«Vor der Digitalisierung waren Fotografen Magier»

Im Dialog: Die C3 Bildredaktion mit Branchenexperten Frank Küppers und Darius Ramazani.

Frank Küppers, Simone Gutberlet, Darius Ramazani; Credit : Jonas Friedrich

Jobs, Lizenzen oder Trends — die C3-Bildredaktion steht im ständigen Austausch mit externen Kollegen aus der Fotobranche. Das Wissen, die Erfahrungen und Ratschläge der Branchenprofis mit unterschiedlichsten Backgrounds, wollen wir im Rahmen einer neuen Interview-Reihe vorstellen.

Den Auftakt bilden die Foto-Experten Frank Küppers und Darius Ramazani. Im Gespräch mit der stellvertretenden Leiterin der C3 Bildredaktion vom Standort Berlin, Simone Gutberlet, tauschen Sie Erfahrungen aus, erklären warum sich Kunden mit Entscheidungen schwertun und wie die Digitalisierung die Branche verändert hat.

Frank Küppers: Der Inhaber der Agentur upfront — photo & film lebt und arbeitet in Hamburg und ist Vorstandsmitglied des Interessenverbandes der Repräsentanten für Fotografen und Illustratoren (RFI).

Darius Ramazani: Der freie Fotograf lebt und arbeitet in Berlin und ist Vorstandsmitglied des Berufsverbandes Freie Fotografen und Filmgestalter (BFF).


Darius Ramazani und Frank Küppers treffen gut gelaunt im fünften Stockwerk des Berliner C3 Büros ein. Beide kennen und schätzen sich, das ist nach der herzlichen Begrüßung sofort klar. Nachdem die ersten Kaffees eingeschenkt worden sind steht sie plötzlich im Raum, die erste Frage:

Welchen Anteil hat Fotografieren tatsächlich noch an der Arbeit eines freien Fotografen?

Ramazani: «Das ganze Drumherum beansprucht mittlerweile 80 Prozent. Die meiste Zeit geht bei Werbefotografen für die Vorbereitung und die Organisation des Shootings drauf. Es kommen natürlich die täglichen Aufgaben eines Fotografen dazu, wie zum Beispiel Akquise. Für unseren eigentlichen Job, Fotografieren, bleibt nur noch 20 Prozent unserer Zeit. Auch die Abrechnung frisst enorm viel Zeit. Jede Quittung muss kopiert werden, damit alles transparent bleibt.»

Küppers: «Ich würde mich freuen, wenn Fotoshootings wie Filmproduktionen pauschal abgerechnet werden könnten. Dadurch ersparen sich alle Beteiligten viel Zeit und der Fotograf hat wieder mehr Raum, sich fotografisch „auszutoben“.»

Ramazani: «Transparenz ist natürlich wichtig, aber wichtiger finde ich Vertrauen.»

Credit : Jonas Friedrich

Wie aufwendig ist zum Beispiel Akquise?

Ramazani: «Schwer zu sagen, denn die Formen der Akquise haben sich in den letzten Jahren sehr verändert. Zum Beispiel durch die Social-Media-Kanäle. Besonders junge Fotografen generieren ihre Aufträge zum Teil über Facebook und Instagram. Ich kenne einen jungen Kollegen, der erhält Aufträge durch seinen Instagram-Account mit 25 000 Followern. Da fliegt ihn ein Kunde schon mal für eine Jeans-Kampagne nach Australien ein.

Auf der anderen Seite bewerben sich Fotografen noch mit der klassischen Mappe — was mir persönlich gut gefällt, denn das gedruckte Foto ist unverfälscht und bleibt am aussagekräftigsten. Es zeigt die Kunst der Fotografie. Ich befürchte nur, dass die Bewerbung mit Mappen in Zukunft weniger wird. Die eigenen Internetauftritte zu pflegen und aktuell zu halten, wird dafür immer wichtiger.»


Credit : Jonas Friedrich

Macht das die Akquise einfacher?

Küppers: «Ja und nein. Wenn Fotografen Instagram & Co mit hohem Anspruch glaubwürdig bebildern, kann es eine große Chance sein, neue Kunden und Aufträge zu bekommen. Ich schätze aber am meisten den persönlichen Besuch mit hochwertig gedruckten Portfolios und ausgewählten Showreels. Ich bekomme eine unmittelbare Reaktion und erfahre häufig, was meine Ansprechpartner und Kunden bewegt. Diese Informationen sind für mich wichtig, um dann weitere Akquise-Tools gezielt zu steuern.»


Wie hat sich die Arbeit mit Kunden und Agenturen verändert?

Küppers: «Sehr enge Timings und der Wunsch, mit einem Shooting-Tag möglichst vielfältig einsetzbare Ergebnisse zu günstigen Preisen umzusetzen, haben den allgemeinen Arbeitsprozess der letzten Jahre stark verändert. Hinzu kommen das zeitaufwendige Prüfen von Verträgen oder Compliance-Richtlinien. Dinge also, die eher sekundär mit Fotografie zu tun haben. Zudem werden aus meiner Sicht junge Mitarbeiter auf Seiten von Kunden und Agenturen teilweise zu früh ins kalte Wasser geworfen.»

Ramazani: «Ich wünsche mir, dass wieder mehr über die kreative Arbeit diskutiert wird und weniger über die Kosten. Für mich steht ganz klar die Qualität der Bilder im Fokus. Dafür wäre es gut, wenn sich unser Business etwas entschleunigt.»


Beeinflussen Stockfotos Ihre Arbeit?

Credit : Jonas Friedrich

Ramazani: «Sie sind billiger als jede Produktion. Die Kunden sollten aber dabei beachten, dass sie keine Exklusivrechte auf Stockfotos haben und es kann vorkommen, dass sie die Fotos ihrer Kampagnen woanders wiederfinden. Eine kreative und einzigartige Lösung können Stockfotos daher nicht leisten.»

Küppers: «Durch die digitalen Möglichkeiten sind mehr Menschen in der Lage, zu fotografieren oder zum Beispiel auch Musik zu machen. Aber nicht jeder kann einen Hit schreiben.»


Ist alles nur noch eine Frage des Preises?

Küppers: «Mein Verständnis einer funktionierenden Wirtschaft ist, dass die Beteiligten durch den Verkauf ihrer Waren, Dienstleistungen oder besonderen Fähigkeiten ihren Profit erzielen sollten. Inzwischen beruht jedoch ein größer werdender Teil des Ertrages darauf, die Herstellungskosten extrem zu senken, da viele Märkte gesättigt sind.

Dieser Ansatz ergibt für mich nur sehr bedingt einen Sinn, betrifft momentan aber leider große Teile unseres Lebens. Wer sucht, findet immer eine günstigere Ware, eine günstigere Agentur oder einen günstigeren Fotografen. Als Konsument und Marktteilnehmer kann ich mich aber auch mal bewusst gegen diesen Weg entscheiden. Leider verliere ich dann einige Kunden. Meine Erfahrung zeigt jedoch, dass ich so auch neue hinzugewinne.»


Werden die Kunden schlecht beraten?

Küppers: «Pauschal kann ich diese Frage natürlich nicht beantworten, denn ich bekomme meist zu wenig Einblick in die alltägliche Beziehung zwischen Kunden und Agenturen. Wenn das gegenseitige Vertrauen und der Respekt jedoch nicht mehr gegeben sind, wird zu viel Energie auf Nebenkriegsschauplätze verwendet statt auf den Kampagnenerfolg. Das gilt aber für alle Beteiligten. Da wünsche ich mir manchmal mehr Mut der handelnden Parteien.»

Credit : Jonas Friedrich

Hat sich die Rolle des Fotografen also geändert?

Küppers: «Vor der Digitalisierung waren Fotografen Magier.»

Ramazani «Es ist ja super, dass wir heute die Möglichkeiten der Digitalfotografie haben, alleine schon, um vom Kunden ein Feedback am Set zu bekommen. Zugleich erhöht es die Erwartungshaltung an den Fotografen. Der Kunde würde am liebsten mit dem fertig retuschierten Bild in der Tasche vom Set gehen.»

Küppers: «Neben technischem Wissen, guter Organisation und einem Händchen für Kundenbindung wird für professionelle Fotografen meines Erachtens ihr Selbstvertrauen immer wichtiger. Das Wissen, um die eigenen Qualitäten und der daraus resultierende Mut, nicht jeden Job anzunehmen, weil man weiß, dass der nächste kommt.»

Ramazani «Meiner Meinung nach ist Zuverlässigkeit am wichtigsten, damit der Fotograf eine Stütze für den Kunden ist. Und der Vertrauensaufbau mit Kunden und Agenturen ist essenziell, denn die besten Arbeiten entstehen, wenn man sich vertraut.»

Küppers: «Das Spannungsfeld aus Marktforschung, internationaler Markenführung und dem Bedienen verschiedenster Formate erschwert oft den kreativen Ansatz einer Kampagne. Da wird der Fotograf zunehmend als reiner Dienstleister wahrgenommen, obwohl er auch künstlerisch beraten könnte. Nur wird sein Input mittlerweile viel zu selten abgefragt.»


Abschließend noch das Thema Nutzungsrechte, das wahrscheinlich jeden in der Branche beschäftigt…

Küppers: «Definitiv! Aufgrund des großen Konkurrenzkampfes innerhalb unserer Branche und des Kostendrucks des Marktes gerät eine Wahrheit zunehmend in Vergessenheit: Das Nutzungsrecht ist ein existenzieller Teil der Fotografenvergütung.»

Ramazani «Irgendwann tauchten Buy-Out-Verträge auf und die Fotografen sollten alle Nutzungsrechte für immer einräumen. Die Kunden können seitdem mit den Fotos machen, was sie wollen, ohne den Fotografen für die weitere Nutzung zu honorieren.»

Küppers: «Aus meiner Sicht ist es wünschenswert, dass Kunden, Agenturen, Fotografen und Agenten eine grundsätzliche Nutzungsrechtebasis erarbeiten. Diese könnte sich zum Beispiel am eingesetzten Mediabudget orientieren. Dafür müssten dann aber die meist nicht öffentlich gemachten Mediabudgets preisgegeben werden.»


Fotograf aller Beitragsbilder: Jonas Friedrich

Vielen Dank noch einmal an Frank Küppers und Darius Ramazani, die sich die Zeit genommen haben ihre Erfahrungen und Eindrücke mit uns zu teilen.

Was sind eure Erfahrungen und Meinungen zu diesen Themen?