Wenn das “t” verschlupft ist — Brigitte Mayer coacht Selfpublisher für Lesungen

So wie alle Autoren stehen auch Selfpublisher vor der Herausforderung, auf Lesungen ihr Werk überzeugend zu performen. Dabei hilft ihnen Brigitte Mayer. Sie ist Ganzheitliche Stimmtherapeutin, Sprechcoach, Radiomoderatorin und Sprecherin. Wir haben Frau Mayer dazu interviewt.

  1. Sie schulen Autoren für Lesungen — gibt es eine ideale Lesestimme?

Die ideale Lesestimme ist die authentische Stimme, die in ihrer ureigenen Stimmlage klingen kann. Wenn wir in uns ruhen, uns sicher fühlen und auch emotional mit uns im Kontakt sind, klingen wir im Sinne des Wortes stimmig. Dann ist es im Grunde unerheblich, ob eine Frau oder ein Mann eine hohe oder tiefe Stimme hat.

Oftmals ist es aber so, dass der Vorlesende in einer ihm nicht entsprechenden Stimmlage spricht, sie ist zu hoch oder zu tief. Das ist bei langen Lesetexten, nicht nur für den Sprechenden, sondern auch für den Zuhörer ziemlich anstrengend.

2. Worauf sollten Autoren neben ihrer Stimme noch bei ihren Lesungen achten?

Da gibt es einiges! Die Sprechgeschwindigkeit beispielsweise. Manche Autoren lesen viel zu schnell, der Zuhörer braucht aber Zeit um den Text zu verstehen, um beim Hören Bilder entstehen zu lassen und mitfühlen zu können. Für den Zuhörer sind jedes Wort, jede Szene und jeder Dialog, die dem Autor ja bereits durch und durch vertraut sind, vollkommen neu. Außerdem besteht bei einem ungeübten Sprecher die Gefahr, dass er beim zu schnellen Lesen zu wenig akzentuiert spricht, so dass es noch schwieriger ist, seinem Text zu folgen. Ein Beispiel: Wenn aus den beiden Wörtern „und glücklich“ plötzlich „unglücklich“ wird, nur weil das „t“ verschlupft ist, kann das den Zuhörer sehr verwirren.

Auch die Betonungssicherheit spielt eine große Rolle. Wenn in einem Satz zu viele Wörter betont werden, oder durch falsche Betonung eine Nebensache zur Hauptsache wird, dann ist das für den Zuhörer sehr irritierend.

Je mehr der Zuhörer aus der Geschichte geworfen wird, weil er darüber nachdenkt, wie das gerade Gehörte gemeint sein kann, desto weniger kann er folgen. Das kann dazu führen, dass er nur noch mit halbem Ohr hinhört oder schlimmsten Falles einfach einschläft.

In meinem Sprechcoaching lernen Autoren auch, ihren eigenen natürlichen Atemfluss zu finden und darauf zu vertrauen. Das reguliert zum einen die Sprechgeschwindigkeit, zum anderen gibt das auch Sicherheit vor dem Publikum. Somit bleibt sogar Zeit für den Blickkontakt zum Publikum, so dass der Autor noch besser beim Zuhörer ankommt.

Da gibt es noch viel mehr wichtige Punkte, wie die angemessene Körperspannung, eine unterschiedliche Dynamik bis hin zu vermeidbaren Mundgeräuschen, um nur einige zu nennen.

3. Horror-Thriller, Kinderbuch, Wissenschaft… spielen die Genres für das Vorlesen eine Rolle?

Ja natürlich spielen die unterschiedlichen Genres eine wesentliche Rolle. Der vorlesende Autor sollte sich deshalb auch Gedanken über seine Zuhörer machen. Die Ansprechhaltung ist beim Vorlesen eines Kinderbuches eine ganz andere als bei einer wissenschaftlichen Abhandlung. Zwar müssen beide so vorgetragen werden, dass sie den Text mit Leben füllen, aber bei Kindern spielt der emotionale Aspekt eine wichtige Rolle, während beim Wissenschaftstext eher die Seriosität im Vordergrund steht. Ein Autor, der beim Vorlesen seines Liebesromans zur Gefühlskälte neigt, oder ein Horrorbuchschreiber, dem es in der Vorlesestimme an jeglicher Spannung fehlt, ist auch kein wirkliches Vergnügen. Und mag das Buch auch noch so mitfühlend und spannend geschrieben sein.

4. Wer ist Ihre liebste Vorlese-Stimme?

Da mag ich mich nicht festlegen. Ich bin ein Hörbuchjunkie und höre auf meinen Fahrten durch die Republik viele ganz unterschiedliche Romane. Es gibt viele wunderbare Hörbuchstimmen im deutschsprachigen Raum, denen zu lauschen mir großes Vergnügen bereitet. Ein Beispiel möchte ich Ihnen aber doch nennen: Die österreichische Schauspielerin Sophie Rois, sie hat zwar eine sehr eigenwillige Vorlesestimme, aber sie klingt durch und durch authentisch. Dadurch schafft es Sophie Rois, selbst durch ihre besondere, unnachahmliche Sprechweise, ihrer Stimme eine Vielschichtigkeit zu verleihen, die mich immer wieder aufs Neue entzückt.

5. Worauf freuen Sie sich auf der Frankfurter Buchmesse am meisten?

Die Frankfurter Buchmesse ist immer wieder ein Blick in eine ganz besondere Welt. Ich genieße es einfach, wenn die Messehallen in diesen Tagen bis unters Dach mit Worten angefüllt sind. Natürlich werde ich als Hörfunkreporterin auch neugierig sein und auf Stimmenfang gehen. Und ich freue mich besonders auf viele Selfpublisher, von denen ich ja viele beim Self-Publishing-Day in Hamburg kenngelernt habe. Es ist faszinierend, wie sich viele dieser Autoren in den vergangenen Jahren mit viel Engagement und Durchhaltevermögen ihren Platz auf dem Buchmarkt erobert haben. Und nicht zuletzt bin ich absolut gespannt auf die Teilnehmer an meinem Workshop „Public Speaking“.

Ich danke Ihnen für das Gespräch, Frau Mayer!

(Das Interview führte Frank Krings, PR Manager der Frankfurter Buchmesse.)

Website von Brigitte Mayer: http://abenteuerstimme.com/

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