Literatur in der GARAGE

Vom 17.-21.04.2017 fand die erste Verlegerschule in Moskau statt

Das lichtdurchflutete, modern ausgestattete GARAGE Museum, im Herzen des weitläufigen Gorki Parks in Moskau gelegen, ist normalerweise Schauplatz von großen Ausstellungen: In den Räumen kann man Installationen zeitgenössischer russischer Künstler bestaunen, hinter den Kulissen wird eine Ausstellung mit Arbeiten von Raymond Pettibon vorbereitet.

Vom 17.-21. April 2017 fand hier die erste Verlegerschule statt — organisiert vom Team des Buchinformationszentrums — BIZ Moskau und finanziert mit Mitteln des Auswärtigen Amtes. Die fünftägige Fortbildung deckte sämtliche Bereiche des Verlegens ab: Von praktischem Marketing zu Guerilla Maßnahmen, von Buchgestaltung zu Cover Design, vom Geschäft mit Rechten und Lizenzen zum Bereich Kinder- und Jugendbuch.

Anastasia Milekhina, die Leiterin des BIZ Moskau, freut sich über das große Interesse an der Veranstaltung: “Insgesamt haben 518 Personen teilgenommen, darunter Lektoren, Verlagsmanager, Grafiker, Designer, Übersetzer und Journalisten aus dem Kultur- und Literaturbereich.”

Anastasia Milekhina, Leiterin des BIZ Moskau, begrüßt die Teilnehmer der 1. Verlegerschule © Asya Fink

Das Programm bestritten sechs Referenten aus Deutschland, drei russische Gäste und ein deutscher Schriftsteller. In gemischten Panels tauschten die Teilnehmer Erfahrungen aus, dabei sondierten die russischen Moderatoren, welche Maßnahmen sich für den russischen Markt adaptieren ließen.

Tom Erben, Leiter Marketing & Vertrieb VLB-TIX bei der MVB, zeigte überraschende Guerilla-Praktiken auf, während Annette Pohnert, verantwortlich für Veranstaltungen im Carl Hanser Verlag, aus dem Nähkästchen plauderte und u.a. von einer Autorenreise berichtete, die sie für Altkanzler Helmut Kohl organisiert hat.

“Ich fand den Unternehmergeist und die Weltoffenheit der Teilnehmer sehr überraschend, das hatte ich nicht so erwartet”, sagt Tom Erben. “Die Teilnehmer haben uns Löcher in den Bauch gefragt, gerade auch über den deutschen Buchmarkt.”

Tom Erben über Guerilla-Marketing © Asya Fink

“Im Anschluss an unseren Vortrag entspannte sich ein lebhaftes Gespräch”, ergänzt Annette Pohnert. “Gewünscht waren Tipps für Lesungen zu einzelnen Titeln, z.B. von bisher noch nicht bekannten Autoren, und es gab Fragen zur Finanzierung z.B. durch Sponsoring. Da es Literaturhäuser in Russland so nicht gibt, wollten die Kollegen darüber viel wissen.”

Jefferey Swanda, Geschäftsführer der semper smile Werbeagentur GmbH, analysierte mit dem bekannten Moskauer Grafikdesigner Boris Trofimov die Gestaltung von ausgewählten deutschen und russischen Buchcovern.

Kennt sich mit der Gestaltung von Covern aus: Jefferey Swanda © Asya Fink

Renate Reichstein, Vorsitzende des Vorstandes der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen e.V. (avj) und Leiterin Abteilung Rechte und Lizenzen / International Rights, Verlag Friedrich Oetinger GmbH gab einen Einblick in den deutschen Kinderbuchmarkt und führte — für die Anwesenden besonders spannend — in einem Rollenspiel die Do’s und Dont’s eines Lizenzgesprächs vor Augen.

Karin Herber-Schlapp, Lektorin für Populäres Sachbuch und Acquisitions Editor Non Fiction bei S. Fischer, machte deutlich, welche Argumente bei Aquisitionsentscheidungen eine Rolle spielen — und welche nicht. Aufschlussreich war das Gespräch zwischen ihr und dem Verleger Aleksej Ilyin (Alpina Publisher) über den Titel SPQR von Mary Beard. Die sehr unterhaltsam erzählte Geschichte des Alten Rom erschien in Deutschland bei S. Fischer und in Russland bei Alpina. Hier ging es ganz konkret darum, wie die Kaufentscheidung getroffen wurde und ob sich die an den Titel gestellten Erwartungen erfüllt haben.

Christoph Haacker, Geschäftsführer des Arco Verlags und Unterstützer der Kurt-Wolff-Stiftung schließlich sprach über kleinere und mittlere unabhängige Verlage in Deutschland: Er stellte Neugründungen und Verlagsprofile vor, berichtete anhand konkreter Beispiele von Erfolgsgeschichten, aber auch von Sackgassen.

Tobias Voss, Geschäftsleiter Internationale Märkte bei der Frankfurter Buchmesse: “Wir beobachten einen rasanten Wandel auf dem russischen Buchmarkt, und wir sehen, dass die russischen Kolleginnen und Kollegen sehr schnell lernen. Sie wissen, dass sich die fachlichen Voraussetzungen “im Westen” und in Russland grundlegend unterscheiden. Trotzdem — oder vielleicht gerade — sehen viele russische Kollegen im deutschen Buchmarkt ein Vorbild: Für sie ist es interessant zu sehen, wie reibungslos der Buchmarkt eines großen Landes funktionieren kann, wie gut seine verschiedenen Bereiche ineinandergreifen, welche hochwertigen Produkte hier erstellt und vertrieben werden. Diese Einblicke begeistern die Kollegen in Russland, sie wünschen sich mehr Kontakt, mehr Information, mehr Austausch.”

Das Fachprogramm war für gestandene Verlagsmanager wie Sergey Rubis von EKSMO ebenso spannend wie für jüngere Kollegen. “Nach diesen fünf intensiven Tagen wissen die russischen Kolleginnen und Kollegen sehr viel mehr über das internationale Rechtegeschäft und den deutschen Buchmarkt. Im Gegenzug haben deutsche Referenten die Besonderheiten des russischen Buchmarktes kennengelernt. Wir hoffen, dass diese Fortbildung den Austausch zwischen beiden Ländern angekurbelt und dass sich hier ein tragfähiges Netzwerk gebildet hat”, fügt Anastasia Milekhina hinzu.

Einem besonderen Zufall war es zu verdanken, dass der in der ehemaligen Sowjetunion geborene, seit langem in Berlin lebende Schriftsteller, Regisseur, Übersetzer und Preisträger des Deutschen Buchpreises Eugen Ruge auf Einladung des Goethe-Instituts zur gleichen Zeit in Moskau weilte. Als jemand, der beide Länder sehr gut kennt, teilte Ruge im Gespräch mit dem Literaturübersetzer Michail Rudnizkij seine Sicht auf die Unterschiede zwischen russischen und deutschen Verlagen.

Eugen Ruge © Asya Fink

Während die Tage vollgepackt waren mit Wissenstransfer und Networking, stand Abends Kultur auf dem Programm: Den Auftakt machte eine Führung durch die Ausstellung des GARAGE Museums zur russischen zeitgenössischen Kunst. An drei weiteren Abenden wurden im Kinosaal des Museums Filmverführungen gezeigt — und natürlich ging es hier auch um Literatur. Auf dem Programm standen Dokumentarfilme des Regisseurs Roman Liberov u.a. über Ossip Mandelstam, Sergei Dowlatow und das Autorenduo Ilf und Petrow.

Teilnehmernstimmen

Julia Rautbort, Leiterin der Abteilung für moderne ausländische Literatur bei EKSMO, war überzeugt davon, dass Verleger von einer solchen Horizonterweiterung unheimlich profitieren: “Es ist richtig schön, dass die Frankfurter Buchmesse diese Verlegerschule organisiert hat. Ich halte es für extrem wichtig, dass unsere Verleger und Lektoren Einblicke in die internationalen Märkte erhalten und die Erfahrungen ihrer Kollegen kennenlernen, auch wenn sich vieles nicht unmittelbar auf unser Tagesgeschäft anwenden lässt. Aber wir sind sehr inspiriert, und wir überlegen jetzt ganz konkret, was wir in unserer Arbeit verwenden können.”

Tom Erben: “Mich hat überrascht, dass die Probleme und Fragestellungen der russischen Kollegen fast dieselben sind wie in Deutschland: Wie können wir unsere Bücher besser zum Leser bringen? Natürlich ist der russische Markt besonderen Rahmenbedingungen ausgesetzt, aber wir haben dieselben Ziele! Auch der Besuch einer Buchhandlung in Moskau war erstaunlich: Da stehen zwischen den Buchregalen kleine Tische mit Garderobenständern für die Kunden — das nenne ich serviceorientiert! Dass jeder Kunde mit einem elektronischen “Navigator” recherchieren kann, wo das gesuchte Buch in der Buchhandlung zu finden ist, wurde mir damit erklärt, dass es keinen Ausbildungsberuf Buchhändler und damit wenig kompetentes Personal gibt. In Zeiten, in denen wir uns in Deutschland intensiv mit dem Thema Metadaten und der Auffindbarkeit von Büchern beschäftigen, war auch das eine überraschende Perspektive.”

Text: Kathrin Grün, Fotos: Asya Fink

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