Von Tieren, Menschen und Verantwortung I — Hintergründe zu Zoos und Artenschutz

Ich glaube, dass es hier noch nicht so deutlich zur Sprache gekommen ist, aber ich verdiene mir aktuell noch meine Brötchen damit, Menschen durch einen Zoo in der Umgebung zu begleiten, denen ich dann allerlei Wissenswertes über diese oder jene Art erzähle. Das mache ich seit sieben Jahren. Dass ich es „noch“ mache, hat damit zu tun, dass es im Grunde nur mein Nebenjob ist, mit dem ich mich parallel zum Studium über Wasser gehalten habe, das bald beendet sein wird. (Das Studium. Nicht das Wasser. Ist Wasser endlich?) Ich hatte vorher nie etwas mit Zoos zu tun und habe mir dementsprechend wenige Gedanken darüber gemacht. Mittlerweile ist das ein bisschen anders, weshalb ich bei jeder Führung versuche, den Aspekt Artenschutz etwas näher zu beleuchten; mit allen Licht- und Schattenseiten, die damit verbunden sind.

Denn angenommen, die Bestandszahlen einer Tierart sind derart niedrig, dass sich die Tiere aus eigener Kraft nicht mehr in der Wildbahn halten können, müssen Orte geschaffen werden, die sicher sind und wo ein überlebensfähiger Restbestand gesichert wird. Solche Orte sind Zoos. Bestimmt nicht alle. Dazu später noch etwas mehr.
 Ich habe volles Verständnis für jene, die fordern, dass sämtliche Tiere in Freiheit und dort in Ruhe leben sollen. Dabei wird allerdings ausgeblendet, dass es einen ganz bestimmten Grund gibt, warum so viele Tierarten selten geworden sind. Gab es 1965 noch rund 7.000.000 Elefanten in Afrika, ist der Bestand heute auf ca. 500.000 Tiere (edit: 350.000, Stand 2016) zusammengeschrumpft. Der Afrikanische Löwe bringt es heute auf rund 30.000 Exemplare bei einem geschätzten Rückgang von etwa 40% allein in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Als im Sommer 2015 das Löwenmännchen Cecil in Simbabwe von einem amerikanischen Arzt erschossen wurde, wurden diese Zahlen übrigens in keinem Bericht über den Vorfall erwähnt. Es wurde thematisiert, dass dieses eine Tier getötet wurde, nicht aber, wie die Gesamtsituation der Löwen aussieht. 30.000 Tiere ist extrem wenig. Allein Meschede hat soviele Einwohner und ist damit gerade eben eine sogenannte Mittelstadt. Irgendeine Stadt in Deutschland hat also so viele Einwohner wie es Löwen in ihrem gesamten natürlichen Verbreitungsgebiet gibt.

Nun zeichnen sich Tiergehege vor allem dadurch aus, kleiner als das natürliche Habitat einer Tierart zu sein. Das ist häufig schon ein für Zoogegner entscheidender Gradmesser der Qualität einer Anlage für Tiere. Groß ist immer gut, klein ist immer schlecht. Dass kein Mensch weiß, ob ein Löwe wirklich Bock hat, den ganzen Tag kilometerweit zu latschen, um ein Tier zu reißen oder Wasser zu finden, wird gern unterschlagen und scheint nicht wichtig. Man müsse sich ja nur mal in die Lage der Tiere hineinversetzen, ein wenig Empathie empfinden, dann wäre es doch eindeutig, dass die Tiere in ihrer Gefangenschaft leiden. Ich persönlich stehe gelegentlich vor meinen eigenen Artgenossen und kann nicht annähernd nachfühlen, was in denen gerade vorgeht. Wie kann denn dann ein Mensch so etwas über ein Tier behaupten? Zumal die Qualität einer Unterbringung weit mehr beinhaltet als die Maße, zum Beispiel auch die Ausstattung. Kein Lebewesen bewegt sich mehr als nötig, wenn alles Wichtige über kurze Strecken erreichbar ist.

Glaubt jemand ernsthaft, dass ein Zoo tun und lassen kann, was er möchte und nach Lust und Laune Tiere fängt und zur Schau stellt? Denken einige tatsächlich, dass ein Zoo grundsätzlich auf Profit aus ist und Tiere für seine Zwecke einpfercht? Wie passt es dann in dieses Bild, dass der Trend zu Tiergehegen weist, in denen Besucher die Tiere stundenlang nicht sehen können? Wie ist es zu erklären, dass viele deutsche Zoos als öffentliche Einrichtungen auf Subventionen angewiesen sind? Ginge es um das Erwirtschaften von Gewinn, wären einige Zoos schon längst verschwunden. Die Zeiten der Profitgier auf Kosten der Tiere sind zum Glück vorbei und Zoos unterstehen heute im besten Fall gleich mehreren Verbänden, die sehr genau darauf achten, dass geltende Richtlinien eingehalten werden.
 Keine Frage, es gibt die schwarzen Schafe und die tragen im Wesentlichen zu dem generell schlechten Image von Zoos bei. Das sind aber längst nicht alle Zoos. Allein in Deutschland existieren um die 1.000 Einrichtungen, die als Zoo bezeichnet werden. Beschränkt man sich auf solche, die wissenschaftlich geführt werden und Verbänden wie VDZ angehören und sich entsprechenden Aufgaben widmen, schrumpft die Zahl schon auf etwa 200 Zoos. Zoo ist also nicht gleich Zoo. Und Zoo gestern ist nicht Zoo heute.
 Viele Zoos arbeiten heute mit einem Konzept, das auf den vier Säulen Erholung, Wissensvermittlung, Forschung und Erhaltungszucht aufbaut. Das Angenehme wird also mit dem Nützlichen verbunden, was letztendlich zum Notwendigen führt. Würde es keine Zoos geben, dann wüsste niemand, was eine Fossa ist. Nun wird häufig besonders von Seiten der Zoogegner behauptet, dass Zoos in Zeiten der globalen Vernetzung und jederzeit abrufbaren Informationen überflüssig geworden sind. Was die blanken Informationen zu einem Tier angeht, mag das sogar stimmen. Den direkten Kontakt ersetzt das aber im keiner Weise. Die Fototapete vom weißen Sandstrand mit Palmen ersetzt auch bei langer Betrachtung keinen Urlaub.

Jeder Mensch sollte sich einmal die Frage stellen, warum ihm denn hier in unseren Gefilden noch nie eine Wildkatze oder ein Feldhamster über den Weg gelaufen ist und warum man sich einen Ast abfreut, wenn man mal ein Reh sieht. Jeder schaut nach Afrika und

hebt den mahnenden Finger, dass die wilden Tiere dort nicht gejagt werden dürfen. Dass wir es hier in Europa geschafft haben, einige Tiere bereits auszurotten und andere an den Rand der Ausrottung zu drängen, scheint ein nicht existierender Gedanke in den Köpfen zu sein. Ebenso wenig Beachtung findet die Tatsache, dass der Bartgeier in den Alpen nur durch das Engagement von Zoos gerettet werden konnte. „Wie?! Was für ein Tier?!“ Ganz genau. Das interessiert nicht, weil es sich um kein populäres Tier handelt. Wo keine Emotionen sind, da wird nicht unterstützt und da wird es schwer, etwas zu bewegen.
 Auf der anderen Seite existieren Ängste, die mit rationalem Denken nicht erklärbar sind. Wir sind es, die jährlich 25.000.000 Haie töten und wir sind es, die Geschichten vom „bösen Wolf“ derart ernst nehmen, dass man heute froh sein kann, dass noch einige Tiere übrig geblieben sind. Und wir sind es auch gewesen, die völlig aus dem Häuschen waren, als endlich wieder ein Bär nach Deutschland kam, der kurze Zeit später erschossen wurde.
 Selbstverständlich muss für den Schutz der Menschen gesorgt werden. Aber besonders dieser Fall zeigt unser zwiespältiges Verhältnis zur Natur.

Diese Gegensätzlichkeit offenbart sich in Führungen unter anderem bei der Raubtierfütterung. „Hier bei uns bekommen die Löwen zum Beispiel Rindfleisch…“, keine Reaktion, „…Ziegen…“, nichts, „…und Pferdefleisch.“ Große Kinder- und Erwachsenenaugen schauen mich an. Tier ist nämlich nicht gleich Tier. Offensichtlich dürfen Pferde nicht verfüttert werden. Bei der Argumentation, warum das so sein sollte, stößt man irgendwann auf die Grenze der subjektiven Sichtweise. Es gab nämlich schon Kindergeburtstage, bei denen es die Kühe waren, die bloß nicht verfüttert werden durften. Und da muss man einfach mal fragen: Wer legt fest, was ein Tier fressen darf? Wir Menschen haben uns mittlerweile so weit von dem entfernt, was wir auf dem Teller liegen haben, dass ich mir Fragen anhören muss, warum wir denn nicht einfach Fleisch aus dem Supermarkt kaufen und den Raubtieren zu fressen geben. Unser Kotelett wächst offensichtlich auf dem Schnitzelbaum.

Angesichts des Umfangs dieses Artikels lässt sich schon erahnen, dass mir dieses Thema am Herzen liegt. Das dürfte auch nicht der letzte Beitrag zu Zoos gewesen sein, weil es viele Fragen gibt, die in den öffentlichen Diskussionen nicht richtig und nicht erschöpfend beantwortet werden. Generell ist es so, dass ich weniger versuche, den einen Betrieb zu bewerben, in dem ich arbeite. Ich möchte vielmehr — und Kinder sind dafür zum Glück empfänglich — den einen oder anderen Gedanken säen, damit die Menschen anfangen, über unseren Umgang mit dem, was uns umgibt, nachzudenken. Es existieren heute Tierarten, die es ohne die Hilfe von Zoos nicht mehr geben würde. Dazu zählen z.B. der Davidshirsch, der Wisent und das Przewalski-Pferd, die heute auch wieder in der Wildbahn zu sehen sind. Bei anderen Tierarten bleibt es schwierig. Wer im Internet nach „orang utan thailand“ oder „orang utan palmöl“ sucht, wird zwangsläufig auf eine komplexe Problematik stoßen. Ebenso schwierig ist die Lage der Löwen in Afrika, denen durch die Viehwirtschaft immer weniger Lebensraum bleibt. Insofern kann von „in Ruhe leben“ in Bezug auf die Wildbahn keine Rede sein. Und das sind nur zwei der prominenteren Vertreter bedrohter Arten.

Ich möchte nicht erleben, dass man sich irgendwann vorwerfen lassen muss, warum denn nicht frühzeitig etwas gegen das Aussterben von Arten unternommen wurde. Aber wenn sich irgendwann mal ein Mann oder eine Frau daran erinnern wird, dass dieser Onkel im Zoo — damals auf der Kindergeburtstagsführung — irgendwas von hässlichen aber wichtigen und seltenen Amphibien erzählt hat, die direkt bei uns vor der Haustür leben, ist das viel wert. Zoos sind immer ein Kompromiss. Aber wenn bekannt ist, wie die Wildbahn zum Großteil aussieht, wäre es fahrlässig, wenn man diesen Ansatz nicht weiterführt.

Nachtrag:
 Kurze Zeit nach der Veröffentlichung dieses Artikels tauchte die Meldung auf, dass ein deutscher Wildtierjäger ebenfalls in Simbabwe einen Elefanten getötet hat. Herzlichen Glückwunsch. Man möchte brechen.


Originally published at dampfbloque.com on October 17, 2015.