Das Deutsche Reich und die türkische SS-Legion


Türkische, islamische und SS-Symbole auf den Uniformen der Soldaten

Das 19. und 20. Jahrhundert ist sehr faszinierend. So viele verschiedene Ideologien haben sich entwickelt, wurden niedergeschrieben und haben zum Teil sogar Staaten geleitet. Das 19. Jahrhundert war für viele Imperien der Anfang vom Ende. Zu denen gehören Monarchien wie das Osmanische Reich, das russische Zarenreich, die Qing-Dynastie in China, oder die Kadscharen-Dynastie im Iran. Überall auf der Welt hatten die Menschen genug von Königen, Fürsten oder Schahs, und somit entwickelten sich immer mehr republikanische Bewegungen. Doch nicht jede Republik ist gleich, denn sie werden von einer Organisation, einer Gruppe oder einer Bewegung mit einer gewissen Weltanschauung gegründet. Ich denke der Unterschied, zwischen einer islamischen Republik, wie im Iran und eine Volksrepublik, wie in China, ist klar.

Karl Marx, Theoretiker des Sozialismus und Kommunismus

Auch in Deutschland kam es zu Veränderungen, zu sehr vielen Veränderungen. Aus dem Deutschen Bund wurde der Norddeutsche Bund, aus dem Norddeutschen Bund wurde das Deutsche Reich und nach dem ersten Weltkrieg wurde aus dem Deutschen Reich die Weimarer Republik, die allererste parlamentarische Demokratie in Deutschland. Abgelöst wurde sie, wie wir alle wissen, im Jahr 1933 von Hitler. Seine Gräueltaten sind uns Dank unserer schulischen Bildung bekannt. Auch seine ideologischen Ziele. Jahrelang haben wir in der Schule über die SS und Hitler gesprochen, doch eins wurde uns nie gesagt. Nämlich, dass die rassistischen Arier für ihre Ausdehnung in den Osten mit “Nicht-Germanen” zusammen gearbeitet haben.

1933: Begeistert empfangen Anhänger Reichskanzler Adolf Hitler (1889–1945) in Nürnberg.© Hulton Archive/Getty Images

Im Krieg gegen das kommunistische Russland benutzen die Deutschen türkisch-muslimische Ethnien in und um Russland herum. Die Russen jedoch wiederum auch. Warum die Ethnien dies mitgemacht haben erzähle ich euch jetzt ganz kurz:

Das russische Zarenreich wurde durch die Februarrevolution 1917 beendet. Die Führung nahm Alexander Kerensky und dieser rief eine demokratische Republik aus. Die wiederum wurde relativ schnell von Lenin und seiner Bolschewiki mit der Oktoberrevolution beendet, womit anschließend die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik am 9. November 1917 ausgerufen wurde.

So wie heute besteht Russland nicht nur aus Russen, sondern auch aus sehr viele anderen Ethnien. Die damals und auch heute größte Gruppe unter allen Sprachgruppen sind die so genannten Turkvölker (türkischsprachige Völker). Einige kennt ihr, denn seit 1991 sind die Länder Usbekistan, Turkmenistan, Kirgisien, Kasachstan und Aserbaidschan unabhängig. Viele andere, wie die Baschkirien, Tataren, Krim-Tataren, Uiguren (in VR China) leben noch in Autonomen Republiken.

Diese ethnischen Gruppen haben am Anfang, sei es in Russland oder in China, die Revolution gegen die Zaren unterstützt. Sie hofften, dass sie ihre Zukunft selbst bestimmen und eine Art „unabhängiges Turkestan“ gründen können.

Was ist Turkestan? Turkestan ist ein Gebiet in Zentralasien, was im frühen Mittelalter „Turan“ genannt und aufgrund der Einwanderung türkischer Stämme ab dem 6. Jahrhundert und der somit zunehmenden turkisierung dieser Region, ab dem Mittelalter als „Turkestan“ (Land der Türken) bezeichnet wurde.

Das Gebiet Turkestan bzw. Turan reicht vom Kaspischen Meer bis einschliesslich West-China

Diese „Turkestaner“ wollten unabhängig sein, doch die sozialistische Bewegung war kein großer Freund von Demokratie und Unabhängigkeit. Die türksprachigen Gruppen sowie andere muslimische Gruppen wurden massiv unterdrückt. Es folgte daraufhin eine große Frust und Wut in diesen Gruppen. Die Unterstützung der Deutschen kam ihnen also sehr gelegen.

Mustafa Çokay, ein kasachischer Freiheitskämpfer. Kämpfte gegen die Bolschweiki für ein freies Kasachstan. Starb 1941 in Berlin.

Die Deutschen brauchten Unterstützung und sendeten Deutsche nach Turkestan um die Menschen dort auszubilden. Diese Offiziere bildeten die ersten „turkestanische“ bzw. „ost-türkischen“ SS-Divisonen .

Ost-Türkische SS Soldaten spielen Schach.
Turkmenische SS-Soldaten in Frankreich

Hier ein paar Zahlen:

00.11.1943–01.10.1944
- Ostmuselmanische SS-Division
- Turkmuselmanische Division

00.05.1944–01.10.1944
- Muselmanische SS-Division“Neu-Turkistan“

01.10.1944–09.05.1945
- Osttürkischer Waffen-Verband der SS („Harun-el-Raschid“)

Die Größe der Truppen:

180.000 Turkestaner (türkische Ethnie)
110.000 Kaukasier (teils türkische Ethnie)
40.000 Wolgatataren (türkische Ethnie)
20.000 Krimtataren (türkische Ethnie) → Hunderttausende Krimtataren wurde von Lenin am 18.05.1944 von der Krim nach Sibirien gewaltsam in Zügen deportiert. Auf dem Weg kamen zehntausende um.
5.000 Kalmyken (mongolische Ethnie im Kaukasus)

355.000 türkisch-mongolische SS-Soldaten, die für ihre Unabhängigkeit auf der Seite des Deutschen Reiches kämpften. Eine gigantische Zahl, die sehr schnell mobilisiert wurde.

Quelle: http://www.lexikon-der-wehrmacht.de/Zusatz/SS/SSOsttuerkei-R.htm

Zum Video: Eine Beerdigung in der ost-türkischen SS-Division in Turkestan. SS-Offizier Hintersatz alias Harun El-Raschid betet mit.

Harun-el-Raschid? Dazu hat ein Freund auf Facebook mir etwas gesendet:

Oberst Wilhelm „Harun el Raschid Bey“ Hintersatz (1886–1963), der ehemalige deutsche Adjutant des türkischen Kriegsministers Enver Pascha während des I. Weltkriegs diente als Standartenführer am Osttürkischer Waffen-Verband SS zwischen Oktober 1944 — Februar 1945 (inkl. Waffengruppe Turkistan, Waffengruppe Krim und Waffengruppe Aserbaidschan). Nach seiner Konversion zum Islam in 1919 erhielt er den Namen Harun el Raschid Bey. In seiner Publikation „Aus Orient und Occident — Ein Mosaik aus buntem Erleben“ (1954-Bielefeld, tatsächlich unter dem Namen Harun el Raschid Bey veröffentlicht!) berichtet er über seine Dienst und Tätigkeiten in der Türkei. In den Archiven des auswärtigen Amts von Ecuador wurden Unterlagen über ihn gefunden und man ginge davon aus, dass er im Jahre 1945 nach dem Krieg nach Ecuador hätte immigrieren können. Leider gibt es keine vollständige Anweisung bezüglich seines Aufenthaltsortes nach dem II. Weltkrieg.

Sie kämpften für die Freiheit, kannten Hitler jedoch nicht

Für die Menschen in Zentralasien gab es Krieg, mehr nicht. Sie wussten nichts von dem Rassismus und dem arischen Bildwelt der Nazis. Sie wussten definitiv auch nicht, dass Millionen Juden und andere „Nicht-Arier“ umgebracht wurden. Es ist schon paradox, dass „Arier“ muslimische Türken ausbilden und auf ihre Schulter ihre SS Symbole platzieren…(!)

Dr. Baymirza Hayit, ein türkischer SS Offizier in Köln

Hayit wurde in Usbekistan geboren und musste im Krieg in der „roten Armee“ gegen die Nazis kämpfen. Er wurde irgendwann eine Geisel der Deutschen. Sie nahmen im die Kleider ab, und sahen, dass er beschnitten war. Sie hielten ihn für einen Juden und wollten ihn deshalb zeitnah hinrichten. Als man ihm sagte, dass er hingerichtet wird, beschloss er zu beten. Dies sahen die Nazis und verstanden, dass er kein Jude, sondern ein Moslem war. Irgendwie kam dann (oder schon vorher?) die Idee die unterdrückten muslimischen und türkischen Ethnien in Russland für das Deutsche Reich zu mobilisieren. Hayit wurde ein wichtiger Bestandteil der SS-Legion in Turkestan und kämpfte, wie die anderen eurasischen und asiatischen SS-Legionen, für die Freiheit seines Volkes. Nach dem Niedergang des Deutschen Reiches flüchtete er nach Deutschland. Er lebte in Köln, heiratete eine Deutsche Ärztin und wurde zu einem der wichtigsten Orientalisten in Deutschland. 2006 ist er in Köln gestorben. Sein Grab liegt auf dem Kalker Friedhof.

An der Front zwischen Russland und Deutschland kämpften nicht nur Deutsche. Es kämpften „Brüder“ gegen „Brüder”. Kirgisen und Kasachen, Usbeken und Tataren, muslimische Turkvölker die plötzlich in einem Krieg von Deutschen und Russen waren und an der Front sich gegenseitig töteten. Es gibt keinen guten Krieg, aber es ist anders, wenn man gegen sein eigenes Volk für eine andere Nation tötet…(!)

Wir sehen also, dass für politische Ziele, Ideologien, egal wie fundamentalistisch sie auch sind, beiseite gelegt werden können. Natürlich hätten diese Menschen nie ihre Freiheit bekommen. Hitler wäre wahrscheinlich über die Türkei und über die Ukraine bis nach Turkestan marschiert. Aber dennoch gedenken wir auch an die armen und unterdrückten Menschen, die als Marionetten benutzt wurden. Dies ist ein Teil der türkischen und deutschen Geschichte, die nicht in allen Büchern steht.

Burak Murat Görmez

Written by

Social Media Manager aus Köln. Auf Twitter @der_buri.