Multikulturell in der Beziehung

wie es deutsch-brasilianisch doch funktioniert

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“Ein Einbürgerungstest in Deutschland braucht eigentlich nur eine Frage: welches ist das beste Brot?”

Das deutsche Brot natürlich — oder die gefühlten zwei Millionen Arten davon!

Diese Begeisterung für das mit Butter und Wurst verfeinerte Wunder, verstand mein Verlobter nicht ganz — und generell war der Aufwand eines Frühstücks, in deren Mitte das Brot steht, ganz neu für ihn.
Eine Tasse Kaffee, mehr brauche man doch nicht; in Brasilien liefe das schwarze Lebenselixier die Kehle hinab, öle das Bewusstsein, bis es funktioniere und damit sei alles gegessen

Nicht mit mir.

Es gibt Punkte, in denen ich nicht bereit bin Kompromisse zu schließen, und das Frühstück gehört dazu; ich bestehe auch darauf, dass mein Liebster sich vor dem Essen die Hände wäscht, die Schuhe am Eingang abstreift, lernt, dass alles seinen Ort sowie seine Zeit hat und jeden Abend mit einem Rückwärtssalto in den Flur springt — ein Wunder, dass er noch nicht aus der Welt gerannt ist.

Natürlich wiegt nicht jede Regel im Haushalt gleich schwer (den Salto darf er ab und zu weglassen) und aufgrund der Kulturunterschiede vergibt man einander kleine Fauxpas, weil es der Partner oft einfach nicht besser weiß.

“7 zu 1”, war das Erste, worüber wir uns unterhielten

In jeder neunten Ehe in Deutschland steht inzwischen eine ähnliche Weisheit im Haus — nicht gezählt sind dabei Bündnisse zwischen eingedeutschten Bürgern mit Migrationshintergrund.

Schüleraustausch, Au-Pair-Arbeit, das FSJ oder ein Unijahr in der Fremde — luzide Grenzen locken mit dem Versprechen auf ein Abenteuer, von dem man ein ganzes Leben erzählen kann; in vielen Fällen dann vor der Hochzeitsgesellschaft zwischen Rosenbouquets und Schleifen aus cremefarbenem Organza.

Zwar fand sich Brasilien stets unter der Top 10 der Länder, in denen deutsche Männer ihre wahren Partner suchen, hatte ich persönlich das Land nur seit 2014 auf dem Schirm — und das viel mehr aus Mitleid als romantischem Interesse.

“7 zu 1”, war das Erste, wovon mein Verlobter und ich über Biergläser hinweg sprachen.

Zu meinem Glück konnte der junge Mann darüber gut lachen.
“Wenigstens habt ihr es dann Argentinien gezeigt!”
Das schien ein Plus, wobei ich damals die Tiefen der ewigen Abneigung Brasiliens gegen seinen Nachbarn noch nicht verstand.

Was wir also bald beide machten?

Jegliches Klischee über die Kultur des jeweils anderen googeln.

Klischees beißen sich begründet fest — aber Brasilianer ist nicht gleich Brasilianer

Ich las über die problematische Geschichte zwischen Brasilien und Argentinien, surfte weiter und stieß auf draufgängerische Latinos, auf Erzählungen über flüchtige Liebelein, überragende Eifersuchtsanfälle und Machos im pinken Shirt, die ihre Frauen am liebsten vor dem Herd wissen, während sie selbst an der nächsten Bar jede Dame bezirzen.

Mein Verlobter machte auch seine Funde.

Ungarische Frauen seien einfach zu haben, streng und sparsam — beinahe schon geizig.

Deutsche Frauen seien forsch aufgrund ihrer direkten Art; sie seien praktisch ausgerichtet, emanzipiert und komplett unweiblich.

Und er ließ sich auf ein Spannungsfeld dazwischen ein, während ich ihm die Gelegenheit gab mir zu zeigen, dass Brasilianer nicht gleich Brasilianer ist.

Wie wir jedoch bald merkten: Klischees beißen sich begründet fest. Wir widerlegten zwar viele von ihnen, sahen mit der Zeit doch eine gute Zahl bestätigt. Unsere hauptsächlichen Unterschiede ließen diese dabei wie rote LED Lampen aufleuchten.

Des Spaßes halber präsentiere ich hier die vier problematischsten Punkte, in denen wir uns ganz und gar nicht ähnlich sind; oder auch:

~ die vier “Oh man!” Erkenntnisse ~

1. Über die Leidenschaft

Jetzt gib mir doch einen Kuss”
“Nein, da laufen Kinder neben uns und die alte Frau schaut auch ganz mürrisch über ihren Rollator hinweg”
“Warum stört dich das?”
“Warum stört dich das nicht?”
Er zuckt mit den Schultern. Und dann:
“Also? Kriege ich nun einen Kuss?”

Widerwillig halte ich inne, seufze leise genug, dass er es hört, aber nicht darüber beleidigt ist und küsse ihn.
Aber halt! Wir reden nicht von einem schnellen Bussi, kaum die Lippen angehaucht und das wars.
Nein.
Wenn ein Brasilianer küsst, macht er das mit vollem Einsatz, als ginge es um die Ehre seines Vaterlandes, dem guten Ruf einer Nation; als müsse er mit jedem Schmatzer beweisen, dass Latinos es auch ja am besten können…vor versammelter Mannschaft, mit der Mama zwischen ihren Kiddies und Herrn Müller ordentlich distanziert an der Seite von Frau Müller, während eine Gruppe Schulkinder gaffend die Straße überquert.

PDA — aus dem Englischen “Public Display of Affection” ist kein Problem für diesen Herren. Er berührt, streift und haucht, küsst, umarmt und drückt, was das Zeug hält. Wenn ich einmal vergessen sollte seine Hand zu halten, kommt das altbewährte “Liebes, bist du Single?” — und inzwischen liebe ich es.
Das war jedoch nicht immer der Fall.

“Das geht so nicht”
“Warum nicht?”
“Weil sich andere Leute daran gestört fühlen könnten”
“Deutsche dürfen wohl also nicht glücklich sein”, entgegnet er und scheint derart gekränkt, dass ich für ihn meine Vorbehalte über Bord werfe.

Es war nicht einfach, meiner Gefühle öffentlich kundzutun — schließlich geht es auf unseren Straßen recht gesittet zu. Aber ein Brasilianer ist dann glücklich, wenn er seine Liebe überall und jeder Zeit zum Ausdruck bringen darf. Sobald man sich ersteinmal über die eigene Scham hinweggesetzt hat, wird man diese Zuneigung auch schätzen können.
Schließlich gibt es kaum etwas Schöneres, als geliebt zu werden und das nicht nur in den eigenen vier Wänden, bei gedämmten Licht, zu einem besonderen Anlass.

2. Eifersucht

So leidenschaftlich mein Verlobter lieben kann, so leidenschaftlich kann er auch hassen — und als Brasilianer hasst er kaum etwas mehr als den Bruch von Loyalität.

“Es betrügen zu viele ihre festen Lebenspartner”

75% aller brasilianischen Männer sind bereits mindestens einmal untreu gewesen und jede zweite Dame geht fremd;

bei diesen Zahlen ist der Argwohn, mit dem die potentielle Konkurrenz beäugt und die Situation auf ihre Gefahr hin gemessen wird, kaum zu verübeln.

Als das komplette Gegenteil dazu jedoch, hatte ich es mit der Verletzlichkeit meines Herren bezüglich dieses Themas schwer. Er würde nie auf die Idee kommen mir etwas zu verbieten, aber seine verzweifelte Miene auf meine Idee hin einen ordentlichen Junggesellen/innen Abschied zu feiern, ließ mich die Handbremse ziehen.

“Liege ich etwa falsch?”

Ja — und nein.

In diesem Punkt gibt es kein “richtiges Maß”. Das richtige Maß ist das, womit beide Seiten umgehen können, dieses Balancieren auf einem seidenen Faden zwischen “das zeigt, dass er/sie mich liebt” und “das schnürt mir komplett die Luft ab”.

Wenn er die Grenze übertritt, stoße ich ihn sanft zurück. Aber eine derart tief wurzelnde Eifersucht aus der Kultur heraus wird niemand komplett ablegen können.

Frage dich also: kann ich und will ich damit leben?

Wer mit solchen Gefühlen ehrlich umzugehen weiß, wird mit einem liebenswerten Partner belohnt, der einen wie seinen Augapfel hütet.
Wer dazu jedoch nicht in der Lage ist, wird auf Dauer mit einem solchen Typ Menschen kaum glücklich.

3. Ring an, Ring ab

Am selben Tag, an dem wir ein Paar wurden, fand folgendes Gespräch statt:

“Es wird Zeit, dass ich mir einen Ring kaufe”
“Einen Ring?”
“Ja, mit deinem Namen eingraviert”
“Bitte, wie?”
“Würdest du auch einen tragen?”

Um Gottes willen! Was denkt sich der Junge bloß? Was sollen die Ringe denn symbolisieren, nach nur einem Tag in der Beziehung?

Ich wusste noch nicht, dass es in Brasilien gang und gäbe ist als Pärchen Ringe zu tragen — das schließt sich an die öffentliche Liebe an, an den Wunsch die Welt wissen zu lassen: wir sind vom Markt.

Für mich jedoch, wie vielleicht für so viele, tragen Ringe eine tiefere Bedeutung; sie binden, sie fesseln, sie machen alles endgültig.

Es brauchte viel Zeit und Überwindung bis ich seiner Bitte nachkam und zumindest einem Ring meinen Segen gab; er würde ihn tragen, ich aber nicht.

Dieser erste Schritt war nur einer von vielen, zeigt aber am Besten, welche emotionalen Hürden Pärchen unterschiedlicher Kulturen manchmal überwinden müssen.

Sei es nun das Essen, die Art zu Waschen oder die Tischmanieren; seien es Ringe, Ketten, Armbänder, Make-Up für den Mann oder die pinken Shirts, die mein Liebster tatsächlich toll findet.

Es hilft die Kultur genau zu untersuchen, Dokumentationen zu schauen, Bücher zu lesen, Menschen auf ihre eigenen Erfahrungen hin auszuquetschen (aka der Grund für diesen Artikel).

Respekt für die Gewohnheiten des jeweils anderen, ein blühendes Interesse, sowie die Bereitschaft etwas Neues zu probieren, lösen meiner Erfahrung nach jedes Problem.

Dank dieser Punkte weiß ich, dass er den Ring bereitwillig abstreift, wenn ich ihn nur darum bitte, werde das aber nie von ihm verlangen.

Denn ganz ehrlich? Inzwischen ist es mir lieber, er behält ihn an.

4. Das Geld

Nach nur einer kurzen Weile waren mein Verlobter und ich an einem Punkt in unserer Beziehung, an dem wir jeden Tag miteinander verbrachten und abwechselnd in seiner sowie meiner Wohnung schliefen.

“Ist das nicht umständlich?”
“Ja, ein wenig”
Stille.
“Wollen wir nicht zusammenziehen?”

Für eine Frage, die ich erwartet habe, traf mich diese sehr überraschend.

So viele Vorteile eines Zusammenzuges mir plötzlich zuflogen, baute sich ein großes, fettes ABER zwischen der potentiellen, gemeinsamen Zukunft und der Misere des ständigen Pendelns auf: das Geld.

In meinem Kopf gab es die Regel, die mein Verlobter liebevoll (und zugegeben, gelegentlich auch zynisch) als “die deutsche Art” bezeichnet.

Getrennte Zimmer, getrennte Netflixaccounts, getrennte Rechnungen, getrennte Konten.

Für mich war es eine Frage des Stolzes unabhängig zu leben und alles gerecht aufzuteilen. Sein Lebensstandard war jedoch höher, als meiner — einfach zu teuer.

“Wir ziehen zusammen, wenn ich es mir leisten kann”

Seine Augäpfel sprangen ihm fast aus den Sockeln.

Und da lernte ich die brasilianische Art an Dinge heranzugehen: wo ein Wille, ist auch ein Weg — egal was für einer.

Von meinen Vorbehalten wollte er gar nichts wissen; und somit verliefen wir uns in einer langwierigen Diskussion, in der ich mit Logik und der Gerechtigkeit, er wiederum mit seinen Träumen und Gefühlen argumentierte.

Die Leidenschaft gewinnt am Ende dann doch immer und wir zogen zusammen. Obwohl ich stets dafür bin beider Kulturen genug Raum in einer Beziehung zu bieten, musste ich einsehen, dass diese Runde definitiv die Hingabe und Großzügigkeit eines Lateinamerikaners gewonnen hatte.

Ich habe mit einer Griechin und Spanierin einige Wochen später dieses Thema diskutiert.

“Die Deutschen sind oft sehr korrekt, wenn es um Geldfragen in der Beziehung geht”, meinten sie, “ Alles wird streng und gerecht geteilt. Manchmal bis in die Ehe, selbst wenn man Kinder hat”
Das fanden beide seltsam, wobei ich durchaus Pärchen kenne, bei denen dieses System hervorragend funktioniert.

In meinem Fall jedoch war das keine Option; ich musste eingestehen, dass meine deutsch-ungarische Rationalität selten in Herzensangelegenheiten gegen die südländische Großzügigkeit ankommt.

Und das ist auch gut so, sonst wäre das Leben viel zu langweilig.

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