Digitale Produktivitäts-Mythen: “Wer in die Tasten haut, arbeitet”

Wie kann ich messen, ob mein Team produktiv ist? Tja, damals hatten wir das Fliessband. Es wurde ausgemessen, was den Beteiligten am Fliessband zuzumuten ist, und das Band gab dann den Takt dazu an.

War (und ist!) nicht wirklich toll und gesund für die Belegschaft am Band.

Inzwischen sind wir in vielen Berufen in der Wissensgesellschaft angekommen. Hier fällt es schwer, das Fliessband durch die Firma zu legen, um den Takt vorzugeben. Besonders wenn ihm Falle der Freelancer die Tätigkeiten remote also ortsunabhängig verrichtet werden.

Eine Plattform für Freelancer hat sich da was einfallen lassen: Ole Wintermann beschreibt in https://www.piqd.de/zukunft-der-arbeit/nach-uber-nun-auch-bei-upwork-wenn-software-zur-chefin-wird:

“So ist es in diesem Fall die Anwendung ‘Work Diary’, die Freelancern empfohlen wird, wenn sie sich bei Upwork registrieren.
Work Diary’ hat das Ziel, die Produktivität der Freelancer durch Protokollierung der Tastenanschläge und regelmäßige Screenshots zu ‘messen’.”

Aha. Hmhm. Soso!

Naja, falls es darum geht Freelancern digital über die Schulter zu schauen, wie schnell sie einen Text transkribieren, dann kann das ein lustiges Tool sein— für automatische Schnellschreib-Wettbewerbe als Gamifaction-Ansatz?!

Wobei: Stellen Menschen, die Texte transkribieren, die Masse der Freelancer da? Wohl nicht.

Die Annahme, Freelancer seien produktiv, wenn sie in die Tasten hauen, kommt schon enorm antiquiert und fliessbandmässig daher.

Doch so tickt’s bei dieser Freelancer-Plattform, wie Wintermann ausführt:

“Wenn das Überwachungsprogramm 10 Minuten keine Aktivität messen kann, wird der Status des Freelancers automatisch auf ‘inaktiv’ gestellt, so dass er für diesen Zeitraum keine Honorare verlangen kann.”

Hossa!

Das ist nach dieser Denke alles ‘unproduktiv’:

  • TELEFONIEREN für Recherche, Rückversicherung, Inspiration, Frage
  • NACHDENKEN
  • Mal was auf PAPIER notieren
  • KAFFEE trinken mit Experte/in für Recherche, Frage, Inspiration
  • Etwas im iPad oder auf dem Papier SCRIBBELN, aufmalen
  • …euch fällt bestimmt noch mehr ein, ihr könnt ja kurz nachdenken, ich musste schnell Tasten drücken…

Ertappt?!

Wo soll das bitte hinführen?

Sollen Freelancer regelmässig Fotos vom Scribble mit Zeitangabe hochladen? Nur noch in der App im iPad nachverfolgbar scribbeln? Oder noch besser: Video-Überwachung des Freelancer-Arbeitsplatzes? Datenschutz & Privacy — ach was!

Vertrauen statt Misstrauen.

Grundlage solcher Modelle ist Misstrauen.

“Wir schreiben unseren Mitmenschen allzu leicht negative Verhaltensweisen zu. Das Schlimme daran: Diese Denke kann sich schnell auf unser eigenes Verhalten auswirken. Wer das Gefühl hat, dass alle anderen schummeln und sich auf unfaire Weise Vorteile verschaffen, in dem wächst die Neigung, das gleiche zu tun.
Dabei besteht in vielen Fällen ganz offensichtlich gar kein Grund dazu.”

Das schreibt Anja Rassek im Karrierebibel-Artikel Misanthrop: Wie sehr uns das negative Weltbild schadet https://karrierebibel.de/misanthrop/.

Lesen. Verinnerlichen. Philanthrop werden.

Schummeln per Robot, der für Freelancer in die Tasten haut, ist ja auch keine Lösung.

unLEARN what’s unTRUE
(workisnotajob.com)

Vertrauensvolle Grüße aus dem Coworking Space,
Doris