Warum Erdogan so sehr geliebt wird.

Ich kann mich an keine Phase meines bisherigen Lebens erinnern, an dem ich mich nicht für Türken rechtfertigen musste. Rechtfertigung kenne ich sehr gut, denn als Türke musste ich mich schon als Teenager für terroristische Angriffe rechtfertigen und den “Islam verteidigen”. Als ob man eine Religion verteidigen muss, wenn sie doch göttlich ist…Und was die türkische Gemeinde in Deutschland mit Psychopathen zu tun haben soll, die grundlos unschuldige Menschen töten, verstehe ich immer noch nicht…

Jedenfalls, taucht seit 2009 das Thema Erdogan und Türkei schon fast wöchentlich auf und die Handlungen von Präsidenten Erdogan machen es auch nicht besser. So kommt es wie oben erwähnt vor, dass man angesprochen wird und plötzlich der Vertreter der Republik Türkei und seiner 78 Mio. Bürger ist. Persönlich stört mich das, denn auch wenn ich Türke bin, ich vertrete keine Regierung. Doch wenn ich merke, dass Erdogan ein Grund für Türkei-Bashing wird, dann kommt in mir ein Gefühl hervor, dass ich nur kenne, wenn es um meinen Sohn geht; nämlich mein Beschützerinstinkt. Es geht nicht darum Erdogan zu beschützen, sondern viel mehr die Menschen, die ihn gewählt haben, denn diese Menschen haben ihre Gründer für sich.

So wie ich in kleinen Diskussionsrunden meinen Mitmenschen erkläre, wie die türkische Gesellschaft und die Politik in der Türkei funktioniert, habe ich beschlossen auch hier ein Mal Luft abzulassen. Vorab, ich mag weder den Kerl noch seine Partei, aber ich gehöre auch nicht zu seiner Zielgruppe. Seine Zielgruppe, zu der komme ich jetzt.

Die Türkei ist das beste Beispiel für Kausalität.

Warum? Weil alles, was heute in der Türkei passiert, eine Reaktion auf diverse Handlungen in der Vergangenheit ist. Kausalität ist die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung. Seit der Gründung der Republik 1923, hat der Gründer, Mustafa Kemal Atatürk, radikale Reformen durchgeführt, die nach seinem Tod 1938 in den Händen anderer, idealisiert und missbraucht wurden. Eine kemalistische Elite aus Bürokraten, Reichen und Mitgliedern des Militärs, hielten die Fäden in ihren Händen. Insbesondere Atatürks wichtigster Durchbruch, die Trennung von Staat und Religion (Laizismus) wurde nach seinem Tod als Diskriminierungswaffe gegen die mehrheitlich religiöse und in ländlichen Gebieten lebende Bevölkerung benutzt. Wir müssen uns also eine Bevölkerung vorstellen, die seit den 40´er Jahren massiv diskriminiert wird, weil sie einfach nur konservativ ist. Hinzu kommen die Militärputsche aus den Jahren 1960 (nach diesem wurde der gewählte Ministerpräsident Adnan Menderes gehängt), 1971 und 1980 (die Intervention des Militärs im Jahr 1997 zähle ich bewusst nicht.) Von allen Putschen war der im Jahr 1980 wahrscheinlich der schlimmste, denn dieser hat landesweit tausende politisch-aktive (oder den Anschein erweckende) Sozialisten und Patrioten (beide haben sich wiederum fast ein Jahrzehnt gegenseitig umgebracht) sowie Zivilisten festgenommen, in den Gefängnissen misshandelt, und anschliessend aus jeder politischen Gruppe dutzende hingerichtet.

Zivilisten am Tag des Putsches 12. September 1980

Ziehen wir Bilanz: Jahrzehnte lange Diskriminierung an konservativen Bürgern, regelmäßige Militärputsche, Hungersnot, Hinrichtung eines gewählten Ministerpräsidenten, Gefangenschaft von tausenden Zivilisten, teils unschuldige junge Menschen….stellen wir uns also ein Kind aus den 40´ern vor, was das alles mitbekommt und in den 80´ern gerade mal die Mitte seines Lebens erreicht hat…grausam!

Adan Menderes auf dem Weg zu seiner Hinrichtung. (1961)

Aber es wird noch schlimmer. Nach dem Putsch 1980 wurde die Verfassung 1982 verändert und das tragen von Kopftüchern an Universitäten und staatlichen Einrichtungen verboten. Hinzu wurde die kurdische Sprache verboten. Heute im Jahre 2017 denken viele Menschen, dass beide Verbote eigentlich nur das Ziel hatten die Bevölkerung zu zerspalten. Ich denke genau so. Beide Verbote führten dazu, dass sich konservativ-islamische Bürger, die die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen, sowie Kurden, diskriminiert fühlten und einen Zorn in sich aufstauten, der seit den 40´ern in ihnen gegenüber dem Staat herrscht.

Von den 40´ern bis in die 90´er lebte die Bevölkerung in der Türkei in einem kranken und schwachen Land, welches eigentlich viel Potenzial hatte, aber immer wieder gestört wurde. Es gab massive wirtschaftliche Probleme. Während in den 80´ern in Europa Pop-Kulturen sich entwickelten, standen Türken in den Städten an Warteschlangen um an Zucker und Brot ranzukommen. Deutsche kennen dies nur aus der Zeit nach dem Krieg…

Warteschlange für Heizgas (80´er)

Wir sind in den 90´ern. Als Trotzreaktion wählen viele Bürger die Partei Refah. Eine konservative-islamische Partei mit dem Dipl. Ingenieur Necmettin Erbakan an den Führung. Er wird “Hoca” (Lehrer) gennant und war der ideologische und politische Lehrer von Erdogan und Gül. Doch 1997 dachte sich das Militär “das ist eine Gefahr für den Laizismus, die müssen weg”, also rollten die Panzer durch die Straßen, Soldaten marschierten in TV und Radiosender ein und rissen sich die Macht an sich. Anschliessend gab es erneut eine Wahl und es gab keine konservative-islamische Partei mehr im Parlament. Was für eine Überraschung…

Ziehen wir erneut eine Bilanz: 50 Jahre Diskriminierung der konservativen Bevölkerung, Verbot religiöser Symbolik, Eingrenzung des religiösen Lebens in der Öffentlichkeit, Verbot der kurdischen Sprache, wirtschaftlicher Zusammenbruch, Arbeitslosigkeit, lange Schlangen um Zucker, Brot und Medikamente zu bekommen, fast ein Jahrzehnt Straßenkrieg zwischen Sozialisten und türkischen Patrioten, Hinrichtung von Politikern und Zivilisten, Militärputsche.

Angegriffen, weil sie zum Uni-Abschluss mit einem Kopftuch kam. (1996)

Stellen wir uns den Jungen aus den 40´ern vor. Der jetzt über 50 ist und in den 90´ern lebt. Sein Lebensstil gilt als Bedrohung, die Politiker, die er wählt gelten als Bedrohung, wenn er krank wird, wird er nicht behandelt, weil es keine Krankenkassen gibt und er zu wenig Geld verdient. Niemand sorgt sich um ihm, niemand hilft ihm, seine Meinung ist dem Staat egal, er ist “nur” ein ungebildeter Bauer.

Nach dem großen Erdbeben 1999 kam eine furchtbare Wirtschaftskrise. Zu dieser Zeit trennte sich Erdogan von der Refah Partei und beschloss mit anderen Parteimitgliedern sowie Politikern aus anderen (liberalen) Parteien sich zusammen zu tun um eine neue Partei zu gründen. 2001 wurde die AKP gegründet, damals stand sie für eine liberale, reformorientierte, dennoch konservative Richtung. Ein Jahr nach der Gründung bekam die Partei mit 32% die absolute Mehrheit. Abdullah Gül war der Vorsitzende und somit der Ministerpräsident der Türkei. Später hatte man Erdogan dafür vorgesehen und machte Gül zum Präsidenten.

Erdogan wird zum Ministerpräsidenten, 2003

Erdogan führte Reformen durch, die für die Bevölkerungen äußerst wichtig war. Und nicht nur Selbstverständliches wie eine Reform an der Infrastruktur, sondern auch in der Bildung, Medizin, Politik, Militär, Außenpolitik und Innenpolitik. Bis Erdogan kannte niemand Kindergeld oder ähnliches. Niemand wusste was von Mindestlohn oder einer Erhöhung des Rentenbetrags.

Vielleicht hätten die anderen Parteien das auch alles geschafft, aber im Endeffekt hat seine Partei bis 2009 diese ganzen Reformen durchgeführt.

Kausalität…dass dieser Junge, der in den 40´ern gelebt hat, die AKP wählt ist vollkommen normal für ihn. Eine Alternative kennt er nicht, denn er kann sich mit denen nicht identifizieren. Zu groß ist auch die Angst, zu tief sitzt das Trauma der letzten 50 Jahre. Erdogan und die AKP nutzen diese Ängste natürlich und erwähnen diese Themen wo sie nur können. In den letzten 7 Jahren erschienen so viele Serien, Filme und Dokus über die Militärputsche, dass jeder Teenager heute so beeinflusst wurde, dass er eine unbeschreibliche Angst in sich trägt; insbesondere nach dem Putschversuch am 15 Juli 2016 (fast 300 Tote).

Der Wendepunkt waren die Gezi-Proteste

Ich mochte Erdogan nie. Seine Ansichten gefallen mir nicht, aber ich habe die Menschen verstanden, die ihn gewählt haben. Mir ist aber aufgefallen, dass der Erdogan vor den Gezi Protesten ein ganz anderer war, als er es jetzt ist. Die Gezi Proteste schienen ihm richtig Angst gemacht zu haben, denn Erdogan kann eins nicht, und zwar seinen Charakter verstecken. Er kann nicht schauspielern. Er ist ein guter Redner, so wie viele Imame, aber er ist und bleibt der Mann aus Kasimpasa, Istanbul. Ein Macho, hart, engstirnig, stolz und aggressiv.

Quelle: Wikipedia — Taksim Platz, Istanbul

Und dann machte Gülen Schluss

Seit der Gründung der AKP unterstützte die islamische Bruderschaft von Fethullah Gülen (welcher seit 1999 in den U.S.A lebt) die Partei und half Menschen wie Erdogan ihre Leute in die wichtigsten Ämter im Staat zu positionieren (Bürokratie, Justiz, Polizei). Denn wie sonst sollte man sich das fette Marketing einer neu gegründeten konservativ-islamischen Partei erklären? Der jetzt als Terrorist gesehene F. Gülen wurde ein Jahrzehnt als “Hocaefendi” (sinnlich: Großer Lehrer) bejubelt. Erdogan selbst rief ihn auf einer Walkampagne zurück in die Türkei und sagte “bu hasreti gider” (Erlöse uns von dieser Sehnsucht). 2012 machte Gülen Schluss mit der “heimlichen Affaire”. Erdogan nutzt seit 2012 eine, der Bevölkerung unbekannte, Macht außerhalb der Türkei als Feindbild. Seit dem Putschversuch 2016 wurde diese Angstmacherei verstärkt und er zieht es weiterhin durch.

Der Prädiger Fethullah Gülen

Warum er noch geliebt wird?

Die Menschen denken an die Zeit vor Erdogan, und vergleichen diese mit der aktuellen Türkei. Demokratie interessiert sie nicht, denn die konservative Bevölkerung, aus dieser sich eine neue Upper-Class gebildet hat, ist völlig zufrieden. Traurig sind die Demokraten, Liberalen, Patrioten, Kemalisten und Atheisten. Der 0815-Türke, der religiös und stolz ist, will nicht in einer “schwachen” Türkei leben. Man könnte natürlich jetzt sagen, dass die Türkei nicht stark ist im Vergleich zu europäischen Ländern, aber ich sagte ja: Man vergleicht die Türkei nicht mit EU-Ländern, sondern man vergleicht die Türkei mit der Pre-Erdogan Türkei. Und die aktuelle wirkt einfach stärker.

Der AKP-Wähler ist nicht dumm..

er will seinen Lebensstil leben. Die regelmäßige Erhöhung der Rente (alle vier Jahre), des Mindestlohns, der zinsfreien Kredite und diversen staatlichen Subventionen reichen ihm völlig aus.

Istanbul City

Sein nächstes Ziel

Da seine Machtgier nun deutlich zu erkennen ist und er knapp das Referendum gewonnen hat, ist sein einziges Ziel 2019 Präsident zu werden. Um die Stimmen zu bekommen, die er braucht, wird er wahrscheinlich versuchen liberaler zu wirken und aus dem Lager der Kemalisten und Patrioten Wähler zu bekommen. Es kann aber auch sein, dass er in eine ganz andere Richtung geht und versucht kurdische Stimmen zu bekommen. Noch immer erzählen seine Anhänger was von “Ziel 2023” und das irgendwelche Paragraphen aus dem Vertrag von Lausanne nicht mehr gelten werden und die Türkei mehr Rechte bekommen wird und zu einer Supermacht in der Region wird. Ich will niemanden damit nerven, aber das ist der reine Bullshit.

Erinnert an “Underwood”

Fazit:

Hand auf´s Herz. Wer versteht meinen Großvater nicht? Wer versteht die Kinder, der diskriminierten Menschen nicht? Sie erzählen ihre Erlebnisse weiter und es ist vollkommen normal, dass sie einen Mann wählen, der aus ihrer Mitte kommt und ihre Wünsche seit 15 Jahren erfüllt. Es wird mit der Zeit definitiv weniger, da sich neue politische Meinungen bilden (werden). Dennoch, kann man und sollte man einen Menschen nicht angreifen, weil er diesen Mann gewählt hat. Er wird bis er stirbt und keine alternative politische Figur erscheint (Meral Aksener hat große Chacen gegen ihn) der “Reis” der “Patron” bleiben. Kausalität…wenn wir heute diese Menschen erneut angreifen, wird es in der Zukunft eventuell noch schlimmer…(!)

Ich hoffe ich konnte einigermaßen die soziologischen Merkmale der türkischen Bevölkerung wiedergeben. Eigentlich müsste man noch weiter in die Vergangenheit reisen. Um die aktuelle Lage zu verstehen ist eine Reflexion der letzten 150 Jahre der türkischen Geschichte notwendig. Aber wie viele kennen sich denn in Deutschland aus?

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