Der Donald und der Freifahrtschein

es geht lang nicht mehr nur um Politik

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Atmen wir noch einmal alle durch — surren “Ohm”, finden unsere Mitte, unser “Happy Place”, die Insel auf die wir vor verrückten Wahrheiten flüchten, weil ich auch — wie so viele — meinen knappen Beitrag zur Diskussion leisten möchte;

zur Diskussion über die Nacht vor einer Woche, von Montag auf Dienstag, der Achterbahnfahrt, die ich verschlafen habe.

Um halb fünf rissen mich Nachrichten aus einem wirren Traum, indem Trump Arm in Arm mit Putin, Erdogan und Orban die Welt rodete. Auf meinem Laptopbildschirm flimmerte eine Live-Übertragung der Wahlen, die ich kaum wahrnahm, bevor ich auf das Handy schaute.

“Das fasse ich ja nicht!!”

“Wie kann das sein?!”

Die Augen sprangen weit auf, das Herz pochte gegen die Rippen, mein Magen sank tief wie ich die Facebook-App aktualisierte und mich mitten im lodernden, kopflosen Chaos voll Schrecken und Ratlosigkeit wiederfand.

Ein Blick auf den Laptop; die Welt ging in rot unter.

Von da an brannte mein Daumen, die Nachrichten flogen; ich schrieb mit fassungslosen Freunden, während Trump sich einen Schlüsselstaat nach dem anderen angelte.

“Was ist passiert?”

“Das ist ein Alptraum!”

Und noch bevor wir überhaupt den Gedanken durchspielen konnten, dass dem orangenen Mann mit der schlechten Frisur die Macht in den Schoß fiel, stand es fest.

Der Donald zieht im Januar ins Weiße Haus, und daran ist kaum was zu rütteln.

Alles heiße Luft?

An dem Mittwoch herrschte in jedem Seminar der Uni Grabstimmung; die gute Hoffnung, die wir in die Amerikaner gesetzt hatten, war gestorben. Niemand von uns wusste etwas zu sagen.

“Schwierige Nacht, oder?”, fragte meine Dozentin im Übersetzungskurs.

Bedrücktes Nicken.

Wir sprachen über die Ängste bezüglich der sich nun anbahnenden Zukunft — und als es um die Mauer vor Mexiko, der Abschiebung von Ausländern, der Diskriminierung, dem Sexismus ging, meinte jemand aus der Gruppe:

“Soweit wird es nicht kommen. Trump ist nicht allmächtig”

Diese Aussage kam zu oft von anderen Clinton-Gegnern, die Trump unterstützten:

“Das wird er schon nicht machen, mit der Mauer”

“Man darf ihm nicht alles glauben, was er sagt”

“Es gibt die Checks and Balances; krasses Zeug wird da nicht durchkommen”

So einfach ist das aber nicht.

In diesem Artikel hier wird wunderbar erklärt, warum er ziemlich all seine innenpolitischen Wahlversprechen einhalten könnte, wenn er nur wollte.

Während Obama ständig gegen die republikanische Mehrheit anpaddeln musste, hat Trump voraussichtlich freie Fahrt im Parlament.

Viel wichtiger ist jedoch die Frage, wie man dazu kommt einen Mann zu wählen, dessen Worte man von Anfang an nicht für bare Münze hält?

Wie kann man darüber hinaus davon ausgehen, dass er nichts von der misogynen, antisemitischen, rassistischen Seite seiner Person in seine Arbeit mit einfließen lassen wird?

Mit diesen Annahmen zu wählen ist ein absurdes Russisch Roulett.

“Bis jetzt kam nie eine Kugel hinausgeschossen, es wird schon nichts passieren”

Und dann: bumm! Es reicht, wenn nur ein Schuss trifft.

Mehr als das aber, stürzt mich der Glaube in Trauer, indem die USA seinen unfeinen Herren gewählt hat.

“Amerika den Amerikanern!” “Make America Great Again!”

Für die große Mehrheit bedeutet der Gewinn Donald Trumps einen Freifahrtschein für öffentlichen Hass gegen jeden, der anders ist.

Der Mr. Präsident-to-be hat es in seinem Wahlkampf vorgemacht; Putin gratuliert, der Ku-Klux-Klan jubiliert und alle rechts Orientierten marschieren zu Ehren ihres Vertreters durch die Straßen.

Das ist der Rückenwind, den Donald geschürt hat.

Sein Kurs ist gesetzt.

Donald´s Squad

Mike Pence, seine voraussichtliche rechte Hand, glaubt nicht daran, dass Rauchen tötet; er glaubt jedoch daran, dass Frauen den abgetriebenen Fötus beerdigen sollten — als ob die Abtreibung an sich nicht schlimm genug wäre.

Er verfügt zwar über ein ausladendes, politisches Résumé — etwas, was Trump definitiv zugutekommt, da er selbst keine Erfahrungen in diesem Bereich hat — glaubt er dagegen nicht an die Evolution.

Damit ist er jedoch in guter Gesellschaft.

Es wird vermutet, dass Ben Carson als neuer “Secretary of Education” antritt; dieser ist ebenfalls ein Evolutionsgegner und sieht die Entstehung der Welt durch einen Gott als plausibel.

Die Zeit hat einen umfangreichen Artikel über die Wahl der Vertrauten Donald Trumps zusammengestellt — und die Besetzung der noch freien Plätze in seinem Team, wird ebenfalls bestimmt einige weitere, unterhaltsame Überraschungen parat halten.

In einer Zeit, in der wir so stolz für die Progression arbeiten, tritt Amerika damit in einen Umstand der Regression — zurück in das dunkle Mittelalter, weil es sich von dort aus viel einfacher regieren lässt.

Inwiefern das die Bürger der USA über sich ergehen lassen werden, ist die noch ausstehende Frage.

An guten Tagen würde ich für ein halb volles Glas plädieren.

Ich glaubte jedoch auch daran, dass nie ein Mann, der Frauen belästigt, an die Spitze gelangen könnte— wohl der Grund, warum ich trotz Wahlaufregung eingenickt war;

und den Rest der Geschichte kennen wir bereits.

Kann man noch etwas an der Sache drehen?

Viele zählen nun auf das Phänomen eines “faithless elector”s, des untreuen Wählers.

Für die, die mit dem amerikanischen Wahlsystem nicht vertraut sind — ich habe mich auch erst dieses Jahr schlaugemacht — soll gesagt sein, dass vor einer Woche die Amerikaner lediglich darüber abgestimmt haben, wie ihre jeweiligen Wahlmänner am 16. Dezember ihre Stimmen abgeben sollen.

Diese Abstimmung hat jedoch die Tradition in Ehren gehalten zu werden und ein “elector”, der dem Wunsch nicht nachkommt, ist selten — vor allem auch, weil in manchen Staaten das Nichteinhalten strafbar ist.

Was nicht heißt, dass es nicht durchaus Fälle gab, in denen trotz klaren Votums, der jeweilige Elector seine Stimme aufgrund persönlicher Präferenz einem anderen Kandidaten zukommen ließ.

Selbst wenn das jedoch der Fall sein sollte, müssten genug Beteiligte ihre Meinung ändern, damit die Idee einer Veränderung überhaupt in Gange kommt.

Bei dem aktuellen Stand von 306 Wahlmänner für Trump und 232 Wahlmänner für Clinton wären das mindestens 37 Stimmen, die dem Willen ihres jeweiligen Staates untreu werden müssten.

Und selbst dann liege noch ein langer Prozess vor dem Versuch, den eigentlichen Nachfolger zu stürzen, an dessen Ende der Senat — und wenn dieser sich nicht einigt, dann der “Secretary of State” des jeweiligen Staates steht, der den Umschwung vollzogen hat.

Dieser Verantwortliche würden sich jedoch wohl — wieder weil der Wunsch der Mehrheit ihres Staates die Priorität ist — genau so abstimmen, wie es das Wahlergebnis vom letzten Dienstag verlangt.

Theoretisch also, könnte jedes Wahlergebnis erschüttert werden, passieren wird jedoch in der Hinsicht mit hoher Wahrscheinlichkeit nichts.

Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als den Gedanken wieder in den Raum zu stellen, dass Trumps Gesicht von nun an mit höchster Regelmäßigkeit durch unsere Newsfeeds laufen wird — die gute Nachricht hierbei ist:

wer seine Aussagen während des Wahlkampfes bereits unterhaltsam fand, wird sich nun vier Jahre lang auf frische und wichtige Äußerungen freuen können.

Warum das für uns wichtig ist:

außer, dass der derzeitige Stand der Dinge eine einzige, außenpolitische Katastrophe heraufbeschwören könnte, stehen bei uns demnächst auch Wahlen in die Tür.

Viele geben ihre Vota der AFD — aus Protest. Und ich bin ehrlich für eine weit gefächerte, politische Landschaft im Parlament; so furchtbar ich auch die rechte Seite finde, bewirkt sie in der richtigen Dosierung eine gewisse Balance, damit wir uns gen Mitte orientieren können.

Gefährlich wird die Sache lediglich, wenn sie eine überwiegende Unterstützung erreicht, dass sie nicht ausgleicht, sondern überhand gewinnt.

Mein Problem mit dem Wahlergebnis der USA ist genau das; nicht etwa, dass ich Clintons Politik der Trumps vorziehe; nein, die politische Ebene sei kurz ausgeblendet.

Es ist das Bild, das Trump verkörpert, das ich für gefährlich halte. Es ist nicht das, was er tatsächlich ist oder was er durch seine Amtszeit nun klar darstellen wird zu sein, sondern das, als was ihn die Rechtspopulisten in Amerika anpreisen.

Mit Clinton an der Spitze hätte die USA eine Frau an der Spitze gehabt, die ihr Image gen Feminismus, Gleichberechtigung und Optimismus ausgerichtet hatte — ob sie nun als Person und Politikerin dazu steht, sei dahingestellt; klar war jedoch, dass ihr Bild dafür stand.

Mit Trump haben die Vereinigten Staaten einen Mann als ersten Mann, als Vorbild gewählt, der das Gefühl — den Gedanken vermittelt, Hass sei in Ordnung;

Argumente könnten durch Lautstärke, durch schire Wutanfälle und das Temperament — egal, wie unausgereift unser Wissen dahinter auch sein soll — gewonnen werden, und daran sei nichts falsch.

Wenn das größte Vorbild also des eigenen Landes einen Ton angibt, der gegen die LGBTQ-Community, das Recht der Frau und das Recht der Migranten führt, Andersheit und Toleranz wie Akzeptanz in die Knie zwingt, wie sollte da das Land die fragilen Fortschritte der letzten Jahre doch halten?

Ein freieres Abtreibungsgesetz, Obamacare, Eherechte für Homosexuelle — Punkte, für die so viele Menschen, so lange gekämpft haben, könnten mit einem Fingerschnippen angefochten und einer Armbewegung vom Tisch gefegt werden.

Und wer sich nun im seelenruhigen Glauben wiegt, die deutsche Bevölkerung sei für solche gefährlichen Entscheidungen zu gebildet, zu aufgeklärt, der werfe einen Blick auf die überforderte Miene des zukünftigen Präsidenten.

Unser innig geliebtes Amerika haben wir auch für schlauer gehalten.

Mir blutet noch das Herz und es wird etwas dauern, bis es geflickt wieder mit voller Kraft für die positive Einstellung kämpfen kann.

Bis dahin scrolle ich weiterhin durch die Joe Biden und Obama Memes und verbleibe in guter Hoffnung; weil mir nicht viel anderes übrig bleibt.

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