Arbeit aus Liebe?

Von Nina Windisch

Männer von heute bringen ihre Hemden selbst in die Reinigung, wo meistens eine unterbezahlte Frau sie wäscht.

Dieser Text sollte eigentlich davon handeln, dass ich keine Lust mehr habe, mich dafür zu entschuldigen, dass ich ein Kind habe. Ein Kind, mit dem ich jeden Tag die Wohnung verlasse, da ich glaube, dass frische Luft und ein Weitblick meinem Kind gut tut in seiner Entwicklung. Dort draußen dann, gibt es immer wieder Menschen, die sich gestört fühlen dadurch, dass mein Kind schreit, weint, lacht, Dinge anfasst oder im Weg rumsteht. Hinzu komme ich, die Mutter, die auch nervt, mit dem großen Kinderwagen, den großen Taschen, den großen Gesten und dem kleinen Geldbeutel. Wäre das alles nicht genug, treffe ich mich auch noch oft mit anderen Müttern, die wiederum Kinder dabei haben und wir nerven doppelt. Wirklich wohl fühle ich mich also nur noch in klar eingegrenzten Raucher — Pardon, Familienbereichen, also in Familiencafés oder in Parks und auf Spielplätzen. In allen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens bin ich dazu übergegangen mich in vorauseilendem Gehorsam zu entschuldigen. „Geht das so?“ ist eine der häufigsten Fragen, die ich in letzter Zeit fremden Menschen stelle, wenn ich mal wieder mit dem Kinderwagen den Weg versperre. Aber es wird besser. Während ich in den ersten Monaten mit Kind hochrot anlief, wenn mein Baby auch nur ein bisschen gequengelt hat, versuche ich jetzt einfach cool zu bleiben, wenn es sich theatralisch auf den Gehweg wirft, weil es schmerzlich merkt, dass es von mir abhängig ist.

Aber warum bin ich eigentlich so genervt davon, wenn ich als Mutter-Kind-Gespann das Gefühl habe, wir stören oder uns wird nicht geholfen, wir werden nicht ernst genommen oder wir müssten uns eben für alles entschuldigen? Ganz einfach: Ich leiste wichtige Reproduktionsarbeit und werde dafür nicht einmal bezahlt geschweige denn hoch angesehen. Das Elterngeld, von dem die Reichen viel bekommen und die Armen wenig, ist keine Bezahlung, es sorgt nur dafür, dass ich nicht pleite gehe beim Stillen und dass mein Mann nicht so viel arbeiten muss, dass er das Kind überhaupt nicht mehr zu Gesicht bekommt. Die wenigsten Männer, wenn man bei dem klassischen Familienschema von Vater-Mutter-Kind bleiben will, können noch eine ganze Familie mit ihrem Gehalt ernähren. Oder sie können sie zwar ernähren, haben aber dann eben keine Zeit für die Familie oder es bleibt kein Geld mehr für spaßige Freizeitaktivitäten wie Kultur übrig. Die Frau (ich bleibe hier bei traditionellen Termini) muss also dazuverdienen und macht nach der Elternzeit ganz oft einen Teilzeit- oder Mini-Job. Deswegen regt es mich so auf, wenn immer von dem Spagat zwischen „Kind und Karriere“ gesprochen wird. Was für eine Karriere? Ok, Karriere heißt etymologisch einfach Berufslaufbahn, aber der Begriff wird doch in unserem Sprachgebrauch als etwas gutes Geld bringendes und selbstverwirklichendes verstanden und das passt ja wohl nicht zum einem Aushilfsjob, der einem kaum Rente bringt. Kind oder Vollzeit, das ist es, wo sich die meisten Frauen für eines von beiden entscheiden müssen. Meistens, weil der Mann mehr verdient (weil er keine Kinder gebären kann) und bei vielen scheint sich im Kopf die Idee festgesetzt zu haben, dass Frauen einfach aus Liebe zu ihrem Kind gerne umsonst arbeiten. Frauen bringen die Kinder zur Welt, da sei es doch logisch, dass sie sich auch besser zum Eltern-sein eignen. So oft wird wiederholt dass Frauen eben „dazu gemacht sind“ sich um die Kinder zu kümmern, das wir es schon selbst glauben. Frauen, die dann Kinder und Haushalt nicht so richtig gut auf die Reihe bekommen, vielleicht weil sie auch einfach keinen Bock drauf haben, dass so vieles an ihnen hängen bleibt, sind halt etwas „schlampig“, während Väter, die überhaupt irgendwas mit ihren Kindern auf die Reihe bekommen „großartig“ sind. Mein Mann wurde mit Lob überschüttet, als er eine Woche auf unser Kind aufgepasst hat, während ich im Urlaub war. Umgekehrt kenne ich diese Hochachtung nicht. (Also außer von meinem Mann, wir bestärken uns immer gegenseitig darin, wie toll wir das alles meistern.) Ich nehme meine familiale Arbeit ernst, ich informiere mich, ich tausche mich aus und das neben all den Dingen, die sowieso gemacht werden müssen, wie Termine organisieren, einkaufen, kochen, füttern, wickeln, pflegen, sauber machen, anziehen, spielen. Wenn mein Kind dann mal quengelt, könnte mein Umfeld denken, dass ich schlecht „arbeite“ und ich glaube, so geht es vielen Müttern. Sonst würde ich nicht ständig all die unnötigen Entschuldigungen hören: „Die Nacht hat er ganz schlecht geschlafen“, „Sie bekommt gerade wieder einen Zahn“ oder sogar direkt zum Kind: „Was ist denn los mit Dir?“ Ja. Was soll sein? Es ist ein Kind. Es lebt im Hier und Jetzt und lässt seinen Gefühlen ungefiltert freien Lauf. All die Dinge, die wir als Erwachsene ablegen und dann versuchen durch Yoga oder durch das Lesen von Ratgebern krampfhaft wieder zurückzuholen. Diese Arbeit, die Mütter, Väter, Pflegerinnen und Pfleger täglich rund um die Uhr leisten darf nicht länger unsichtbar bleiben und abgewertet werden. Die nicht entlohnte Care-Arbeit ist in der BRD um das 1,7 fache größer als Erwerbsarbeit (Winkler, S. 16). Der gesellschaftliche Wohlstand hängt stärker von unbezahlter Arbeit ab, als von bezahlter. (Schrupp, Praetorius, Blaschke, S. 7) Unter Care versteht man Pflege, also familiale Sorgearbeit, Erziehung- und Betreuungsarbeit, sowie Altenpflege. Aber „als ökonomische Räume gelten nur Märkte, als Arbeit zählt nur Erwerbsarbeit. Abgetrennt und ausgegrenzt sind zwei zentrale Basis-Produktivitäten: die unbezahlte Arbeit, als Sorgearbeit vor allem Frauen zugewiesen, und die Natur mit ihrer Produktivität. (…) Es kann nicht produziert werden, ohne dass die Natur schon produziert hat, und es kann nicht für den Markt gearbeitet werden, ohne dass schon Sorgearbeit geleistet wurde.“ (Baier, Biesecker, Gottschlich, S. 68) Wir alle leben von Fürsorge. Als Kind, als alter Mensch, aber auch der ledige Büroangestellte, dessen Arbeitsplatz immer wie von Zauberhand sauber ist. Dass noch immer Frauen diese Care-Arbeit zugewiesen wird, erkennt man gut am Beispiel von Kindergärtnern. Wenn ein Mann Kindergärtner wird, finden viele Menschen dafür anerkennende Worte. Dieser Mann scheine so viel Selbstbewusstsein zu haben, dass er keine Anerkennung (durch Erwachsene) im Berufsleben braucht und sogar freiwillig einen Beruf macht, in dem er kaum etwas verdient und das für verdammt harte Arbeit. (Oder wer traut sich das zu auf eine Gruppe fremder Kinder aufzupassen?) Während, wenn eine Frau Kindergärtnerin wird, geschenkt. Schließlich sei ihr diese Arbeit ja „in die Wiege gelegt“ und dass der Beruf so schlecht bezahlt wird, selbst schuld, muss sie halt besser verhandeln. Merkt Ihr was? Und wenn mir dann noch jemand erzählt, die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern in diesem Land sei vollzogen, dann werde ich einfach nur noch traurig.

Was könnte ein Ausweg aus dieser Misere sein? Ich glaube das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) und zwar von Geburt an unabhängig von Familie und Bedarfsgemeinschaften, finanziert durch hohen Mindestlohn und hohe Besteuerung der Gewinne. Eines der großen Argumente gegen das BGE ist die Annahme, Menschen würden dann nicht mehr arbeiten. Aber auch Menschen, die geerbt oder im Lotto gewonnen haben arbeiten noch. Menschen mögen sich beschäftigen und sie mögen das Gefühl gebraucht zu werden. Durch das BGE müssten Alleinerziehende keiner überlastenden Erwerbstätigkeit mehr nachgehen. Wirtschaftliche Abhängigkeit in Partnerschaften würde sich auflösen und so können die Menschen sich aufrichtig auf Augenhöhe begegnen. Die demütigende Bittsteller-Rolle von Hartz IV-Empfangenden würde endlich wegfallen. Was aber an dieser Stelle sehr wichtig ist: Das BGE darf kein „Lohn“ für die „Hausfrau“ sein. Es muss von der grundsätzlichen Bereitschaft aller ausgehen, notwenige Sorgearbeit zu leisten. Ein BGE ohne dass der Care-Bereich mitgedacht und umgewertet wird, würde die klassischen Rollenbilder (Frau Zuhause, Mann bringt das Geld Heim), mit denen Frauen wie Männer nicht glücklich sind, nur verfestigen.

Momentan ist unser Arbeits- und Leistungsbegriff stark verengt. Es braucht eine Neudefinition von Arbeit im Sinne der Vielfalt gesellschaftlich notwendiger Arbeit. Es geht nicht nur um Leistung und Gegenleistung. Wie sollte das bei mir konkret aussehen? „Das Lächeln des Kindes“ ist nicht mein Lohn! Dann müsste von der Logik her mein Kind ja ständig lächeln, so toll wie ich arbeite. Tut es aber nicht.

Abschließen möchte ich mit einem Zitat, dass meiner Meinung nach sehr klar aufzeigt, wie sehr uns das (zum Beispiel Freundschaften) pflegen abhanden kommt und anstelle dessen ein Konstrukt, gerade im Social Media Bereich, unsere Leere füllen soll:

„Die neoliberalen Bedinungen der vergangenen Jahrzehnte machen die Spielräume des zwangsläufig flexiblen Subjekts (Gruber 2008) immer enger, eigenen Bedürfnissen und Wünschen sowie der Sorge um andere und dem Anspruch auf Raum und Respekt für die eigene Lebenswelt zentrale Bedeutung geben zu können. Die neuen Ausprägungen von Subjektivität haben einen typischen >Marketing-Charakter<, sind gekennzeichnet von Konformismus und Beziehungslosigkeit zu sich selbst. Nachfrageorientiert sind stets neue Persönlichkeitsfassaden zu entwerfen, in den Fähigkeiten wie Selbstoptimierung, Leistung, Flexibilität, Selbstkontrolle und Selbstvermarktung tragend sind.“ (Appel, S. 53)

Who cares?

Inspiriert zu diesem Text hat mich das Buch “Das bedingungslose Grundeinkommen, feministische und postpatriachale Perspektiven” hrsg. von Ronald Blaschke, Ina Praetorius und Antje Schrupp. Alle Zitate stammen aus dieser Sammlung.

Zum Weiterlesen: Care Revolution

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