Ich liebe Umzüge

Während meiner Kindheit bin ich häufig umgezogen. Insgesamt sechs Mal bevor wir in das Haus gezogen sind, in dem meine Eltern immer noch leben. Danach habe ich vier weitere Umzüge in acht Jahren mit meinem Mann zusammen gemacht. Viele Menschen mögen Umzüge nicht, doch ich liebe sie. Es ist anstrengend und doch liegt Aufbruchstimmung in der Luft. Ich liebe die neue Erfahrung, eine neue Umgebung zu erkunden, neue Laufwege auszutreten und insbesondere: ausräumen.
 Schon früh manifestierte sich hier wohl mein grundsätzliches Verlangen nach minimalistischer Einrichtung. Eine echte Minimalistin bei der sich eine Wohnung schnell mal kalt und leer anfühlen kann, werde ich wohl nie. Dafür mag ich Kuschelkomfort und Stauraum für überzählige Decken zu sehr (Man kann nie genug Decken haben, ist mein Motto!). Doch es hat mich jeden Umzug von Neuem überrascht, wie viel alte Sachen wir mit uns rumschleppen, die ich nur kurz vor einem weiteren Umzug zu Gesicht bekomme. All das Zeug — altes Papier, Spielzeuge, kaputte oder zerbrochene Dinge, Schnipsel für später, im Schrank rumliegende Urlaubsmitbringsel — all das hole ich eins nach dem anderen aus unseren Schränken und Kommoden und denke die ganze Zeit: “Das hast du noch? Wow. Das war doch als wir dies und das gemacht haben.” Und dann kommt dieses unvermeidliche Gefühl von Belastung. Mein Kopf sagt mir, ich brauche das nicht. Ich habe sogar vergessen, dass ich es besaß. Was soll ich damit? Wieder in den nächsten Schrank legen? Doch, obwohl es nur allzu logisch ist, sich von diesem Stück zu trennen — es wegzuschmeissen oder jemandem zu schenken — baut sich in mir ein Widerwille auf, es loszuwerden: “Du könntest es doch noch gebrauchen. Du kannst es in einem DIY verarbeiten / dorthin stellen / aufbewahren.”

Ausräumen und Einräumen

Oftmals habe ich so viele Dinge immer wieder mitgenommen. Aber von einigen Dingen konnte ich mich trennen. Jede Kiste Kram, den ich in die nächste Wohnung trug, frustrierte mich jedoch mehr. Nicht nur musste ich das Zeug einpacken, ich musste es auch noch in die neue Wohnung bringen und dann wieder auspacken. Und dann vergaß ich es wieder bis ich es zum nächsten Umzug wieder aus dem Schrank holte.
 Glücklicherweise kann ich behaupten, dass ich mich mittlerweile gut von den meisten Dingen trennen kann. Die Umzüge haben da sicherlich geholfen. Und mit jedem überflüssigen Stück, dass ich aus meiner Wohnung und meinem Leben entfernte, hebte sich die Last von meinen Schultern und ließ mich freier Atmen. Auch hatte ich häufig das Gefühl, ich wäre kein besonders reinlicher Mensch, was meine Wohnung anbelangt. Denn schliesslich stapelten sich in dieser Ecke Kinkerlitzchen, in der nächsten Ecke lagen die Bücher quer übereinander und mein Schrank quoll auch über vor Sachen, die ich nicht mal mehr angezogen habe. Was mich dabei am meisten wurmte, war aber wohl, dass ich mich nicht unreinlich fühlte. Wenn ich aufräumte, dann räumte ich alles fein säuberlich in die Schränke. Doch es war alles zu viel. Nirgends war Platz mal neuen Kram abzustellen.
 Um nicht immer nur kurz vor einem Umzug auszumisten, was, wenn man ehrlich ist, nur zusätzlichen Stress schafft und man eh nicht genug Zeit hat, began ich mir Zimmer für Zimmer, Schrank für Schrank vorzunehmen und in Momenten hoher Motivation Sachen auszusortieren und wegzuschmeissen. Denn ganz ehrlich: Den Rock, den ich seit über einem Jahr nicht mehr anhatte, werde ich eh nicht mehr tragen. Und die Aufzeichnungen des bestandenen Kurses vor drei Semestern brauche ich auch nicht wirklich. Sich kleinere Bereiche vorzunehmen, hat meiner Motivation und meiner Entschlussfreudigkeit, Sachen loszuwerden, außerordentlich gut getan. Das kann ich jedem nur empfehlen, der noch am Anfang steht und sich mehr Platz und weniger Ballast wünscht.

Weniger Platz resultiert in weniger Kram

Eines der nächsten Dinge, die ich mir für ein aufgeräumteres Heim vornahm, waren unsere Möbel. Überquellende Schränke, volle Schubladen, Ablagen, die nur als Stauraum dienen — das sollte weg. Also betrachtete ich Möbelstück für Möbelstück und entschied, welche ich wirklich brauchte und welche nur Zeug enthielten, dass ich nicht wirklich brauchte. Eine Kommode unter dem Fernseher ist natürlich super. Ein paar Decken ganz unten rein, Arznei und Kerzen oben, in die Mitte irgendein Zeug und vielleicht noch ein paar Filme. Oben drauf noch etwas Deko und man hat viele Dinge vor neugierigen Gästeaugen versteckt, die zudem noch unattraktiv aussehen. Alles super. Doch wirklich nötig? Nein. Gut, die Kommode gehörte ursprünglich ins Schlafzimmer. Da wir uns verkleinert hatten und kein Sideboard oder ähnliches besaßen, kam die Kommode unter dem Fernseher nur Recht. Doch sollte sie trotzdem nicht unnütze Dinge lagern. Für die Zukunft, die mitterweile auch eingetreten ist, habe ich mir eine TV-Bank vorgestellt, in die nur noch Konsole, Festplatten, Filme und Fernbedienungen reinsollten. Und in diesem Sinne wird aufgeräumt. Wer wie ich nicht das große Budget hat, seine gesamte Wohnung auf einen Schlag neu einzurichten, kann sich immer noch an folgendes halten:

Erst ausräumen, dann einen Plan machen und dann nach und nach den Plan umsetzen. Und in der Zwischenzeit noch etwas ausräumen.

Denn das ist auch etwas, was ich bemerkt habe: Von umso mehr Sachen ich mich trenne, umso weniger Dinge brauche und will ich. Mit jedem Teil also das man ersatzlos los wird, ist es einfacher sich vom nächsten zu trennen. Ein wunderbarer Kreislauf, der wenn man drüber nachdenkt, vorher auch gut in die umgekehrte Richtung funktioniert hat.
 Auch wenn ich nun schon weit gekommen bin, so bin ich noch lange nicht am Ende meiner Ausräumaktion angelangt. Vielleicht werde ich das nie. Denn es wird immer Dinge geben, die ich mit Erinnerungen verbinde oder von denen ich mich nicht trennen will. Doch es werden weniger sein. Und dadurch werden die Dinge, von denen ich beschliesse mich nicht zu trennen, umso wertvoller für mich sein.


Originally published at Caroline Rausch.