10 Irrtümer aus 20 Jahren Webpublishing

Da ich schon länger in das Internet hineinschreibe, dachte ich, trage ich doch mal zusammen, was ich in den letzten 20 Jahren alles lernen konnte. Es gäbe noch mehr zu erzählen. Diese 10 Punkte sind mir zuerst eingefallen.

Viele Dinge sind oft gar nicht so entscheidend und wichtig, wie man denkt. Man kann sich Zeit und Mühe sparen, wenn man das berücksichtigt. Auch und gerade wenn es den Erwartungen widerspricht.

1. Das Design ist nicht entscheidend

Wenn du ein Blog gründest, steht die Frage nach dem Design am Anfang. Was gefällt mir? Was brauche ich? Was könnte bei meiner Zielgruppe ankommen? Passt es in die Nische? Und so weiter …

Wenn du eine so große Auswahl hast, wie bei WordPress, dann fällt die Wahl enorm schwer. Es lohnt nicht Tage oder Woche damit zu verbringen und alle denkbaren Fälle durchzuspielen. Am Ende bleibt nur die Unsicherheit und du weißt gar nicht mehr, was du nehmen sollst.

Sei schlau und schlage beim ersten Theme zu, das zu passen scheint. Änderungen in den Details kannst du später nachholen. Die benötigten Eigenschaften müssen vorhanden sein. Mehr aber auch nicht. Suche nicht nach dem perfekten Match.

Statt dem besten Theme hinterherzujagen, such dir den besten Hoster.

Das Smashing Magazine haben wir 2006 mit einem gratis Theme gestartet. Das genügte. Das hat keinen gestört. Ich vermute, da hat auch niemand genau hingesehen. Denn auf die Inhalte kam es an. Die zündeten. Später mit einem Millionenpublikum haben wir uns das Design anfertigen lassen. Da sollte dann alles passen. Am Anfang aber hat das niemand gebraucht. Einem erfolgreichen Start stand es nicht im Weg.

Eine großartige Gestaltung hätte möglicherweise sogar abgelenkt oder Schwierigkeiten gemacht. Die Arbeit, die wir dort hineingesteckt hätten, hätte dem Content gefehlt. Sie wäre an der entscheidenden Stelle nicht vorhanden gewesen und das noch junge Projekt wäre gescheitert.

Und wo wir schon dabei sind … Statt dem besten Theme hinterherzujagen, such dir den besten Hoster. Das spart dir ebenfalls Stress und Kopfzerbrechen. Am Anfang sollte man sich um Inhalte und die Strategie kümmern. Nicht darum, ob das Wasser in der Küche läuft.

2. Gute Schreibe garantiert keinen Erfolg

Je besser das Handwerk beherrscht wird, desto exquisiter fallen auch die Ergebnisse aus. Das mag zwar stimmen, aber nicht jeder goutiert Sternenküche. Tatsächlich schätzt sie nur ein Bruchteil der essenden Menschen. Mit Texten ist das nicht anders. Wenn man für die Lektüre deines neuesten Postings ein Studium der Onomastik braucht, dann wirst du nur wenige Leser bekommen — egal wie viel Mühe du investierst.

Der Schriftsteller Ken Follett sagte einmal, wenn ein Leser einen Satz zweimal lesen müsse, um ihn zu verstehen, dann habe er als Autor versagt. Also sieh die Sache praktisch. Je weniger Kommata du brauchst, desto weniger Fehler hast du später im Text. Sieh zu, dass du einfache Sätze produzierst.

Auf originelle Weise schreiben zu wollen, hebt einen zwar ab, kann aber auch spinnert wirken oder Probleme mit dem Textverständnis erzeugen. Beim Bloggen helfen einfache, klare Sätze. Alles eine Sache des Trainings und der richtigen Ideen.

Statt zu versuchen handwerklich und schreibtechnisch möglichst gut dazustehen, sollte es das Ziel sein verstanden zu werden. Es sei denn der Text ist Selbstzweck. Oder du betreibst ein Sprach- oder Literaturblog.

3. Tools erledigen keine Arbeit

Probleme löst nur du selbst. Wege dahin gibt es meist mehr als genug. Doch folgt man nur allzu gern Verheißungen und lässt sich von lockenden Landingpages bezirzen. Daran ist die Softwarebranche nicht arm. Was einleuchtend klingt, fällt hinterher in der Praxis dürftig aus oder verursacht neue Probleme. Tools werden überschätzt.

Es gibt kaum Sofortlösungen. Vielmehr muss man sich die Wege selbst ebnen. Das geht dann allerdings auch ohne Tools. Damit meine ich nicht eine Grundausstattung an Software, die jeder auf dem Rechner hat. Also Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Browser, Editor. Ich meine Speziallösungen, Apps und Expertenprogramme.

Anstatt die Arbeit anzugehen, wird die Zeit in die Suche nach einer schlauen Lösung investiert. Ist man dann endlich fündig geworden, vertut man Energien für die Einarbeitung. Fortan bestimmt das Tool die Regeln. Man ärgert sich über Unzulänglichkeiten und Updates und zahlt auch noch dafür.

Ich will dir deine Werkzeuge nicht ausreden. Mach ruhig. Ich möchte nur davor warnen. Kein Tool ist eine Wunderlampe. Die Arbeit machst du immer noch selbst. Egal, welche Werkzeuge dir zur Verfügung stehen.

4. Perfektion ist unerreichbar

Je länger du an einer Sache feilst, desto wahrscheinlicher ist es, dass du sie ruinierst. Lange rummachen am Text bringt meistens nichts. Heißt nicht, dass du gleich den ersten Entwurf rausknallen sollst. Davon rate ich dir zum Wohle deiner Gesundheit ab. Wenige haben das Selbstvertrauen einen geschwind dahingeschriebenen Text, nach einem Korrekturdurchlauf sofort erscheinen zu lassen. Darf man aber. Das wäre ursprüngliches und mutiges Bloggen.

Heute sind wir ein ganzes Stück mehr verkopft und verplant und von Dämonen getrieben. Der Flow fehlt. Wie sich das anfühlen kann, habe ich schon einmal beschrieben in Wenn Blogger sich nicht trauen — Die Angst vor der Veröffentlichung.

Auch Unfertiges kann OK sein. Ja, das ist oft in einem Blog sogar gut. Denn perfekte Beiträge kommentiert niemand, zumindest ist die Wahrscheinlichkeit deutlich geringer. Perfektion könnte als Arroganz ausgelegt werden.

Du kennst meine Vorliebe für griffige Formulierungen. Hier ist wieder eine: Was man zwanghaft verbessern will, das wird zwangsläufig schlechter. Also versuche locker zu bleiben.

Perfektion anzustreben muss nichts Schlechtes sein. Es gibt da diesen Ehrgeiz besser zu werden. Das kann einen antreiben. Dem nachzugeben lohnt sich. Sollte aber nicht obsessiv werden. Oder dabei verkrampfen.

5. Gelegenheiten warten nicht auf dich

Warte nicht, bis sich eine Gelegenheit ergibt, denn dann kommt sie nie. Dann ist die Enttäuschung groß und das Leben vorbei. So eine blöde Sache aber auch! Stattdessen einfach loslegen und entspannt beginnen. So erhöhst du die Wahrscheinlichkeit, überhaupt auf Gelegenheiten zu treffen. Außerdem bist du fitter und in der Lage die Gelegenheit auch zu ergreifen, sollte sie dir plötzlich gegenüberstehen.

Also, wenn du noch nicht weißt, worüber du eines Tages bloggen willst oder noch keine Ahnung von deinem zukünftigen Geschäft hast. Dann mache eines nicht, nämlich abwarten, Teetrinken, Eierschaukeln, Pläne schmieden und dieselben immer wieder verwerfen …

Wege findet man, indem man vor die Tür geht und losmarschiert. Google Maps reicht für praktische Erfahrungen nicht aus.

Der Witz ist, dass sich Dinge ergeben, indem man etwas tut. So lernst du auch Leute kennen, die dich dann in eine neue Richtung lenken. Oder du merkst, das du dies und das vielleicht doch noch nicht so gut kannst, wie du gedacht hattest — oder dass die Ahnung nicht so weit reicht, wie gedacht. Kann passieren. Macht nichts.

6. Mehrere Projekte zur gleichen Zeit machen einen langsamer

Da der Mensch über fast alle wichtigen Dinge doppelt verfügt, liegt die Versuchung nahe, zwei Dinge gleichzeitig tun zu wollen. Enten können auch gleichzeitig schlafen und wach sein. Nützlich in der Wildnis. Obwohl auch wir Menschen zwei Hirnhälften haben, können wir das nicht. Außer man ist Schüler. Natürlich kann man mehrere Dinge gleichzeitig machen, das ist Multitasking; effektiv ist es deshalb aber noch lange nicht.

Halse dir nicht gleichzeitig zwei Projekte, Unternehmen oder Blogs auf. Die Wahrscheinlichkeit, dass es dann zu nichts kommt, steigt mit jedem weiteren Projekt. Heb dir etwas für später auf, wenn eine Sache ins Rollen gekommen ist und du überschüssige Kräfte loswerden musst und du über die nötigen Ressourcen verfügst.

Als ich mich 1997 als Webdesigner selbständig machte, gab ich notgedrungen meine private Website auf, in die schon ein paar Jahre Arbeit geflossen waren. Das war die Seite, die mir das Know-how ermöglicht hatte, mit dem ich mich selbständig hatte machen können. Ich habe sie aus dem Netz gelöscht. Das hat mir hinterher öfter mal leidgetan. Wer weiß, was daraus geworden wäre, hätte ich bis heute damit weiter gemacht. Hätte … Hätte …

Möglicherweise gäbe es heute weder das eine noch das andere und ich müsste meine Tage in einem mittelmäßigen Betrieb als Angestellter fristen. Weil ich es mit einer Doppelbelastung nicht geschafft hätte. Die Altlast hätte mich immer wieder abgelenkt. Diesen Wert hatte das Hobbyprojekt nicht. Der Start in die Selbständigkeit war nicht einfach, alle Körner wurden gebraucht. Und ich meine wirklich alle. Opfer müssen gebracht werden. Ich war froh drüber, dass ich das kapiert hatte.

Mach nicht den Fehler und verzettelte dich in mehrere Sites und Blogs und Projekte, solange du es erst noch schaffen willst. Hebe dir das für später auf.

7. Nicht jeder Beitrag bekommt, was er verdient

Früher dachte ich, Qualität würde sich immer durchsetzen. Was gut ist, würde auch als gut erkannt. Auch wenn es vielleicht dauern könnte. Stimmt aber leider nicht.

Das beste Posting erhält nicht immer den Platz an der Sonne oder die meiste Aufmerksamkeit oder einen Sack voll Klicks. Wenn Konkurrenz & Kollegen besser im Geschäft sind, berühmter sind als du, dann ist es — selbst mit einem um Langen besseren Posting — schwer bis unmöglich, sich durchzusetzen.

Google liebt alten Content. Auch das ist ungerecht aus der Perspektive neuer Beiträge. Social Media ist auch nicht besser. Zeitpunkt und Wortwahl können den Unterschied zwischen Reinfall und viralem Renner ausmachen. Damit müssen wir klarkommen.

Deshalb passiert es, dass einige der schönsten Stücke im Bauch des Blogs versauern. Dort wo nur selten Licht hinfällt. Niemand kümmert sich. Niemand kommt nachsehen. Das ist so. Es kann auch Büchern passieren. Die publizistische Welt ist ungerechnet.

Zum Ausgleich schafft es eine weniger gelungene Arbeit dann aber auch mal an die Spitze. Wird gelobt und verlinkt und gelesen. So ist sie, die Bloggerwelt. Manchmal muss man nur laut sein.

8. Domainnamen werden überschätzt

Einer der bekanntesten Privatblogger in Deutschland ist Carsten Knobloch, genannt Cashy, seine Domain stadt-bremerhaven.de hat nichts mit seinen Themen zu tun. Das hat ihn aber nie davon abgehalten, Erfolg zu haben. Das gilt auch für alle möglichen Spaß und Fun Domainnames auf die man heute so stößt. Es gibt massenhafte neue Endungen, so viele, dass man die meisten davon gar nicht kennt, oder nicht mal für möglich halten würde. Bastele dir daraus etwas zusammen und gut ist.

Auf die Konkurrenz solltest du bei der Namenswahl ein Auge haben. Es wäre peinlich, ein neues Blog ähnlich wie den Platzhirsch zu benennen. Ebenso ungünstig wäre es, müsste man den Domainnamen später wechseln. Komplett danebenliegen solltest du also nicht. Wer geschäftlich unterwegs ist, hat zudem rechtliche Fallstricke zu beachten.

9. Du bleibst nicht, wie du bist

Wir alle verändern uns. Was heute groß und wichtig erscheint, das hatten wir früher nicht einmal auf dem Radar. Und umgekehrt. Für die Projekte oder das Blog heißt das: Auch die verändern sich. Interessen verschieben sich, Trends kommen und gehen, manches davon musst du vielleicht berücksichtigen, um am Ball zu bleiben. Weil dein Publikum das erwartet; erst recht, wenn mit dem Blog Geld verdient wird.

Wie man die Reise beginnt, kommt man nicht an. Gib dir Raum für deine Veränderung. Laß das auch zu. Enge kann tödlich sein.

10. Nicht erst auf die richtige Stimmung warten beim Bloggen und Schreiben

Vieles bleibt ungeschrieben. Und zwar, weil du zu selten schreibst! Warte nicht darauf, dass du in die richtige Stimmung kommst oder bis du dich in grandioser Schreibform wähnst. Blogge einfach immer, wenn du Zeit erübrigen kannst. Denke häufig an deine Themen und halte Ideen sofort fest.

Schreiben ist weder edel noch bedarf es spezieller Voraussetzungen dazu — abgesehen von den Ritualen, die dir helfen, dich zu konzentrieren. Schreibrituale sind wie Einschlafrituale. Hat man sich erst daran gewöhnt, braucht man sie. Also mach einfach!

Wenn ich jetzt schreibe, wird es eh nichts. Ich bin nicht richtig drauf. Falsch! Du kannst das nie wissen. Dem Schreiben ist das völlig egal. Solange du nicht krank bist oder etwas noch Wichtigeres tun musst, zählen Ausreden nicht. Das bedeutet nicht, dass du dir keinen Schreiburlaub nehmen darfst. Oder keine Lust haben darfst. Deine Sache. Musst du entscheiden.

Hätte ich das früher gewusst, hätte ich mehr schreiben können. Jede Menge mehr wahrscheinlich. Was immer dabei herausgekommen wäre, das ausdauernde Training hätte schneller zu Erfolgen geführt. Stattdessen habe ich mich selbst ausgebremst, weil ich die Sache immer als etwas Kostbares angesehen hatte. Doch das Schreiben selbst ist nicht kostbar. Die Ergebnisse sind es!


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