Anleitung zum digitalen Unglücklichsein

(sehr frei nach Paul Watzlawick)

CCO Public Domain via pixabay

Es ist schon ein Kreuz mit dem digitalen Wandel: So viele Versprechen seitens Forschung, Wirtschaft und inzwischen auch Politik und dann passt es doch wieder nicht jedem. Hier geht es zu schnell, da zu langsam, ganz so kompliziert hatten wir uns das eigentlich nicht vorgestellt und dann hat das Produkt auch noch Nebenwirkungen. Aber Jammern hilft ja. Das hat der Philosoph und Wissenschaftler Paul Watzlawick bereits 1983 in seinem Werk “Anleitung zum Unglücklichsein” bestens beschrieben. Ich habe mir ein Update erlaubt: Die perfekte Anleitung zum DIGITALEN Unglücklichsein!

Vergangenheit: Zurückblicken, verklären, nichts Neues versuchen

Wenn Sie mit den Entwicklungen der Gegenwart unzufrieden sind und auch skeptisch in die Zukunft blicken wollen, helfen immer die Geschichten aus guten alten Zeiten: “Früher war ja alles besser™.” Die Menschen haben mehr miteinander kommuniziert, statt in die Handys geguckt. Die Jobs waren sicherer und wurden nicht von Robotern bedroht. Unsere Daten gehörten uns und nicht den Konzernen. Probieren Sie es aus, es klappt in jeder Lebenslage und wird von Prominenten wie Uli Hoeness bis Hans Magnus Enzensberger gern benutzt, um in den Medien zu landen. Seien Sie dabei aber möglichst pauschal und ignorieren Sie größere Zusammenhänge, das macht es unnötig komplex.

Dazu gehört auch, positive Entwicklungen der Gegenwart zu ignorieren oder als selbstverständlich hinzunehmen, bevor Sie sich in Ihrer Verklärung der Vergangenheit erschüttern lassen. Soziale Netzwerke gab es früher schließlich auch schon, man nannte das Freunde. Schnelleren Zugang zu Informationen und Produkten können Sie einfach als Konsumfetisch oder Ungeduld abtun, Entwicklungen in der Arbeitswelt wie neue Formen der Zusammenarbeit und Führung als vorübergehende Phase von Sozialromantikern und die Chancen digitaler Bildung sollten Sie direkt bekämpfen und als Gefahr einordnen. Hier hilft auch manchmal der verzweifelte Ausruf “Denkt denn niemand an die Kinder?”, mit dem Sie sofort alle auf Ihrer Seite haben.

Den besten Rat gibt uns Watzlawick aber in seiner Analogie vom verlorenen Schlüssel: Halten Sie auf jeden Fall an Prozessen und Lösungen fest, die sich in der Vergangenheit bewährt haben, denn “Das haben wir immer schon so gemacht.” Keinesfalls lassen Sie Spielraum für Experimente oder erkennen gar die Möglichkeit an, dass neue Technologien auch neue Wege bieten. Ihr Standardprozess ist zwar völlig unflexibel, aber über Jahre optimiert und in zig Routinen bewährt. Wenden Sie daher in Zweifel mehr von derselben Lösung an, wenn es nicht gleich funktioniert. Viel hilft viel.

Insider-Tipp: Wenn Sie dabei eine Machtposition ausnutzen können — egal ob als Vereinsvorsitzender, Projektleiter oder Führungskraft - tun sie es. Sie sind schließlich nicht umsonst in dieser Position. Aus dem Wissen heraus, dass die meisten Menschen nicht unbedingt erfreut auf Änderungen reagieren, stärken Sie Ihre Macht, indem Sie neue Arbeitsweisen, Prozesse oder Werkzeuge ab dem Moment kaputt reden, wo erste Probleme auftreten. Achten Sie dabei auf Worst-Case-Szenarien und seltene Ausnahmen und zeigen Sie an deren Beispiel, dass das Neue nicht funktionieren kann. Bestehen Sie außerdem auf Kontrolle und führen Sie Flaschenhälse ein, die jedes agile Vorgehen im Ansatz zunichte machen.

Großartige Tipps für Führungskräfte als Management Summary zum Ausdrucken gibt die Hitparade der digitalen Ignoranz vom Zukunftsinstitut.

Sich selbst-erfüllende Prophezeiungen

Den ersten Schritt haben Sie gemacht, jetzt ist es wichtig, konsequent zu bleiben. Glauben Sie nicht nur an die schlechte neue Zeit sondern werden Sie ihr lebendes Beispiel. Verallgemeinern Sie dabei. Jeder junge Mensch von heute ist ein Smombie mit Aufmerksamkeitsdefiziten. Roboter werden uns erst arbeitslos machen und dann alle töten. Alle Unternehmen wollen Ihre Daten und damit auch nur Unheil anrichten. Wichtig: Akzeptieren Sie in diesem Kontext ihr unausweichliches Schicksal, dass die Welt sich gegen sie verschworen hat und sie nichts dagegen tun können. Medienkompetenz? Der Zug ist doch längst abgefahren. Programmieren lernen? Viel zu kompliziert. Datensouveränität? Das ist doch bloß wieder so ein Modewort.

Mit dieser Methode können Sie sich so erfolgreich selbst betrügen, dass Sie gar nicht mehr unterscheiden können zwischen Ursache und Wirkung. Dies wiederum nutzt Ihnen als Entschuldigung für fast alles: Nicht das unüberlegte Kommunikationsverhalten einzelner ist problematisch, sondern Social Media. Nicht die Unternehmenskultur ist das Problem, sondern die IT/HR/das Projektmanagement/der Chef/die Kunden. Nicht Ihr mangelnder Wille oder fehlendes Verständnis, sondern die Technik/Politik/Gesellschaft ist schuld. Und Sie selbst als Teil des ganzen Systems sind ja nun mal gefangen darin und konnten gar nichts dagegen tun.

Watzlawick empfiehlt, sich in diese Denkweise soweit hineinzusteigern, dass sich die Worst-Case-Szenarien ganz von selbst ergeben. Seine Geschichte vom Hammer lässt sich auf moderne digitale Werkzeuge geradezu idealtypisch vererben. Stellen Sie sich bitte einen Menschen vor, der auf der Arbeit mit einer neuen Technik konfrontiert wird. Einige Teamkollegen haben diese bereits erfolgreich ausprobiert und nun sollen auch andere in den Genuss kommen. Unser Beispielmensch hat zu Beginn verständlicherweise Anfängerfragen und überlegt sich nun, die Pioniere um Hilfe zu bitten. Das wäre auch kein Problem, die Erstanwender haben nicht nur Vorarbeit geleistet sondern sogar ein Online-Tutorial erstellt und sind im Tool selbst via Chat direkt ansprechbar. Wie kann man nur! Statt das Telefon zu nehmen oder gar mit einem der Kollegen auf einen Kaffee zu verabreden, regt sich unser Mensch darüber auf, dass ihm die Hilfe nur innerhalb der neuen Technik zur Verfügung steht und damit Anfänger wie ihn bereits ausschließen soll. Ohnehin sind ihm diese Digitalschnösel viel zu elitär und machen sich wahrscheinlich hintenrum über seine Fragen lustig. Erst letztens im Teammeeting wurden ja auch absichtlich Begriffe verwendet, die man nur als Eingeweihter versteht. Aber sich da zu entblößen, darauf ist er nicht reingefallen. Im Gegenteil geht unser Mensch zum Gegenangriff über und beschwert sich bei nächster Gelegenheit beim Chef erst einmal über die schlechte Anwendung und Hilfe habe man ihm auch nicht angeboten.

Von Zielvereinbarungen und der Unmöglichkeit des Erreichens derselben

“Wer sich in diesem Land mit der Digitalisierung befassen will, findet von einem ganz viel: Meinung! Objektive Beschreibungen dessen, was genau sich da eigentlich gerade verändert, muss man länger suchen.”

Diese sehr treffende Zustandsbeschreibung findet sich in einem lesenswerten Essay namens Vier Updates für Deutschland von Dirk von Gehlen in der Süddeutschen. Er beschreibt hier eine Drohkulisse, die Ihnen helfen wird, Erfolge der digitalen Transformation zielsicher auszuschließen. Ihr Leitsatz wird der regelmäßig zu wiederholende Ausruf “Jetzt muss aber wirklich was passieren” werden, damit sich niemand mehr zu fragen traut: “Ja was denn?” und vor allem: “Warum überhaupt?” Dies ist auch wichtig für eigene Zielvorgaben. Wenn Sie schon den digitalen Wandel als Ganzen nicht aufhalten, so können Sie doch wenigstens kleine Fortschritte in ihrem Umfeld verhindern. Dabei lernen Sie von der alten Projektmanagementregel, dass die letzten 10 Prozent der Zielerreichung länger dauern können als die ersten 90. Das Ziel aber ist natürlich immer 100 Prozent, weniger wäre ja unfertig!

Feiern Sie auf keinen Fall Meilensteine oder gar positive Tendenzen. Das Ziel ist noch so fern und der Weg dahin lang und beschwerlich. Konzentrieren Sie sich auf Hindernisse und Eventualitäten. Allen muss klar werden, das große Entbehrungen und Belastungen vor ihnen liegen. Wenn Sie in der Position sind, selbst Zielvorgaben zu machen, legen Sie diese a) in unerreichbare Höhen und b) möglichst schlecht messbar an. So fällt es Ihnen anschließend umso leichter, Zwischenerfolge schlecht zu reden. Und man komme Ihnen bitte nicht mit Beta…

Das Finale: Nichtnullsummenspiele

Wenn Sie bis hierhin gekommen sind, haben Sie bereits eine gute Grundlage für anhaltendes Unglück und gleichzeitig ihre eigene Unschuldigkeit an diesem Zustand gelegt, da ihre rechte Gehirnhälfte längst nicht mehr die linke versteht. Ein Master of Digital Disaster werden Sie aber nur, wenn Sie Watzlawicks Axiom vom “Nichtnullsummenspiel” beherzigen. Vereinfacht ausgedrückt: Gemeinsam gewinnen können wir nur, wenn wir die anderen nicht mehr besiegen müssen.

Nicht umsonst stehen in jeder Fibel zur Digitalen Transformation Begriffe wie “Teilen” oder “Partizipation”. Kluge Beiträge zu modernen Formen der Führung oder agilem Management wimmeln vom Infragestellen des Erfahrungswissens und bestehender Hierarchien. BarCamps, Co-Working, Crowdsourcing und Holocracy sind inhaltlich geradezu anarchische Ansätze — die Sie bereits an der Wurzel ausrotten müssen! Beschimpfen Sie dieses hippieeske Vorgehen als Sozialromantik, bestehen Sie auf Herrschaftswissen und bekräftigen Sie Ihre Kollegen in deren Ängsten, dass es zu eigenem Bedeutungsverlust führt, wenn man andere schlauer macht. Mit dieser Mauer der Unvernunft können Sie gut und gerne bis zur Rente überleben und den Digitalen Hampelmännern die kalte Schulter zeigen. Was danach kommt, kann Ihnen egal sein. Das ist dann schließlich nicht mehr ihr eigenes Unglück.