“Wenn man der Welt abhanden kommt” Resonanz — Eine Soziologie der Weltbeziehung

„Je schneller wir leben, desto mehr haben wir den Eindruck, dass die Welt verstummt, sie sagt uns nichts mehr“ — Hartmut Rosa

Die heutige Zeit wird dominiert von Schlagworten wie “Entfremdung”, “Beschleunigung”, “Optimierung. Wir leiden an der Zeit. Zu wenig Zeit für die Familie, für Freunde oder für sich selbst. Denn neben den alltäglichen Dingen wie Arbeiten oder Studieren, sollte man noch Freunde treffen, Sport machen, Wohnung in Schuss halten, sich Zeit für den Geliebten nehmen, etwas schlafen und essen. Das ständige funktionieren und perfekt sein zu müssen, kann zur Qual werden.

Das Aneignen von Welt:

Durch diese Beschleunigung des Lebens, verschwindet die Beziehung zur Welt, sie verstummt, sie sagt uns nichts mehr. Das Gefühl von “In der Welt sein” ist kaum noch vorhanden. Wir versuchen zwanghaft die Welt zu kontrollieren, sie uns anzueignen. Durch den Fortschritt der Technologie zum Beispiel, mit dem Smartphone haben wir quasi die ganze Welt in unserer Hosentasche.

Durch dieses Aneignen der Welt, lassen wir die Beziehung zur Welt verstummen. Die Welt steht uns nicht mehr gegenüber, wir sehen sie nicht mehr als was Tragendes an, stehen somit nicht mehr in Kontakt (“Resonanz”), in keiner Antwortbeziehung zur Welt. Sie sagt uns nichts mehr, sie verstummt.

Der Soziologe Hartmut Rosa hat mit seinem neuem Buch “Resonanz — Soziologie der Weltbeziehung” den Nerv unserer Zeit gut getroffen.

“Die Welt lauft uns in fast allen Perspektiven ganz schön aus dem Ruder, in unserer Weltbeziehung stimme etwas nicht.” — Hartmut Rosa

Erhöhung von Weltreichweite:

Wir haben die Welt verfügbar gemacht, in Reichweite gebracht. Das kann geschehen, wie wir unser Vermögen erhöhen, also Welt mit Geld in Reichweite bringen. Mit Geld können wir einiges unternehmen, nach Rio fliegen, ein Häuschen bauen, in die Südsee reisen. Wir bringen diese Dinge in unsere Reichweite.

Trotz der Erhöhung der Weltreichweite bedroht uns die Welt. Sie droht uns zu erschlagen mit Klimakatastrophen oder mit Terror und Krieg, etwas was man eigentlich erhofft hat, nicht mehr so oft erfahren zu müssen in der Postmoderne.

Sehnsucht nach Resonanz:

Was Hartmut Rosa mit dieser präzisen Zeitdiagnose auch erläutern möchte, ist die soziologische Betrachtung des guten Lebens. Wieder in Dialog mit der Welt zu kommen, sollte einer der Kernthese sein, denn uns scheint die Welt stumm, sie sagt uns nichts mehr.

Die Sehnsucht nach Resonanz, nach in Beziehung sein, in Kontakt stehen, ist ein Phänomen der Postmoderne und ein Symptom des neoliberalien Kapitalismus. Mehr Welt in Reichweite bringen, ist somit genau kontraproduktiv für eine Resonanzbeziehung.

Der Einfluss des Kapitalismus auf das individuelle Leben:

Somit ist Beschleunigung ein Verhinderer des “In der Welt sein”, aber natürlich auch notwendig. Diese Dialektik macht es natürlich schwerer, eine perfekte Antwort zu finden. Denn für die Wirtschaft ist Wachstum und Beschleunigung wichtig und somit auch für uns.

Das Dramatische dabei ist, dass der neoliberale Kapitalismus auch sehr stark Einfluss auf das individuelle Leben nimmt, auf das Denken und zum Teil auch das Fühlen. Viele Bereiche des Lebens werden als Investment, bzw. mit dem Kosten — Nutzen Kalkül hand gehabt, nicht mal die Liebe bzw. das Verlieben ist davon verschont geblieben.Wir lieben nach den Regeln des Marktes, Die Soziologin Eva Illouz hat sich in ihrem Buch “Gefühle in Zeiten des Kapitalismus” genauer mit dieser Problematik befasst.

Bewusste Lebensführung:

Hartmut Rosa sagt auch ganz klar, dass Resonanz nicht erzwungen werden kann bzw. nicht künstlich hergestellt werden. Es hat was damit zu tun, wie ich die Welt sehe und wie ich mich zur Welt verhalte. Bewusste Lebensführung ist dafür schon fast eine Grundvoraussetzung. Für manche Menschen selbstverständlich, doch für sehr viele nicht. Entschleunigung ist dabei keine geeignete Lösung, ganz im Gegenteil, meint Rosa.

Das bewusste Erleben stellt wieder eine Weltbeziehung her. Es gibt verschiedenste Resonanzstifter, die jeder für sich selbst herausfinden muss. Es kann ein gutes Musikstück sein oder einen Spaziergang in der Natur, ein Abend mit Freunden oder sich Zeit nehmen und ein gutes Buch lesen. Ebenso ist es wichtig, wie ich mich zu mich selbst verhalte. Also eine eher positive oder negative Einstellung zu dem eigenen Selbst bestimmt natürlich auch die Qualität der Resonanzerfahrung.

“Existenz geht der Essenz voraus” — Jean Paul Sartre

Entfremdung:

Dabei geht es auch darum, diese Erfahrung bewusst wahrzunehmen, um somit eine Resonanz zu spüren. Das Gefühl des “In der Welt sein” kann nur gespürt werden und nicht künstlich erschaffen werden. Durch den Konsum von , möchten wir eine größere Weltreichweite erlangen, uns die Welt aneignen, die Welt besitzen. Dabei verlieren wir den Bezug zur Welt und somit auch irgendwie zum Leben selbst. Man kommt der Welt abhanden und somit auch dem Leben selbst.

Diese Theorie ist schon bei Karl Marx vorhanden in seinem Buch “Das Kapital”, in dem er den Entfremdungsbegriff einführt. Ebenso auch in der kritischen Theorie der Frankfurter Schule mit Horkheimer und Adorno.

“ Es gibt kein richtiges Leben im Falschen” — Theodor Wiesengrund Adorno

Psychologischer Aspekt der Weltbeziehung:

Wenn man den psychologischen Aspekt noch kurz betrachtet, der genauso eine große Rolle dabei spielt, dann darf die Einsicht von Erich Fromm nicht fehlen. Seine Hypothese für mangelnden Weltbezug bzw. Resonanzerfahrung ist vor allem der Mangel an Selbstwirksamkeitserfahrung verantwortlich. Damit sind Erfolgserfahrungen gemeint, die zu Tüchtigkeitsvertrauen führen, die wiederum das Selbstvertrauen stärken und den Selbstwert erhöhen.

Weltbeziehung und Resonanzerfahrung erlangen:

Wir sollten Weltbeziehung wieder herstellen bzw. diese pflegen, um Resonanzerfahrungen zu erlangen, anstatt uns die Welt aneignen zu wollen. Durch bewusste Lebensführung und das Pflegen von sozialen Beziehungen kann die Weltbeziehung gestärkt werden.

Um empfänglich für eine positive Resonanzerfahrung zu sein, bzw Weltbeziehung generell zu erlangen ist ,wie Erich Fromm schon anmerkte Selbstwirksamkeit und Selbstvertrauen um den eigenen Selbstwert zu stärken

Man könnte es auch in anderen Worten sagen:

„Der Mensch ist nichts anderes als sein Entwurf; er existiert nur in dem Maße, als er sich entfaltet.“ — Jean Paul Sartre

Quelle: “Resonanz — Eine Soziologie der Weltbeziehung” Hartmut Rosa, Suhrkamp Verlag

“Gefühle in Zeiten des Kapitalismus” — Eva Illouz, Suhrkamp Verlag

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