Wie dir das kleinste Zimmer die größten Möglichkeiten bieten kann

Oder, wenn aus weniger mal wieder mehr wird.

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Man sagt ja immer, Freiheit bedeutet Raum, Luft, Platz und Größe. Ich spreche von dieser Art von Freiheit, in der du dich frei in einem bestimmten Raum bewegen kannst.

Cowboys denken bei Freiheit an das Reiten durch die endlose, trockene Wildnis.

Lastkraftwagenfahrer denken an ihre geliebte, niemals endende Straße.

Der Astronaut denkt an das All und die unheimlich vielen Kilometer, die zwischen den einzelnen Planeten liegen.

Der Jugendliche denkt an den Führerschein, mit dem er dann endlich Zugang zur offenen Welt hat.

Der klischeehafte Mensch denkt an ein möglichst großes Haus mit großem Garten, vielen Zimmern und am besten noch vielen weiteren Extras obendrauf.

Warum? Vielleicht wegen dem Gefühl der Freiheit. Vielleicht wegen dem Drang, die endlose Weite erfassen zu können. Vielleicht auch einfach, weil es sich in einem größeren Raum viel leichter leben lässt. Klar, schließlich gibt es dann mehr Platz für Möbel, Technik, Bücherregale, Schränke, Betten, große Badewannen, die Küche und dann auch endlich für die Extras, wie einem Whirlpool, einem Wintergarten oder dem Billardtisch.

Menschen verbinden mehr Platz und mehr Freiraum automatisch mit mehr Freiheit (und vielleicht auch Glücklichkeit).

Doch stimmt dies auch mit der tatsächlichen Realität überein?


9:00 Uhr. Sonntag. Sommer. Sonne.

Meine Augen öffnen sich. Ich erkenne mich im Bett liegen und habe nun zwei Möglichkeiten: Eine Weile im Zimmer bleiben, oder Frühstück zu mir nehmen.

Sollte ich mich für’s Essen entscheiden, so trete ich aus meinem Zimmer hinaus in andere Teile meines Hauses, die mein Gehirn mit anderen Bildern verknüpft:

  • Küche = Essen
  • Wohnzimmer = Fernsehen, Familie
  • Badezimmer = Zähneputzen, Wasser
  • Esszimmer = Essen
  • Musikzimmer = Geige, Klavier
  • Garten = Lesen, Entspannen

Wenn ich durch das Haus laufe, trete ich durch verschiedene Welten, bin abgelenkt und komme auf Ideen und Versuchungen, die mir dort unten begegnen. Vielleicht sehe ich den Fernseher und komme auf die eigentlich nicht geplante Idee, eventuell nach etwas Interessantem zu suchen? Nachrichten? Dokumentationen? Shows? In einer Fremdsprache?

Gehen wir zu dem Zeitpunkt zurück, an dem ich in meinem Bett liege und wieder dieser Entscheidung bevorstehe: Im engen, kleinen Zimmer bleiben oder runter gehen?

In meinem Zimmer habe ich zwei Schreibtische. Einen digitalen und einen analogen. Einer für Computer(arbeit), der andere für den Stift und das Papier. Außer dem Bett gibt es dann noch einen Kleiderschrank und zwei Fenster.

Das war’s.

Das schöne daran:

Dieser enge Raum kann mir nichts anderes bieten, als das Arbeiten an diesen Schreibtischen, oder das Schlafen.

Für alles weitere gibt es keinen Platz. Nur noch für ein paar Bücher und Dokumente, die im Kleiderschrank und in den Schreibtischen Abstellraum finden.

Sobald ich mich in diesem Raum also befinde, denkt mein Gehirn an Folgendes:

  • Produktivität
  • Kreativität
  • Bücher
  • Musik
  • Internet

Ich bin ganz von den Dingen umgeben, die ich liebe.

Und zwar nur von ihnen.

Was ich Dir damit erklären will?


Denke niemals, in einem großen Raum hättest du mehr Möglichkeiten, dich kreativ auszutoben und produktiver, zügiger sowie motivierter in aller Art von Arbeit zu sein, nur weil du dann „mehr Freiheit hast“.

Mein Zimmer ist für mich das reine Paradies, in dem sich so viele Möglichkeiten offenbaren. Ich bin dort stundenlang. Mindestens 80 Prozent meines Lebens.

Ich genieße das Gefangensein.

Schließ die Tür, setz dich hin, schalte die Musik auf dem Handy ein und trenne dich von der Welt um dich herum. Du lebst nun nämlich in direkter Reichweite alle dem, was du liebst: Den Nebenprojekten, den Hobbys, dem Internet, dem Computer und den Büchern.

Und die Bilder, Vorstellungen und Emotionen, in denen du jetzt schwebst — Sei es, weil du zockst, malst, schreibst, programmierst, der Musik zuhörst oder an die Liebsten denkst: Sie gehören ganz dir.

Das ist Freiheit. Grenzenlose Freiheit.

Natürlich kann man so auch in großen Räumen leben. Aber, wenn man so wie ich eingestellt ist, braucht man einzig einen Schrank, ein Bett und zwei Schreibtische. (Platzeinnehmde Bücher kaufe ich meist digital).

Das alles passt in fast jedes Zimmer hinein.

Du kannst dich dort vergessen, denkst an nichts anderes und kommst in keine Versuchungen, die dich stören könnten.

Du brauchst kein großes Geld und keine große Miete für möglichst großen Raum auszugeben: Spare es lieber für Bücher.

Denn bei Büchern vergisst du dich in einer riesigen Welt voller Charaktere — und sitzt dabei auf einem Stuhl, dessen Raumbedarf winzig ist.

Lebe in deiner eigenen, riesigen Welt.

Und du wirst kaum merken, wie klein der Raum um dich herum ist.