Studium - You are Legend

“Wenn ich ersteinmal aus der Schule raus bin, wird alles anders. Ich werde das lernen, was mich tatsächlich interessiert und ich werde dafür gerne die Nächte durchpauken sowie Blut und Tränen schwitzen. Für dieses Studium habe ich mich entschieden, das ziehe ich durch”

Klebe jemand diesem naiven Alterego meiner Selbst voll falschen Vorstellungen den Mund mit ganz viel Tape zu und klopfe ihr dann auf die Schulter, um ihr kopfschüttelnd mitzuteilen:
nein; nein, das tu ich nicht und das wirst du auch-mit hoher Wahrscheinlichkeit-nicht. Denn sobald du die heiligen Hallen des vorerst beeindruckenden Institutes voll Wissen und Weisheit betrittst, stellst du fest, dass plötzlich alles anders kommt, wie gedacht. Du hast nach einer Weile keine Ahnung mehr, was du willst.
Und so unglaublich es scheint: das ist völlig in Ordnung so.

Wenn ich vom Studium spreche, könnt ihr mir gerne glauben, dass ich in den vergangenen vier Jahren jede Runde bereits einmal abgelaufen bin. Die anfängliche Motivation, mal schlechtes-mal gutes Mensaessen, BAföG, Klausuren, Prüfungen, Auslandsjahr, AuslandsBAföG, Verzweiflung, Depressionen, Aufschwung, Hausarbeiten, Vorträge, Selbstfinanzierung und zum guten Schluss: das Trinken von Bier auf Wein.
Ich glaube mich dennoch keinen Guru des Lernens, noch kenne ich den Weg in die zauberhaft magische Welt des stetigen Zufriedenseins; weder mit sich selbst noch mit seinem Studium. 
Allerdings kann ich sagen, dass alles viel einfacher wird, sobald man aufhört auf das zu achten, was Eltern, Politiker sowie Kommilitonen für richtig halten; wenn man anfängt auf die eigenen Bedürfnisse zu hören.

Warum? Weil außer dir selbst jeder um dich herum seine eigenen Gründe hat deinen Weg in eine bestimmte Richtung zu lenken. Selten sind diese Gründe jedoch ganz und gar an dich und dein Wohlbefinden gekoppelt.
Jeder dort draußen hat seine Agenda, seine Ziele, die er oder sie durchboxen will. Wenn sich diese Ziele jedoch nicht mit deinen decken, sind ihre Vorschläge, Anweisungen oder Ideen gleich zu vergessen.

Ich hatte das Glück in einem sehr offenen, gesprächigen und verständnisreichen Haushalt aufzuwachsen. Als Älteste von drei Geschwistern sollte ich zwar gewissen Erwartungen recht werden, ohne mich jedoch unter großen Druck zu setzen. Meine Vorbildfunktion nahm ich früh und gerne wahr. Nach vier Jahren Grundschule folgte das Gymnasium, Abitur im ersten G8-Jahrgang.
Die Prüfungen kamen mir damals endlos qualvoll vor; die Freiheit im Rahmen eines selbstkonstruierten Studiums winkte aber mit so viel Versprechen, dass ich zähneknirschend einen guten Schnitt doch schaffte. Jetzt musste es ja vorbei sein mit dem Druck und dem Willen anderer. Oder?

V wie VERLOREN

Wir machen häufig den Alltag in einer Routine, dass er uns gar nicht mehr bewusst wird: 4 Jahre Grundschule, 8 Jahre Gymnasium, 3 Jahre Bachelor und vielleicht 2 Jahre Master, Job, Familie, Tod.
Das am Besten in diesem Takt und so schnell wie möglich. Denn der Staat braucht uns in der Arbeitswelt und er braucht auch unsere Kinder. Schließlich muss jemand auch einmal unsere Brötchen finanzieren, sobald wir als Opas und Omas in einem Heim darüber sinnieren, warum wir unzufrieden sind.

Das G8 war der erste Spaß, den sich die Länder nacheinander gönnten. Trotz des großen Aufruhrs, stand die Politik dazu und setzte auf das schnellere Ende des Schullebens, weil das aus wirtschaftlicher Sicht mehr Sinn machte; hier in einem Interview des Deutschlandfunkes aus dem Jahr 2014 sehr schön diskutiert.

Die deutschen Schulabgänger sind im internationalen Vergleich zu alt und die Deutschen arbeiten im internationalen Vergleich zu wenig, sie fangen zu spät an zu arbeiten. Diese Gründe gelten nach wie vor, und deswegen halten wir am G8 fest.

Diese Gründe sind also alle außerschulisch, nicht im Menschen zu suchen. Nicht in dir selbst zu finden.
Das Einzige, was der frühere Abgang mit den jungen Erwachsenen macht, ist, sie zu schnellen und eventuell unüberdachten Entscheidungen zu drängen.
Viele nehmen sich daraufhin ein Auslandsjahr, Fachwechsel werden wesentlich gängiger — schneller fertig, wird dadurch kaum jemand.
Was jedoch aus dieser Situation entsteht, ist das Gefühl des Verlorenseins im Studium. 
Wenn nach einem gewissen Reifeprozess, zwischen 18 und 20 die Studenten merken, dass ihre Interessen sich verlagert haben, dass sie ihr Studium doch nicht durchziehen wollen oder können, weil die Jobbörse ihnen mit dem jeweiligen Abschluss nicht den Traumberuf bietet.
Viele schließen daraufhin ihren Bachelor zähneknirschend ab und setzten einen Master drauf oder steigen in die Arbeitswelt ein, weil “sich das nunmal so gehört”.

Gegen dieses Denken möchte ich hier gerne plädieren. Nein. Du bist du, und was die Wirtschaft will, was dein Modulplan will, ist zweitrangig.
Es ist in Ordnung die Orientierung zu verlieren; es ist auch in Ordnung sich umzupolen und sich neue Ziele zu setzen.
Unser Glück ist es, in einer Gesellschaft zu leben, in der Individualität von den Mitmenschen geschätzt wird. Sie wird von der Wirtschaft zwar nicht gemocht und gefördert, allerdings müssen wir umso mehr dagegen paddeln um einen gesunden Auslgeich zu finden.

Sei ein wenig Robert Neville

Der Colonel aus dem Roman “Ich bin Legende” hatte keine andere Wahl als sich alleine durch ein infiziertes New York zu kämpfen. Er musste sich auf sich und seine eigenen Entscheidungen verlassen und nach seinem eigenen Wohl schauen.
Hol dir Hilfe, wenn du sie brauchst, verlasse dich jedoch stets auf dein Bauchgefühl. Was Anna, Lukas und Sebastian machen, ist irrelevant. Wenn du unglücklich mit deiner Studienrichtung bist, wechsel sie. Wenn du ein Urlaubssemester brauchst, um wieder auf die Beine zu kommen, nimm es dir!
Was deine Eltern von dir verlangen, sobald ihr telefoniert, ist nur in dem Maße zu beachten, wie du bereit bist darauf einzugehen. 
Jeder Langzeitstudent wird dir versichern, dass dieses Leben zwar kein Zuckerschlecken ist — die gelegentlichen Zweifel, Ängste und das ständige Umdrehen jeden Cents — es dir jedoch sehr viel bieten kann, wenn du es zu genießen weißt.

Ein Geheimtipp: Prüfungsämter, die Studienberatung sowie die Psychologische Betreuung können alle deine Freunde werden, sobald du dich mit deinen Wünschen, Ideen und Problemen an sie wendest.
Ob Auslandsjahr, Studienwechsel, Exmatrikulation sowie anstehende Prüfungen, sie werden dir zur Seite stehen, weil sie die gleichen Interessen verfolgen wie du: dich gesund und zufrieden durch dein Studium zu bringen.

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Brigitta Buzinszki geb. 93, seit 2012 Studentin der Internationalen Literaturwissenschaften sowie der Japanologie in Tübingen. Lehrerin, Besitzerin einer umfangreichen Teesammlung, Co-Mama einer Hündin und Autorin von zahlreichen Kurzgeschichten in diversen Anthologien.