Ich habe auf dem Flug nach Toulouse eine Kurzgeschichte geschrieben. PS.: alle Personen frei erfunden.

Warm schießt mein Blut in die Nase. Die Diskussion scheint beendet. Der Schmerz pulsiert, während ich merke, wie mein Adrenalinspiegel ansteigt. Mein Diskussionspartner verabschiedet sich laut schreiend. Er hasst seine Hände. Gestikulierend schmeißt er sie immer wieder von sich. Dann geht er.

Mein Körper hält es für den richtigen Moment zusammen zu sacken. Der matschige Schotterweg ist mein Bett. Regen prasselt auf mich und vermengt sich mit meinem Blut. Die Pfütze vor mir wird rötlich. Ich lächle.

Zwei Stunden vorher stand ich am Buffet und naschte vom Käse. Ich war ungelenk dabei, denn ich trage selten Anzug. Auf einer Hochzeit gilt dieser Dress aber als angebracht. Zur Belohnung gibt es das Buffet. Buffets sind eine schöne Erfindung. Alles kann, nix muss und ich entscheide, wie abstrakt mein Teller gefüllt ist.

Am Buffet gibt es auch andere Menschen, die dort ihre kulinarischen Interessen befriedigen. Und es gibt Henning. Henning hat keinen Hunger, Henning sucht Unterhaltung. Es geht ihm weniger um einen Dialog. Nein, Henning will sich mitteilen — sich und seinen Hass auf alles Fremde. Henning weiß, dass wir — er zählt mich noch dazu — untergehen und von Invasoren überrannt werden.

Ich bin lang genug im Internet gewesen, um seine Argumente mitsprechen zu können. Es gibt auch Desserts auf dem Buffet. Ich liebe Tiramisu. Ob Henning Tiramisu auch so liebt? Ist Italien schon zu fremd? Ich will es herausfinden und schaue ihm lächelnd in die Augen. Ich zische ein leises “Allahu Akbar” und während Henning noch “Was?” fragt, flatscht ihm die gesamte Schale der mediterranen Süßspeise ins Gesicht. Jetzt ist er ein wahrhaft weißer Mann und irgendwie leckerer als vorher. Ich gehe.

Beim Gehen drängt sich mir mein Chef auf. Er ist zeitgleich auch Gastgeber, denn seine Tochter feiert ihre Hochzeit. Sie hat mit Henning einen strammdeutschen Gatten ausgesucht. Mein Chef stellt viele Fragen und er stellt sie sehr laut. Wahrscheinlich reagiere ich nicht angemessen genug, weswegen er mich wieder und wieder schubst — dem Ausgang entgegen. Auf eine seiner vielen Fragen, die ‘was sollte das?’ enthalten, erwidere ich “dein Schwiegersohn ist ein bekackter Rassist.”
Wie egal ihm das sei und dass er Henning sehr mag und dieser viel mehr leistet als ich beendet mein Chef mit Schweigen.

So stehen wir draußen im Regen. Die Gesellschaft im festlich beleuchteten Haus leckt derweil sicher gerade das Tiramisu von ihrem fleißigen Nazi. Wir sind schon sehr nass, als mein Chef mich fragt “Ist noch was?”. Ich halte es für eine passende Gelegenheit, um um ein Wegbier zu bitten. Diese Bitte erfüllt sich leider nicht, aber seine Faust trifft auf meine Nase.

Und so liege ich da und denke fröhlich: “Der Job war eh Scheisse.”

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