Zwangsdigitalisierung an deutschen Schulen? Schön wär’s! #Rant

Der Chef eines deutschen Bildungsverbandes warnt vor “totaler Zwangsdigitalisierung” an deutschen Schulen.

#Ohne Pointe

In einem Radiointerview bei Deutschlandradio Kultur spricht Deutschlands oberster Lehrer Joseph Kraus (65) über seine Haltung zum Einsatz von Computern und Internet im Unterricht und wählt dabei die Worte, dass er sich an der „totalen Zwangsdigitalisierung“ des Unterrichts störe.

Christian Müller hat bei Mobilegeeks.de dankenswerterweise bereits eine differenzierte Betrachtung seiner Äußerungen gewagt. Mir will das hier nicht gelingen. Ich schreibe über mein Entsetzen:

„Totale Zwangsdigitalisierung“? Wohlgewählte Worte?

„Wollt Ihr den totalen Krieg?“, Joseph Goebbels 1943

„Zwangssterilistation“, Methode des Herbeiführens von Unfruchtbarkeit unter anderem in der NS-Zeit.

Diese Assoziationen hatte ich bei Herrn Krausens Wortwahl. Und Sie? Ich wette, Sie auch.

Zufall der Wortwahl?

Joseph Kraus ist Jahrgang 1949 also 65 Jahre alt. Er ist Präsident des Lehrerverbandes. Nicht Oberlehrer, sondern oberster Lehrer der Nation sozusagen. Außerdem Germanist und Philologe. Man kann von einem ausgeprägten historischen Bewusstsein ausgehen. Man darf davon ausgehen, dass er um die Macht seiner Worte weiß.

“Totale Zwangsdigitalisierung.”

Ungeschickt?
Unanständig.
Gefährlich!

Realität an deutschen Schulen — Digitales Niemandsland

Zum Glück für Herrn Kraus ist die Realität an deutschen Schulen 2015 eine andere. Computer stehen in Fachräumen. Im herkömmlichen Unterricht steht in der Regel ein einziger Rechner.
Viele Schulen praktizieren ein pauschales Handyverbot. Computer gehören ins Fach Informatik ab Klasse 9. Medienpädagogik befasst sich mit den Gefahren des Internets.

Nicht, dass das jemand falsch versteht: Privacy und kritischer Umgang mit diesem Internet ist sehr wichtig.

Dazu kommt: Natürlich kann je nach Altersgruppe die Nutzung von Internet im Unterricht unterschiedlich ausfallen. Spätestens in der Sekundarstufe ist aber das Alter erreicht, in dem Kinder ohnehin Computer und Web nutzen. Da könnte und sollte Schule medienpädagogisch begleiten.

Und außerdem:

Digitalisierung des Unterrichts als Chance

Ist mal einer auf die Idee gekommen,

  • dass der Einsatz von Tablets, Smartphones und Computern den Unterricht an unseren Schulen vielleicht positiv revolutionieren könnte?
  • dass Schüler durch „neue Medien“ gar erst zu Aktiven Lernern werden und gar durch Digitales neue Lernlust geweckt würde?
  • dass Kinder nicht mehr allein vom Herrschaftswissen traditioneller Lehrer lernen sollten, sondern dass das Lernen im kollaborativen gemeinsamen Erabeiten von Informationen mit Hilfe der digitalen Werkzeuge geschehen könnte, bei dem Lehrer vielleicht gar nur Mittler und nicht Allwissende sind?

Ich kenne so manche Lehrer, die mit viel Engagement Digitales in den Unterricht holen. Verantwortungsvoll und medienpädagogisch bewusst. Solange der Präsident des Lehrerverbandes im Rahmen der deutschen Bildungs-Leitmesse didacta vor totaler Digitalisierung warnen kann, bleiben sie ein Einzelfall. Fürchte ich.

Und unsere Kinder sitzen derweil im Schulbus und daddeln, whatsappen, was das Zeug hält …

Der Autor: Lars Hahn ist der Entdecker von ‘Systematisch Kaffeetrinken’ und Social Media Enthusiast. Als Geschäftsführer der “LVQ Weiterbildung gGmbH” beschäftigt er sich mit Weiterbildung, Recruiting, Arbeitsmarktthemen, Karriereberatung und Social Media. Lars Hahn ist zu finden bei XING, Google+, Twitter und in vielen anderen sozialen Netzwerken.

Und ach: Diplom Pädagoge Lars Hahn hat Erziehungswissenschaften studiert.