersetzer aus Deutschland und Frankreich. Was raten Sie jungen Übersetzerinnen und Übersetzern und Jugendlichen, die Übersetzer werden wollen?

Dasselbe, was ich angehenden Dichterinnen und Schriftstellern raten würde: Lesen, lesen, lesen, querbeet, aber mit wachen Sinnen. Literatur und Sprache ernst nehmen und spielerisch damit umgehen. Es sollte schon eine Passion sein, eine Berufung, denn die Anforderungen sind hoch, der materielle Lohn bekanntlich gering, man braucht ungeheuer viel Sitzfleisch und sollte die Einsamkeit schätzen. Gleichzeitig sollte man regelmäßig nach Austausch und Geselligkeit streben. Wie oben schon angesprochen: Übersetzer und Übersetzerinnen müssen Widersprüchliches miteinander versöhnen. Wer die Besessenheit mitbringt, wird meist das eine oder andere einschlägige Studium wählen, aber es führen diverse Wege zum Ziel. Das Goldschmidt-Programm ist natürlich ein Königsweg.

Hat sich der Ehrengastauftritt Frankreichs auf der Frankfurter Buchmesse 2017 bei den Literaturübersetzern bemerkbar gemacht?

Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron bei der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 2017 © Frankfurter Buchmesse / Marc Jacquemin

Ja — alle Französischübersetzerinnen und -übersetzer, die ich kenne, haben im Vorfeld bis zum Umfallen gearbeitet, weil ja so viel importiert wurde, mehr als sonst, und es waren auch viele auf der Messe anwesend. Leider haben nicht alle Verlage und Veranstalter für ihre angemessene Behandlung gesorgt. So musste die renommierte Übersetzerin Brigitte Große bei einer Lesung ihres Autors Gaël Faye auf dem Boden sitzen. Für Tobias Haberkorn war bei einer Großlesung seines Autors Didier Eribon, den er als Pionier überhaupt erst nach Deutschland gebracht hat, auch kein Stuhl vorgesehen — und der Frankreich-Pavillon war mit wunderbaren Zitaten in beiden Sprachen geschmückt, doch leider ohne Nennung der Übersetzer. Ein Unding, erst recht, wenn man bedenkt, wie sehr Emmanuel Macron in seiner Eröffnungsrede die Bedeutung unserer Arbeit betont und gewürdigt hat. Darüber haben wir uns naturgemäß alle sehr gefreut. Nur sollten auf Worte die entsprechenden Taten folgen.

Das Interview führte Julia Biermann, Volontärin Marketing & Kommunikation der Frankfurter Buchmesse.


Über Patricia Klobusiczky

Patricia Klobusiczky wollte schon als Jugendliche Übersetzerin werden und studierte nach dem Abitur den Diplomstudiengang Literaturübersetzen an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Ihre erste Übersetzung war 1993 der Roman Die leichtsinnigen Engel der Autorin Paula Jacques. Seitdem übersetzte sie zahlreiche Romane aus dem Französischen und Englischen, unter anderem Werke von Marie Darrieussecq und William Boyd. Von 1996 bis 2005 arbeitete sie außerdem als Lektorin beim Rowohlt-Verlag. Patricia Klobusiczky setzt sich stark für die Belange von Übersetzerinnen und Übersetzern ein und hat seit März 2017 den Bundesvorsitz des Verbandes deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke inne.